Montag, 10. August 2026

700 Jahre später



Zur schönen Stadt Basel habe ich eine besondere Beziehung. In einem Provinzdorf aufgewachsen, zog mich Basel als Zwölf- oder Dreizehnjährige als „grosse Stadt“ magisch an. Später ging ich dort vier Jahre zur Schule. In Basel erlebte ich erste Lieben, erste Enttäuschungen und einige nicht ganz erfolgreiche Versuche höherer Bildung.
Auch heute führen mich meine unzähligen Schweizreisen dorthin und ich entdecke dabei die Stadt immer wieder neu. Obwohl ich bald vierzig Jahre im Ausland lebe, fühle ich mich in Basel zuhause.

Vor einigen Jahren hatte ich zudem die Gelegenheit, geschäftlich nach Basel zu reisen. Ich logierte in Hotels, die ich mir privat nicht leisten würde, und betrachtete die Stadt durch die Augen amerikanischer und israelischer Arbeitskollegen. Auf einer dieser Geschäftsreisen nahm ich sogar an einer Stadführung auf Englisch teil und lernte dabei überraschenderweise wieder viel Neues.

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Nur dass sich in Basel im Jahr 1349 ein Judenpogrom ereignet hatte, wusste ich nicht. Als ich rein zufällig in einem historischen Roman darauf stiess, erschütterte mich die Geschichte. Nicht nur wegen der historischen Fakten. Sondern weil die Gräueltaten an genau den Orten stattfanden, die mir so vertraut sind: In der Basler Altstadt. Hier, in diesen Gassen, auf diesen "Bsetzischtei", haben Menschen – vermutlich Menschen wie du und ich – von absurden Anschuldigungen und von der Masse getrieben, unschuldige Mitbürger zusammengepfercht und in den Flammen getötet.

Damals wütete in Europa die Pest. Innerhalb weniger Jahre starb schätzungsweise etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Menschen suchten nach Erklärungen für das Unfassbare. Und sie fanden einen Schuldigen.
Die Juden.
Man beschuldigte sie, Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben.

Ich befrage ChatGPT nach dem historischen Hintergrund:

Im Jahr 1349, während der Pestepidemie, wurden die Juden von Basel fälschlicherweise beschuldigt, die Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben. Unter dem Einfluss von Angst, Gerüchten und bereits bestehendem Antijudaismus beschloss die Stadtführung, gegen die jüdische Gemeinde vorzugehen. Am 9. Januar 1349 wurden zahlreiche Basler Juden (etwa 600 Menschen) auf einer Rheininsel in einem eigens errichteten Holzgebäude eingeschlossen und verbrannt. Die jüdische Gemeinde wurde anschließend aus Basel verbannt.
Heute gilt das Basler Judenpogrom als eines der schwersten antijüdischen Gewaltverbrechen im deutschsprachigen Raum während der Pestverfolgungen.

Zusätzlich zum Hintergrund liefert ChatGPT auch gleich eine aktuelle historische Bewertung mit, die lautet: 
  • Es gibt keinerlei Beweise, dass Juden Brunnen vergifteten.
  • Die Anschuldigungen entstanden aus Angst, Gerüchten und unter Folter erzwungenen Aussagen.
Die Anschuldigungen von damals wirken aus heutiger Sicht tatsächlich absurd. Doch die Geschichte zeigt, wie gefährlich es wird, wenn Angst wichtiger wird als Fakten. Dann kann kein noch so überzeugendes Argument die Vorwürfe aufhalten.

Seit Jahrhunderten werden Juden nicht wegen dem gehasst, was sie tun, sondern wegen dem, was man ihnen unterstellt: Sie seien Kindermörder, Weltverschwörer, Brunnenvergifter.

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Einige Jahrhunderte, zahllose Pogrome und einen Holocaust später, lässt mich ein reisserischer Artikel von SRF News das abendliche Scrollen in den sozialen Medien abrupt unterbrechen: Israel, so heisst es dort, vergifte die Böden seiner Nachbarländer.

