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Sonntag, 5. November 2017

Gefährliche Begegnung



Nächsten Monat werden es schon sechs Jahre sein, seit ich meinem Laufhobby fröne. Dabei ist eine der Herausforderungen beim Laufen das Erkunden von immer neuen Routen, denn jahrelang dieselbe Runde zu drehen wäre todlangweilig. Nun bin ich leider nicht mit einem sehr ausgeprägten Orientierungssinn gesegnet und muss deshalb die Strecken jeweils gut voraus planen, damit sie meinen Anforderungen entsprechen. Das ist gar nicht so einfach, denn es sollte möglichst eine Rundstrecke sein, sie muss von der geplanten Entfernung her ungefähr passen und ausserdem laufe ich nicht gerne in bewohnten Gebieten und auf asphaltierten Strassen. Querfeldein finden sich aber auch so einige Hindernisse: Viele Feldwege werden im israelischen Sommer zu Sanddünen, während ich im Winter manchmal plötzlich vor einem undurchquerbaren Tümpel stehe, der am Vortag noch gar nicht da war. Für weitere Gefahren habe ich jeweils einen Pfefferspray dabei, den ich hoffentlich nie werde gebrauchen müssen, denn die Chancen sind gross, dass ich ihn im Eifer des Gefechts mir selbst in die Augen sprayen würde.

Diese Woche hatte ich beim Erkunden einer neue Route eine sehr unangenehme Begegnung mit einem Rudel streunender Hunde. Leider sind Begegnungen dieser Art für Jogger in Israel keine Seltenheit, aber bisher waren die Hunde noch immer mit einem autoritären „Nach Hause!“-Ruf zu beeindrucken und die Kombination mit einem strengen Blick liess sie jeweils das Weite suchen.

Leider nicht so an diesem Morgen: ich nahm die drei Hunde auf dem Feld aus einigen hundert Metern Entfernung wahr. Zum Glück kam mir auch noch ein landwirtschaftlicher Traktor entgegen, so entschied ich mich mutig, nicht umzukehren sondern weiter zu laufen. Bald sprangen die Hunde auf mich zu und während zwei sich tatsächlich aus dem Staub machten, als ich ihnen energisch einen Befehl zurief, kam der dritte - ein deutscher Schäferhund! - zähnefletschend auf mich zu! Er schien mit seinem Hundespürsinn sofort gewittert zu haben, dass es mit meinem autoritären Durchsetzungsvermögen nicht allzu weit her ist und er knurrte mich an, zeigte mir die Zähne und wartete nur auf den richtigen Moment, mich anzuspringen und zu zerfleischen! Wie ich richtig berechnet hatte, kreuzte nun aber gerade der Traktor meinen Weg und während ich noch eine Zehntelsekunde überlegte, ob ich lieber von einem deutschen Schäferhund zerfleischt oder von einem unbekannten thailändischen Traktorfahrer vergewaltigt werden möchte (wer weiss: #metoo!), sprang ich dem Lebensretter aufs Trittbrett und schon fuhren wir dem Rudel mit dem Traktor davon. Etwa einen Kilometer weiter stieg ich unbehelligt wieder ab und lief dann mit klopfendem Herzen und etwas schneller als gewöhnlich meine Runde zu Ende.

Fazit: Lieber auf den gewohnten Strecken laufen! Zum Beispiel dem Alexanderfluss entlang, hier ist es ziemlich sicher, es gibt jederzeit viele Läufer und Radfahrer und wenn auch die Strecke immer dieselbe ist, sind doch die Sonnenaufgänge jeden Tag anders (siehe Foto)!

Freitag, 22. September 2017

Strandlilien

Schon öfter habe ich über die Laufrunden mit meiner Laufgruppe im Naturreservat der Hasharon-Küste geschrieben (zum Beispiel hier und hier). Heute möchte ich einmal die Bilder sprechen lassen. Die Strandlilien blühen!




Bei Sonnenaufgang

Und etwas später

Zum Verschnaufen, Sinnieren und Staunen gibt es auch einige spektakuläre Sitzgelegenheiten. Bitte nehmen Sie Platz!






