Dienstag, 28. Juli 2026

Zwei Antworten auf dieselbe Frage

Im Thunersee zu schwimmen, auf dem sanft schaukelnden Floss zu liegen und in die Sonne zu blinzeln – das war das klare Highlight meines zweiwöchigen Schweiz-Urlaubs. Die Bucht am See ist ein echtes Juwel. Dass sie mit der wesentlichen Infrastruktur versehen wurde, frei zugänglich ist und von den Menschen respektvoll und friedlich genutzt wird, ist einer der Gründe, warum die Schweiz für viele wie ein Paradies wirkt. Das pure Glück, das ich auf diesem Stückchen Wiese und dem Floss empfunden habe, wird mir in Erinnerung bleiben.


An eine andere Begegnung werde ich mich ebenfalls erinnern - aus ganz anderen Gründen.
Wir waren im Oberengadin wandern. Auf 2,400 Metern Höhe zeigten sich die Berge von ihrer besten Seite. Tief unten glitzerten die Seen. Alle Sorgen der Welt schienen weit hinter dem Horizont zu liegen.

Unterwegs trafen wir auf ein Paar, das offensichtlich jüdisch war. Wir begrüssten sie mit einem „Shalom“, und sofort entwickelte sich ein Gespräch auf Hebräisch.
Sie erzählten uns, aus welcher Stadt in Israel sie kamen. Wir berichteten, wo wir in Israel leben. Wir wanderten ein Stück gemeinsam weiter und plauderten, bis sich unsere Wege trennten.
Meine Geschwister waren vorausgegangen und warteten an der Bergstation auf uns. Mein Bruder, ein standhafter Freund Israels, erzählte mir dort, dass auch er mit dem Paar gesprochen hatte. Allerdings auf Englisch. Dabei hatten sie ihm erzählt, sie kämen aus Südafrika. Das stimmte auch: Zumindest ursprünglich stammten sie von dort. Nur den Teil, dass sie heute in Israel leben, hatten sie ihm gegenüber weggelassen.

Die Begegnung beschäftigte mich noch lange. Dieser Angst plötzlich im Alltag zu begegnen – auf einem Wanderweg in den Schweizer Alpen – hat mich tief betroffen gemacht. Denn dieses Thema betrifft für mich nicht nur Fremde, sondern mich und meine eigene Familie.

Dass die Dinge so verlaufen sind, ist schade für alle Beteiligten, denen dadurch vielleicht ein interessantes Gespräch entgangen ist. Doch für uns ist es absolut verständlich.



Ich weiss nicht, ob ich die Situation richtig einschätze, doch ich denke, Juden sind in der Schweiz (noch) ziemlich sicher. Anders verhält es sich teilweise mit Israelis in Europa.
Viele Menschen haben sich inzwischen eine sehr eindeutige Meinung zum Nahostkonflikt gebildet. So eindeutig, dass für Zweifel oder Zwischentöne meist kaum noch Platz bleibt. Israelis geraten dabei schnell unter Generalverdacht.

Unser Sohn Itay hat seine Arbeit in Zürich unterbrochen und wird nun mit israelischen Kollegen reisen gehen. Man kann nicht israelischer aussehen als Itay (von meinen eigenen Genen scheint in seiner DNA jede Spur zu fehlen). Als Israeli erkannt zu werden, kann in einigen europäischen Ländern leider unangenehme Folgen haben. Im Gespräch suchen wir die Länder, in denen sich Israelis noch sicher fühlen. Um sie aufzuzählen, reichen die Finger einer Hand.

Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Hass beschränkt sich nicht nur auf die Graffitis, die uns auf unseren Ausflügen in der Schweiz, in Deutschland oder auf Kreta von jeder Wand entgegenschlagen. In den vergangenen Monaten wurde immer wieder über Vorfälle gegen israelische Touristen berichtet: Beschimpfungen, Anfeindungen oder verweigerte Dienstleistungen.
Auch das israelische Außenministerium teilte mit, dass es vermehrt gemeldete antisemitische Vorfälle gegen Israelis im Ausland registriert habe. So zum Beispiel gerade erst kürzlich auf Kreta.

