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Kein Spaziergang

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„Zu Fuss nach Jerusalem“ – ich bin sofort Feuer und Flamme, als ich dieses Buch in den Händen halte und den Klappentext lese. Eine Pilgerwanderung von der Schweiz nach Jerusalem! Ich bin hingerissen – was für ein grossartiges Unternehmen! Wenn man Corona-bedingt nicht fliegen kann... Warum nicht einfach gehen? Zu Fuss an sein Ziel zu gelangen wäre aber nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein sinnvolles Lebensereignis, eine tiefgreifende Selbsterfahrung. Denn – es wohnen ja zwei Seelen, ach! in meiner Brust: eine schweizerische und eine israelische. Wandernd den Weg und die Distanz zwischen den beiden Ländern zu erfahren! Zu Fuss eine Verbindung zwischen meinen beiden Heimaten zu schaffen! Ich bin voll und ganz von der Idee begeistert. Noch während ich die Einleitung lese möchte ich sofort meine Kollegin, die Reiseleiterin, anrufen und sie bitten, mich auf dieser Reise zu begleiten und alles Notwendige in die Wege zu leiten. Schliesslich steht auch sie mit einem Fuss in der Schweiz

Leben danach

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Am Schabbat beschliessen Eyal und ich gegen Mittag spontan, nach Jerusalem zu fahren. Jerusalem, die Stadt mit der faszinierenden Ausstrahlung ist immer eine Reise wert und ich war seit Anfang der Pandemie nicht mehr dort. Aber jetzt, bei einer Impfrate von über 60 Prozent und sehr erfreulichen negativen Fallzahlen, herrscht eine frühlingshafte aufregende „Nach-Corona“-Stimmung. Was in anderen (Schweizer) Blogs noch als 1. April-Scherz dargestellt wird, ist bei uns wieder möglich: Die Restaurants und Märkte sind geöffnet, man darf in der Stadt flanieren und sich mehr oder weniger sorglos und unbegrenzt ins Getümmel stürzen. Knapp zwei Stunden nach unserem spontanen Entschluss finden wir in Jerusalem einen Parkplatz. Dann verlässt mich für einen Moment die Freude auf den Ausflug. Es ist ja immer noch Maskenpflicht! Diskussionen über einen bald möglichen Maskenverzicht sollen zwar schon im Gange sein, aber noch ist es nicht so weit. Ich habe die erstickenden Dinger nie leiden können, vie

Endlich frei!

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Jedes Alter hat seine guten und schlechten Seiten. Mit 56 sind die Gelenke schon rostig und es fällt etwas  schwerer, vom Sofa aufzustehen. Wenn man aufgestanden ist, hat man oft schon vergessen, wozu. Mit etwas Glück ist man aber doch noch soweit rüstig, um die endlich wiedergewonnene Freiheit zu geniessen. Dieses Wochenende werden wir die Kinder nur per Videogespräch sehen. Die Älteste lebt in ihrer eigenen Wohnung, der Sohn schon länger in der Schweiz. Die Jüngste verbringt den Shabat in der Armee. Sogar das vierte Kind, ein Mädchen aus dem Internat, welches seit einigen Jahren die Wochenenden bei uns verbringt, fährt zu einer Tante. Mein Mann Eyal ist ziemlich pflegeleicht. Das bedeutet: Niemand braucht etwas von mir! Auch meine eigenen Erwartungen an mich selbst versuche ich herunterzuschrauben. Summa summarum: KEINER ERWARTET IRGEND ETWAS VON MIR. Das ist sensationell! Die Tochter meines Schwagers hat vor einer Woche ihr drittes Kind geboren. Über die ersten, die Zwillinge , hab