Sonntag, 6. August 2017

Misslungenes Training


Irmi, der Trainer unserer Laufgruppe, erholt sich zur Zeit mit seiner Familie im Urlaub in Slowenien. Ha! Wer’s glaubt! Ich bin sicher, seine Kinder empfänden ein Trainingslager des FC Barcelona kurz vor dem UEFA Cup als entspannend im Vergleich zu zwei Wochen Ferien mit ihrem Vater. Bestimmt schleppt Irmi sie in Slowenien rund um die Uhr von Intervall- zu Pyramidentraining und von Gymnastik- zu Muskelaufbau-Übungen und ich vermute, dass am Ende des Urlaubs nur diejenigen ein Flugticket nach Hause erhalten, die den Halbmarathon unter 90 Minuten schaffen.

Wer sich jetzt immer noch nicht vorstellen kann, wie verrückt Irmi ist, dem sei verraten, dass er es ganz normal findet, tote Riesenquallen am Strand als instabile Unterlagen für Gleichgewichtsübungen zu missbrauchen...

Wie dem auch sei, ich hoffe er geniesst es – und seine Familienmitglieder wenigstens ein bisschen.

In unserem heutigen Lauftraining bekommen wir Roy als stellvertretenden Trainer und erst jetzt wird mir bewusst, wieviel uns Irmi wert ist. Wie immer findet unser Training im Naturreservat an der Küste südlich von Netanya statt. Dieses Küstengebiet liegt auf einer Klippe hoch über dem Strand und Läufer, die den sandigen Untergrund nicht fürchten, finden darin unzählige Laufwege zwischen hügeligen Dünen und wildem Gestrüpp, immer mit Aussicht auf das darunter liegende Meer und (zu unserer Tageszeit) die aufgehende Sonne im Osten.

Nun ist aber unsere Gruppe ganz und gar nicht homogen und wir bringen alle sehr verschiedene Stufen von Ausdauer und Schnelligkeit mit. Moran zum Beispiel trainiert fast jeden Tag, denn sie bereitet sich auf den Tiberias-Marathon vor. In unserem Gruppentraining schiesst sie jeweils davon wie eine Rakete und wenn sie einmal loslegt, ist sie kaum aufzuhalten. Nach Moran kommt ein mittelmässiges Trüppchen: Läufer, die ganz gut im Schuss sind, die aber auch ab und zu gerne auf die Nachhut warten. Dann taumeln mit grossem Abstand jeweils noch einige Nachzügler hinterher, die immer ausser Atem sind und die jede denkbare Gelegenheit ergreifen, wieder umzukehren. So richtig in Fahrt kommen diese „Sportler“ erst auf dem Rückweg, denn wenn sie einmal den Stall gerochen haben, kann sie nichts mehr halten.

Irmi kennt nicht nur seine Läufer seit Jahren, sondern auch die Region wie seine Hosentasche und er schafft es, wie ein aufmerksamer Hütehund zwischen der Vorhut und den Nachzüglern flink hin- und her zu spurten und seine Herde zusammenzuhalten.

Roy hingegen ist heute morgen trotz Anweisungen von Irmi ziemlich verwirrt. So kommt es, dass Moran schon nach zehn Minuten davongerast und zwischen den Dünen auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Ich schliesse mich den mittelmässigen Läufern an und wir versuchen, zusammenzuhalten, denn Roy ist bald auch ausser Sicht. Als wir auf einer kleinen Anhöhe das ganze Küstengebiet überblicken, erspähen wir ihn weit in der Ferne, wo er einem kleinen neonfarbigen Punkt am Horizont hinterherhechelt – Moran!

Als der ganze unordentliche Haufen sich nach etwa einer Stunde wieder am Ausgangspunkt einfindet, warten dort schon Ayelet und ihre Tochter, die sich immer noch schwer atmend von ihrem abgekürzten Training von nur 20 Minuten erholen. Schlussendlich trudelt dann auch mit letzten Kräften Roy wieder ein, schweissnass und schwer atmend. Er hat es knapp geschafft, Moran einzuholen, aber nur um dann doch alleine zurückzukehren, weil sie gemäss Trainingsplan für den Marathon noch weiterlaufen wollte.

Kurzum, die ganze Truppe – und vermutlich auch Roy – wartet sehnsüchtig auf Irmis Rückkehr.

