Donnerstag, 24. September 2026

Gedankenfetzen




Beim Morgenlauf durch den Hayarkonpark flattern ungeordnete Gedankenfetzen durch meinen Kopf, einer nach dem andern. Der Park ist zu dieser frühen Stunde wunderschön. Das Licht liegt golden auf dem Yarkon, Bäume spiegeln sich im glatten Wasser. Hunde werden spazieren geführt. Hübsche junge Menschen ziehen joggend ihre Runden. 

Was für ein Ort! Was für eine Stadt! 

Tel-Aviv könnte es leicht mit Barcelona, Nizza oder Rom aufnehmen. Sonne, Meer, Restaurants, Kultur, originelle Lokale, Nachtleben, Lebenslust. Schicke, herzliche, humorvolle Menschen. Liberalität und Modernität. Fortschritt, Lust am Neuen, Erfindergeist, Hightech.

Gut, bei italienischer Pasta müssen wir passen – aber niemand ist perfekt.

Doch Israel ist für den internationalen Tourismus alles andere als „in“. Die verdrehten Narrative, Brunnenvergifter- und Genozidmärchen haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Wer will schon im „Land der Kindermörder“ Urlaub machen?
Israel ist auf der Weltbühne in allen Bereichen – Politik, Kultur, Sport – zum ultimativen Feindbild avanciert. Das ist absurd, wenn man weiss und sieht, was hier wirklich los ist. Es macht mich zutiefst betroffen, traurig und ratlos.

Schade, denke ich – aber, na ja, selber schuld! Wer braucht schon diese wohlstandsverwöhnten Weltverbesserer und ihre Mitläufer, die ohne Ahnung von Geschichte und Kultur Urteile fällen? Ausserdem möchte ich diesen Park gar nicht mit Touristenmassen teilen. Deshalb kann Tel-Aviv gerne ein Insider-Tipp bleiben. Ein Ziel für die wenigen Reisenden, die die wahren Perlen zu schätzen wissen. Die selber denken können. Die Zivilcourage und Rückgrat haben und ausserdem das Herz auf dem rechten Fleck. 

Unser Vorteil! Und die anderen? Tant pis! Sollen sie sich doch in Kreta und Mallorca gegenseitig auf die Füsse treten. Sie verpassen etwas und werden es nie wissen!

Der Yarkon glitzert. Farbige Vögel steigen aus dem Schilf und fliegen davon. Einige thailändische Arbeiter stehen angelnd am Ufer. Sie wünschen mir freundlich einen guten Morgen. Die Sonne steht inzwischen etwas höher. Ich laufe weiter. Man muss beim Laufen nicht jeden Faden zu Ende spinnen. Noch gut zwei Kilometer, dann bin ich am Meer.


Ein Samstagabend in Tel-Aviv



Dienstag, 22. September 2026

Yom Kippur

Der Yarkon




Am Anfang dieser Woche haben wir Yom Kippur gefeiert. An diesem Versöhnungstag bitten Juden um Vergebung für die Fehler des vergangenen Jahres. Sie verbringen den Tag mit Gebet, Selbstreflexion und Fasten, um versöhnt mit sich selbst, ihren Mitmenschen und Gott in das neue Jahr einzutreten. In Israel hat Yom Kippur darüber hinaus eine ganz besondere gesellschaftliche Bedeutung. Der Verkehr kommt nahezu vollständig zum Erliegen, Geschäfte bleiben geschlossen, und eine ungewohnte Stille legt sich über das Land. Besonders auffallend sind die Scharen von Kinder, die nun mit Fahrrädern die sonst so belebten Strassen erobern. Kinder jeden Alters – und in Tel-Aviv auch erstaunlich viele Erwachsene – fahren kreuz und quer durch die Stadt. Entsprechend viele Unfälle passieren leider auch, und die Rettungsdienste haben alle Hände voll zu tun.

Viele Jahre verbrachte ich diesen Tag in unserem Dorf damit, meinen radfahrenden Kindern hinterherzurennen, immer bemüht, grössere Katastrophen zu verhindern. Inzwischen sind die Kinder erwachsen, und das Dorf ist für mich ein wenig zu ruhig geworden. Deshalb beschliessen Lianne und ich, die Familienmitglieder, die das Fasten besonders ernst nehmen, zu Hause zu lassen und den Feiertag in Tel-Aviv zu verbringen. Einen guten Grund hatten wir sogar: Wir wollten nach Sivan sehen, die ihren Geburtstermin inzwischen bereits um einige Tage überschritten hatte. Dass ihre Wohnung nur wenige Gehminuten vom Strand und direkt am Yarkonpark liegt, machte diese Fürsorgeaufgabe ausgesprochen angenehm.

Am Sonntagabend war ich allerdings todmüde. Während die Jüngeren zu Fuß durch die autofreie Stadt zum Dizengoffplatz zogen – dem Ort, an dem man an diesem Abend offenbar einfach sein muss –, ging ich früh schlafen. Schliesslich hatte ich einen Plan für den nächsten Morgen.

Kurz vor sieben Uhr überquerte ich die wenigen Meter Rasen vor der Wohnung zum Yarkon und begann meinen Lauf. Die Sonne war eben aufgegangen und tauchte den Park in ein sanftes, goldenes Licht.

Der Yarkonpark, Tel-Avivs „Central Park“, ist ein besonderer Ort, der mich immer wieder aufs Neue begeistert. Im Westen, nahe der Mündung ins Meer, gibt es Ruderclubs, Spielplätze, Sportanlagen und Cafés. Doch je weiter man nach Osten läuft, desto ursprünglicher wird die Landschaft. Der Fluss schlängelt sich durch üppiges Grün, und breite Asphaltwege wechseln sich mit schattigen Naturpfaden ab. Auch die für Israel eher ungewohnt gut ausgebaute Infrastruktur ist erstaunlich: Überall gibt es Trinkbrunnen, öffentliche Toiletten und die obligatorischen Defibrillatoren.

Am Flussufer begegnete ich Hundebesitzern, Joggern, Spaziergängern und einigen Fischern. Freche Enten machten es sich an der Böschung gemütlich, und ich entdeckte sogar zwei Schakale, die ihre Scheu vor den Menschen offenbar aufgegeben hatten. Schilf und Palmen spiegelten sich im stillen Wasser. Kurz vor dem See rauschte das Wasser über einen kleinen Wasserfall.

Ich lief und lief. Überwältigt von der magischen Morgenstunde. Fasziniert von diesem Park mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus Natur und schickem, urbanem Leben. Dann überquerte ich die Brücke vor dem See und machte mich auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses auf den Rückweg.

Als ich schliesslich wieder bei meinem Ausgangspunkt ankam, war ich nicht nur von diesem lebendigen und schönen Park begeistert, sondern auch ein wenig stolz auf mich selbst. Immerhin bin ich noch so gut im Schuss, dass ich mehrere Kilometer am Stück laufen kann. Beschwingt und voller Energie startete ich in den Tag.

Aussicht vom Balkon in Tel-Aviv


Die Lage dieser Wohnung ist wirklich kaum zu übertreffen. Und hoffentlich werden Sivan und unser Schwiegersohn schon bald den Park für Spaziergänge mit einem gesunden Baby nutzen können.

Als die Jungmannschaft gegen Mittag endlich aus ihren Betten gekrochen war, machten wir noch einen Spaziergang – im Park! Inzwischen war es allerdings heiss geworden, und man musste ständig aufpassen, nicht von einem der zahllosen Fahrradfahrer über den Haufen gefahren zu werden. Also zogen wir uns bald wieder in die angenehm kühle und ruhige Wohnung zurück.

Zum Ausklang des Feiertages wollten wir zum Kikar Atarim gehen. Tel-Aviv ist als das nichtreligiöse Pendant zu Jerusalem bekannt, doch an Yom Kippur finden auf diesem Platz an der Strandpromenade jedes Jahr grosse öffentliche Gebete statt. Selbst Menschen, die sonst nie in eine Synagoge gehen, suchen an diesem Tag - dem wichtigsten jüdischen Feiertag - auf irgendeine Weise die Verbindung zu Tradition, Spiritualität und Gemeinschaft.

Wir gingen zunächst zum Strand und dann am Wasser entlang nach Süden. Die Sonne stand bereits tief und versank schliesslich als leuchtend rote Kugel im Mittelmeer. Sivan lief barfuss durch den Sand. Die Stimulation der Fussreflexzonen und das Gehen auf unebenem Untergrund sollen angeblich Wehen fördern. Ob es stimmt, sei dahingestellt. Bis jetzt gibt es jedenfalls keine Neuigkeiten.

Am Kikar Atarim warteten bereits Hunderte Menschen auf das abschliessende Ne'ila-Gebet und das traditionelle Schofarblasen. Die Stimmung war ansteckend: gelöst, fröhlich, festlich und spirituell. Hier, direkt am Meer, schienen sich die sonst immer zerstrittenen Israelis für einen Augenblick zusammenzufinden – verbunden durch ihr gemeinsames Schicksal, durch die Hoffnung auf Vergebung und durch den Wunsch nach besseren Zeiten.

Nach dem Gebet löste sich die Menschenmenge langsam auf. Die Betenden strömten nach Hause, wo nach dem langen Fasten endlich wieder getrunken und gegessen werden durfte.