Absurde Lügen oder falsche Tatsachen von Privatpersonen überraschen mich in den sozialen Medien nicht mehr. Manifestationen des Hasses sind inzwischen leider selbstverständlich geworden. Auch bei SRF ist es nicht das erste mal, dass ich entsetzt auf eine Schlagzeile starre. Und doch schockiert mich der Artikel, denn – verdrehter kann man einfach nicht mehr berichten. Und SRF ist immerhin das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen der Schweiz!

Die Wortwahl und die scheinbar mühelose Selbstverständlichkeit der Behauptungen erschrecken. Sie wecken Erinnerungen an ein Muster, das wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Behauptungen werden verbreitet, bevor Fragen gestellt werden. Narrative setzen sich fest, ohne Fakten zu prüfen.
Die alte Mär vom brunnenvergiftenden Juden – nur etwas modernisiert.

Dabei verliert SRF bereits in der ersten Zeile an Glaubwürdigkeit, indem es „Palästina“ zu einem „Nachbarland“ Israels macht. Welcher Weltkarte man das wohl entnehmen kann?

Ich nehme an, dass die meisten Medienkonsumenten solche „Informationen“ unbewusst aufnehmen und achselzuckend weiterscrollen.

Mich hingegen lassen sie nicht los.

Vielleicht wird irgendwann in ferner Zukunft ein ChatGPT ausspucken: 
  • Es gibt keinerlei Beweise, dass Israel (sprich = Juden) im Jahr 2026 die Böden seiner Nachbarländer vergiftetete.
Aber was wird bis dahin noch geschehen?

Zum Glück gibt es einige Menschen, die nicht einfach blind der Herde folgen. Menschen, die Fragen stellen, nach Quellen suchen und auch Widerspruch äussern. Meine Bloggerkollegin Schreibschaukel hat einen Brief an das SRF verfasst. Es ist nicht der erste, und auch dieser wird vermutlich nicht die Welt verändern. Aber ich bin dankbar für Menschen, die Fragen stellen, Quellen prüfen und den Mut haben, für ihre Überzeugung einzustehen, wenn die Masse längst weiterzieht.




 



Montag, 3. August 2026

Das Glück, am richtigen Ort geboren zu sein

Für diese Tage sind auch bei uns extrem hohe Temperaturen angekündigt. Wirklich aussergewöhnlich ist das allerdings nicht. Im Juli und August gehören 34 oder 35 Grad zum Alltag. Da es auch nachts kaum abkühlt, läuft die Klimaanlage rund um die Uhr. Jeden Morgen versuche ich etwas zu „lüften“, doch das bereue ich jeweils schnell.
Jeder Gang nach draussen will gut überlegt sein. Outdoor-Aktivitäten verschieben wir – wie jedes Jahr – auf die kühleren Monate.

Am Freitagabend kommen Sivan und Joni zum Schabbatessen. Ich habe mehrere Gerichte gekocht, meine Schwiegermutter bringt ihr traditionelles irakisches Fischgericht mit. Die Gespräche drehen sich fast ausschliesslich um Sivans immer runder werdenden Schwangerschaftsbauch. Wir sprechen über Kinderwagen, Karriereansprüche, Rollenverteilung, und über all die Pläne, die werdende Eltern schmieden. Sie wissen noch nicht, dass nach der Geburt des ersten Kindes alles anders sein wird.

Trotz der entspannten Stimmung lassen mich die aktuellen Nachrichten aus der spanischen Exklave Ceuta nicht los. Zehntausende Menschen aus Nordafrika haben versucht, schwimmend die Grenze zu dem winzigen spanischen Territorium zu überwinden. Manche haben Schwimmreifen dabei, sie schwimmen in Unterwäsche oder ihren Kleidern. Die Bilder zeigen erschöpfte junge Männer, die barfuss und mittellos an Land kommen. Die Grenze bricht faktisch zusammen. In Ceuta wird der nationale Notstand ausgerufen. Es gibt erste Berichte, dass Menschen im Meer ertrunken sind. In den Medien folgen umgehend Debatten über Migration, Grenzen und Souveränität.

