Montag, 25. Dezember 2023

Gedanken zu Weihnachten

Vorgestern fünf, gestern acht, heute Mittag schon wieder zwei. Jeden Tag überschlagen sich die unerträglichen Meldungen über schwerverletzte und gefallene Soldaten. Ich verkrafte die Nachrichten mit den Namen und Bildern dieser eben noch lebensfrohen Männer im Alter meiner Kinder nicht mehr. In den sozialen Medien folgen oft Fotos der Gefallenen mit ihren Freundinnen oder ihren Verlobten, Bilder von Beerdigungen mit gebrochenenen Familien, oder herzzerreissende Abschiedsbriefe – in extremster Widersprüchlichkeit mit Posts über Weihnachtsdekorationen, Rezepten für Christstollen, oder sonstigen Oberflächlichkeiten. Ich scrolle immer schneller, aber es nützt nichts. Die Schreckensmeldungen sind nicht zu übersehen und die Posts über Oberflächliches drängen sich dazwischen und fühlen sich an wie Ohrfeigen.
An die Posts über Gefallene und Vorschläge für Weihnachtsgeschenke schliessen sich klägliche Ausrufe für die Freilassung der Geiseln. Es schnürt mir die Kehle zu, wenn ich daran denke. Werden sie ihre Familien wiedersehen? Oder werden sie, wie die zwei Israelis, die aus Versehen vor Jahren die Grenze zu Gaza übertreten haben, nie mehr zurückkommen? (Während bis zum 7. Oktober täglich Zigtausende Arbeiter aus Gaza nach Israel ein- und natürlich problemlos wieder zurückreisen konnten)
An Israels Grenzen im Süden, im Norden und auch im Osten folgen Angriffe und militärische Aktionen im Minutentakt, so schnell, dass man gar nicht mehr auf dem Laufenden sein kann. Ich will es auch gar nicht mehr wissen. Wenn der Weltkrieg ausgebrochen ist, werde ich es schon erfahren.
Die ganze Katastrophe wird begleitet und untermalt von absurden Medienberichten und Kommentaren, im In- sowie im Ausland. Alle haben eine Meinung. Alle geben ihren Senf dazu. Die Linken sind schuld, die Rechten sind schuld. Israel soll dies, Israel soll das. Alle schlagen sich die Köpfe ein.

Tel-Aviv im Dezember 

Ich mag im Moment gar nichts mehr. Zum Glück regnet es und ich verbringe das Wochenende, indem ich mir eine Serie und mehrere Filme ansehe.

Aber die Kinder kommen zu Besuch und holen uns zurück in die Realität. Wir diskutieren über Sinn und Unsinn des Krieges, über die Opfer auf allen Seiten, über Nationalismus, über Sinn und Unsinn der Religionen. Über fragliche Hoffnung, für die Geiseln, für uns, für die Soldaten. Über die Zukunft und darüber, was Jüdischsein bedeutet. Was Jüdischsein für Israel bedeutet und welche Wichtigkeit es für uns hat.  

Es gibt so viele Narrative, sogar in der eigenen Familie. Jeder hat andere Ideen und Vorstellungen, aber mir scheint, dass keiner mehr so richtig von irgend etwas überzeugt ist. Unsere Weltordnung ist in ihren Grundfesten erschüttert worden. Wir sind verwirrt und es wird mit jedem Tag schlimmer. Rennen wir nicht mit dem Kopf gegen die Wand? Ich weiss nicht mehr, was wirklich wichtig ist und warum man für Werte, die doch selbstverständlich sein sollten, so viele Menschen opfern muss. Und ausgerechnet ich, die ich als Christin geboren wurde, versuche meinen Kindern zu erklären, warum Jüdischsein mehr bedeuten könnte, als die religionslosen, materialistischen Lebensformen, die in Westeuropa gängig sind. Doch ist das vielleicht auch nur ein Narrativ? Ich habe keine Antworten mehr. Wäre es nicht einfacher, den Bettel hinzuschmeissen?