Auf dem Heimweg dachte ich über diesen ungewöhnlichen Tag nach: Gut gelaunte Familienmitglieder, ein roter Sonnenuntergang über dem Mittelmeer, Barfussgehen im Sand, Gebete unter freiem Himmel, die verbindende Atmosphäre, der Klang des Schofars - Gesegneter als nach diesem Tag kann mein Enkelkind wohl wirklich nicht zur Welt kommen.





Donnerstag, 17. September 2026

Warten auf den Anruf



Es sind aufregende Zeiten. Vieles ist los, vieles steht bevor, im Privaten wie auch im Weltgeschehen. Wer die Nachrichten verfolgt, muss zum Schluss kommen, die Welt sei aus den Fugen geraten. Die Spirale aus Hass und Irrsinn spitzt sich weltweit so rasant zu, dass es ruhig geworden ist in meinem Blog und auch bei vielen meiner Bloggerkolleginnen. Manche Entwicklungen machen sprachlos.

Doch trotz all dem Lärm und den bedrückenden Schlagzeilen gibt es für mich viele erfreuliche Aussichten. Das hilft, den negativen Trubel um mich herum auszublenden. Vielleicht ist es auch eine bewusste Entscheidung, worauf man seinen Blick richtet.

Mit Erfreulichem meine ich nicht nur die Feiertage, von denen das Neujahrsfest bereits hinter uns liegt. Es sind persönliche Ereignisse, die mich optimistisch stimmen und mich gerade mit grosser Neugier auf das erfüllen, was vor mir liegt.

Itay, der vor einiger Zeit die Schweiz zu seinem festen Wohnsitz gemacht hat, verbringt seit Anfang September zwei Monate in Israel. Wir geniessen seine Anwesenheit. Wie es danach für ihn weitergehen wird, ist noch offen.
Lianne wiederum richtet gerade ihre erste Wohnung in Universitätsnähe ein. Sobald alles bereit ist, wird sie dort gemeinsam mit zwei Freundinnen in einer WG wohnen. Dann werden die drei Kinderzimmer in unserem Haus leer stehen. Wieder endet ein Kapitel, während das nächste bereits beginnt.

Und - noch etwas weiter entfernt, doch unverkennbar näherrückend, hat sich mein bevorstehender Renteneintritt in mein Blickfeld geschoben. Die Zeit bis dahin schrumpft. Der Countdown läuft.

Ausserdem stehen noch einige weitere persönliche spannende Neuigkeiten bevor, über die ich im Moment nicht öffentlich schreiben möchte.
 


Und dann gibt es noch ein Ereignis, das alles andere in den Schatten stellt: Wir warten auf unser erstes Enkelkind. Ich denke oft an die Tage vor der Geburt meines ersten Kindes. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie grundlegend sich mein Leben verändern würde. Heute geht es mir ähnlich. Ich kann noch nicht wirklich erfassen, was die Geburt eines Enkelkindes für mich bedeuten wird. Im Moment gerade ist die Spannung kaum noch auszuhalten. Jede Minute kann es losgehen.

Weniger erfreulich sind die täglichen Schlagzeilen und die antisemitischen Ausfälle im Ausland. Der Palästina-Aktivismus ist zu einem absurden Religionsersatz geworden – rational nicht zu erklären. Die bevorstehenden Wahlen sorgen für zusätzlichen Lärm auf der innenpolitischen Bühne. Ehrlich gesagt rechne ich auf diesem Gebiet nicht mit grundlegenden Veränderungen.
Doch das permanente Getöse geht mir zutiefst gegen den Strich. Meine Schweizer Seele sehnt sich nach Normalität und weniger Aufgeregtheit. Nach Problemen, die vielleicht knifflig, aber letztlich gewöhnlich und vielleicht sogar lösbar sind. Nach Problemen, die nicht mit Krieg, Pogromen, Trauma und Judenhass zu tun haben.

Liannes neuer Nebenjob bringt diese Sehnsucht rasch wieder auf den Boden der Realität. Sie begleitet ein elfjähriges Mädchen aus Kfar Aza, das den 7. Oktober überlebt hat. Die Familie lebt noch immer als Evakuierte fern ihres niedergebrannten Kibbutz. Was Mutter und Tochter über jene Stunden erzählen, geht unter die Haut. Horrorgeschichten aus erster Hand, die in unserem Alltag immer präsent sind.

Zum Glück gibt es den Garten. Die große Hitze lässt langsam nach, und morgens kann ich wieder mit einer Tasse Kaffee draussen sitzen. Während die Mangos reifen und ab und zu eine vom Baum fällt, freue ich mich über Momente der Ruhe und Normalität.
Dass der Mangobaum inzwischen den ganzen Garten überschattet und jeder Kontrolle entgleitet, ist zwar ebenfalls ein Problem. Aber ich übe mich darin, mich weder über den Baum noch über die Hasstiraden in den Medien allzu sehr aufzuregen – mit unterschiedlichem Erfolg.

Neben dem Stricken der Babyausstattung habe ich gerade ein wunderbares Buch zu Ende gelesen: Grossmama packt aus von Irene Dische. Es ist eines von den Büchern, bei denen man das Lesen der letzten Seite hinauszögern möchte. Selten habe ich eine Familiengeschichte gelesen, die vor einem so tragischen historischen Hintergrund spielt und dennoch so witzig und hochkomisch erzählt wird. Die ungewöhnliche Erzählperspektive und der feine Witz haben mich begeistert. Immer wieder staune und schmunzle ich über bestimmte Textabschnitte, die ich gerne hier wiedergeben würde. Doch das würde zuviel – also bitte selber lesen! Ich werde jedenfalls gleich nach dem nächsten Buch von Irene Dische Ausschau halten. Und Wolle für das nächste Babyprojekt ist auch schon bestellt.





Dienstag, 18. August 2026

Hier und dort


Vor einiger Zeit lernte ich in einem kleinen Ferienort in Graubünden eine äusserst beeindruckende Einrichtung kennen: einen rund um die Uhr geöffneten Selbstbedienungsladen. Damit meine ich nicht etwa einen landwirtschaftlichen Selbstbedienungsstand, an dem man Eier, Käse und Kartoffeln kaufen kann. Nein, es handelt sich um einen richtigen Laden mit mehreren Gängen, Kühlregalen, Frischwaren, einer modernen Selbstbedienungskasse – ohne Personal. Die Dorfbewohner und registrierte Feriengäste besitzen einen elektronischen Chip, mit dem sie das Geschäft zu jeder Uhrzeit betreten können. Wenn man also morgens um drei Spaghetti kochen möchte, aber der Parmesan oder ein guter Rotwein fehlen – marschiert man zum Laden, nimmt, was das Herz begehrt, scannt die Ware ein und bezahlt.

Das Sortiment ist erstaunlich vielfältig und die Ware immer frisch. Der Laden ist makellos sauber. Die Regale ordentlich. Nichts liegt herum. Die Kassen sind benutzerfreundlich und funktionieren tadellos.
Die Idee ist verblüffend einfach. Sie basiert auf der revolutionären Annahme, dass erwachsene Menschen sich wie erwachsene Menschen benehmen. 

Die Schweizer verstehen, dass es wenig klug wäre, eine Einrichtung zu sabotieren, die ihnen das Leben leichter macht. Im Grunde basiert ein erstaunlicher Teil der Schweizer Gesellschaft auf derselben Erkenntnis: Wer anderen mit Respekt begegnet und Gemeingut achtet, profitiert am Ende selbst davon und schafft damit genau die Gesellschaft, in der man gerne lebt.

Auch der Quartierladen in meinem Dorf in Israel ist gewissermassen ein Spiegelbild der Gesellschaft. Entsprechend folgt er einer völlig anderen Logik. 

Das Abenteuer beginnt bei der Parkplatzsuche. Die wenigen vorhandenen Parkplätze sind grundsätzlich besetzt. Die Strasse vor dem Laden wird von Liefercamions und wartenden Fahrzeugen blockiert, deren Fahrer auf eine freie Parklücke hoffen. Hat man es geschafft, aus dem Auto auszusteigen, erwartet einen im Inneren des Geschäfts ein Labyrinth aus Kisten, Paletten und Gabelstaplern. Dazwischen manövrieren Kunden mit gekonnter Routine ihre Einkaufskörbe durch das Hindernisfeld und ergattern, über Kartons kletternd und auf Regale steigend, die gewünschte Ware. Der erste Gesamteindruck ist eine Mischung aus unmittelbar bevorstehendem Erdbeben, Regierungswechsel oder Raketenalarm.

Das Zentrum des unübersichtlichen Systems bildet eine ältere Kassiererin jemenitischer Herkunft. Während sie Waren scannt, Geld kassiert und Reklamationen bearbeitet, erteilt sie mit beeindruckender Lautstärke Anweisungen an die Angestellten des Ladens. Dies erfolgt meist unter Einbezug der Kunden, die, wenn nötig, beim Um-, Auf-, oder Wegräumen der Waren ebenfalls Hand anlegen müssen. Unter diesem resoluten Kommando arbeitet eine Einsatztruppe, die jedem internationalen Krisenteam zur Ehre gereichen würde: temporär angestellte Studentinnen aus dem Dorf, muslimische Verkäuferinnen, ein thailändischer Gemüseeinräumer und der Mann an der Fleischtheke, dem „Krisenmanager für alles“. Die meisten von ihnen sprechen wenig bis gar kein Hebräisch, die Kassiererin dafür einige Worte Arabisch. Unter ihrer Fuchtel steht auch der eigentliche Filialleiter, der meistens mit verschiedenen Listen in den Händen etwas verloren herumsteht. Das ganze flotte Grüppchen führt irgendwelche von der Kassiererin angeordneten Spezialeinsätze durch – oder steht rauchend und plaudernd vor dem Laden.