Ein kurzes Interview erschüttert mich besonders. Ein vielleicht sechzehnjähriger Marokkaner sagt in gebrochenem Englisch: "Marokko … schlecht. Keine Arbeit. Kein Geld. Keine Hoffnung." Als er erfährt, dass die Ankommenden wieder nach Marokko zurückgeschickt werden, weicht der kurze Hoffnungsschimmer sichtbar der Verzweiflung. Auf die Frage nach seiner Familie erzählt er, dass seine Mutter ihn in seinem Vorhaben – der Flucht – unterstützt habe.
Dieser Satz trifft. Wie hoffnungslos muss eine Mutter sein, um ihren kaum erwachsenen Sohn auf so einen Weg zu schicken – ahnend, dass sie ihn vielleicht nie mehr wiedersehen wird? Offenbar erscheint selbst diese Möglichkeit erträglicher als die Zukunft, die ihn zu Hause erwartet.

Zum Dessert essen wir eine fantastische Crèmeschnitte.

Unser Abend wird zusätzlich von der Nachricht überschattet, dass Jonis Vater in Athen einen Motorradunfall hatte. Zum Glück ist er nicht lebensgefährlich verletzt. Zum Glück hat er eine Familie, die es sich leisten kann, am nächsten Tag spontan hinzufliegen.

Während ich diese Zeilen schreibe, dürften die meisten Menschen aus Ceuta bereits wieder nach Marokko abgeschoben worden sein. Zurück in ein Leben, das sie verzweifelt hinter sich lassen wollten. Zurück in ihrem perspektivenlosen Alltag, mit zerschlagenen Hoffnungen. Die Zahl der Ertrunkenen steigt noch. Die Bilder aus Ceuta und die Hintergründe, die zu solchen humanitären Katastrophen führen, beschäftigen mich zutiefst.

Die Menschen in Nordafrika handeln aus Ohnmacht. Auch Staaten können ohnmächtig sein, wenn Ereignisse ausser Kontrolle geraten. Auch ich fühle mich ohnmächtig.
Doch eines bleibt uns: Mitgefühl zu bewahren und Menschen zu bleiben.

Unser grösstes Privileg ist letztlich nichts, was wir uns verdient hätten. Ob wir an einem Freitagabend gemütlich mit der Familie Crèmeschnitte essen oder uns auf der verzweifelten Suche nach einer besseren Zukunft in die Wellen stürzen, hängt letztlich allein davon ab, auf welchem Fleck dieser Erde wir geboren werden.







Samstag, 1. August 2026

Park Nitzan

Bald ist es drei Jahre her, dass Nitzan und ihr Verlobter Lidor von Hamas-Terroristen in einem der "Miguniot HaMawet" brutal ermordet wurden. Sie hatten am Nova-Festival teilgenommen und versuchten, sich im Morgengrauen dieses Tages, der alles veränderte, vor den Terroristen aus dem Gazastreifen in Schutz zu bringen. Über diese schrecklichen Ereignisse habe ich in mehreren Beiträgen geschrieben, unter anderem in Nitzan und in Immer wieder der 7. Oktober

Die Familie von Nitzan hat gemeinsam mit unserer Gemeindeverwaltung und verschiedenen Organisationen über lange Zeit und mit viel Hingabe daran gearbeitet, den Park in unserem Dorf Nitzan zu widmen.

Der grosse Park bietet weitläufige Grünflächen, ein Basketballfeld, ein Freiluft-Amphitheater, Fitnessgeräte und einen vielfältigen und abwechslungsreichen Kinderspielplatz. Jetzt sind noch mehrere grosse Musikinstrumente hinzugekommen, die an die Liebe zur Musik erinnern, die Nitzan mit den vielen jungen Menschen teilte, die das Nova-Festival besuchten.

In dieser Woche nahmen wir an der feierlichen Neu-Einweihung des Parkes teil. Sie fand am Tu Be’Av statt, dem jüdischen Fest der Liebe. Gemeinsam mit Hunderten weiteren Menschen kamen wir zusammen, um Nitzans zu gedenken. Und wie es sich für einen Park gehört, waren auch Hunderte Kinder dabei.

Israel ist ein ausgesprochen kinderfreundliches Land. Die Generation meiner Kinder – die Generation von Nitzan – hat heute meist bereits selbst kleine Kinder. Während des Anlasses rannten sie über die Wiesen, kletterten auf die Spielgeräte und spielten und lachten zwischen den versammelten Familien. Wie so vieles in Israel folgte auch dieser Anlass keiner strengen Ordnung; sondern war vielmehr ein heiteres, lebendiges Gewusel. Das Leben, das weitergeht stand im Vordergrund – nicht die Tragödie.

