Viele Jahre verbrachte ich diesen Tag in unserem Dorf damit, meinen radfahrenden Kindern hinterherzurennen, immer bemüht, grössere Katastrophen zu verhindern. Inzwischen sind die Kinder erwachsen, und das Dorf ist für mich ein wenig zu ruhig geworden. Deshalb beschliessen Lianne und ich, die Familienmitglieder, die das Fasten besonders ernst nehmen, zu Hause zu lassen und den Feiertag in Tel-Aviv zu verbringen. Einen guten Grund hatten wir sogar: Wir wollten nach Sivan sehen, die ihren Geburtstermin inzwischen bereits um einige Tage überschritten hatte. Dass ihre Wohnung nur wenige Gehminuten vom Strand und direkt am Yarkonpark liegt, machte diese Fürsorgeaufgabe ausgesprochen angenehm.
Am Sonntagabend war ich allerdings todmüde. Während die Jüngeren zu Fuß durch die autofreie Stadt zum Dizengoffplatz zogen – dem Ort, an dem man an diesem Abend offenbar einfach sein muss –, ging ich früh schlafen. Schliesslich hatte ich einen Plan für den nächsten Morgen.
Kurz vor sieben Uhr überquerte ich die wenigen Meter Rasen vor der Wohnung zum Yarkon und begann meinen Lauf. Die Sonne war eben aufgegangen und tauchte den Park in ein sanftes, goldenes Licht.
Der Yarkonpark, Tel-Avivs „Central Park“, ist ein besonderer Ort, der mich immer wieder aufs Neue begeistert. Im Westen, nahe der Mündung ins Meer, gibt es Ruderclubs, Spielplätze, Sportanlagen und Cafés. Doch je weiter man nach Osten läuft, desto ursprünglicher wird die Landschaft. Der Fluss schlängelt sich durch üppiges Grün, und breite Asphaltwege wechseln sich mit schattigen Naturpfaden ab. Auch die für Israel eher ungewohnt gut ausgebaute Infrastruktur ist erstaunlich: Überall gibt es Trinkbrunnen, öffentliche Toiletten und die obligatorischen Defibrillatoren.
Am Flussufer begegnete ich Hundebesitzern, Joggern, Spaziergängern und einigen Fischern. Freche Enten machten es sich an der Böschung gemütlich, und ich entdeckte sogar zwei Schakale, die ihre Scheu vor den Menschen offenbar aufgegeben hatten. Schilf und Palmen spiegelten sich im stillen Wasser. Kurz vor dem See rauschte das Wasser über einen kleinen Wasserfall.
Ich lief und lief. Überwältigt von der magischen Morgenstunde. Fasziniert von diesem Park mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus Natur und schickem, urbanem Leben. Dann überquerte ich die Brücke vor dem See und machte mich auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses auf den Rückweg.
Als ich schliesslich wieder bei meinem Ausgangspunkt ankam, war ich nicht nur von diesem lebendigen und schönen Park begeistert, sondern auch ein wenig stolz auf mich selbst. Immerhin bin ich noch so gut im Schuss, dass ich mehrere Kilometer am Stück laufen kann. Beschwingt und voller Energie startete ich in den Tag.
| Aussicht vom Balkon in Tel-Aviv |
Die Lage dieser Wohnung ist wirklich kaum zu übertreffen. Und hoffentlich werden Sivan und unser Schwiegersohn schon bald den Park für Spaziergänge mit einem gesunden Baby nutzen können.
Als die Jungmannschaft gegen Mittag endlich aus ihren Betten gekrochen war, machten wir noch einen Spaziergang – im Park! Inzwischen war es allerdings heiss geworden, und man musste ständig aufpassen, nicht von einem der zahllosen Fahrradfahrer über den Haufen gefahren zu werden. Also zogen wir uns bald wieder in die angenehm kühle und ruhige Wohnung zurück.
Zum Ausklang des Feiertages wollten wir zum Kikar Atarim gehen. Tel-Aviv ist als das nichtreligiöse Pendant zu Jerusalem bekannt, doch an Yom Kippur finden auf diesem Platz an der Strandpromenade jedes Jahr grosse öffentliche Gebete statt. Selbst Menschen, die sonst nie in eine Synagoge gehen, suchen an diesem Tag - dem wichtigsten jüdischen Feiertag - auf irgendeine Weise die Verbindung zu Tradition, Spiritualität und Gemeinschaft.
Wir gingen zunächst zum Strand und dann am Wasser entlang nach Süden. Die Sonne stand bereits tief und versank schliesslich als leuchtend rote Kugel im Mittelmeer. Sivan lief barfuss durch den Sand. Die Stimulation der Fussreflexzonen und das Gehen auf unebenem Untergrund sollen angeblich Wehen fördern. Ob es stimmt, sei dahingestellt. Bis jetzt gibt es jedenfalls keine Neuigkeiten.
Am Kikar Atarim warteten bereits Hunderte Menschen auf das abschliessende Ne'ila-Gebet und das traditionelle Schofarblasen. Die Stimmung war ansteckend: gelöst, fröhlich, festlich und spirituell. Hier, direkt am Meer, schienen sich die sonst immer zerstrittenen Israelis für einen Augenblick zusammenzufinden – verbunden durch ihr gemeinsames Schicksal, durch die Hoffnung auf Vergebung und durch den Wunsch nach besseren Zeiten.
Nach dem Gebet löste sich die Menschenmenge langsam auf. Die Betenden strömten nach Hause, wo nach dem langen Fasten endlich wieder getrunken und gegessen werden durfte.