Während im Selbstbedienungsladen in der Schweiz auf wundersame Weise immer alles bestens aufgeräumt scheint, obwohl kein Personal zu sehen ist, arbeiten hier etwa zehn Personen – und die Unordnung ist katastrophal.
Die Kundenschlange an die einzige Kasse reicht bis tief ins Innere des Ladenlabyrinths. Die Wartenden erzählen von der Hochzeit einer Cousine, von einer Tante im Krankenhaus, vom Werdegang ihrer Kinder, die einst gemeinsam den Kindergarten im Dorf besuchten. Der jungen Frau, die es eilig hat rechtzeitig zur Krippe zu gelangen, gibt man den Vortritt – und dann auch noch den fünf Kindern, die zusammen ein paar Süssigkeiten kaufen. Unterdessen rennt der Erste in der Schlange noch einmal zurück in den Hindernisparcours, weil eben seine Frau angerufen und noch Paniermehl angefordert hat. Und wenn man besonders viele Einkäufe gemacht hat, trägt einem jemand aus der internationalen Einsatztruppe die Taschen zum Auto.

Einmal pro Woche findet der Schuk Schlischi statt, der Dienstagsmarkt. Dann rollen mehrere Lastwagenladungen frischer Früchte und Gemüse an. Das Ladenlabyrinth sprengt seine Grenzen, breitet sich über den Vorplatz aus und reicht bis auf die Strasse. Mit jedem zusätzlichen Stand wächst das Chaos ein wenig mehr – zur sichtlichen Begeisterung der Kundschaft, die sich über knackfrische Ware zu besonders günstigen Preisen freut.

Nach allen Regeln moderner Betriebsführung hätte der Laden längst kollabiert sein müssen, aber durch ein Wunder menschlicher Improvisation, guten Willens und Eigeninitiative funktioniert er irgendwie trotzdem.

Ich könnte nicht sagen, was ich mehr schätze: das israelische Chaos oder die Schweizer Lebensqualität. Am schönsten ist es, wenn man beide Welten geniessen kann, ohne die andere zu verurteilen.




Montag, 10. August 2026

700 Jahre später



Zur schönen Stadt Basel habe ich eine besondere Beziehung. In einem Provinzdorf aufgewachsen, zog mich Basel als Zwölf- oder Dreizehnjährige als „grosse Stadt“ magisch an. Später ging ich dort vier Jahre zur Schule. In Basel erlebte ich erste Lieben, erste Enttäuschungen und einige nicht ganz erfolgreiche Versuche höherer Bildung.
Auch heute führen mich meine unzähligen Schweizreisen dorthin und ich entdecke dabei die Stadt immer wieder neu. Obwohl ich bald vierzig Jahre im Ausland lebe, fühle ich mich in Basel zuhause.

Vor einigen Jahren hatte ich zudem die Gelegenheit, geschäftlich nach Basel zu reisen. Ich logierte in Hotels, die ich mir privat nicht leisten würde, und betrachtete die Stadt durch die Augen amerikanischer und israelischer Arbeitskollegen. Auf einer dieser Geschäftsreisen nahm ich sogar an einer Stadführung auf Englisch teil und lernte dabei überraschenderweise wieder viel Neues.

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Nur dass sich in Basel im Jahr 1349 ein Judenpogrom ereignet hatte, wusste ich nicht. Als ich rein zufällig in einem historischen Roman darauf stiess, erschütterte mich die Geschichte. Nicht nur wegen der historischen Fakten. Sondern weil die Gräueltaten an genau den Orten stattfanden, die mir so vertraut sind: In der Basler Altstadt. Hier, in diesen Gassen, auf diesen "Bsetzischtei", haben Menschen – vermutlich Menschen wie du und ich – von absurden Anschuldigungen und von der Masse getrieben, unschuldige Mitbürger zusammengepfercht und in den Flammen getötet.

Damals wütete in Europa die Pest. Innerhalb weniger Jahre starb schätzungsweise etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Menschen suchten nach Erklärungen für das Unfassbare. Und sie fanden einen Schuldigen.
Die Juden.
Man beschuldigte sie, Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben.

Ich befrage ChatGPT nach dem historischen Hintergrund:

Im Jahr 1349, während der Pestepidemie, wurden die Juden von Basel fälschlicherweise beschuldigt, die Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben. Unter dem Einfluss von Angst, Gerüchten und bereits bestehendem Antijudaismus beschloss die Stadtführung, gegen die jüdische Gemeinde vorzugehen. Am 9. Januar 1349 wurden zahlreiche Basler Juden (etwa 600 Menschen) auf einer Rheininsel in einem eigens errichteten Holzgebäude eingeschlossen und verbrannt. Die jüdische Gemeinde wurde anschließend aus Basel verbannt.
Heute gilt das Basler Judenpogrom als eines der schwersten antijüdischen Gewaltverbrechen im deutschsprachigen Raum während der Pestverfolgungen.

Zusätzlich zum Hintergrund liefert ChatGPT auch gleich eine aktuelle historische Bewertung mit, die lautet: 
  • Es gibt keinerlei Beweise, dass Juden Brunnen vergifteten.
  • Die Anschuldigungen entstanden aus Angst, Gerüchten und unter Folter erzwungenen Aussagen.
Die Anschuldigungen von damals wirken aus heutiger Sicht tatsächlich absurd. Doch die Geschichte zeigt, wie gefährlich es wird, wenn Angst wichtiger wird als Fakten. Dann kann kein noch so überzeugendes Argument die Vorwürfe aufhalten.

Seit Jahrhunderten werden Juden nicht wegen dem gehasst, was sie tun, sondern wegen dem, was man ihnen unterstellt: Sie seien Kindermörder, Weltverschwörer, Brunnenvergifter.

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Einige Jahrhunderte, zahllose Pogrome und einen Holocaust später, lässt mich ein reisserischer Artikel von SRF News das abendliche Scrollen in den sozialen Medien abrupt unterbrechen: Israel, so heisst es dort, vergifte die Böden seiner Nachbarländer.

Absurde Lügen oder falsche Tatsachen von Privatpersonen überraschen mich in den sozialen Medien nicht mehr. Manifestationen des Hasses sind inzwischen leider selbstverständlich geworden. Auch bei SRF ist es nicht das erste mal, dass ich entsetzt auf eine Schlagzeile starre. Und doch schockiert mich der Artikel, denn – verdrehter kann man einfach nicht mehr berichten. Und SRF ist immerhin das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen der Schweiz!

Die Wortwahl und die scheinbar mühelose Selbstverständlichkeit der Behauptungen erschrecken. Sie wecken Erinnerungen an ein Muster, das wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Behauptungen werden verbreitet, bevor Fragen gestellt werden. Narrative setzen sich fest, ohne Fakten zu prüfen.
Die alte Mär vom brunnenvergiftenden Juden – nur etwas modernisiert.

Dabei verliert SRF bereits in der ersten Zeile an Glaubwürdigkeit, indem es „Palästina“ zu einem „Nachbarland“ Israels macht. Welcher Weltkarte man das wohl entnehmen kann?

Ich nehme an, dass die meisten Medienkonsumenten solche „Informationen“ unbewusst aufnehmen und achselzuckend weiterscrollen.

Mich hingegen lassen sie nicht los.

Vielleicht wird irgendwann in ferner Zukunft ein ChatGPT ausspucken: 
  • Es gibt keinerlei Beweise, dass Israel (sprich = Juden) im Jahr 2026 die Böden seiner Nachbarländer vergiftetete.
Aber was wird bis dahin noch geschehen?

Zum Glück gibt es einige Menschen, die nicht einfach blind der Herde folgen. Menschen, die Fragen stellen, nach Quellen suchen und auch Widerspruch äussern. Meine Bloggerkollegin Schreibschaukel hat einen Brief an das SRF verfasst. Es ist nicht der erste, und auch dieser wird vermutlich nicht die Welt verändern. Aber ich bin dankbar für Menschen, die Fragen stellen, Quellen prüfen und den Mut haben, für ihre Überzeugung einzustehen, wenn die Masse längst weiterzieht.




 



Montag, 3. August 2026

Das Glück, am richtigen Ort geboren zu sein

Für diese Tage sind auch bei uns extrem hohe Temperaturen angekündigt. Wirklich aussergewöhnlich ist das allerdings nicht. Im Juli und August gehören 34 oder 35 Grad zum Alltag. Da es auch nachts kaum abkühlt, läuft die Klimaanlage rund um die Uhr. Jeden Morgen versuche ich etwas zu „lüften“, doch das bereue ich jeweils schnell.
Jeder Gang nach draussen will gut überlegt sein. Outdoor-Aktivitäten verschieben wir – wie jedes Jahr – auf die kühleren Monate.

Am Freitagabend kommen Sivan und Joni zum Schabbatessen. Ich habe mehrere Gerichte gekocht, meine Schwiegermutter bringt ihr traditionelles irakisches Fischgericht mit. Die Gespräche drehen sich fast ausschliesslich um Sivans immer runder werdenden Schwangerschaftsbauch. Wir sprechen über Kinderwagen, Karriereansprüche, Rollenverteilung, und über all die Pläne, die werdende Eltern schmieden. Sie wissen noch nicht, dass nach der Geburt des ersten Kindes alles anders sein wird.