Bevor das Denkmal zu Ehren von Nitzan enthüllt wurde, schlossen ihre Eltern ihre Ansprache mit den Worten:
„An diesem Ort wird unsere gesamte Gemeinschaft nach Liebe, Frieden und Hoffnung streben – so, wie Nitzan es sich gewünscht hätte.“



Die "Miguniot HaMawet" sind Beton-Unterstände an Bushaltestellen in der Grenzregion zu Gaza, welche am 7. Oktober 2023 zum Schauplatz blutiger Massaker wurden. Das prägte den neuen hebräischen Ausdruck, Bunker des Todes.

Die Unterstände waren vor Jahren im Rahmen eines Kunstprojekts mit bunten Vögeln und anderen Motiven bemalt worden, um etwas Farbe und Hoffnung in die von Unsicherheit geprägte Region zu bringen. Einer dieser Vögel zierte auch Nitzans "Migunit".
Heute wacht genau dieser Vogel als Skulptur über das Nitzan gewidmete Denkmal, in unserem „Park Nitzan“.







Dienstag, 28. Juli 2026

Zwei Antworten auf dieselbe Frage

Im Thunersee zu schwimmen, auf dem sanft schaukelnden Floss zu liegen und in die Sonne zu blinzeln – das war das klare Highlight meines zweiwöchigen Schweiz-Urlaubs. Die Bucht am See ist ein echtes Juwel. Dass sie mit der wesentlichen Infrastruktur versehen wurde, frei zugänglich ist und von den Menschen respektvoll und friedlich genutzt wird, ist einer der Gründe, warum die Schweiz für viele wie ein Paradies wirkt. Das pure Glück, das ich auf diesem Stückchen Wiese und dem Floss empfunden habe, wird mir in Erinnerung bleiben.


An eine andere Begegnung werde ich mich ebenfalls erinnern - aus ganz anderen Gründen.
Wir waren im Oberengadin wandern. Auf 2,400 Metern Höhe zeigten sich die Berge von ihrer besten Seite. Tief unten glitzerten die Seen. Alle Sorgen der Welt schienen weit hinter dem Horizont zu liegen.

Unterwegs trafen wir auf ein Paar, das offensichtlich jüdisch war. Wir begrüssten sie mit einem „Shalom“, und sofort entwickelte sich ein Gespräch auf Hebräisch.
Sie erzählten uns, aus welcher Stadt in Israel sie kamen. Wir berichteten, wo wir in Israel leben. Wir wanderten ein Stück gemeinsam weiter und plauderten, bis sich unsere Wege trennten.
Meine Geschwister waren vorausgegangen und warteten an der Bergstation auf uns. Mein Bruder, ein standhafter Freund Israels, erzählte mir dort, dass auch er mit dem Paar gesprochen hatte. Allerdings auf Englisch. Dabei hatten sie ihm erzählt, sie kämen aus Südafrika. Das stimmte auch: Zumindest ursprünglich stammten sie von dort. Nur den Teil, dass sie heute in Israel leben, hatten sie ihm gegenüber weggelassen.

Die Begegnung beschäftigte mich noch lange. Dieser Angst plötzlich im Alltag zu begegnen – auf einem Wanderweg in den Schweizer Alpen – hat mich tief betroffen gemacht. Denn dieses Thema betrifft für mich nicht nur Fremde, sondern mich und meine eigene Familie.

Dass die Dinge so verlaufen sind, ist schade für alle Beteiligten, denen dadurch vielleicht ein interessantes Gespräch entgangen ist. Doch für uns ist es absolut verständlich.



Ich weiss nicht, ob ich die Situation richtig einschätze, doch ich denke, Juden sind in der Schweiz (noch) ziemlich sicher. Anders verhält es sich teilweise mit Israelis in Europa.
Viele Menschen haben sich inzwischen eine sehr eindeutige Meinung zum Nahostkonflikt gebildet. So eindeutig, dass für Zweifel oder Zwischentöne meist kaum noch Platz bleibt. Israelis geraten dabei schnell unter Generalverdacht.

