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Nazareth

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Liebe Leser, falls Nazareth und die heiligen Stätten des Christentums dieser Stadt auf ihrer Wunschliste stehen, vielleicht im Rahmen einer Pilgerreise – seien sie gewarnt. Es mag in Nazareth einige interessante Ecken geben, aber sonst ist der Besuch in Jesu Geburtsstadt ernüchternd. Die Altstadt ist heruntergekommen, in den Strassen rinnt schmutzig-braunes Wasser unklarer Herkunft. Die Fassaden und Gehsteige sind verrottet und nicht nur in den Hinterhöfen sammelt sich der Abfall. Gebäude sind schlecht unterhalten, die Stadt scheint chaotisch geplant. Alles in allem – eine stinkende, alles andere als einladende Stadt. Obwohl jedes Kellerloch zum Heiligtum deklariert wird, bleiben die Touristen aus. Der einst pulsierende Markt in der Altstadt ist verwaist. In den Kirchen knien einige verklärte Pilgerer vor den heiligen Altären und Ikonen, aber auch für sie empfinde ich keinerlei Art der Begeisterung, sondern eher Befremden. Während dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg (am Tag nach der

Von Basel nach Nazareth

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Wie immer ist mein Besuch in der Schweiz von gemischten Gefühlen geprägt. Während der fünftägigen Reise durchlebe ich von himmelhochjauchzender Begeisterung bis zum dringenden Wunsch, möglichst schnell wieder zu verschwinden, das ganze Repertoire an Gefühlen, begleitet vom grossen Staunen eines Kindes über die Verschiedenheit der Orte, der Leben und der Kulturen. Basel – was für eine wunderschöne Stadt! Ich flaniere durch die Altstadt, das Münster, die Einkaufsmeilen und bewundere den eindrücklichen Rhein, der breit und dominant die Stadt durchzieht und die zahlreichen Passanten und Touristen. Ich geniesse ein Schoggiweggli und Kaffee bei Sutterbeck. Einen feinen Flammenkuchen und ein Glas Wein am Spalenberg. Wie immer darf eine Rheinüberquerung mit der Fähre nicht fehlen. Ich bin begeistert von den langen Abenden, die die Bewohner Basels für ein gemütliches Chill-Out auf den Rheintreppen nutzen. Ich entdecke die perfekte Eiscreme von Gasparini. Meine Jahre am Basler „Gymi“ habe ich al

Eine halbe Stunde Leben

Der heutige Tag steht in Israel für das Gedenken an die Opfer und Helden der Shoah. Am Vorabend des Holocaust-Gedenktags sind Restaurants und andere Orte des Vergnügens geschlossen. In Schulen und öffentlichen Institutionen werden Gedenkanlässe abgehalten. Im Radio wird nur ruhige Musik gesendet. Die bedrückte Stimmung überschattet die ganze Woche. Ich nehme diesen Tag sehr ernst. Ich arbeite heute zu Hause, aber für die Gedenkminute, die um zehn Uhr von Sirenen im ganzen Land begleitet wird, gehe ich nach draussen und stehe auf dem Gehsteig. Aber auch wenn ich mein ganzes Leben auf dem Gehsteig stehend verbringen würde, wäre es nicht genug, um der unmessbaren Gräueltaten am jüdischen Volk zu gedenken. Im Fernsehen schaue ich mir die Berichte und Zeugenaussagen der Shoah-Überlebenden an. Wie jedes Jahr bin ich von neuem erschüttert über die unfassbaren und absurden Ausmasse der Vergehen. Ich höre die Geschichte von David Leitner, dem Überlebenden, auf dessen Unterarm nicht nur eine son

Unterdessen blüht der Rasen

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Einen Instagram Account zu unterhalten mögen viele Leute, vor allem in meinem Alter, überflüssig oder nutzlos finden. Andere, zum Beispiel meine Tochter Lianne, sind im festen Glauben, dass sich in diesem Social-Media-Tool das reale Leben abspielt, während mein Leben nur eine Scheinwelt ist. Deshalb ist es mir wichtig, wenigstens einen kleinen Einblick in dieses Parallel-Universum zu erhaschen. Und es macht mir Spass, von meinen Töchtern über den Umgang mit der App zu lernen. Vor allem aber fotografiere ich gerne und auf Instagram finde ich das passende Publikum für meine Landschafts- und Naturfotos. Im Gegenzug verfolge ich Fotos anderer Landschaftsfotografen, Interior- und Strick-Designerinnen. Zugegeben, man kann beim endlosen Scrollen verlorengehen, aber es macht ja auch nichts, wenn der Rasen einmal ein paar Tage blühen darf, anstatt gemäht zu werden. So habe ich zum Beispiel heute morgen erfreut festgestellt, dass ich eine gelbe Blumenwiese im Garten habe. Auch beim Instagram-Dur