Ich weiss nicht, ob Menschen, die sich nicht für Israel interessieren, wahrnehmen, was sich in Europa für Israelis und für Juden verändert. Es ist völlig legitim, sich nicht für den Nahen Osten zu interessieren. Doch das Ausmass der Vorfälle und die Tatsache, dass Israelis Angst haben, ihre Herkunft zu erwähnen, kann man nicht mehr mit einem Schulterzucken beiseiteschieben.

In Gesprächen über Berge, das Wetter oder die Aussicht (und die Frage, ob auch andere Wanderer die 600 Meter Höhendifferenz beim Planen der Wanderung total übersehen haben), sollten sich Israelis nicht überlegen müssen, welche Teile ihrer Biografie sie lieber verschweigen. Diese Entwicklung ist höchst beunruhigend.

Die Wanderung war wunderbar, aber die zwei verschiedenen Antworten, die dieses Paar auf dieselbe Frage gegeben hat, haben mich irritiert und beschäftigt. Hoffentlich nicht nur mich.




Donnerstag, 23. Juli 2026

Ein Schälchen Brombeeren




Im Garten meiner Eltern wächst eine sieben Meter lange Brombeerhecke. Die noch längere Himbeerhecke ist inzwischen vertrocknet. Die Brombeeren dagegen wachsen  – nun, da das Haus leer steht – ungestört vor sich hin und tragen unzählige Früchte.

Für zwei Wochen ist das Haus unser Feriendomizil. Eigentlich steht es leer. Und doch ist es voller Leben.

Meine Eltern sind überall gegenwärtig. In den Gegenständen, die sie benutzt haben. In der Art, wie Dinge abgelegt wurden. Im Geruch, der noch in den Räumen hängt.

Mein Vater lebt inzwischen in einem Alters- und Pflegeheim. Von den Habseligkeiten, die ihn ein Leben lang begleitet haben, braucht er dort fast nichts mehr. 

Auf seinem Bett liegt noch ein getragenes Hemd. Auf dem Arbeitstisch wartet seit Monaten eine unvollendete Bastelarbeit auf ihren Schöpfer.

Die Kleider meiner Mutter sind weggeräumt. Trotzdem spüre ich auch ihre Anwesenheit.

Zu den festen Sommerritualen meiner Mutter gehörte das Einkochen von Früchten. Der große Garten lieferte reichlich Material für Konfitüren. 

Während meines Aufenthalts lockt mich das sonnige Wetter jeden Morgen vor dem Frühstück hinaus zu den Brombeeren. Die stacheligen Zweige hängen voller Früchte. Doch wie es die Art dieser Beeren ist, werden jeden Tag nur wenige von ihnen genau richtig reif. Gerade genug für ein kleines Schälchen zum Frühstück, jeden Morgen.

Beim Pflücken denke ich an meine Mutter. Wie hat sie es geschafft, ganze Töpfe voller Beeren einzukochen? Sammelte sie Tag für Tag eine Portion und wartete, bis genug zusammengekommen war?

Ich geniesse diese stillen Morgenstunden in der frischen Luft. Heute nennt man das wohl Entschleunigung.

Konnte meine Mutter das Beerenpflücken geniessen? Mit fünf Kindern, einem Ehemann, einem großen Garten und einem Haushalt war Entschleunigung vermutlich das Letzte, was sie brauchte. Wahrscheinlich hätte sie sich manchmal eher etwas Beschleunigung gewünscht.

Dieser Urlaub ist geprägt von Erinnerungen und Fragen. Ich öffne Schubladen, schaue in Schränke und stöbere durch Zimmer. Ich suche das Kind, das ich war. Meine Geschwister. Wie war das Leben meiner Eltern wirklich? Unser Leben als Familie?

Meine Eltern haben zu viele Dinge aufbewahrt. Als endlich Gedanken aufkamen, etwas zu räumen, waren sie zu müde.