Unser Sohn Itay hat seine Arbeit in Zürich unterbrochen und wird nun mit israelischen Kollegen reisen gehen. Man kann nicht israelischer aussehen als Itay (von meinen eigenen Genen scheint in seiner DNA jede Spur zu fehlen). Als Israeli erkannt zu werden, kann in einigen europäischen Ländern leider unangenehme Folgen haben. Im Gespräch suchen wir die Länder, in denen sich Israelis noch sicher fühlen. Um sie aufzuzählen, reichen die Finger einer Hand.

Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Hass beschränkt sich nicht nur auf die Graffitis, die uns auf unseren Ausflügen in der Schweiz, in Deutschland oder auf Kreta von jeder Wand entgegenschlagen. In den vergangenen Monaten wurde immer wieder über Vorfälle gegen israelische Touristen berichtet: Beschimpfungen, Anfeindungen oder verweigerte Dienstleistungen.
Auch das israelische Außenministerium teilte mit, dass es vermehrt gemeldete antisemitische Vorfälle gegen Israelis im Ausland registriert habe. So zum Beispiel gerade erst kürzlich auf Kreta.

Ich weiss nicht, ob Menschen, die sich nicht für Israel interessieren, wahrnehmen, was sich in Europa für Israelis und für Juden verändert. Es ist völlig legitim, sich nicht für den Nahen Osten zu interessieren. Doch das Ausmass der Vorfälle und die Tatsache, dass Israelis Angst haben, ihre Herkunft zu erwähnen, kann man nicht mehr mit einem Schulterzucken beiseiteschieben.

In Gesprächen über Berge, das Wetter oder die Aussicht (und die Frage, ob auch andere Wanderer die 600 Meter Höhendifferenz beim Planen der Wanderung total übersehen haben), sollten sich Israelis nicht überlegen müssen, welche Teile ihrer Biografie sie lieber verschweigen. Diese Entwicklung ist höchst beunruhigend.

Die Wanderung war wunderbar, aber die zwei verschiedenen Antworten, die dieses Paar auf dieselbe Frage gegeben hat, haben mich irritiert und beschäftigt. Hoffentlich nicht nur mich.




Donnerstag, 23. Juli 2026

Ein Schälchen Brombeeren




Im Garten meiner Eltern wächst eine sieben Meter lange Brombeerhecke. Die noch längere Himbeerhecke ist inzwischen vertrocknet. Die Brombeeren dagegen wachsen  – nun, da das Haus leer steht – ungestört vor sich hin und tragen unzählige Früchte.

Für zwei Wochen ist das Haus unser Feriendomizil. Eigentlich steht es leer. Und doch ist es voller Leben.

Meine Eltern sind überall gegenwärtig. In den Gegenständen, die sie benutzt haben. In der Art, wie Dinge abgelegt wurden. Im Geruch, der noch in den Räumen hängt.

Mein Vater lebt inzwischen in einem Alters- und Pflegeheim. Von den Habseligkeiten, die ihn ein Leben lang begleitet haben, braucht er dort fast nichts mehr. 

Auf seinem Bett liegt noch ein getragenes Hemd. Auf dem Arbeitstisch wartet seit Monaten eine unvollendete Bastelarbeit auf ihren Schöpfer.

Die Kleider meiner Mutter sind weggeräumt. Trotzdem spüre ich auch ihre Anwesenheit.

Zu den festen Sommerritualen meiner Mutter gehörte das Einkochen von Früchten. Der große Garten lieferte reichlich Material für Konfitüren. 

Während meines Aufenthalts lockt mich das sonnige Wetter jeden Morgen vor dem Frühstück hinaus zu den Brombeeren. Die stacheligen Zweige hängen voller Früchte. Doch wie es die Art dieser Beeren ist, werden jeden Tag nur wenige von ihnen genau richtig reif. Gerade genug für ein kleines Schälchen zum Frühstück, jeden Morgen.

Beim Pflücken denke ich an meine Mutter. Wie hat sie es geschafft, ganze Töpfe voller Beeren einzukochen? Sammelte sie Tag für Tag eine Portion und wartete, bis genug zusammengekommen war?