Ja, vor allem ich. Warum um Himmels willen habe ich meine Familie gerade in dieser vermaledeiten Region gegründet? Diese Frage begleitet mich, seit ich in Israel lebe. Aber jetzt ist es nicht mehr nur ein Gedankenspiel, sondern es geht um Leben und Tod. Was hat dieser Krieg mit mir zu tun? Ich hätte an den Wendepunkten meines Lebens eine oder zwei andere Türen wählen können und schon wäre alles ganz anders gekommen.

Ich könnte heute Abend mit meiner Familie in irgendeinem friedlichen westlichen Land unter einem schön geschmückten Weihnachtsbaum sitzen. 
Ich könnte, Weihnachtsgebäck futternd, denken:
Na ja, es gab schon bessere Zeiten.
Dann noch einen Zimtstern: 
Ja, es stimmt schon, die Kriege rücken näher. 
Noch etwas Sekt:
Aber immerhin sind sie doch noch einige Tausend Kilometer weit entfernt. 

Ich versuche mir vorzustellen, ob das wirklich eine Alternative wäre und wie sie sich anfühlen würde. Und vor allem – ob ich damit zufrieden wäre?

Samstag, 16. Dezember 2023

Unsere Neunzehnjährigen


Liebe Leser, wie geht es ihren Kindern? Insbesondere ihren Neunzehnjährigen? Ich hoffe, es geht ihnen gut. Vielen neunzehnjährigen Israelis geht es gerade nicht so gut.

Unzählige Israelis leiden und sterben jeden Tag in diesem Krieg, den wir nicht gewollt haben. Dutzende Opfer nur letzte Woche. Täglich fallen Soldaten im Kampf, in unerträglicher Häufigkeit. Lang vermisste Geiseln werden tot aufgefunden. Elia, Eden, Nik, Ron, Inbar, Alon, Yotam und Samar, alles junge Menschen, die am 7. Oktober aus den Kibbutzim, den Armeestützpunkten oder von dem Musikfestival von der Hamas brutal verschleppt worden sind, konnten in diesen Tagen nur noch tot aus Gaza geborgen werden. Ich verfolge einige der Meldungen in den Medien, aber sie überschlagen sich, es sind so viele und sie folgen so schnell. Ich komme wirklich nicht mehr nach mit zählen.



Doch die Meldung über den neunzehnjährigen gefallenen Soldaten Eran Aloni schockiert mich ganz besonders. Das Foto – sein Gesicht – es schnürt mir die Luft ab. Ein unschuldiges Kind, mit Flaum auf den Wangen.
Niemand sollte in Kriegen sterben, bestimmt keine Kinder. Auch keine neunzehnjährigen Kinder.

Doch diese Woche sind nicht nur Eran, sondern auch die neunzehnjährigen Soldaten Oz, Oriya und Achia in Gaza im Kampf gefallen.

Zwei weitere neunzehnjährige Soldaten, Nik Beizer und Ron Sherman, mussten tot aus Gaza geborgen werden. Sie sind in palästinensischer Gefangenschaft ermordet worden. Es kursierten Videos, wie sie am 7. Oktober noch lebend von Terroristen verschleppt worden sind. Zwei Monate der nervenzermürbenden Hoffnung der Familien, ihre Kinder wiederzusehen, sind zu Ende.

Über den Verbleib der neunzehnjährigen Geisel Naama Levy hingegen weiss man weiterhin nichts. Naama ist das Mädchen aus dem Hamas-Video, das mit gefesselten Händen, blutverschmierter Hose und nackten Füßen an den Haaren vom Rücksitz eines schwarzen Pickups gezogen wird.



Auch in Gaza geht es den Neunzehnjährigen bestimmt nicht gut. Doch diese – überhaupt die Palästinenser aller Altersklassen – entfernen sich, so scheint mir, gerade immer weiter von einem Weg, der irgendeine Verbesserung der Lebensumstände mit sich bringen könnte. Keine Hoffnung für sie, und damit leider auch für uns.