Ich finde mindestens sechs "Chriesichratte". Unser Familienbüchlein mit den Stempeln des Zivilstandamtes und dem handschriftlichen Eintrag meiner Mutter mit unseren Geburtszeiten. Einige vergessene und doch so vetraute Kinderbücher. Meine Taufkerze.

Als die zwei Wochen zu Ende gehen, muss ich alles zurücklassen. Die Brombeerhecke. Das Haus. Die Erinnerungen.

Beim Wegfahren winke ich dem leeren Haus zu.
Zum ersten Mal winkt niemand zurück.







Donnerstag, 2. Juli 2026

Ein ganz normaler Julitag in Israel



Ehrlich gesagt, frage ich mich manchmal schon, warum ich das Leben in diesem verrückten Land überhaupt noch aushalte. Allein die riesigen Kakerlaken, die bei diesem feucht-heissen Wetter scharenweise aus jeder Ritze und jedem Winkel kriechen, wären Grund genug, das Weite zu suchen.

Über die Bedrohung durch Nachbarn, deren erklärtes Ziel unsere Vernichtung ist, möchte ich hier gar nicht erst schreiben. Die angespannte Lage und die ungewissen Zukunftsaussichten lassen sich ohnehin nur unter einer mentalen Schutzglocke ertragen.

Doch gestern gab es einen ganz anderen Grund, an meinem Dasein hier zu zweifeln: Die – wie soll man es nennen? – kollektive Verrücktheit.

Ich hatte in Tel-Aviv etwas zu erledigen. Eine Sache von höchstens einer Stunde, dachte ich. Danach in den Zug, und zum Ende der Mittagspause wäre ich wieder im Büro.
So der Plan.

Natürlich dauerte die Angelegenheit deutlich länger als erwartet. Als ich mich von Eyal verabschiedete, der mit unserem Auto zu Geschäftsterminen im Süden weiterfuhr, war ich bereits verspätet. Den Zug in zwei Minuten hätte ich trotzdem noch geschafft – wäre nicht der nördliche Bahnhofseingang aus unerfindlichen Gründen geschlossen gewesen. Kein Hinweisschild, keine Erklärung. Nur ein mürrischer Sicherheitsmann, der knapp verkündete: „Kein Eingang.“
Also quer über die Kreuzung, mehrere Häuserblocks entlang und hinauf zum südlichen Zugang. Dort erreichte ich den nächsten Zug immerhin rechtzeitig. Da ich inzwischen hungrig war, kaufte ich mir ein Sandwich. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.
Im Zug beschloss ich, gar nicht mehr ins Büro zurückzufahren. Ich würde bis Netanja weiterfahren und von dort ein Taxi nach Hause nehmen. So könnte ich wenigstens rechtzeitig zu meinen Nachmittagsbesprechungen erscheinen. Rückblickend war dies der entscheidende Fehler.

Genau zu dem Zeitpunkt, als mein Zug in Netanja einfuhr, fand die Beerdigung des bekannten Rabbiners Amos Guetta statt. Der ganze Weg vom Kolel, dem Studienzentrum des Rabbis in Netanja, bis zum ausserhalb der Stadt gelegenen Friedhof, war kurzerhand für den Trauerzug gesperrt worden. Die Zeitungen berichteten später von Tausenden Trauergästen, Strassensperrungen und massiven Verkehrsbehinderungen.

Mit anderen Worten: Die Hauptzufahrten nach Netanja waren gesperrt, rund um den Bahnhof fuhr weder Bus noch Taxi, und mein Zuhause lag sieben Kilometer entfernt auf der anderen Seite dieser verkehrstechnischen Katastrophe.
Ein Taxifahrer riet mir, die abgesperrte Zone zu Fuss zu umgehen und eine weiter östlich gelegene Bushaltestelle anzusteuern. Im Winter wäre das vielleicht sogar vernünftig gewesen. An einem Julinachmittag in Israel war es eine Tortur.