Ich geniesse diese stillen Morgenstunden in der frischen Luft. Heute nennt man das wohl Entschleunigung.

Konnte meine Mutter das Beerenpflücken geniessen? Mit fünf Kindern, einem Ehemann, einem großen Garten und einem Haushalt war Entschleunigung vermutlich das Letzte, was sie brauchte. Wahrscheinlich hätte sie sich manchmal eher etwas Beschleunigung gewünscht.

Dieser Urlaub ist geprägt von Erinnerungen und Fragen. Ich öffne Schubladen, schaue in Schränke und stöbere durch Zimmer. Ich suche das Kind, das ich war. Meine Geschwister. Wie war das Leben meiner Eltern wirklich? Unser Leben als Familie?

Meine Eltern haben zu viele Dinge aufbewahrt. Als endlich Gedanken aufkamen, etwas zu räumen, waren sie zu müde.

Ich finde mindestens sechs "Chriesichratte". Unser Familienbüchlein mit den Stempeln des Zivilstandamtes und dem handschriftlichen Eintrag meiner Mutter mit unseren Geburtszeiten. Einige vergessene und doch so vetraute Kinderbücher. Meine Taufkerze.

Als die zwei Wochen zu Ende gehen, muss ich alles zurücklassen. Die Brombeerhecke. Das Haus. Die Erinnerungen.

Beim Wegfahren winke ich dem leeren Haus zu.
Zum ersten Mal winkt niemand zurück.







Donnerstag, 2. Juli 2026

Ein ganz normaler Julitag in Israel



Ehrlich gesagt, frage ich mich manchmal schon, warum ich das Leben in diesem verrückten Land überhaupt noch aushalte. Allein die riesigen Kakerlaken, die bei diesem feucht-heissen Wetter scharenweise aus jeder Ritze und jedem Winkel kriechen, wären Grund genug, das Weite zu suchen.

Über die Bedrohung durch Nachbarn, deren erklärtes Ziel unsere Vernichtung ist, möchte ich hier gar nicht erst schreiben. Die angespannte Lage und die ungewissen Zukunftsaussichten lassen sich ohnehin nur unter einer mentalen Schutzglocke ertragen.

Doch gestern gab es einen ganz anderen Grund, an meinem Dasein hier zu zweifeln: Die – wie soll man es nennen? – kollektive Verrücktheit.

Ich hatte in Tel-Aviv etwas zu erledigen. Eine Sache von höchstens einer Stunde, dachte ich. Danach in den Zug, und zum Ende der Mittagspause wäre ich wieder im Büro.
So der Plan.

Natürlich dauerte die Angelegenheit deutlich länger als erwartet. Als ich mich von Eyal verabschiedete, der mit unserem Auto zu Geschäftsterminen im Süden weiterfuhr, war ich bereits verspätet. Den Zug in zwei Minuten hätte ich trotzdem noch geschafft – wäre nicht der nördliche Bahnhofseingang aus unerfindlichen Gründen geschlossen gewesen. Kein Hinweisschild, keine Erklärung. Nur ein mürrischer Sicherheitsmann, der knapp verkündete: „Kein Eingang.“
Also quer über die Kreuzung, mehrere Häuserblocks entlang und hinauf zum südlichen Zugang. Dort erreichte ich den nächsten Zug immerhin rechtzeitig. Da ich inzwischen hungrig war, kaufte ich mir ein Sandwich. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.
Im Zug beschloss ich, gar nicht mehr ins Büro zurückzufahren. Ich würde bis Netanja weiterfahren und von dort ein Taxi nach Hause nehmen. So könnte ich wenigstens rechtzeitig zu meinen Nachmittagsbesprechungen erscheinen. Rückblickend war dies der entscheidende Fehler.

Genau zu dem Zeitpunkt, als mein Zug in Netanja einfuhr, fand die Beerdigung des bekannten Rabbiners Amos Guetta statt. Der ganze Weg vom Kolel, dem Studienzentrum des Rabbis in Netanja, bis zum ausserhalb der Stadt gelegenen Friedhof, war kurzerhand für den Trauerzug gesperrt worden. Die Zeitungen berichteten später von Tausenden Trauergästen, Strassensperrungen und massiven Verkehrsbehinderungen.