Das zuverlässigste Meinungsforschungsinstitut auf palästinensischer Seite, das PCPSR, veröffentlichte neuerlich die Ergebnisse von Umfragen, die nach dem 7. Oktober durchgeführt worden sind. Die Resultate sind haarsträubend: Die Zustimmung zu dem Massaker unter den Palästinensern ist eindeutig, die Zustimmung zur Hamas – die einen klaren Sieg erringen würde, wenn nächste Woche Wahlen abgehalten würden – ist enorm. Mehr als zwei Drittel der Menschen im Westjordanland befürworten weitere Angriffe, und im Gazastreifen ist die überragende Mehrheit dafür. Eine Mehrheit von zwei Dritteln der Bevölkerung ist für den bewaffneten Kampf, nur ein Fünftel für Verhandlungen. Ebenfalls zwei Drittel lehnen die Idee einer Zwei-Staaten-Lösung ab. 
Und: Die überwältigende Mehrheit ist der Meinung, dass die europäischen Großmächte ihren moralischen Kompass verloren haben. (Quelle: https://www.pcpsr.org/en/node/961)

So wird der palästinensische Nationalismus auch in absehbarer Zukunft weiterhin scheitern.
Weh unseren Kindern!


Montag, 11. Dezember 2023

Lege deine Hand nicht an den Knaben

Die Bücher, für welche ich mir die Mühe gemacht habe, sie in der hebräischen Originalausgabe zu lesen, kann man an einer Hand abzählen. Eines davon ist die Autobiografie des Rabbiners Israel Meir Lau. 

Israel Meir Lau wurde 1937 in Polen geboren und verlor schon als Sechsjähriger seine Eltern in der Shoah. Der kleine „Loulek“ stand auf allen Todeslisten, die das Schicksal bereithalten konnte und die man sich nur erdenken kann. Er sprang dem Tod immer wieder von der Schippe. Nicht umsonst ist der hebräische Titel seiner Autobiografie der Bibelspruch, mit dem Gott Abraham im letzten Moment davon abhielt, seinen Sohn Isaak zu opfern: „Lege deine Hand nicht an den Knaben“. 
Meines Wissens gibt es die Autobiografie nicht in deutscher Übersetzung, wer das Buch auf Englisch lesen möchte, findet es unter dem Titel „Out of the Depths“.

Im Jahr 1945 wurde Israel Meir aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit, nachdem der US-Armee-Rabbiner ihn hinter einem Leichenhaufen versteckt entdeckt hatte. Israel Meir wurde von anderen Überlebenden als achtjährige Waise 1945 nach Palästina gebracht. Er rappelte sich von den Traumata auf und wurde in Israel zu einer führenden Persönlichkeit. Er amtierte viele Jahre als Oberrabiner der Stadt Tel-Aviv und als aschkenasischer Oberrabiner Israels. Israel Meir Lau ist Versinnbildlichung des sprichwörtlichen Phönix aus der Asche, ein Symbol für wundersames Überleben und für einen zutiefst beeindruckenden Neuanfang nach der grössten aller Niederlagen.


Israel Meir Lau bei seiner Ankunft in Haifa im Juli 1945
 

Am vergangenen Donnerstag feierte der dreizehnjährige Ariel Zohar aus dem Kibbutz Nir Oz seine Bar-Mizwa. An der Feier begleiteten ihn Onkel und Tante und sein Grossvater. Ariel ist der einzige Überlebende des 7. Oktober-Massakers seiner Kernfamilie. Die Eltern Jasmin und Yaniv und seine Schwestern Keshet und Tchelet sind alle von den Hamas-Terroristen ermordet worden, während sich Ariel viele Stunden versteckt hielt. Das Haus der Familie wurde zerstört und abgebrannt. Die Geschichte wiederholt sich: Auch Ariel‘s Grossvater war als Vierzehnjähriger schon Waise, seine Eltern wurden von den Nazis ermordet. Vom Grossvater stammen die Gebetsriemen, die der Bar-Mizwa-Junge gemäss Tradition um seine Arme wickelt und die in einer gefährlichen Aktion aus dem verkohlten Haus der Familie im Kibbutz Nir Oz gerettet werden konnten.

Rabbiner Israel Meir Lau war als Ehrengast auf Ariel‘s Bar-Mizwa-Feier.