Sonntag, 14. Mai 2017

12 Von 12

Eigentlich wollte ich am Freitag an der Blogparade „12 von 12“ teilnehmen. Hier stellen andere Blogger ihren Tagesablauf vor, jeweils am Zwölften des Monats, mit der Kamera in 12 Bildern dokumentiert. Leider war dann aber mein Freitag nicht besonders foto-präsentabel und so habe ich es nur bis zum fotografierten Morgenkaffee geschafft. Dann bestand der Rest des Wochenendes nur noch aus Kochen (könnte ja noch ganz fotogen sein), Putzen (eher weniger fototauglich) und einem traurigen Krankenhausbesuch (überhaupt nicht fototauglich).

Den Samstagmorgen startete ich im Badezimmer wieder einmal mit einer höchst unangenehmen Begegnung mit einer Kakerlake. Nachdem das widerliche Tier mich beim Zähneputzen überrascht hatte, rannte ich ihm mit dem Kakerlaken-Vernichtungsspray hinterher und sprühte es von allen Seiten ein. Die Kakerlake zeigte sich vom Gift aber nicht besonders beeindruckt, sondern krabbelte einfach weiter, etwa wie meine Tochter, wenn sie einen Joint geraucht hat und besonders heiter, aber sich möglichst nichts anmerken lassend durch unsere Stube stolziert. Die Kakerlaken-Verfolgungsjagd wäre bestimmt fotoreif gewesen, leider hatte ich aber gerade keinen Fotografen in der Nähe.

Erst am Samstagabend waren wir zu einem Lag Ba’Omer Feuer eingeladen, welches bestimmt ein gutes Motiv für einige Schnappschüsse abgegeben hätte, aber da war ja schon nicht mehr der Zwölfte.

Ausser der Fotoreportage brachte ich auch meine Joggingrunde am Freitagmorgen nicht wie geplant zu Ende. Ich hatte mir nämlich ganz fest vorgenommen, die 15 Kilometer jetzt endlich einmal ernsthaft durchzuziehen, ohne immer wieder viel zu lange Fotopausen einzulegen. Das hat aber leider auch diesmal absolut nicht geklappt. Mit dem Fotografieren konnte ich mich zwar recht zurückhalten, da sich der Sonnenaufgang hinter den Wolken abspielte (hier nur eine klitzekleine Kostprobe).


Dann aber entdeckte ich in etwa der Hälfte der Runde das ultimative und noch unentdeckte Maulbeeren-Paradies und so scheiterte der pausenlos durchgezogene Dauerlauf wieder einmal grandios: anstatt zu laufen schlug ich mir am Ufer des Alexanderbachs den Bauch mit süssen Maulbeeren voll und erst dann nahm ich watschelnd und rülpsend die zweite Hälfte der Runde in Angriff. 
Zum Glück war ich wieder einmal zu sehr früher Stunde unterwegs, denn nebst mit maulbeerschwarzen Fingern schaffte ich es auch, mit beerenverschmierten Gesicht durch die Gegend zu laufen, was ich aber erst zu Hause vor dem Spiegel entdeckte. 



Nach ausgiebiger Dusche gab es dann noch mehr Beeren und einen schönen Kaffee zum Frühstück und damit endet meine Fotoreportage.

 


Die Tageszeitung, die ich während dem Frühstück überflog, berichtete wieder einmal über einen weiteren schrecklichen Fall, in welchem ein Kleinkind an Überhitzung starb, weil es von nachlässigen Eltern im Auto vergessen wurde.  Eyal erzählte mir darauf, dass er am Vorabend auf dem Bahnhofparkplatz mindestens eine halbe Stunde seinen Wagen suchte (natürlich vertieft in ein äusserst wichtiges Telefongespräch), bis er sich endlich erinnerte, dass er ja am Morgen mit meinem Wagen zum Bahnhof gefahren war. „Zum Glück sind unsere Kinder schon gross...“ meinte er trocken. Ja, zum Glück.

Freitag, 21. April 2017

Heimat

Meinen inneren Schweinehund kenne ich nun schon mehr als 50 Jahre und daher weiss ich ganz genau, wie ich ihn überlisten kann. Deshalb klingelt an diesem Feiertagmorgen der erste Wecker (derjenige, der auf dem Nachttisch steht) um 5:00 Uhr, damit ich mich nicht mehr im Tiefschlaf befinde, wenn ich aus dem Bett springen muss und um 5:10 schellt das Smartphone laut aus der Stube, wo ich es am Vorabend absichtlich hingelegt habe.
„Was soll denn das?!“ meckert sogleich der Schweinehund noch schläfrig, aber bevor er richtig schnallt, was los ist, habe ich den Alarm schon ruhiggestellt und sitze auf dem Sofa in der Stube. Er hingegen dreht sich in meinem Bett auf die andere Seite und schläft weiter. Es hat geklappt!

