Montag, 4. Mai 2026

Drei Länder, drei Welten




Der letzte Abend, ich sitze vor gepackten Koffern. Morgen geht es zurück nach Tel Aviv. Hinter mir liegen zwei kurze Aufenthalte in der Schweiz, und dazwischen fünf intensive Tage in Amerika. Die Reise nach Philadelphia hatte berufliche Gründe. Ich hatte das Glück, sie mit einigen Tagen Urlaub bei meiner Familie in der Schweiz verbinden zu können.

Ganz ehrlich: ich war alles andere als begeistert als die Idee für diese Geschäftsreise aufkam. Der lange Flug, die Zeitverschiebung, allein mit dem Mietauto zurechtkommen, Smalltalk auf Englisch mit Geschäftskollegen, während ich bestimmt völlig übermüdet sein würde – bin ich all dem überhaupt noch gewachsen? Ich liess die Vorbereitungen für die Reise anlaufen, war jedoch vollkommen überzeugt, dass ich mir am Schluss eine Ausrede einfallen lassen würde, um mich zu drücken. Dann kam die Möglichkeit für einen Anschlussflug über Zürich auf – und alles weitere ist Geschichte.

„Do one thing every day that scares you“. Der Satz ist so abgedroschen wie richtig. Die gewohnte Umgebung verlassen, über den eigenen Tellerrand hinausblicken, neue Orte sehen, andere Lebensweisen spüren, unbekannten Menschen begegnen – all das war nicht nur bereichernd, sondern auch überraschend kurzweilig und es hat Spaß gemacht!
Bald trete ich um viele Eindrücke und Perspektiven reicher den Flug nach Hause an, mit einem etwas frischeren Blick auf das, was mich zu Hause erwartet. Zumindest für eine Weile.

Dass Israel, die Schweiz und Amerika sich anfühlen wie drei verschiedene Planeten, ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist jedes Mal aufs Neue bemerkenswert.
Aus einem Land kommend, das in einem Krisensturm und unter akuter Bedrohung aus verschiedenen Richtungen steht, wirkt die Selbstverständlichkeit von Ruhe und Ordnung in der Schweiz surreal.




Und dann Amerika – so viele Eindrücke!
Das völlig absurde Konsumverhalten hat mich, nachdem ich erste Einblicke gewonnen hatte, die Läden fluchtartig verlassen lassen. Das Angebot ist unbegrenzt, verführerisch – aber auch vollkommen dekadent.

Auf dem Firmengelände haben mich die Schilder für „severe weather condition shelter“ (Schutzraum bei extremen Wetterbedingungen) belustigt. Also auch hier gibt es Schutzräume! Ob sie wohl einem Bombeneinschlag standhalten würden? Ob sie je aufgesucht worden sind? Gedanken einer Israelin...

Im Austausch mit meinen amerikanischen Arbeitskollegen über ein mir aktuell wichtiges Thema, habe ich gelernt, dass es in den USA keine Pflicht gibt, mit einem bestimmten Alter in Rente zu gehen.
Der Vergleich zwischen der Schweiz und den USA ist spannend, weil die Systeme fast gegensätzlich aufgebaut sind:
Die Schweiz setzt auf Struktur und Verlässlichkeit – wie könnte es anders sein. Das klar geregelte Drei-Säulen-System ist verpflichtend, stabil und planbar – allerdings auch mit wenig Flexibilität und teils hohen Kosten.
Die USA hingegen funktionieren nach einem anderen Prinzip. Es gibt kein verpflichtendes Renteneintrittsalter, die staatliche Rente ist eher eine Grundabsicherung. Vieles hängt von individueller Vorsorge, Eigenverantwortung, dem Arbeitgeber und den Kapitalmärkten ab. Selbst die staatliche Krankenversicherung im Alter, Medicare, deckt nicht alles ab.
Das Ergebnis ist mehr Freiheit, aber vor allem auch mehr Unsicherheit. Menschen ohne ausreichende Kenntnisse, Ressourcen oder persönliche Stabilität können öfter im System untergehen oder durch die Maschen fallen.

Ich finde es immer wieder faszinierend und ein bisschen lustig, wie die Amerikaner und Amerikanerinnen ticken. Bin aber froh, keine zu sein.

Es gibt unterdessen auch guten Kaffee bei den Amis, aber man muss ihn suchen. Bei mir lag zum Glück eine tolle Kaffeebar dem Hotel gegenüber – vielleicht der Grund, dass dieses mal die Reise viel erfreulicher war als die früheren.

Aber am schönsten ist es doch, wieder dort anzukommen, wo man nicht mehr suchen muss.