Israel Meir Lau und Ariel Zohar

 

Ariel, sein Grossvater und Israel Meir Lau sind drei Waisen, drei vom Schicksal Verbundene, drei Glieder einer langen Kette des jüdischen Überlebens. Ich wünsche Ariel von ganzem Herzen, dass er sich aufrappeln wird und dass er, vielleicht von Israel Meir Lau inspiriert, allen Widrigkeiten zum Trotz zu einem aufrechten und standhaften Menschen heranwächst. Für uns alle hoffe ich, dass Ariel Kinder und Enkel haben wird, wie sein Grossvater und wie Israel Meir Lau, dass diese jedoch in einem sicheren Lande Israel nie mehr um ihr Leben werden fürchten müssen.




Samstag, 9. Dezember 2023

Woche 9




Montag, 4.12.

Immer noch werden Leichen identifiziert. Auch heute wird der Tod von weiteren, seit dem 7. Oktober vermissten Israelis bekannt gegeben. 58 Tage der Ungewissheit für die Angehörigen kommen zu einem bitteren Ende.

Bei der Kaffeemaschine in der Firma schenken sich zwei Mitarbeiterinnen ihre Morgen-Cappuccinos ein. Beide weinen, sie sind in Tränen aufgelöst. Na und? Ich wundere mich nicht.

Dienstag, 5.12.

Die Fotos und Namen der Gefallenen werden täglich veröffentlicht. Junge Burschen in ihren Zwanzigern, einige Familienväter. Sieben israelische Soldaten sind gestern gefallen. Das zieht mir den Boden unter den Füssen weg. Der Preis für den Krieg ist zu hoch, schreit es in mir. Doch als ich am Abend die Zeugenaussage einer Überlebenden des Nova-Festivals höre – schreckliche Schilderungen über unvorstellbare Grausamkeiten an lebenden jungen Frauen – weiss ich, dass wir leider keine andere Wahl haben.

Seit frühmorgens gibt es den ganzen Tag Raketenangriffe auf verschiedene Gebiete in Israel. Am Morgen aus Gaza auf Beersheva, am Mittag auf Ashkelon und Tel-Aviv, am Abend auch im Norden aus dem Libanon, von wo die Hisbollah zehn Raketen auf das evakuierte Kiriat Shmona abfeuert. In Ashkelon gibt es Verletzte von einem direkten Treffer auf ein Wohngebäude. In Tel-Aviv fallen Überreste eines Geschosses wenige Schritte von der Wohnung meines Sohnes auf den Gehsteig. Im Internet kursieren später die Aufnahmen eines mindestens 1,5 Meter langen schweren Metallrohres, das aus dem Himmel fällt und dabei zwei Passanten um Sekundenbruchteile verfehlt! Die Hamasniks sind bedauerlicherweise nicht so zuvorkommend wie die IDF – wir werden nicht vorgewarnt. Ja ich weiss, die Iron Domes sind ein grosser Vorteil für uns, doch es ist absurd, dass wir sie überhaupt brauchen. Man bedenke nur die horrenden Kosten dieser lebensrettenden Einrichtung: Jede Iron-Dome-Abwehrrakete kostet 60.000 $. Für die Abwehr jeder einzelnen Rakete, die die Hamas auf uns schickt, werden mehr als 220,000 Schekel verpufft! Wie viel sinnvoller man dieses Geld doch investieren könnte!

Mittwoch, 6.12.2023

Mein Tagebuch stockt. Ein freudloser trauriger Alltag hat sich eingespielt. Alles wiederholt sich in einer scheinbar endlosen 24-Stunden-Schlaufe. Der Geisel-Alptraum hat kein absehbares Ende. Die Raketenangriffe gehen weiter, mehrmals täglich gibt es Alarm. Der bedrohende Lärm der Kampfflugzeuge über unseren Köpfen ist zur Gewohnheit geworden. Jeden Tag die Schreie der Eltern über neue Todesnachrichten. Dann die Beerdigungen. Ich kenne die Soldaten nicht, doch sie könnten meine Kinder oder Angehörigen sein. Mit jedem Namen, jedem Gesicht fühle ich, dass man mir ein Messer im Herzen umdreht. Am 7. Oktober sind 330 israelische Soldaten ermordet worden, weitere 90 sind bis heute gefallen.
An der Arbeit bin ich abgelenkt, aber freudlos. Abends weiss ich nicht, wie ich die Stunden verbringen soll. Wenn ich das Handy anrühre, verbrenne ich mir die Finger und die Seele.