Trotz der entspannten Stimmung lassen mich die aktuellen Nachrichten aus der spanischen Exklave Ceuta nicht los. Zehntausende Menschen aus Nordafrika haben versucht, schwimmend die Grenze zu dem winzigen spanischen Territorium zu überwinden. Manche haben Schwimmreifen dabei, sie schwimmen in Unterwäsche oder ihren Kleidern. Die Bilder zeigen erschöpfte junge Männer, die barfuss und mittellos an Land kommen. Die Grenze bricht faktisch zusammen. In Ceuta wird der nationale Notstand ausgerufen. Es gibt erste Berichte, dass Menschen im Meer ertrunken sind. In den Medien folgen umgehend Debatten über Migration, Grenzen und Souveränität.

Ein kurzes Interview erschüttert mich besonders. Ein vielleicht sechzehnjähriger Marokkaner sagt in gebrochenem Englisch: "Marokko … schlecht. Keine Arbeit. Kein Geld. Keine Hoffnung." Als er erfährt, dass die Ankommenden wieder nach Marokko zurückgeschickt werden, weicht der kurze Hoffnungsschimmer sichtbar der Verzweiflung. Auf die Frage nach seiner Familie erzählt er, dass seine Mutter ihn in seinem Vorhaben – der Flucht – unterstützt habe.
Dieser Satz trifft. Wie hoffnungslos muss eine Mutter sein, um ihren kaum erwachsenen Sohn auf so einen Weg zu schicken – ahnend, dass sie ihn vielleicht nie mehr wiedersehen wird? Offenbar erscheint selbst diese Möglichkeit erträglicher als die Zukunft, die ihn zu Hause erwartet.

Zum Dessert essen wir eine fantastische Crèmeschnitte.

Unser Abend wird zusätzlich von der Nachricht überschattet, dass Jonis Vater in Athen einen Motorradunfall hatte. Zum Glück ist er nicht lebensgefährlich verletzt. Zum Glück hat er eine Familie, die es sich leisten kann, am nächsten Tag spontan hinzufliegen.

Während ich diese Zeilen schreibe, dürften die meisten Menschen aus Ceuta bereits wieder nach Marokko abgeschoben worden sein. Zurück in ein Leben, das sie verzweifelt hinter sich lassen wollten. Zurück in ihrem perspektivenlosen Alltag, mit zerschlagenen Hoffnungen. Die Zahl der Ertrunkenen steigt noch. Die Bilder aus Ceuta und die Hintergründe, die zu solchen humanitären Katastrophen führen, beschäftigen mich zutiefst.

Die Menschen in Nordafrika handeln aus Ohnmacht. Auch Staaten können ohnmächtig sein, wenn Ereignisse ausser Kontrolle geraten. Auch ich fühle mich ohnmächtig.
Doch eines bleibt uns: Mitgefühl zu bewahren und Menschen zu bleiben.

Unser grösstes Privileg ist letztlich nichts, was wir uns verdient hätten. Ob wir an einem Freitagabend gemütlich mit der Familie Crèmeschnitte essen oder uns auf der verzweifelten Suche nach einer besseren Zukunft in die Wellen stürzen, hängt letztlich allein davon ab, auf welchem Fleck dieser Erde wir geboren werden.







Samstag, 1. August 2026

Park Nitzan

Bald ist es drei Jahre her, dass Nitzan und ihr Verlobter Lidor von Hamas-Terroristen in einem der "Miguniot HaMawet" brutal ermordet wurden. Sie hatten am Nova-Festival teilgenommen und versuchten, sich im Morgengrauen dieses Tages, der alles veränderte, vor den Terroristen aus dem Gazastreifen in Schutz zu bringen. Über diese schrecklichen Ereignisse habe ich in mehreren Beiträgen geschrieben, unter anderem in Nitzan und in Immer wieder der 7. Oktober. 

Die Familie von Nitzan hat gemeinsam mit unserer Gemeindeverwaltung und verschiedenen Organisationen über lange Zeit und mit viel Hingabe daran gearbeitet, den Park in unserem Dorf Nitzan zu widmen.

Der grosse Park bietet weitläufige Grünflächen, ein Basketballfeld, ein Freiluft-Amphitheater, Fitnessgeräte und einen vielfältigen und abwechslungsreichen Kinderspielplatz. Jetzt sind noch mehrere grosse Musikinstrumente hinzugekommen, die an die Liebe zur Musik erinnern, die Nitzan mit den vielen jungen Menschen teilte, die das Nova-Festival besuchten.

In dieser Woche nahmen wir an der feierlichen Neu-Einweihung des Parkes teil. Sie fand am Tu Be’Av statt, dem jüdischen Fest der Liebe. Gemeinsam mit Hunderten weiteren Menschen kamen wir zusammen, um Nitzans zu gedenken. Und wie es sich für einen Park gehört, waren auch Hunderte Kinder dabei.

Israel ist ein ausgesprochen kinderfreundliches Land. Die Generation meiner Kinder – die Generation von Nitzan – hat heute meist bereits selbst kleine Kinder. Während des Anlasses rannten sie über die Wiesen, kletterten auf die Spielgeräte und spielten und lachten zwischen den versammelten Familien. Wie so vieles in Israel folgte auch dieser Anlass keiner strengen Ordnung; sondern war vielmehr ein heiteres, lebendiges Gewusel. Das Leben, das weitergeht stand im Vordergrund – nicht die Tragödie.

Bevor das Denkmal zu Ehren von Nitzan enthüllt wurde, schlossen ihre Eltern ihre Ansprache mit den Worten:
„An diesem Ort wird unsere gesamte Gemeinschaft nach Liebe, Frieden und Hoffnung streben – so, wie Nitzan es sich gewünscht hätte.“



Die "Miguniot HaMawet" sind Beton-Unterstände an Bushaltestellen in der Grenzregion zu Gaza, welche am 7. Oktober 2023 zum Schauplatz blutiger Massaker wurden. Das prägte den neuen hebräischen Ausdruck, Bunker des Todes.

Die Unterstände waren vor Jahren im Rahmen eines Kunstprojekts mit bunten Vögeln und anderen Motiven bemalt worden, um etwas Farbe und Hoffnung in die von Unsicherheit geprägte Region zu bringen. Einer dieser Vögel zierte auch Nitzans "Migunit".
Heute wacht genau dieser Vogel als Skulptur über das Nitzan gewidmete Denkmal, in unserem „Park Nitzan“.







Dienstag, 28. Juli 2026

Zwei Antworten auf dieselbe Frage

Im Thunersee zu schwimmen, auf dem sanft schaukelnden Floss zu liegen und in die Sonne zu blinzeln – das war das klare Highlight meines zweiwöchigen Schweiz-Urlaubs. Die Bucht am See ist ein echtes Juwel. Dass sie mit der wesentlichen Infrastruktur versehen wurde, frei zugänglich ist und von den Menschen respektvoll und friedlich genutzt wird, ist einer der Gründe, warum die Schweiz für viele wie ein Paradies wirkt. Das pure Glück, das ich auf diesem Stückchen Wiese und dem Floss empfunden habe, wird mir in Erinnerung bleiben.


An eine andere Begegnung werde ich mich ebenfalls erinnern - aus ganz anderen Gründen.
Wir waren im Oberengadin wandern. Auf 2,400 Metern Höhe zeigten sich die Berge von ihrer besten Seite. Tief unten glitzerten die Seen. Alle Sorgen der Welt schienen weit hinter dem Horizont zu liegen.

Unterwegs trafen wir auf ein Paar, das offensichtlich jüdisch war. Wir begrüssten sie mit einem „Shalom“, und sofort entwickelte sich ein Gespräch auf Hebräisch.
Sie erzählten uns, aus welcher Stadt in Israel sie kamen. Wir berichteten, wo wir in Israel leben. Wir wanderten ein Stück gemeinsam weiter und plauderten, bis sich unsere Wege trennten.
Meine Geschwister waren vorausgegangen und warteten an der Bergstation auf uns. Mein Bruder, ein standhafter Freund Israels, erzählte mir dort, dass auch er mit dem Paar gesprochen hatte. Allerdings auf Englisch. Dabei hatten sie ihm erzählt, sie kämen aus Südafrika. Das stimmte auch: Zumindest ursprünglich stammten sie von dort. Nur den Teil, dass sie heute in Israel leben, hatten sie ihm gegenüber weggelassen.

Die Begegnung beschäftigte mich noch lange. Dieser Angst plötzlich im Alltag zu begegnen – auf einem Wanderweg in den Schweizer Alpen – hat mich tief betroffen gemacht. Denn dieses Thema betrifft für mich nicht nur Fremde, sondern mich und meine eigene Familie.

Dass die Dinge so verlaufen sind, ist schade für alle Beteiligten, denen dadurch vielleicht ein interessantes Gespräch entgangen ist. Doch für uns ist es absolut verständlich.



Ich weiss nicht, ob ich die Situation richtig einschätze, doch ich denke, Juden sind in der Schweiz (noch) ziemlich sicher. Anders verhält es sich teilweise mit Israelis in Europa.
Viele Menschen haben sich inzwischen eine sehr eindeutige Meinung zum Nahostkonflikt gebildet. So eindeutig, dass für Zweifel oder Zwischentöne meist kaum noch Platz bleibt. Israelis geraten dabei schnell unter Generalverdacht.