Ich „blättere“ zehn Minuten im Internet die letzten Neuigkeiten durch. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass die Erdkugel weiterhin ihre Runden dreht, während sich die Menschheit die Köpfe einschlägt, ziehe ich meine Laufklamotten an, trinke ein Glas Wasser und fahre los.
So erstaunlich entschlusskräftig am frühen Morgen bin ich, weil mich eine Laufrunde am Alexanderbach erwartet. Ich weiss, dass mich der Aufenthalt in dieser Gegend euphorisch stimmen wird, vor allem wenn gerade die Sonne aufgeht und dabei die ganze Landschaft verzaubert, einschliesslich mich.


Nun knirscht der Kies unter meinen Füssen und zu meiner linken plätschert das Flüsschen vor sich hin. Die Landschaft ist flach, bis sich am nicht allzu fernen Horizont die Hügelkette von Samaria abzeichnet und sorgfältig bestellte Felder erstrecken sich, so weit das Auge reicht. Die Vögel zwitschern und der Frühling beschert uns noch einige angenehme Tage vor der grossen Hitze des Sommers. Die wilden Gräser an den Gestaden des Baches stehen hüfthoch in noch kräftigem Grün, aber sie scheinen zu ahnen, dass ihre Tage gezählt sind – bald wird hier alles braun und vertrocknet sein. Ein erschreckter Schakal kreuzt meinen Weg und verschwindet eilig in den Büschen. Ich liebe diese frühen Morgenstunden, die Natur, die Ruhe, das Alleinsein.

Beim Laufen driften meine Gedanken ab. Spektakulär ist dieser Landstrich nicht. Keine atemberaubende Sicht auf die Alpen, kein überwältigender Blick von einem hohen Gipfel auf ein Nebelmeer. Nur ein paar weitreichende Felder, ein Flüsschen mit dornigem Gestade. Ich bin weder hier geboren noch hier aufgewachsen, aber ich fühle mich eins mit dieser Umgebung – angekommen, aufgenommen. Kann ich dieses Gebiet meine Heimat nennen? Was ist Heimat? Ein Ort, an dem man Wurzeln hat – oder auch ein Ort, an dem man Wurzeln schlägt? Ich denke an die Landschaften, Gerüche, Klänge und Stimmungen meiner Kindheit. Das sind nur noch vage Erinnerungen. Vielleicht ist Heimat gar nicht dort, wo wir herkommen, sondern da, wo wir ankommen?


Einige Tage später führt mich meine Laufrunde in unser Nachbardorf. Ganz am Ende des Dorfes, dort wo die letzten Häuser stehen, trennt eine kleine Strasse die bewohnten Quartiere von den Feldern. Nach links führt ein kurvenreicher Weg in leichter Steigung durch eine prächtige Olivenbaumallee zum kleinen Friedhof des Ortes. Der Friedhof liegt ruhig und abgeschieden unter Pinien- und Maulbeerbäumen auf einer Anhöhe und überschaut stoppelige Wiesen, wilde Eukalyptus-Gehölze und im Frühling weitreichende Erdbeerfelder. Ich schätze diesen ruhigen Ort und um meinen Puls in die Höhe zu treiben, wie ich es in der Laufgruppe gelernt habe, laufe ich mehrere Male die Olivenallee hinauf und wieder hinunter. Dabei fällt mir auf, dass der betörende Duft der Erdbeerfelder immer ausgeprägter wird, je mehr ich mich der Friedhof-Anhöhe nähere - es riecht wie bei mir zu Hause, wenn ich Erdbeermarmelade koche und der süsse Duft in alle Zimmer steigt.

Ich mag diesen schattigen Friedhof. Hier fühle ich mich wohl und ich weiss, hier möchte ich eines fernen Tages einmal ruhen – nicht in kalter Schweizer Erde, sondern hier, unter Pinienbäumen und mit dem Geruch der Erdbeerfelder in der tauben Nase.