Terror in Tel-Aviv

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„Ich wünsche uns allen, dass wir von Trauer und Leid verschont bleiben. Ich denke an die vielen Betroffenen, in diesen Tagen des Terrors und des Krieges.“ Während ich am Donnerstagabend, zwar zeitgemäss aber nichtsahnend, diese Zeilen schreibe und veröffentliche, ist ein junger Mann aus Dschenin, der dazu erzogen worden ist, Terror und Tod mehr zu achten als das Leben, im Bus nach Tel-Aviv unterwegs. Meine beiden Töchter probieren zur selben Zeit im Dizengoff-Shoppingzentrum Bikinis für den bevorstehenden Sommer an. Sie schicken lustige Fotos aus der Umkleidekabine. Etwas später gehen sie zum Dizengoffplatz, um Freunde zu treffen. Sivan wohnt nur wenige hundert Meter entfernt von dem Platz mit dem Springbrunnen. Wie jeden Donnerstagabend finden sich hunderte unbekümmerte junge Leute hier ein, um das bevorstehende Wochenende zu feiern. Dann schlägt die Stimmung in Sekundenschnelle um. Schreiende Menschen kommen den Mädchen entgegengerannt. Sie rufen „Terroristen!“ und „Attentat!“ und r

Unfall in Tansania (Tag 3)

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Neve Shalom / Wahat al-Salam heisst auf hebräisch und arabisch "Oase des Friedens". Der Name steht für ein Dorf zwischen Tel Aviv und Jerusalem, in dem sich Juden und Palästinenser Land, Macht, Alltag und Administration teilen. An einem unserer Wandertage halten wir auf dem kleinen Friedhof des Dorfes inne, der über die Ebene zwischen den Jerusalemer Bergen bis an die Mittelmeerküste blickt. Auf einem markanten Grabstein entdecken wir eine Aufschrift, die ich hier, frei übersetzt, wiedergeben möchte. Haltet alle Uhren an Stellt die Telefone ab Lasst die Klaviere schweigen Und die leisen Trommeln Lasst die Trauergäste kommen Flugzeuge sollen aufsteigen und in den Himmel schreiben Sie sind tot Legt den Tauben Trauerkrawatten an Und den Polizisten schwarze Handschuhe Sie waren mein Norden Sie waren mein Süden Sie waren mein Westen und mein Osten Sie waren meine Arbeitstage Und mein Ruhetag Sie waren mein Mittag und mein Mitternacht Sie waren meine Rede und mein Lied Ich glaubte

Nina geht Baden (Tag 2)

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In Israel werden die meisten natürlichen Quellen in menschengefertigten Becken aufgefangen. Das diente vermutlich einst zum Tränken der Tiere, aber auch um die Nutzung des Wassers für verschiedene andere Zwecke zu vereinfachen. Heute werden die Quellen in der Umgebung Jerusalems oft von religiösen Menschen für natürliche rituelle Bäder genutzt. So auch Ein Itamar , eine Quelle mit einladend klarem Wasser.  Einige junge Männer sind gerade am Baden als wir eintreffen. Jana hat eine ausgeprägte Abneigung gegen alles Religiöse und während wir anderen Wandererinnen noch über das verführerisch blaue Wasser staunen, ist Jana mit zwei der offensichtlich religiösen Männern schon in ein lautes Streitgespräch verwickelt. Wir versuchen, die Streithälse auseinander zu bringen, denn wir möchten lieber in Ruhe das frische Quellwasser geniessen, als politische Fragen auszudiskutieren. Dann bitten wir die Männer, uns Frauen die Quelle für einige Minuten zu überlassen. Warm ist das Wasser bestimmt nicht