Unser Sohn Itay hat seine Arbeit in Zürich unterbrochen und wird nun mit israelischen Kollegen reisen gehen. Man kann nicht israelischer aussehen als Itay (von meinen eigenen Genen scheint in seiner DNA jede Spur zu fehlen). Als Israeli erkannt zu werden, kann in einigen europäischen Ländern leider unangenehme Folgen haben. Im Gespräch suchen wir die Länder, in denen sich Israelis noch sicher fühlen. Um sie aufzuzählen, reichen die Finger einer Hand.

Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Hass beschränkt sich nicht nur auf die Graffitis, die uns auf unseren Ausflügen in der Schweiz, in Deutschland oder auf Kreta von jeder Wand entgegenschlagen. In den vergangenen Monaten wurde immer wieder über Vorfälle gegen israelische Touristen berichtet: Beschimpfungen, Anfeindungen oder verweigerte Dienstleistungen.
Auch das israelische Außenministerium teilte mit, dass es vermehrt gemeldete antisemitische Vorfälle gegen Israelis im Ausland registriert habe. So zum Beispiel gerade erst kürzlich auf Kreta.

Ich weiss nicht, ob Menschen, die sich nicht für Israel interessieren, wahrnehmen, was sich in Europa für Israelis und für Juden verändert. Es ist völlig legitim, sich nicht für den Nahen Osten zu interessieren. Doch das Ausmass der Vorfälle und die Tatsache, dass Israelis Angst haben, ihre Herkunft zu erwähnen, kann man nicht mehr mit einem Schulterzucken beiseiteschieben.

In Gesprächen über Berge, das Wetter oder die Aussicht (und die Frage, ob auch andere Wanderer die 600 Meter Höhendifferenz beim Planen der Wanderung total übersehen haben), sollten sich Israelis nicht überlegen müssen, welche Teile ihrer Biografie sie lieber verschweigen. Diese Entwicklung ist höchst beunruhigend.

Die Wanderung war wunderbar, aber die zwei verschiedenen Antworten, die dieses Paar auf dieselbe Frage gegeben hat, haben mich irritiert und beschäftigt. Hoffentlich nicht nur mich.




Donnerstag, 23. Juli 2026

Ein Schälchen Brombeeren




Im Garten meiner Eltern wächst eine sieben Meter lange Brombeerhecke. Die noch längere Himbeerhecke ist inzwischen vertrocknet. Die Brombeeren dagegen wachsen  – nun, da das Haus leer steht – ungestört vor sich hin und tragen unzählige Früchte.

Für zwei Wochen ist das Haus unser Feriendomizil. Eigentlich steht es leer. Und doch ist es voller Leben.

Meine Eltern sind überall gegenwärtig. In den Gegenständen, die sie benutzt haben. In der Art, wie Dinge abgelegt wurden. Im Geruch, der noch in den Räumen hängt.

Mein Vater lebt inzwischen in einem Alters- und Pflegeheim. Von den Habseligkeiten, die ihn ein Leben lang begleitet haben, braucht er dort fast nichts mehr. 

Auf seinem Bett liegt noch ein getragenes Hemd. Auf dem Arbeitstisch wartet seit Monaten eine unvollendete Bastelarbeit auf ihren Schöpfer.

Die Kleider meiner Mutter sind weggeräumt. Trotzdem spüre ich auch ihre Anwesenheit.

Zu den festen Sommerritualen meiner Mutter gehörte das Einkochen von Früchten. Der große Garten lieferte reichlich Material für Konfitüren. 

Während meines Aufenthalts lockt mich das sonnige Wetter jeden Morgen vor dem Frühstück hinaus zu den Brombeeren. Die stacheligen Zweige hängen voller Früchte. Doch wie es die Art dieser Beeren ist, werden jeden Tag nur wenige von ihnen genau richtig reif. Gerade genug für ein kleines Schälchen zum Frühstück, jeden Morgen.

Beim Pflücken denke ich an meine Mutter. Wie hat sie es geschafft, ganze Töpfe voller Beeren einzukochen? Sammelte sie Tag für Tag eine Portion und wartete, bis genug zusammengekommen war?

Ich geniesse diese stillen Morgenstunden in der frischen Luft. Heute nennt man das wohl Entschleunigung.

Konnte meine Mutter das Beerenpflücken geniessen? Mit fünf Kindern, einem Ehemann, einem großen Garten und einem Haushalt war Entschleunigung vermutlich das Letzte, was sie brauchte. Wahrscheinlich hätte sie sich manchmal eher etwas Beschleunigung gewünscht.

Dieser Urlaub ist geprägt von Erinnerungen und Fragen. Ich öffne Schubladen, schaue in Schränke und stöbere durch Zimmer. Ich suche das Kind, das ich war. Meine Geschwister. Wie war das Leben meiner Eltern wirklich? Unser Leben als Familie?

Meine Eltern haben zu viele Dinge aufbewahrt. Als endlich Gedanken aufkamen, etwas zu räumen, waren sie zu müde.

Ich finde mindestens sechs "Chriesichratte". Unser Familienbüchlein mit den Stempeln des Zivilstandamtes und dem handschriftlichen Eintrag meiner Mutter mit unseren Geburtszeiten. Einige vergessene und doch so vetraute Kinderbücher. Meine Taufkerze.

Als die zwei Wochen zu Ende gehen, muss ich alles zurücklassen. Die Brombeerhecke. Das Haus. Die Erinnerungen.

Beim Wegfahren winke ich dem leeren Haus zu.
Zum ersten Mal winkt niemand zurück.







Donnerstag, 2. Juli 2026

Ein ganz normaler Julitag in Israel



Ehrlich gesagt, frage ich mich manchmal schon, warum ich das Leben in diesem verrückten Land überhaupt noch aushalte. Allein die riesigen Kakerlaken, die bei diesem feucht-heissen Wetter scharenweise aus jeder Ritze und jedem Winkel kriechen, wären Grund genug, das Weite zu suchen.

Über die Bedrohung durch Nachbarn, deren erklärtes Ziel unsere Vernichtung ist, möchte ich hier gar nicht erst schreiben. Die angespannte Lage und die ungewissen Zukunftsaussichten lassen sich ohnehin nur unter einer mentalen Schutzglocke ertragen.

Doch gestern gab es einen ganz anderen Grund, an meinem Dasein hier zu zweifeln: Die – wie soll man es nennen? – kollektive Verrücktheit.

Ich hatte in Tel-Aviv etwas zu erledigen. Eine Sache von höchstens einer Stunde, dachte ich. Danach in den Zug, und zum Ende der Mittagspause wäre ich wieder im Büro.
So der Plan.

Natürlich dauerte die Angelegenheit deutlich länger als erwartet. Als ich mich von Eyal verabschiedete, der mit unserem Auto zu Geschäftsterminen im Süden weiterfuhr, war ich bereits verspätet. Den Zug in zwei Minuten hätte ich trotzdem noch geschafft – wäre nicht der nördliche Bahnhofseingang aus unerfindlichen Gründen geschlossen gewesen. Kein Hinweisschild, keine Erklärung. Nur ein mürrischer Sicherheitsmann, der knapp verkündete: „Kein Eingang.“
Also quer über die Kreuzung, mehrere Häuserblocks entlang und hinauf zum südlichen Zugang. Dort erreichte ich den nächsten Zug immerhin rechtzeitig. Da ich inzwischen hungrig war, kaufte ich mir ein Sandwich. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.
Im Zug beschloss ich, gar nicht mehr ins Büro zurückzufahren. Ich würde bis Netanja weiterfahren und von dort ein Taxi nach Hause nehmen. So könnte ich wenigstens rechtzeitig zu meinen Nachmittagsbesprechungen erscheinen. Rückblickend war dies der entscheidende Fehler.

Genau zu dem Zeitpunkt, als mein Zug in Netanja einfuhr, fand die Beerdigung des bekannten Rabbiners Amos Guetta statt. Der ganze Weg vom Kolel, dem Studienzentrum des Rabbis in Netanja, bis zum ausserhalb der Stadt gelegenen Friedhof, war kurzerhand für den Trauerzug gesperrt worden. Die Zeitungen berichteten später von Tausenden Trauergästen, Strassensperrungen und massiven Verkehrsbehinderungen.

Mit anderen Worten: Die Hauptzufahrten nach Netanja waren gesperrt, rund um den Bahnhof fuhr weder Bus noch Taxi, und mein Zuhause lag sieben Kilometer entfernt auf der anderen Seite dieser verkehrstechnischen Katastrophe.
Ein Taxifahrer riet mir, die abgesperrte Zone zu Fuss zu umgehen und eine weiter östlich gelegene Bushaltestelle anzusteuern. Im Winter wäre das vielleicht sogar vernünftig gewesen. An einem Julinachmittag in Israel war es eine Tortur.

Ich marschierte los. Tausende religiöse Trauergäste kamen mir entgegen, später der Leichenwagen selbst, begleitet von einem beeindruckenden Polizeikonvoi. Ich wünschte dem ermordeten religiösen Oberhaupt in Gedanken ewige Ruhe und kämpfte mich weiter durch die Menschenmengen.
An der Bushaltestelle angekommen, stellte ich fest, dass dort – wie eigentlich schon geahnt – weder Busse noch Taxis auftauchten. Woher auch? Immerhin war ich meinem Zuhause ein wenig näher gekommen. Ich kaufte mir eine Flasche eisgekühltes Wasser und leerte sie in einem einzigen Zug.