Zurück in der Muckibude

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Seit Sonntag sind die Fitnesszentren wieder geöffnet – auch für diese sollten sich die Tore aber den erforderlichen Massnahmen entsprechend nur für geimpfte Sportfreunde öffnen. Ich habe die Wiederaufnahme des Crossfit-Trainings ungeduldig erwartet, mein letztes Training liegt nun schon mehrere Monate zurück. Das Crossfit-Studio in unserem Nachbardorf war damals meine bevorzugte Wahl für den Abschluss eines Abos weil das Lokal ideal am Weg zu meinem Arbeitsort liegt (natürlich konnte ich damals nicht ahnen dass ich bald das Haus gar nicht mehr verlassen würde). Ausserdem punktete es mit einem sehr reichhaltigen Trainingsstundenplan vor allem in den frühen Morgenstunden. Zwischen sechs bis zehn Uhr früh bietet das Zentrum jede Stunde ein Training an und da das Lokal im Nachbarsdorf und auf der anderen Seite der verkehrstechnisch problematischen Schnellstrasse liegt, kann ich mit dem Training um sechs oder sieben Uhr wunderbar dem ärgsten Morgenverkehrsstau entkommen. Wenn das erste Trai

Werden wir wieder lachen können?

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Ich habe mich zu früh gefreut. Das Leben ist nicht nur eitel Frühling und blühende Blumen. Es schneit und stürmt und die Höchsttemperatur übersteigt am Mittag nicht einmal zehn Grad, was in Israel arktischer Kälte gleichkommt. In unserer Nachbarschaft schlägt der Blitz ein und löst einen Hausbrand aus. Die Nachbarn des brennenden Hauses haben denselben Familiennamen wie unsere, was aufgrund einer weitergeleiteten Nachricht zu Verwirrung und bei unserer Tochter, die ausser Haus weilt, zu einem kleineren Schock führt. Schneemann in Jerusalem Dazu passend die Stimmung in den sozialen Netzen. Seit Ausbruch der Pandemie vertieft sich die Kluft zwischen den verschiedenen Gruppen der israelischen Gesellschaft. Immer grösser wird der Hass auf die Bevölkerungsgruppen, in welchen die Ansteckungszahlen besonders hoch sind, weil anscheinend keine oder weniger Rücksicht genommen wird. Das Ampelsystem hat in Israel nicht funktioniert und die Einen beschuldigen die Anderen, die wiederholten Lockdowns

Frühlingslaune

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Beim Anziehen fällt mein Blick auf eine Schachtel, die hoch oben im Kleiderzimmer in Vergessenheit geraten ist: Meine geliebten Stiefel! Als bekennende Schuhfetischistin lassen diese eleganten schwarzen Stiefel aus feinstem Wildleder mein Herz auch nach einigen Jahren noch höher schlagen. Jetzt ist der Winter vorbei und ich habe sie kein einiziges Mal getragen. Auch meine vielen Mäntel und Jacken sind den ganzen Winter über im Schrank geblieben. Nicht weil es zu warm gewesen wäre. Ich habe sie nicht gebraucht, weil ich einfach NIRGENDWO hin gegangen bin. Ich habe ein Jahr lang jeden Tag mehr oder weniger denselben vergammelten Trainingsanzug getragen.   Beim Laufen freue ich mich über die dunkelviolette Küsteniris, die jetzt in dieser Region in voller Pracht blüht. Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf. Ich weiss nicht ob die Endorphine oder das frühlingshafte Wetter daran schuld sind, oder die Aufhebung der Lockdown-Einschränkungen – aber ich bin wieder zuversichtlich. Die Tage der au

Auf dem Gipfel

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Mit zitternden Beinen erklimme ich den Gipfel. Um den Gipfel zu überklettern lege ich mich bäuchlings hin. Mein Oberkörper findet gerade knapp Platz auf dem Felsen, der den Gipfel ausmacht. Nun eröffnet sich vor mir tiefster Abgrund. Mir schaudert als ich nach unten blicke: Viele Hundert Meter steil abfallendes Gelände. Tief unten, in weiter Ferne ein Tal, ein friedlicher See. Da muss ich hinunterklettern, aber meine Füsse finden auf dem brüchigen Felsen auf keiner Seite Halt. Hinter mir, wo ich gerade herkomme, ebenso steil abfallendes Geröll. Hier liege ich nun auf diesem Gipfelfelsen und finde auch nicht den geringsten Vorsprung im Stein, auf welchen ich meinen Fuss setzen könnte. Ich schwitze Wasser und Blut. Hinter mir warten meine Wanderkolleginnen, die sich um mich sorgen, mir aber nicht helfen können. Warum wollte eigentlich ausgerechnet ich, die ich nicht besonders höhensicher bin, als Erste den Gipfel überqueren? Immer wieder suchen meine Füsse vorsichtig Halt, aber es ändert