Mit anderen Worten: Die Hauptzufahrten nach Netanja waren gesperrt, rund um den Bahnhof fuhr weder Bus noch Taxi, und mein Zuhause lag sieben Kilometer entfernt auf der anderen Seite dieser verkehrstechnischen Katastrophe.
Ein Taxifahrer riet mir, die abgesperrte Zone zu Fuss zu umgehen und eine weiter östlich gelegene Bushaltestelle anzusteuern. Im Winter wäre das vielleicht sogar vernünftig gewesen. An einem Julinachmittag in Israel war es eine Tortur.

Ich marschierte los. Tausende religiöse Trauergäste kamen mir entgegen, später der Leichenwagen selbst, begleitet von einem beeindruckenden Polizeikonvoi. Ich wünschte dem ermordeten religiösen Oberhaupt in Gedanken ewige Ruhe und kämpfte mich weiter durch die Menschenmengen.
An der Bushaltestelle angekommen, stellte ich fest, dass dort – wie eigentlich schon geahnt – weder Busse noch Taxis auftauchten. Woher auch? Immerhin war ich meinem Zuhause ein wenig näher gekommen. Ich kaufte mir eine Flasche eisgekühltes Wasser und leerte sie in einem einzigen Zug.

Nach langer Zeit des Wartens stieg ich in den ersten Bus, der in östliche Richtung fuhr. Die Sitzgelegenheit und die fantastische Klimaanlage waren eine Erlösung. Leider fuhr der Bus nur zwei Stationen weit in meine Richtung. Also wieder aussteigen, weiterlaufen, weiterwarten. Irgendwann erreichte ich einen zweiten Bus, der mich zumindest bis zur grossen Kreuzung in der Nähe unseres Dorfes brachte.

Jetzt trennte mich nur noch ein letzter Kilometer Fussmarsch von meinem Ziel. Das scheint ein leichtes Unterfangen – bis man den Marsch in Jeans, geschlossenen Schuhen und mit Laptop-Rucksack auf dem Rücken unter der israelischen Julisonne zurücklegen muss. Ich war mir dessen nicht bewusst, aber selbst das Warten auf Grün an der Ampel ist für Fussgänger bei glühender Hitze ein Albtraum und brachte mich an den Rand einer Nahtoderfahrung.

Zweieinhalb Stunden nach meiner Abfahrt aus Tel-Aviv erreichte ich endlich unser herrlich kühles Zuhause. Schweissdurchnässt warf ich sämtliche Kleider in die Wäsche, duschte kalt und verzehrte fast eine ganze Wassermelone. Danach schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zur Besprechung mit meiner Vorgesetzten um fünf Uhr vor den Computer.

Heute habe ich mich von Ärger und Anstrengung wieder erholt und bin um eine – rückblickend durchaus komische – Erfahrung reicher.

Vielleicht ist genau das der Reiz dieses Landes: dass hier fast nie etwas einfach normal und unspektakulär verläuft. Es gibt Raum für Verrücktheit aller Art: für verrückte Religiöse, verrückte Queers, verrückte Rechte und verrückte Linke. Man ärgert sich übereinander, beschimpft sich gegenseitig – und am Ende lebt man doch wieder miteinander weiter.

Natürlich ist auch der Antisemitismus, der weltweit bedrohliche Ausmasse angenommen hat, ein Grund dafür, warum Viele bereit sind, in Israel Kriege, verrückte Menschen und allerlei Ungeziefer in Kauf zu nehmen.
Wenn ich wählen müsste zwischen mehrmals täglich Israel-Berichterstattung im Schweizer Radio & Fernsehen und gelegentlichen Begegnungen mit Kakerlaken – oder sogar Raketen aus dem Libanon, dem Jemen oder dem Iran – dann ist meine Wahl nach wie vor klar.