Nach langer Zeit des Wartens stieg ich in den ersten Bus, der in östliche Richtung fuhr. Die Sitzgelegenheit und die fantastische Klimaanlage waren eine Erlösung. Leider fuhr der Bus nur zwei Stationen weit in meine Richtung. Also wieder aussteigen, weiterlaufen, weiterwarten. Irgendwann erreichte ich einen zweiten Bus, der mich zumindest bis zur grossen Kreuzung in der Nähe unseres Dorfes brachte.

Jetzt trennte mich nur noch ein letzter Kilometer Fussmarsch von meinem Ziel. Das scheint ein leichtes Unterfangen – bis man den Marsch in Jeans, geschlossenen Schuhen und mit Laptop-Rucksack auf dem Rücken unter der israelischen Julisonne zurücklegen muss. Ich war mir dessen nicht bewusst, aber selbst das Warten auf Grün an der Ampel ist für Fussgänger bei glühender Hitze ein Albtraum und brachte mich an den Rand einer Nahtoderfahrung.

Zweieinhalb Stunden nach meiner Abfahrt aus Tel-Aviv erreichte ich endlich unser herrlich kühles Zuhause. Schweissdurchnässt warf ich sämtliche Kleider in die Wäsche, duschte kalt und verzehrte fast eine ganze Wassermelone. Danach schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zur Besprechung mit meiner Vorgesetzten um fünf Uhr vor den Computer.

Heute habe ich mich von Ärger und Anstrengung wieder erholt und bin um eine – rückblickend durchaus komische – Erfahrung reicher.

Vielleicht ist genau das der Reiz dieses Landes: dass hier fast nie etwas einfach normal und unspektakulär verläuft. Es gibt Raum für Verrücktheit aller Art: für verrückte Religiöse, verrückte Queers, verrückte Rechte und verrückte Linke. Man ärgert sich übereinander, beschimpft sich gegenseitig – und am Ende lebt man doch wieder miteinander weiter.

Natürlich ist auch der Antisemitismus, der weltweit bedrohliche Ausmasse angenommen hat, ein Grund dafür, warum Viele bereit sind, in Israel Kriege, verrückte Menschen und allerlei Ungeziefer in Kauf zu nehmen.
Wenn ich wählen müsste zwischen mehrmals täglich Israel-Berichterstattung im Schweizer Radio & Fernsehen und gelegentlichen Begegnungen mit Kakerlaken – oder sogar Raketen aus dem Libanon, dem Jemen oder dem Iran – dann ist meine Wahl nach wie vor klar.

Vor einiger Zeit machte im Internet ein Artikel über den zunehmenden Antisemitismus in New York die Runde, der Woody Allen zugeschrieben wurde. Ein ernstes Thema, mit viel schwarzem Humor behandelt – also durchaus glaubwürdig. Später stellte sich jedoch heraus, dass der Text gar nicht von ihm stammte. Ob Woody Allen oder KI: Ein Satz daraus ist mir besonders geblieben:
„Was mir Angst macht, ist die Geschwindigkeit, mit der normale Menschen anfangen, so zu tun, als wäre nichts Besonderes los.“

Der aktuelle und wie immer bereichernde Blogbeitrag von Yupedia beleuchtet auch einige der historischen Hintergründe dafür, warum Menschen hier leben – und leben müssen. Der Artikel ist lang, aber lesenswert. Die sehr persönlichen Einblicke in Deutschland und Palästina der 1930er-Jahre lassen Geschichte auf eindrucksvolle Weise lebendig werden.

Bezauberndes Tel-Aviv




Mittwoch, 10. Juni 2026

Warten auf – Passionsfrüchte?




Am Sonntagabend wurden wir nach einigen Wochen relativer Ruhe (nur im Zentrum Israels, wohlgemerkt!) von Warnungen vor iranischen Raketenangriffen überrascht. Die Wirklichkeit klopfte an die Tür und erwartete sofortiges Umschalten.

Natürlich hätten es die meisten Israelis lieber gesehen, wenn unsere Feinde – Hamas, Hisbollah und Iran – endlich endgültig besiegt würden. Doch wir hatten uns schnell an die angenehme Ruhe gewöhnt. Nun sollten wir einfach an einem Sonntagabend vom Alltags- wieder in den Kriegs-Modus wechseln? Ich beschloss, mich nicht aufzuregen und ging ins Bett.

Erst am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, wurde ich unvermeidlich an die turbulenten Wochen zuvor erinnert. Die Straßen waren leer. Schulen geschlossen. Wo möglich, wurde wieder auf Homeoffice umgestellt. Die Büros wirkten geisterhaft verlassen. Alle vertrauten Zeichen einer Ausnahmesituation waren wieder da.

Alarme gab es in meiner Region keine. Und noch bevor meine Wahrnehmung bereit war, die neue Lage zu verarbeiten, war diese Eskalation schon wieder vorbei.

Lianne war über diesen denkbar unpraktischen Ein-Tages-Krieg besonders verärgert. Als Studentin ist der spärliche Lohn aus ihrer Arbeit an einer Schule die einzige Einnahmequelle. Bleibt er aus, muss sie die Eltern anbetteln. Ihre bescheidene Bitte an die zuständigen Mächte dieser Welt: Kriege dürfen gerne stattfinden – aber bitte nicht ausgerechnet montags oder donnerstags.

Für Sivan dagegen fühlte sich das Ganze fast wie ein Lottogewinn an. Genau an diesem Montag hätte eine wichtige Prüfung stattfinden sollen. Und zwar nicht irgendeine Prüfung, sondern ein Ersatztermin in einem besonders ungeliebten Studienfach. Nun fiel auch dieser aus, und ob die Prüfung noch stattfinden würde, steht in den Sternen.

Und ich? Ich hatte am Morgen noch ahnungslos unseren wunderschönen Garten fotografiert. Die Blumen, das Grün, die Früchte – ein Moment stiller Freude. Und nun – wenige Stunden später – wieder Alarmsirenen, Warnmeldungen und Schutzräume? Diese Art von Umstellung ist mir zu schnell. Ich brauche etwas Vorlaufzeit. 



Doch in den Strassen staut sich schon wieder der Verkehr, die Schulen sind geöffnet, die Büros besetzt. Offiziell sind wir wieder bei „alles normal“, doch tatsächlich ist alles in der Schwebe. Auch ich funktioniere nach aussen normal, doch unterschwellig ist eine starke Beklommenheit mein ständiger Begleiter.

Wie geht es weiter? Die Frage quält uns im Hintergrund. Da bleibt wohl nur die berühmte Vogel-Strauss-Taktik: Nicht vorausdenken. Am besten überhaupt nicht nachdenken. 

Unterdessen warte ich auf die Passionsfrüchte an unserer Hecke, die langsam reifen. Davon scheint es dieses Jahr sehr viele zu geben und ich liebe sie! Das sind doch beste Aussichten!








Montag, 1. Juni 2026

Familienferien auf Kreta




Über Schawuot reiste ich mit meiner Familie nach Kreta. Sogar Itay kam extra aus der Schweiz dazu. Dass dieser Satz heute so unspektakulär dasteht, täuscht allerdings gewaltig darüber hinweg, wie unwahrscheinlich diese Reise noch wenige Tage zuvor erschien.

Die Idee eines Familienurlaubs gab es schon lange. Doch angesichts des Krieges mit dem Iran und der ständig wechselnden Nachrichtenlage blieb sie zunächst genau das: eine Idee. Erst viel später als vernünftig – und entsprechend viel teurer als geplant – buchte ich schliesslich Flüge, Hotel und Mietwagen. Immerhin über ein israelisches Reisebüro, in der Hoffnung, dass bei einer allfälligen Eskalation wenigstens ein Teil der Kosten zurückerstattet würde.

Die Tage vor der Reise waren nicht von Vorfreude geprägt, sondern im Gegenteil – nervenzermürbend. Jemand hatte auf Instagram ein Reel veröffentlicht, das unsere Situation perfekt beschrieb: Vor im Hintergrund laufenden Nachrichten Koffer packen, Koffer wieder auspacken, Koffer erneut packen, und alles wieder von vorne. Im Stundentakt wechselten die Meldungen zwischen unmittelbar wieder ausbrechendem Krieg und angeblich kurz bevorstehendem Abkommen.

Wirklich entspannen konnte ich mich eigentlich erst, als wir wieder zu Hause waren. Für den Fall, dass wir nicht nach Israel zurückfliegen könnten, hatten wir sogar einen Plan B ausgearbeitet. Die Kinder waren von der Aussicht begeistert, eventuell einige Wochen in einem Fünf-Sterne-Hotel festzusitzen. Diese romantische Vorstellung musste ich allerdings rasch korrigieren. Sollte es tatsächlich so weit kommen, würden wir aus finanziellen Gründen wohl eher zu sechst in eine möglichst günstige Zweizimmerwohnung umziehen. Zum Glück blieb uns dieses Experiment erspart.