Dienstag, 14. März 2017

Laufrunde im Frühling

Heute bin ich vor der Arbeit losgezogen, um eine neue Laufrunde an meinem Arbeitsort zu erforschen. Vor allem hatte ich die Absicht, auf dem direktesten und angenehmsten Weg das Industriegebiet zu verlassen und das etwas weiter südlich gelegene Naturgebiet zu erreichen. Nach den winterlichen Regenfällen gibt immer noch zahlreiche Pfützen und viele Wege sind abgeschnitten, so bin ich ziemlich ziellos in der Gegend herumgerannt. Dabei gibt es viel zu sehen. 
Vor allem viel gelb und grün...



und auch etwas rot.

So arg bin ich zum Glück nicht vom Weg abgekommen:

Freitag, 16. Dezember 2016

Göttertrank

Kühle zwölf Grad erwarten mich während meiner Laufrunde an diesem Freitagmorgen. Der Himmel ist grau verhangen und es nieselt leise und ununterbrochen. Im Yaar Ilanot schützen mich die hohen Baumkronen vor dem Regen. Ich atme die frische Waldluft tief ein, meine Schritte knirschen auf dem feuchten Kiesweg, es riecht nach Nässe und Feuchtigkeit. Fast wähne ich mich in Europa.

Wäre da nicht diese Orange, die ich beim Laufen im Orangenhain vom Baum pflücke. Ich drücke und quetsche die noch harte Frucht und reisse mit blossen Händen ein Loch in die Schale. Dann presse ich mir den erfrischenden, säuerlichen Saft direkt in den Mund. Nektar und Ambrosia! Ahh Israel!


Freitag, 23. September 2016

Solidarität mit den Drusen

Die drusische Stadt Daliat al-Carmel im Norden Israels organisiert einmal im Jahr einen sportlichen Anlass zur Erinnerung an die in den Kriegen gefallenen Söhne. Scharen von Teilnehmern (etwa 12’000) machen sich an einem Tag im September auf nach Daliat al-Carmel. Ein Grund dafür mögen die vielfältigen Lauf- und Rad-Wettbewerbskategorien sein, aber sicherlich noch viel mehr die Tatsache, dass die Israelis ihrer Dankbarkeit und der Solidarität mit den Drusen Ausdruck geben wollen.

Die drusische Religionsgemeinschaft umfasst etwas mehr als eine Million Mitglieder, welche grösstenteils in Syrien, teilweise im Libanon und mit etwas mehr als 100,000 Personen in Israel leben. Sie sehen sich als Araber, jedoch nicht als Muslime. Ihre Religion ist aus dem schiitischen Islam entstanden und da Praktiken und Einzelheiten der Religion der Drusen nicht außerhalb der Gemeinschaft bekannt sind, wird das Drusentum als Geheimreligion betrachtet. Kein Andersgläubiger kann sich der drusischen Religion anschliessen und nur wer von drusischen Eltern geboren wird, ist Druse. Die größte drusische Ansiedlung in Israel ist Daliat al-Carmel mit über 10.000 Einwohnern. Auf den Golanhöhen leben weitere rund 20’000 Drusen. Dieses ehemals syrische Gebiet wurde 1967 von der israelischen Armee erobert, die dort lebenden Drusen gehören somit nun zu Israel und wäre dem nicht so, wären sie vielleicht heute als Flüchtlinge unterwegs nach Europa.

Weiterhin sind die Drusen in Israel auf rund 20 drusische Dörfer verstreut. Ganz im Gegensatz zu der in Europa weitverbreiteten Meinung, dass jeder Fremde schnellstmöglich integriert und innert einer oder höchstens zwei Generationen zu einem liberalen, aufgeklärten und demokratischen Europäer metamorphieren muss, leben in Israel die verschiedenen Religionsgemeinschaften - mit einigen Ausnahmen - in ihren eigenen Orten und treffen sich nur in öffentlichen Institutionen, wie Universitäten, im Militär und an den gemeinsamen Arbeitsplätzen. Abends jedoch kehrt jeder wieder in sein Dorf zurück, wo er mit seinesgleichen leben und seine eigenen Traditionen bewahren kann.

Die traditionelle Kleidung der Drusen ist schwarz, die Männer tragen dazu ein weisses Käppi, die Frauen meist einen weissen, durchsichtigen Voile-Schleier, den sie luftig-locker um den Kopf legen.