Donnerstag, 7.12.2023

Im Radio wird tagelang ein endloses Wunschkonzert gesendet. Familien und Angehörige widmen ihren Liebsten, die noch immer in Gaza festgehalten werden, ihre Lieblingslieder und -Musik. Auch hier bricht mir jedes einzelne Lied, jede einzelne Geschichte das Herz.

Auf Fokus Jerusalem werden einige der Geiseln vorgestellt:
Der 19-jährige Rom Braslavski
Die 19-jährige Karina Ariev
Die 26-jährigen Zwillinge Ziv und Gali Berman

Die Chance, dass sie nicht mehr wiederkommen, ist gross. Der Gedanke daran ist nicht auszuhalten.

Freitag, 8.12.2023

Freunde treffen? Ins Restaurant gehen? Reisen gar – mein Traum, einen Trek in Nepal zu machen? All unsere Pläne, unsere freudigen Ereignisse, in näherer und fernerer Zukunft, haben sich in Luft aufgelöst. Oder zutreffender: wurden in Blut ertränkt.

Aber der Krieg hat auch seine guten Seiten: man muss keine Fenster mehr putzen, keinen Müll mehr trennen und man darf bedenkenlos vier Sufganiot (Berliner) zu je 500 Kalorien pro Stück vertilgen. Es kommt jetzt wirklich einfach nicht mehr darauf an.

Samstag, 9.12. 2023

Eine weitere der Geiseln ist in Gaza ermordet worden, der 24-jährige Sahar Baruch.

Falls sich jemand meiner Leser fragt, warum ich selbstbezogen über unser Schicksal in Israel schreibe und kein Wort über die Menschen in Gaza verliere – hier einige Worte dazu:

Es kann sein, dass die Menschen in Gaza sehr leiden. Die Bilder der Zerstörung sind schrecklich. Was in Gaza allerdings genau los ist, weiss niemand genau, da alle Informationen von der Hamas stammen und ob die jetzt noch Zeit haben, geflissentlichst Leichen zu zählen, darf man bezweifeln. Aber es sieht nicht gut aus.

Ich muss jedoch wegsehen, ich kann mich mit der Situation in Gaza nicht beschäftigen, denn meine persönliche Schmerzgrenze ist erreicht. Meine Schmerzgrenze ist nach den Beerdigungen der ermordeten und gefallenen Nitzan und Lidor, Yuval, Shir, Yoni und Roee, Freunde meiner Kinder, erreicht. Meine Schmerzgrenze ist seit dem 14. Oktober, an welchem der beste Freund unseres Sohnes von einer Granate in Stücke gerissen wurde und überlebt hat, nicht nur erreicht, sondern bei weitem überschritten. Zusätzlich staucht mich die Aussichtslosigkeit dieses Krieges, in welchem täglich die besten unserer Kinder fallen, so sehr zusammen, dass ich mich kaum noch erheben kann. Ich habe ganz einfach keinen Funken Schmerztoleranz mehr übrig. 

Des Weiteren bin ich vollkommen davon überzeugt, dass die Hamas und die sie unterstützende „Zivilbevölkerung“ die alleinige Schuld an diesem Krieg und allem Leid tragen, das der Krieg mit sich bringt. Schuld an diesem Krieg sind ihre Befehlshaber, ihre politischen Führer und all jene, die den Terror mit Waffen, Geld, Resolutionen, Narrativen und Lügen versorgen. 
Israel trägt insofern Schuld, als es die Gefahr, die sich jahrzehntelang abzeichnete, vernachlässigt hat, wider vermehrter Warnungen aus verschiedenen Richtungen, aus Ignoranz und vor allem wegen innenpolitischer Zerstrittenheit. 
Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass es jetzt noch in der Hand der Hamas liegt, diesen Krieg und alles Leid, das er mit sich bringt, umgehend zu beenden. Sie könnten das Feuer einstellen, die Geiseln freilassen und die Anführer könnten sich ergeben. Der Krieg wäre zu Ende. Ich bin auch sicher, dass die Israelis die Ersten wären, friedlichen Palästinensern die Hand zu reichen, um eine sichere Existenz aufzubauen. Niemand von uns sieht gerne Zerstörung und leidende Menschen. Von ganzem Herzen wünschen wir uns friedliche, prosperierende Nachbarn, auch in Gaza. Von ganzem Herzen will ich hoffen, dass das eines Tages möglich sein wird, wenn auch vielleicht in ferner Zukunft.