Der Urlaub selbst war fantastisch. Wir kehrten mit vielen neuen erfreulichen Erinnerungen im Gepäck nach Israel zurück. Der Krieg mit dem Libanon läuft zwar unverändert weiter, doch was den Iran betrifft, ist immer noch alles offen. Deshalb beginne ich jetzt bereits, mich um meine nächste Flugreise im Juli zu sorgen. Man lernt hier, immer auf alle möglichen Entwicklungen vorbereitet zu sein.

Kreta besitzt ohne Zweifel alles, was eine Mittelmeerinsel zum Ferienparadies macht: traumhafte Buchten, glasklares türkisfarbenes Wasser, beeindruckende Berge, Hügel und Schluchten. Die Natur ist spektakulär.

Kreta ist jedoch extrem touristisch. Was mich besonders störte, ist eine gewisse griechische Neigung, die touristischen Zentren mit viel Glanz und Dekoration herauszuputzen, während nur wenige Schritte dahinter der Zerfall beginnt. Abseits der Hauptstrassen befindet sich die Infrastruktur in erschreckend schlechtem Zustand. Die Parkplatzsituation ist chaotisch. Geh-, Wander- oder Velowege existieren gar nicht. Überall gibt es streunende Katzen und Hunde in mitleiderregendem Zustand. Sogar die "mondänste" Shoppingmeile in Heraklion macht einen schäbigen Eindruck. Das in wunderschöner Umgebung liegende Bergdorf Krasi ist mit seinen wenigen traditionellen Steinhäusern ein absolutes Besuchermagnet – und von wild geparkten Autos leider völlig zugestellt. Im alten Teil des Dorfes wischt eine Frau einen Wurf neugeborener Kätzchen vom Vorplatz in den Strassengraben, direkt vor unsere Füsse. Leider können wir nicht helfen. Kastrationsprogramm für freilebende Katzen?Tierheim? Fehlanzeige!




Die meisten Orte erinnern an israelische Peripheriestädte der fünfziger Jahre. Alles wirkt, als hätten die zuständigen Behörden sämtliche Aktivitäten auf „ávrio“ – ein nie eintreffendes Morgen – verschoben.

Für uns immer wieder aufwühlend waren die zahlreichen Graffiti, die leider unterdessen wohl auch auf dem Mond anzutreffen sind. „Israel = Genocide“ oder „All IDF Soldiers are War Criminals“ erzeugen nicht unbedingt das Gefühl, besonders willkommen zu sein.

Eine sichtbar in die Jahre gekommene griechische Militärbasis amüsierte uns hingegen sehr. Die zerrütteten Gebäude und verlassen daliegenden Hallen, die rostigen Fahrzeuge und die vollkommen vernachlässigten Zufahrtswege erschienen uns der Tiefpunkt der Vernachlässigung.

Das wiederum brachte eines meiner Kinder auf die Idee – als Höhepunkt unserer geopolitischen Diskussionen beim Autofahren – Israel könne Kreta doch einfach übernehmen.
Schliesslich wird Israel in weiten Teilen der Welt ohnehin grenzenloser und böswilliger Expansionismus vorgeworfen – warum also nicht wenigstens eine schöne Mittelmeerinsel dazugewinnen?

Die müde wirkenden Soldaten mit ihrer vernachlässigten Ausrüstung würden vermutlich schon beim ersten kräftigen Windstoss kapitulieren. Und eine idyllische Insel ohne feindliche Nachbarn wäre doch eine durchaus attraktive Ergänzung. Natürlich würde die israelische Regierung anschliessend alles modernisieren: neue Strassen, gepflegte Parks, Wanderwege, moderne Wohnungen, etwas Hightech-Industrie...

In unserer Fantasie ging die Entwicklung rasant voran. Vielleicht könnte sogar die moderne Metro, die im Grossraum Tel-Aviv gebaut wird, um eine Linie nach Heraklion und Chania erweitert werden!

So entstanden auf der Rückbank ambitionierte Infrastrukturprojekte und internationale Zukunftsvisionen, die uns halfen, trotz „Free Palestine“-Geschmiere und trauriger Kätzchen bei guter Laune zu bleiben.

Fazit: Die Ferien mit der Familie waren grossartig. Kreta selbst hat mich hingegen etwas enttäuscht. Die Natur ist wunderschön, das Meer traumhaft und die gemeinsame Zeit unbezahlbar. Dennoch werde ich beim nächsten Familienurlaub ein anderes Ferienziel ins Auge fassen. Man muss schliesslich vergleichen können.





Mittwoch, 6. Mai 2026

Der dritte Planet

Auf dem dritten Planeten, auf dem ich lande (mehr dazu in meinem letzten Beitrag „drei Länder, drei Welten“), kündigt die grosse Tafel in der Eingangshalle an, dass das Gepäck auf Band drei auf uns wartet.

Doch was für eine Überraschung – Band drei ist wegen Umarbeiten geschlossen.

Die junge Frau am Informationsschalter scheint sich nicht besonders mit dem Sinn des Schalters, an dem sie sitzt, zu identifizieren. Sie hat keine Ahnung, was mit Band drei los ist. Wo unser Gepäck ist, weiss sie auch nicht. Irgendjemand bringt trotzdem in Erfahrung, dass Band acht die Lösung sein könnte. Dort stürmen jetzt die Schicksalsgenossen meines Fluges hin.

An Band acht angekommen, warte ich gedankenverloren auf meinen Koffer. Nach einer langen Weile merke ich plötzlich, dass nur noch ich da bin, während einige letzte herrenlose Koffer stoisch ihre Runden drehen. Meiner ist nicht dabei. Nach einer kleinen Detektivtour entdecke ich ihn schliesslich – eingeklemmt und verkeilt, tief im Inneren des Bandes.

Zurück zu der Frau am Schalter. Ein paar Telefonate später wird tatsächlich Hilfe organisiert. Mein Koffer wird befreit und ich nehme ihn dankbar in Empfang.

Zum Glück fahren auf diesem Planeten auch die Züge mit Verspätung und so erreiche ich doch noch den Zug, der vor einigen Minuten hätte abfahren sollen.

Im Zug scheint mein Koffer ein Eigenleben zu entwickeln: Freundliche, starke junge Männer heben ihn beim Ein-, Um- und Aussteigen unaufgefordert über Schwellen und Treppen. So wechselt er wie von Geisterhand getragen die Züge. Wie wunderbar, diese Hilfsbereitschaft!

Der Zug ist jetzt zur Abendzeit proppevoll und so verliere ich meinen Koffer zwischen einer dicht gedrängten Menschenmenge im Fahrradabteil prompt wieder aus den Augen. Doch es dauert nicht lange, bis mein Telefon klingelt. Eine aufmerksame Soldatin hat ihn entdeckt und die Nummer auf dem Etikett angewählt. Ich kann ihn gerade noch rechtzeitig retten, bevor er womöglich als verdächtiges Objekt Schlagzeilen macht.

Am Bahnhof werde ich abgeholt und dann sind wir – mein Gepäck und ich – nach einer erlebnisreichen Woche endlich wieder zu Hause.




Montag, 4. Mai 2026

Drei Länder, drei Welten




Der letzte Abend, ich sitze vor gepackten Koffern. Morgen geht es zurück nach Tel Aviv. Hinter mir liegen zwei kurze Aufenthalte in der Schweiz, und dazwischen fünf intensive Tage in Amerika. Die Reise nach Philadelphia hatte berufliche Gründe. Ich hatte das Glück, sie mit einigen Tagen Urlaub bei meiner Familie in der Schweiz verbinden zu können.

Ganz ehrlich: ich war alles andere als begeistert als die Idee für diese Geschäftsreise aufkam. Der lange Flug, die Zeitverschiebung, allein mit dem Mietauto zurechtkommen, Smalltalk auf Englisch mit Geschäftskollegen, während ich bestimmt völlig übermüdet sein würde – bin ich all dem überhaupt noch gewachsen? Ich liess die Vorbereitungen für die Reise anlaufen, war jedoch vollkommen überzeugt, dass ich mir am Schluss eine Ausrede einfallen lassen würde, um mich zu drücken. Dann kam die Möglichkeit für einen Anschlussflug über Zürich auf – und alles weitere ist Geschichte.

„Do one thing every day that scares you“. Der Satz ist so abgedroschen wie richtig. Die gewohnte Umgebung verlassen, über den eigenen Tellerrand hinausblicken, neue Orte sehen, andere Lebensweisen spüren, unbekannten Menschen begegnen – all das war nicht nur bereichernd, sondern auch überraschend kurzweilig und es hat Spaß gemacht!
Bald trete ich um viele Eindrücke und Perspektiven reicher den Flug nach Hause an, mit einem etwas frischeren Blick auf das, was mich zu Hause erwartet. Zumindest für eine Weile.

Dass Israel, die Schweiz und Amerika sich anfühlen wie drei verschiedene Planeten, ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist jedes Mal aufs Neue bemerkenswert.
Aus einem Land kommend, das in einem Krisensturm und unter akuter Bedrohung aus verschiedenen Richtungen steht, wirkt die Selbstverständlichkeit von Ruhe und Ordnung in der Schweiz surreal.




Und dann Amerika – so viele Eindrücke!
Das völlig absurde Konsumverhalten hat mich, nachdem ich erste Einblicke gewonnen hatte, die Läden fluchtartig verlassen lassen. Das Angebot ist unbegrenzt, verführerisch – aber auch vollkommen dekadent.