Ich marschierte los. Tausende religiöse Trauergäste kamen mir entgegen, später der Leichenwagen selbst, begleitet von einem beeindruckenden Polizeikonvoi. Ich wünschte dem ermordeten religiösen Oberhaupt in Gedanken ewige Ruhe und kämpfte mich weiter durch die Menschenmengen.
An der Bushaltestelle angekommen, stellte ich fest, dass dort – wie eigentlich schon geahnt – weder Busse noch Taxis auftauchten. Woher auch? Immerhin war ich meinem Zuhause ein wenig näher gekommen. Ich kaufte mir eine Flasche eisgekühltes Wasser und leerte sie in einem einzigen Zug.

Nach langer Zeit des Wartens stieg ich in den ersten Bus, der in östliche Richtung fuhr. Die Sitzgelegenheit und die fantastische Klimaanlage waren eine Erlösung. Leider fuhr der Bus nur zwei Stationen weit in meine Richtung. Also wieder aussteigen, weiterlaufen, weiterwarten. Irgendwann erreichte ich einen zweiten Bus, der mich zumindest bis zur grossen Kreuzung in der Nähe unseres Dorfes brachte.

Jetzt trennte mich nur noch ein letzter Kilometer Fussmarsch von meinem Ziel. Das scheint ein leichtes Unterfangen – bis man den Marsch in Jeans, geschlossenen Schuhen und mit Laptop-Rucksack auf dem Rücken unter der israelischen Julisonne zurücklegen muss. Ich war mir dessen nicht bewusst, aber selbst das Warten auf Grün an der Ampel ist für Fussgänger bei glühender Hitze ein Albtraum und brachte mich an den Rand einer Nahtoderfahrung.

Zweieinhalb Stunden nach meiner Abfahrt aus Tel-Aviv erreichte ich endlich unser herrlich kühles Zuhause. Schweissdurchnässt warf ich sämtliche Kleider in die Wäsche, duschte kalt und verzehrte fast eine ganze Wassermelone. Danach schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zur Besprechung mit meiner Vorgesetzten um fünf Uhr vor den Computer.

Heute habe ich mich von Ärger und Anstrengung wieder erholt und bin um eine – rückblickend durchaus komische – Erfahrung reicher.

Vielleicht ist genau das der Reiz dieses Landes: dass hier fast nie etwas einfach normal und unspektakulär verläuft. Es gibt Raum für Verrücktheit aller Art: für verrückte Religiöse, verrückte Queers, verrückte Rechte und verrückte Linke. Man ärgert sich übereinander, beschimpft sich gegenseitig – und am Ende lebt man doch wieder miteinander weiter.

Natürlich ist auch der Antisemitismus, der weltweit bedrohliche Ausmasse angenommen hat, ein Grund dafür, warum Viele bereit sind, in Israel Kriege, verrückte Menschen und allerlei Ungeziefer in Kauf zu nehmen.
Wenn ich wählen müsste zwischen mehrmals täglich Israel-Berichterstattung im Schweizer Radio & Fernsehen und gelegentlichen Begegnungen mit Kakerlaken – oder sogar Raketen aus dem Libanon, dem Jemen oder dem Iran – dann ist meine Wahl nach wie vor klar.

Vor einiger Zeit machte im Internet ein Artikel über den zunehmenden Antisemitismus in New York die Runde, der Woody Allen zugeschrieben wurde. Ein ernstes Thema, mit viel schwarzem Humor behandelt – also durchaus glaubwürdig. Später stellte sich jedoch heraus, dass der Text gar nicht von ihm stammte. Ob Woody Allen oder KI: Ein Satz daraus ist mir besonders geblieben:
„Was mir Angst macht, ist die Geschwindigkeit, mit der normale Menschen anfangen, so zu tun, als wäre nichts Besonderes los.“

Der aktuelle und wie immer bereichernde Blogbeitrag von Yupedia beleuchtet auch einige der historischen Hintergründe dafür, warum Menschen hier leben – und leben müssen. Der Artikel ist lang, aber lesenswert. Die sehr persönlichen Einblicke in Deutschland und Palästina der 1930er-Jahre lassen Geschichte auf eindrucksvolle Weise lebendig werden.

Bezauberndes Tel-Aviv