Freitag, 8. Dezember 2023

Vorbei, doch nicht vorbei

Das 7. Oktober-Massaker ist für uns alles andere als vorbei. Es ist jeden Augenblick unseres Lebens allgegenwärtig und mit den Erkenntnissen über die Grausamkeiten werden der Schock und die Trauer von Tag zu Tag nur noch grösser. Jeden Tag gibt es neue Nachrichten über Ermordete, die man unter den Geiseln glaubte, und umgekehrt. Jeden Tag erfährt man neue Geschichten. Ich schaue kein Fernsehen und versuche mich fern zu halten, doch man kann den Nachrichten nicht entkommen. Sie verfolgen uns aus dem Radio und aus allen Gesprächen, mit den Nachbarn, mit den Bürokollegen, mit den erwachsenen Kindern.
Dieser Beitrag einer Bloggerkollegin umschreibt unsere Situation und die Geschichten sehr eindrücklich.

Sonntag, 3. Dezember 2023

Woche 8



Samstag, 25.11.

Ein ruhiger Wochenendtag zu Hause. Wir haben keine Lust, irgendwohin zu gehen. Der Krieg ist auf Pause, doch die Ruhe ist trügerisch. Das ungute Gefühl, dass es nach der Pause noch viel schlimmer weitergehen wird, lässt uns nicht los. Wir wissen, dass die Hamas-Terroristen in Gaza während der Feuer- und Überwachungspause fleissig am Wiederaufbau ihrer Infrastruktur arbeiten. Um mich abzulenken, räume ich auf und arbeite im Garten. Auch die Fenster sollten dringend geputzt werden, aber macht das im Krieg noch Sinn?

In der arabischen Stadt Tulkarem lynchen Hamas-Anhänger zwei Männer, die sie der „Kollaboration mit Israel“ verdächtigen. Sie hängen die Männer kopfüber an einen Strommast und misshandeln sie zu Tode, dann werfen sie sie zerstückelt in einen Abfallcontainer. Ein blutrünstiger Mob begleitet die Szene mit Allahu Akbar Rufen. Tulkarem ist dreizehn Kilometer Luftlinie von meinem Wohnort entfernt. Man fühlt sich wirklich nicht gerade wohl in dieser Nachbarschaft. Tulkarem gehört zum Westjordanland, dem Gebiet, von dem einige unverbesserliche Friedensanhänger immer noch glauben, dass es zugunsten einer Zweistaatenlösung ein eigener Staat werden sollte. Aber natürlich kann dieser Staat erst zustande kommen, wenn die Region von Juden (den sogenannten „Siedlern“) und von Israelkollaborateuren gesäubert sein wird. Das ist alles so absurd.

Die Geiselfreilassungs-Seifenoper, die man uns täglich für 16 Uhr versprochen hat, wird leider verzögert und wir müssen heute Abend ohne sie schlafen gehen.

Sonntag, 26.11.

Sofort nach dem Aufwachen suche ich nach Nachrichten auf dem Handy. Tatsächlich sind in der Nacht dreizehn weitere israelische und fünf nicht-israelische Verschleppte freigelassen worden. Die Hamas spielen jetzt die humanen Gönner, aber was genau soll human daran sein, Babys, Kinder, Männer und Frauen, alte und kranke Menschen unter unmenschlichen Bedingungen im Untergrund und ohne Verbindung zur Außenwelt monatelang festzuhalten – und sie dann tröpfchenweise freizulassen?