Auf dem Firmengelände haben mich die Schilder für „severe weather condition shelter“ (Schutzraum bei extremen Wetterbedingungen) belustigt. Also auch hier gibt es Schutzräume! Ob sie wohl einem Raketeneinschlag standhalten würden? Ob sie je aufgesucht worden sind? Gedanken einer Israelin...

Im Austausch mit meinen amerikanischen Arbeitskollegen über ein mir aktuell wichtiges Thema habe ich gelernt, dass es in den USA keine Pflicht gibt, mit einem bestimmten Alter in Rente zu gehen.
Der Vergleich zwischen der Schweiz und den USA ist spannend, weil die Systeme fast gegensätzlich aufgebaut sind:
Die Schweiz setzt auf Struktur und Verlässlichkeit – wie könnte es anders sein. Das klar geregelte Drei-Säulen-System ist verpflichtend, stabil und planbar – allerdings auch mit wenig Flexibilität und teils hohen Kosten.
Die USA hingegen funktionieren nach einem anderen Prinzip. Es gibt kein verpflichtendes Renteneintrittsalter und die staatliche Rente ist eher eine Grundabsicherung. Vieles hängt von individueller Vorsorge, Eigenverantwortung, dem Arbeitgeber und den Kapitalmärkten ab. Selbst die staatliche Krankenversicherung im Alter, Medicare, deckt nicht alles ab.
Das Ergebnis ist mehr Freiheit, aber vor allem auch mehr Unsicherheit. Menschen ohne ausreichende Kenntnisse, Ressourcen oder persönliche Stabilität können öfter im System untergehen oder durch die Maschen fallen.

Ich finde es immer wieder faszinierend und ein bisschen lustig, wie die Amerikaner und Amerikanerinnen ticken. Bin aber froh, keine zu sein.

Es gibt unterdessen auch guten Kaffee bei den Amis, aber man muss ihn suchen. Bei mir lag zum Glück eine tolle Kaffeebar dem Hotel gegenüber – vielleicht der Grund, dass dieses mal die Reise viel erfreulicher war als die früheren.

Aber am schönsten ist es doch, wieder dort anzukommen, wo man nicht mehr suchen muss.





Donnerstag, 9. April 2026

Geduld

Es sind verwirrende Zeiten. Am Dienstagabend gingen wir mit einem mulmigen Gefühl ins Bett: Irgendwo zwischen Angst vor einer ausufernden Eskalation und der Hoffnung, dass sich im Nahen Osten endlich grundlegend etwas verändert. Ein wenig herrschte sogar so etwas wie Vorfreude auf die Eskalation - wenn danach nur endlich friedlich gesinnte Mächte der Asche entsteigen würden!

Doch statt in den erhofften Umbruch erwachten wir in eine vorübergehende Waffenruhe. Ein Zustand, der mehr Fragen aufwirft als er Antworten gibt. Denn kaum jemand weiss, was wirklich vor sich geht. Und selbst der kleine Kreis, der näher dran ist, kann nicht wissen, wohin sich die Lage entwickeln wird.

Sicher ist: Während geopolitisch alles in der Schwebe hängt, sind die Strassen schon heute morgen wieder verstopft wie vor dem Krieg. Schulen und Universitäten nehmen den Betrieb auf – sehr zum Unmut der Schüler und Studierenden. Auch unsere Studentin ist enttäuscht, dass die ungeplante Pause abrupt endet und dass die bis vor Kurzem aufgeschobenen Prüfungen bald tatsächlich stattfinden werden. 
Und auch bei mir schient wieder Routine einzuziehen – wir werden zurück im Büro erwartet.

Doch unter dieser Oberfläche bleibt ein ungutes Gefühl. Die Waffenruhe ist nicht der erwartete triumphale Abschluss, sondern eher ein Innehalten. Wir hätten uns klarere, hoffnungsvollere Ergebnisse gewünscht.

Wir werden uns in Geduld üben müssen. Die Zeit wird zeigen, was diese Pause wirklich bedeutet und wie es weitergehen wird. 

In dieser unsicheren Welt sind es die kleinen Dinge, die mir Zuversicht geben. Zum Beispiel unser Spaziergang am Meer und die überwältigende Blütenpracht im Frühling 





Wenn Sie am Wochenende noch etwas Zeit haben, möchte ich folgende Stimmen weiterleiten:

Ein War Zone Musical, das mich zum Schmunzeln gebracht hat.

Warum wir Israelis trotz allem glücklich sind.

Chaim Nolls NZZ-Artikel über die Lektion der Vernichtung. Er bringt einfach alles wie immer wunderbar auf den Punkt. Hier ist derselbe Artikel bei Rainer Seiferth auf facebook ohne Bezahlschranke.
 

 

Donnerstag, 26. März 2026

Alice im Wunderland

Idyllische Kaffeepause im Homeoffice 



Tausende Raketen haben die Hisbollah und der Iran seit Beginn dieses Krieges auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert. Viele werden abgefangen. Einige nicht – sie richten erheblichen Schaden an. Und selbst abgefangene Raketen bleiben gefährlich. Die Trümmer fallen vom Himmel, schlagen in Gärten ein, beschädigen Dächer, durchschlagen Häuser. Immer mehr Bekannte berichten von Raketenteilen in ihren Vorgärten und auf Gehwegen. Es wird zunehmend klar, wie lebenswichtig es ist, bei Alarm sofort Schutzräume aufzusuchen und dort zu bleiben, bis Entwarnung gegeben wird.


Dienstag, Tel-Aviv

Wir erledigen Besorgungen im Zentrum. Das Navi führt uns auf merkwürdigen Umwegen ans Ziel. An einer Kreuzung ist plötzlich Schluss. Die Strasse ist gesperrt. Sicherheitskräfte sorgen für Ordnung. Kurz zuvor sind hier Teile einer Streurakete eingeschlagen. Ein Gebäude ist komplett zerstört, umliegende Häuser beschädigt. Die Frau, die wir besuchen, wirkt tief erschüttert. Der Einschlag – nur wenige Hundert Meter entfernt – war in der ganzen Gegend heftig zu spüren.

Später erfahren wir, dass das zerstörte Gebäude erst wenige Tage zuvor im Zuge eines Sanierungsprojekts geräumt wurde. Wie durch ein Wunder gab es bei diesem Einschlag in der dichtbesiedelten Stadt keine Opfer.


Am Strassenrand

Als wir Tel-Aviv verlassen, ertönen die Sirenen während der Fahrt. Viele halten an und suchen Schutz – in Bunkern, hinter Mauern, notfalls im Strassengraben. Wir fahren weiter.



Nacht auf Mittwoch

In meinem Wohnort war es bislang vergleichsweise ruhig. Vielleicht habe ich das zu laut gesagt. Prompt reissen uns um drei Uhr nachts die Sirenen aus dem Schlaf.



Donnerstag, Alltag im Ausnahmezustand

Es geht mit den Alarmen fleissig weiter:

Morgens während des Trainings mit der Sportgruppe. Wir laufen in den Schutzbunker am Strassenrand. Das Licht funktioniert nicht. Ein Dutzend Personen dicht gedrängt auf engstem Raum, stehend, in totaler Dunkelheit. Draussen dröhnen die Abwehrsysteme. Wir machen Witze.

Vormittag: Die Sirenen unterbrechen eine Besprechung mit Mitarbeitern aus Indien und Kroatien. Ich klinke mich aus. 

Nachmittag: Sirenen in einem Meeting mit dem Team in den USA. Meine israelische Mitarbeiterin und ich hinterlassen zwei leere Kamerafelder auf dem Bildschirm. 

Meine Mitarbeiterin in Tel-Aviv muss heute acht mal in den Schutzraum im Parterre ihres Wohnhauses flüchten. Ich frage mich ernsthaft, warum überhaupt noch jemand bereit ist, mit uns zu arbeiten.


Der Sirenen-Kindergarten

Lianne erlebt während ihrer Freiwilligenarbeit in einem Kindergarten eine besonders absurde Alarmepisode: Die Aktivität mit einem mobilen Streichelzoo findet vorsorglich im Schutzraum des Kindergartens statt. Doch auf das Ernstfallszenario ist wohl trotzdem niemand vorbereitet. Als die Sirenen heulen, kommen Kinder aus zwei benachbarten Kindergärten hinzu. Das ergibt etwa vierzig aufgeregte Kinder, ein Dutzend Kleintiere und ein überfordertes Betreuungsteam in einem stickigen Raum. Die Schlange, die Hamster und der Igel sind mit einigen Karotten und Salatblättern leicht in Schach zu halten. Doch als die Hasen auszubrechen drohen, wird es für Lianne ernst – sie ist auf Hasen allergisch. Zum Glück folgt bald die Entwarnung. Lianne wird von einem allergischen Schock verschont – und auch einmal mehr von einem Raketentreffer. 
Die Geschichte hört sich zuhause vollkommen surreal an – als wären wir gerade bei Alice im Wunderland gelandet.



Das ist eine Schilderung meiner ganz persönlichen Erlebnisse in den letzten Tagen. Tausende Raketen und Raketenteile – das sind auch abertausende persönliche Geschichten. Einige verlaufen glimpflich, viele nicht. Einige davon kommen mir zu Ohren, die meisten nicht.


Am Dienstag wurde im Norden Israels eine 27-jährige Frau von einer Rakete getötet, während sie im Strassengraben Schutz suchte.