Die Drusen und die Israelis verbindet eine tiefe Freundschaft und als loyale Bürger leisten die meisten drusischen Männer Wehrdienst in der israelischen Armee. Da die drusische Gemeinschaft traditionell konservativ ist, ist es für die drusischen Frauen nicht angebracht, Wehrdienst zu leisten.

Eine Polizistin passt auf uns auf
Eyal und ich begnügen uns mit dem 5km-Lauf zur “Erinnerung an die drusischen Söhne” (es gäbe auch 10 und 15 km Strecken). Die anspruchsvolle Laufstrecke in der hügeligen Gegend um Daliat al-Carmel führt uns abwechslungsweise bergab und dann wieder bergauf. Einige junge Drusen laufen in ihrer traditionellen Kleidung, einer schwarzen, sehr eigenartigen Pumphose. Die zahlreichen Mitläufer, hauptsächlich junge Soldaten, sorgen für gute Stimmung. Sie lärmen, singen, unterstützen sich und feuern sich gegenseitig an. Ich sehe aber auch viele Privatpersonen mit bedruckten T-Shirts “Zur Einnerung an …., gefallen am ….”, oder “…., wir werden dich nie vergessen”, “ich laufe in Erinnerung an meinen Bruder, …., gefallen am …”.
Viele von ihnen können keine 5 Kilometer am Stück laufen, aber sie bestreiten diese Herausforderung, zur Erinnerung an ein gefallenes Familienmitglied und aus Solidarität mit anderen leidtragenden Familien, welcher Religion auch immer.

Nach dem Lauf findet ein grosses Happening statt und die Läufer und Radfahrer werden mit Datteln, Bananen, Jogurts, frisch gebrautem Kaffee und traditionellem Gebäck versorgt.

Die Beziehung zwischen den Drusen und den Israelis ist von Respekt und meist harmonischem Zusammenleben, aber ab und zu auch von Problemen geprägt. Wie Geschwister streitet man sich und rauft sich wieder zusammen, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Es tut mir sehr leid, dass in Europa so viel Schlechtes über Israel geschrieben und verbreitet wird. Hier ist ein Beispiel von einer loyalen und respektvollen Partnerschaft zwischen Religionsgemeinschaften, von welcher in Europa kaum jemand etwas weiss, obwohl es in Israel einige davon gibt.

Samstag, 17. September 2016

Laufen

Ich setze einen Fuss vor den andern, immer wieder. Die Arme schwingen mit, mein Körper arbeitet schwer, schwitzend, tief atmend. Augen, Nase, Ohren, alle meine Sinne damit beschäftigt, die Umgebung aufzunehmen. Ich bin alleine, mein Kopf ist leer. Kein Raum für Gedanken. Keine Ziele, Absichten und Aufgaben. Atemzüge, Herzschläge und das Knirschen des Kieses unter meinen Schritten ergeben einen gleichmässigen, rythmischen Kanon. Die Sonne ist eben erst aufgegangen, Nebel hängt noch auf den Feldern. Ich fühle mich lebendig und stark. Laufrunde am Samstagmorgen.
Strecke auf meiner "Heimrunde", keine zwei Kilometer von meinem Wohnort entfernt


Mittwoch, 31. August 2016

Schlapp

Heute schreckt mich das Klingeln des Weckers um 04:45 aus dem Tiefschlaf und ich falle beinahe aus dem Bett. Es ist ja auch noch fast mitten in der Nacht. Dann stehe ich todmüde und mit Kopfschmerzen auf. Ich ziehe mich an fürs Lauftraining, meine Handlungen sind intuitiv und automatisch, da ich um diese Zeit noch nicht denken kann. Mein Gehirn befindet sich im Schlafmodus und so bleibt mir das Dilemma erspart, ob ich kneifen soll. Auf der Fahrt zum Treffpunkt döse ich weitere 15 Minuten (am Steuer!) und noch während der ersten Hälfte des Trainings kann ich den Gedanken, dass vielleicht hinter der nächsten Wegbiegung eine Matratze mit Kissen auf mich wartet, nicht verdrängen. Erst als es heller wird, finde ich mich damit ab, dass es mit Weiterschlafen heute wohl nichts mehr wird. Irgendwie schaffe ich auch die fünf Kilometer zurück, aber ich fühle mich schlapp, denn es ist ecklig feucht und drückend heiss. Laufen im Sommer macht einfach wirklich nicht immer Spass. Zum Glück werden wir mit einem atemberaubend schönen knallroten Sonnenaufgang belohnt, meine Kopfschmerzen sind verschwunden und ich bin froh, dass ich etwas Gutes für meine Gesundheit getan habe.