Die Geschichten jeder einzelnen der Geiseln sind unfassbar tragisch. Der Vater der neunjährigen Emily gab zwei Wochen nach dem 7. Oktober-Massaker schluchzend und vollkommen zerrüttet anlässlich eines Presseinterviews seiner Erleichterung darüber Ausdruck, dass Emily tot sei und ihr deshalb die Qualen der Geiselhaft erspart blieben. Später musste er erfahren, dass die Totgeglaubte doch unter den Geiseln war. Niemand kann sich die Höllenqualen vorstellen, die er durchgegangen ist und immer noch durchgeht. Letzte Nacht konnte er Emily nach der Freilassung wieder lebendig in die Arme nehmen. Ob die leidgeprüfte Familie von Emily vor sieben Jahren, als die Mutter an Krebs gestorben ist, wohl geglaubt hatte, das sei das Schlimmste, das sie je erleben würde? Emily’s Adoptivmutter Narkis wurde am 7. Oktober ermordet. Emily hat zweimal eine Mutter verloren.

Von den Geschwistern Maya und Itay, die vor 50 Tagen brutal von dem Musikfestival entführt wurden, ist nun die verletzte 21-jährige Maya wieder in Freiheit – ohne ihren zwei Jahre jüngeren Bruder Itay. Die Kinder Noam und Alma Or sind ohne Eltern zurück in Israel, ihre Mutter wurde von den Hamasniks am 7. Oktober ermordet, der Vater bleibt weiterhin in Geiselhaft. Die Kinder Yahel und Nave werden mit ihrer Mutter, aber ohne den Vater freigelassen. Auch die dreizehnjährige Hila muss ihre Mutter zurücklassen. Niemand garantiert ihnen, dass sie ihre Angehörigen je wiedersehen werden. Wem drängt sich da nicht das Bild der Selektionen auf den Bahnrampen in den Vernichtungslagern der Nazis auf? Du nach rechts! Du nach links!

Siebzehn weitere Freigelassene gibt es heute gegen Abend. Die Erleichterung darüber ist leider keine richtige. Siebzehn weitere, unfassbar tragische Geschichten.

Montag, 27.11.

In meinem Fitnesszentrum hängen seit ein paar Wochen die Bilder von Matan und Adir, zwei 23-jährigen jungen Männern, die hier trainiert haben, bis sie am 7. Oktober ermordet worden sind. Ich mache noch ein paar Liegestützen mehr, für sie.

Wie Fensterputzen ist auch Mülltrennen zu einer Frage geworden, deren Notwendigkeit und Sinn man unter den jetzigen Umständen bezweifeln könnte. Offensichtlich haben andere die Frage schon für mich beantwortet, der Abfall in den Containern quillt nämlich über, es scheint, dass seit dem 7. Oktober nichts mehr abgeholt wird. Das war’s dann wohl für uns, mit dem Umweltbewusstsein.

Zum dritten Mal ist ein Leserkommentar von mir zu Artikeln in deutschen Zeitungen einfach nicht veröffentlicht worden.
Die Meinungsmacherei überrascht mich nicht, doch über die unverfrorenen Ausmasse bin ich schockiert. Meine Ansichten sind nicht fanatisch, aber offensichtlich lässt man lieber Menschen diskutieren, die Hamas und die Israelis in einer „Spirale der Gewalt“ gleichsetzen. Menschen, deren Kenntnis der Situation meist auf gängige Schlagzeilen fundiert. Während ich, Gott bewahre, realitätsbezogene Ansichten haben könnte. Nun gut, dann ziehe ich mich eben aus der öffentlichen Diskussion zurück. Einmal mehr habe ich mir die Finger verbrannt.

Mittwoch, 29.11.

Am Dienstag war ich mit Freundinnen einen Tag wandern. Es tat gut, Städte, Hügel und Wälder aus der Ferne und von oben zu betrachten. Während ich die Silhouette von Tel-Aviv am Horizont bestaune, wünsche ich mir so sehr, ich könnte Abstand halten, von allem, das abläuft. Das scheint von hier, auf diesem friedlichen Hügel und unter dem wunderschönen Olivenbaum, mit Blick auf die Küste Israels von Ashdod bis Herzliya, absolut umsetzbar.



Aber Wünsche sind eines, Realität etwas anderes. Wie soll ich Abstand halten, wenn Bekannte in Gaza stationiert und dem Inferno ausgesetzt sind? Wenn die Nachbarn über ihre ermordete Tochter trauern? Wenn Bekannte meiner Kinder als Geiseln in Gaza festgehalten werden? Jedes Mal, wenn ich mein Handy zur Hand nehme, springen mich die Gesichter und Geschichten der Betroffenen an. Wir sind leider alle mittendrin.

