Das Sortiment ist erstaunlich vielfältig und die Ware immer frisch. Der Laden ist makellos sauber. Die Regale ordentlich. Nichts liegt herum. Die Kassen sind benutzerfreundlich und funktionieren tadellos.
Die Idee ist verblüffend einfach. Sie basiert auf der revolutionären Annahme, dass erwachsene Menschen sich wie erwachsene Menschen benehmen.
Die Schweizer verstehen, dass es wenig klug wäre, eine Einrichtung zu sabotieren, die ihnen das Leben leichter macht. Im Grunde basiert ein erstaunlicher Teil der Schweizer Gesellschaft auf derselben Erkenntnis: Wer anderen mit Respekt begegnet und Gemeingut achtet, profitiert am Ende selbst davon und schafft damit genau die Gesellschaft, in der man gerne lebt.
Auch der Quartierladen in meinem Dorf in Israel ist gewissermassen ein Spiegelbild der Gesellschaft. Entsprechend folgt er einer völlig anderen Logik.
Das Abenteuer beginnt bei der Parkplatzsuche. Die wenigen vorhandenen Parkplätze sind grundsätzlich besetzt. Die Strasse vor dem Laden wird von Liefercamions und wartenden Fahrzeugen blockiert, deren Fahrer auf eine freie Parklücke hoffen. Hat man es geschafft, aus dem Auto auszusteigen, erwartet einen im Inneren des Geschäfts ein Labyrinth aus Kisten, Paletten und Gabelstaplern. Dazwischen manövrieren Kunden mit gekonnter Routine ihre Einkaufskörbe durch das Hindernisfeld und ergattern, über Kartons kletternd und auf Regale steigend, die gewünschte Ware. Der erste Gesamteindruck ist eine Mischung aus unmittelbar bevorstehendem Erdbeben, Regierungswechsel oder Raketenalarm.
Das Zentrum des unübersichtlichen Systems bildet eine ältere Kassiererin jemenitischer Herkunft. Während sie Waren scannt, Geld kassiert und Reklamationen bearbeitet, erteilt sie mit beeindruckender Lautstärke Anweisungen an die Angestellten des Ladens. Dies erfolgt meist unter Einbezug der Kunden, die, wenn nötig, beim Um-, Auf-, oder Wegräumen der Waren ebenfalls Hand anlegen müssen. Unter diesem resoluten Kommando arbeitet eine Einsatztruppe, die jedem internationalen Krisenteam zur Ehre gereichen würde: temporär angestellte Studentinnen aus dem Dorf, muslimische Verkäuferinnen, ein thailändischer Gemüseeinräumer und der Mann an der Fleischtheke, dem „Krisenmanager für alles“. Die meisten von ihnen sprechen wenig bis gar kein Hebräisch, die Kassiererin dafür einige Worte Arabisch. Unter ihrer Fuchtel steht auch der eigentliche Filialleiter, der meistens mit verschiedenen Listen in den Händen etwas verloren herumsteht. Das ganze flotte Grüppchen führt irgendwelche von der Kassiererin angeordneten Spezialeinsätze durch – oder steht rauchend und plaudernd vor dem Laden.
Während im Selbstbedienungsladen in der Schweiz auf wundersame Weise immer alles bestens aufgeräumt scheint, obwohl kein Personal zu sehen ist, arbeiten hier etwa zehn Personen – und die Unordnung ist katastrophal.
Die Kundenschlange an die einzige Kasse reicht bis tief ins Innere des Ladenlabyrinths. Die Wartenden erzählen von der Hochzeit einer Cousine, von einer Tante im Krankenhaus, vom Werdegang ihrer Kinder, die einst gemeinsam den Kindergarten im Dorf besuchten. Der jungen Frau, die es eilig hat rechtzeitig zur Krippe zu gelangen, gibt man den Vortritt – und dann auch noch den fünf Kindern, die zusammen ein paar Süssigkeiten kaufen. Unterdessen rennt der Erste in der Schlange noch einmal zurück in den Hindernisparcours, weil eben seine Frau angerufen und noch Paniermehl angefordert hat. Und wenn man besonders viele Einkäufe gemacht hat, trägt einem jemand aus der internationalen Einsatztruppe die Taschen zum Auto.
Einmal pro Woche findet der Schuk Schlischi statt, der Dienstagsmarkt. Dann rollen mehrere Lastwagenladungen frischer Früchte und Gemüse an. Das Ladenlabyrinth sprengt seine Grenzen, breitet sich über den Vorplatz aus und reicht bis auf die Strasse. Mit jedem zusätzlichen Stand wächst das Chaos ein wenig mehr – zur sichtlichen Begeisterung der Kundschaft, die sich über knackfrische Ware zu besonders günstigen Preisen freut.
Nach allen Regeln moderner Betriebsführung hätte der Laden längst kollabiert sein müssen, aber durch ein Wunder menschlicher Improvisation, guten Willens und Eigeninitiative funktioniert er irgendwie trotzdem.
Ich könnte nicht sagen, was ich mehr schätze: das israelische Chaos oder die Schweizer Lebensqualität. Am schönsten ist es, wenn man beide Welten geniessen kann, ohne die andere zu verurteilen.