Sonntag, 21. August 2016

Vorbereitungen für die Olympiade

In wenigen Monaten wird es vier Jahre her sein, dass unsere Laufgruppe zustande gekommen ist. Vier Jahre, in welchen wir uns zweimal wöchentlich um 5:30 morgens (oder nachts, wie einige eher sagen würden) bei jedem Wetter zum Laufen treffen. Im Winter trotzen wir der Dunkelheit und der Kälte, ab und zu regnet und stürmt es und im viel zu langen Sommer, wenn wir das Gefühl haben, in einer feuchten Sauna zu laufen, sehnen wir uns nach dem Winter. Wir treffen uns in einem Naturreservat an der Mittelmeerküste südlich von Netanya, meistens laufen wir im Sand, manchmal am steinigen Strand. Oft treffen wir Rehe und Schakale, die sich über dieses seltsame Trüppchen wundern, welches sich in neonfarbigen Kleidern zu unmenschlichen Tageszeiten in ihr Revier verirrt. Jedesmal bestaunen wir die Sonnenaufgänge. Für mich gibt es keine schönere Art, den Tag zu beginnen.
Von Laufkollegin Helena an einem Regentag fotografiert
Unser Trainer Irmi, der in jüngeren Jahren zur Laufelite Israels gehörte, ist ziemlich, tja, wie soll man sagen - sportverrückt. Sport ist für ihn das ganze Leben. So nehmen zum Beispiel er und seine Frau an ihrem Hochzeitstag, wenn andere Paare schön Essen oder ins Kino gehen, an einem Laufevent irgendwo in der Umgebung teil und holen beide den ersten Platz. Wie romantisch! An einem Kindergeburtstag organisiert er für seine Kinder und ihre Freunde einen Zehnkampf-Parcours im staatlichen Sportinstitut oder ein Wettschwimmen im Olympiabecken. 

Die Olympiade in Rio fällt zeitlich gerade auf die Schulferien seiner Kinder und das findet Irmi fantastisch, denn Olympiade-Schauen ist in seiner Familie offensichtlich das beliebteste Ferienprogramm von allen. Die ganze Familie fiebert 24 Stunden am Tag bei sämtlichen Wettkämpfen mit, nur unterbrochen von einigen tatsächlichen Trainingseinheiten, denen seine Kinder natürlich gewissenhaft nachkommen. Auch dass die Wettkämpfe in der südamerikanischen Zeitzone stattfinden, tut ihnen keinen Abbruch, obwohl Irmi nun meistens morgens todmüde, ohne eine Minute geschlafen zu haben, im Training erscheint. Spätestens beim Laufen erwacht er schon. Und wenn jemand eine Frage hat: Irmi weiss in jeder Sportdisziplin, wer welchen Platz geholt hat und natürlich auch warum.

All diese Macken verzeihen wir ihm gerne, wenn er es mit uns nicht zu streng nimmt. Fünfmal die steile Klippe hoch und dann das ganze noch einmal - zum “Auslaufen”, Fartlek-Training im tiefen Sand, auf einem Bein eine Sanddüne hochhüpfen, und dann noch einmal - mit dem zweiten, das geht alles noch. Und dass sein Versprechen auf eine “Trainingseinheit mit Überraschung” keinesfalls ein kühles Bier oder ein Eis zur wohlverdienten Belohnung bedeutet, daran haben wir uns auch schon gewöhnt.

Aber heute, am letzten Tag der Olympiade, steigt er alt und müde aus dem Auto und bringt kaum ein “Morgen” über die Lippen. Ich weiss nicht, ob die letzten Wochen ohne Schlaf doch langsam ihre Wirkung zeigen, oder ob er gerade den totalen Frust erlebt, weil die Olympiade zu Ende geht, aber er jagt uns im Wettkampftempo zum Strand und dort passiert etwas, das wir die letzten vier Jahre nicht erlebt haben: wir machen 200 m Sprints im Sand und da steht er doch tatsächlich, mit der Stoppuhr in der Hand und misst uns die Zeit! Hallo, was soll das!? Ich bin doch nicht Usain Bolt!!