Vor einiger Zeit machte im Internet ein Artikel über den zunehmenden Antisemitismus in New York die Runde, der Woody Allen zugeschrieben wurde. Ein ernstes Thema, mit viel schwarzem Humor behandelt – also durchaus glaubwürdig. Später stellte sich jedoch heraus, dass der Text gar nicht von ihm stammte. Ob Woody Allen oder KI: Ein Satz daraus ist mir besonders geblieben:
„Was mir Angst macht, ist die Geschwindigkeit, mit der normale Menschen anfangen, so zu tun, als wäre nichts Besonderes los.“

Der aktuelle und wie immer bereichernde Blogbeitrag von Yupedia beleuchtet auch einige der historischen Hintergründe dafür, warum Menschen hier leben – und leben müssen. Der Artikel ist lang, aber lesenswert. Die sehr persönlichen Einblicke in Deutschland und Palästina der 1930er-Jahre lassen Geschichte auf eindrucksvolle Weise lebendig werden.

Bezauberndes Tel-Aviv




Mittwoch, 10. Juni 2026

Warten auf – Passionsfrüchte?




Am Sonntagabend wurden wir nach einigen Wochen relativer Ruhe (nur im Zentrum Israels, wohlgemerkt!) von Warnungen vor iranischen Raketenangriffen überrascht. Die Wirklichkeit klopfte an die Tür und erwartete sofortiges Umschalten.

Natürlich hätten es die meisten Israelis lieber gesehen, wenn unsere Feinde – Hamas, Hisbollah und Iran – endlich endgültig besiegt würden. Doch wir hatten uns schnell an die angenehme Ruhe gewöhnt. Nun sollten wir einfach an einem Sonntagabend vom Alltags- wieder in den Kriegs-Modus wechseln? Ich beschloss, mich nicht aufzuregen und ging ins Bett.

Erst am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, wurde ich unvermeidlich an die turbulenten Wochen zuvor erinnert. Die Straßen waren leer. Schulen geschlossen. Wo möglich, wurde wieder auf Homeoffice umgestellt. Die Büros wirkten geisterhaft verlassen. Alle vertrauten Zeichen einer Ausnahmesituation waren wieder da.

Alarme gab es in meiner Region keine. Und noch bevor meine Wahrnehmung bereit war, die neue Lage zu verarbeiten, war diese Eskalation schon wieder vorbei.

Lianne war über diesen denkbar unpraktischen Ein-Tages-Krieg besonders verärgert. Als Studentin ist der spärliche Lohn aus ihrer Arbeit an einer Schule die einzige Einnahmequelle. Bleibt er aus, muss sie die Eltern anbetteln. Ihre bescheidene Bitte an die zuständigen Mächte dieser Welt: Kriege dürfen gerne stattfinden – aber bitte nicht ausgerechnet montags oder donnerstags.

Für Sivan dagegen fühlte sich das Ganze fast wie ein Lottogewinn an. Genau an diesem Montag hätte eine wichtige Prüfung stattfinden sollen. Und zwar nicht irgendeine Prüfung, sondern ein Ersatztermin in einem besonders ungeliebten Studienfach. Nun fiel auch dieser aus, und ob die Prüfung noch stattfinden würde, steht in den Sternen.

Und ich? Ich hatte am Morgen noch ahnungslos unseren wunderschönen Garten fotografiert. Die Blumen, das Grün, die Früchte – ein Moment stiller Freude. Und nun – wenige Stunden später – wieder Alarmsirenen, Warnmeldungen und Schutzräume? Diese Art von Umstellung ist mir zu schnell. Ich brauche etwas Vorlaufzeit. 



Doch in den Strassen staut sich schon wieder der Verkehr, die Schulen sind geöffnet, die Büros besetzt. Offiziell sind wir wieder bei „alles normal“, doch tatsächlich ist alles in der Schwebe. Auch ich funktioniere nach aussen normal, doch unterschwellig ist eine starke Beklommenheit mein ständiger Begleiter.

Wie geht es weiter? Die Frage quält uns im Hintergrund. Da bleibt wohl nur die berühmte Vogel-Strauss-Taktik: Nicht vorausdenken. Am besten überhaupt nicht nachdenken. 

Unterdessen warte ich auf die Passionsfrüchte an unserer Hecke, die langsam reifen. Davon scheint es dieses Jahr sehr viele zu geben und ich liebe sie! Das sind doch beste Aussichten!