Donnerstag, 30.11.

Am Mittwochabend ging ich mit der Nachricht schlafen, dass die Feuerpause aufgehoben ist , weil Hamas für die abgesprochenen zehn nur sieben lebende und drei tote Geiseln übergeben will. Am morgen danach hingegen vernehme ich aus den Nachrichten, dass die Feuerpause doch verlängert wird, man hat sich über die Zahlen geeinigt. Was für ein Nerven zermürbender, vermaledeiter Deal! Die Manipulationen der Terrorgruppe sind ein grausames Spiel mit dem Leben der Geiseln und den Angehörigen. Was immer beschlossen wird – es ist zu unserem Nachteil und einfach nicht mehr auszuhalten. So viele Menschen werden immer noch festgehalten. Viele werden wahrscheinlich nie zurückkommen. Einige wurden von Zivilisten aus Gaza entführt und sind gar nicht mehr auffindbar. Andere sind vielleicht ihren Verletzungen erlegen oder wurden ermordet.

Heute Morgen ein Attentat in Jerusalem. Palästinenser erschiessen drei Menschen an einer Bushaltestelle. Aber hey, es sind ja nur drei, das ist im Vergleich zu 1.200 absolut nebensächlich. Da können wir gleich zur Tagesordnung übergehen.

Freitag, 1.12.

Seit heute Morgen früh hageln wieder Raketen auf Israel nieder. Zuerst nur im Süden, dann, im Laufe des Tages, ist das ganze Zentrum um Tel-Aviv unter Beschuss. Wir verschanzen uns zu Hause, in der Hoffnung, oder der Illusion, dass wir hier sicher sind. Noch immer werden fast 140 Israelis in Gaza festgehalten. Was wird jetzt, da die Feuerpause und der Geisel-Deal so offensichtlich zu Ende sind, mit ihnen geschehen?

Samstag, 2.12.

Sieben Todesanzeigen werden dieses Wochenende bekannt gegeben, von Israelis, die am 7. Oktober nach Gaza verschleppt und dann ermordet worden sind, wie man aufgrund von Aussagen der Freigelassenen nun weiss. Sieben Familien, deren Hoffnungen nach 55 Tagen zerbersten und die nicht einmal einen Leichnam haben, den sie begraben können.

Unsere Kinder, die in Tel-Aviv leben, verbringen das Wochenende bei uns. Mit ihnen kommen unvermeidlich all die schrecklichen Storys und Nachrichten, die ich in den sozialen Medien zu vermeiden versuche und auch von ihren Freunden und Bekannte, die in Gaza statioiniert sind. Ich bringe beim Shabbatessen kaum einen Bissen runter. Die Gespräche sind gar nicht ermunternd, aber was soll man tun, sollen wir etwa über das Wetter reden?

Als ich schlafen gehe, vibriert mein Handy: Raketenalarm in Tel-Aviv. Das bedeutet, dass unsere Kinder, jetzt wieder in Tel-Aviv, Schutz suchen müssen. In vielen der älteren Häuser in Tel-Aviv gibt es keine Schutzräume. Den Bewohnern wird empfohlen, sich während dem Alarm in den Hauskorridoren aufzuhalten, die eventuellen Raketeneinschlägen am ehesten standhalten und wo auch die Gefahr von zersplitterten Fensterscheiben am geringsten ist. Etwa zehn Raketen feuert die Hamas auf Israels bevölkerungsdichtestes Gebiet ab. Zum Glück können die Raketen vom israelischen Iron Dome vernichtet werden, bevor sie einschlagen, sonst sähe Tel-Aviv vielleicht ähnlich aus wie Gaza. In Holon gibt es Verletzte von herunterfallenden Trümmern. Auch im Norden feuert die Hisbollah immer stärker auf Israel. Die Detonationen in Tel-Aviv und Umgebung hört man bis hierher. Ich liege noch etwas wach, bis die lauten dumpfen Schläge vorbei sind, die Fenster nicht mehr wackeln und die Kinder in Tel-Aviv auf WhatsApp bestätigen, dass sie wieder in ihren Wohnungen sind, dann schlafe ich ein.