Manchmal wirkt das Timing besonders perfide: Eine halbe Stunde nachdem man endlich eingeschlafen ist, eine Stunde bevor man aufstehen sollte, oder genau in dem Moment, in dem man sich gerade den Teller voll geschöpft hat. Dann muss man schleunigst aus dem warmen Bett springen und vielleicht mit einer Decke – oder im zweiten Fall, mit dem vollen Teller – in den Schutzraum eilen.
Aber nein, ein System scheint es nicht zu geben. An manchen Morgen werde ich vom Vogelgezwitscher oder vom Kitzeln eines Sonnenstrahles geweckt und bin erst einmal erstaunt, dass es tatsächlich eine ganze Nacht lang ruhig gewesen ist.
Unser Dorf liegt in einer vergleichsweise sicheren Region. Ich persönlich nehme die Bedrohung durch Raketen deshalb relativ gelassen. Die Wahrscheinlichkeit, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, ist um ein Vielfaches grösser. Einen eigenen Schutzraum im Haus zu haben, ist ein grosses Privileg. Für Menschen – vor allem Familien mit Kindern –, die nachts mehrmals in die Keller von Mehrfamilienhäusern laufen müssen, ist die Situation wesentlich belastender.
Doch für alle von uns sind die kriegsbedingte Bedrohung, das Gefühl der Kontrolllosigkeit und das markerschütternde Geheul der Sirenen nervenaufreibend. Die wenigen, wenn auch seltenen, direkten Einschläge richten grossen Schaden an und können tödlich sein. Und auch die herabfallenden Teile abgefangener Raketen sind gefährlich.
Ich selbst bin jedoch alles andere als panisch. Ja, es kommt sogar vor, dass ich einen Alarm verschlafe, oder ihn einfach nicht hören will.
Am Wochenende habe ich auch nicht auf meine längere Laufrunde verzichtet. Die Feld- und Waldwege waren auffallend menschenleer. Wie schade um diesen wunderbaren Frühlingsmorgen. Sollten tatsächlich die Sirenen heulen, während ich unterwegs bin, könnte man den nächsten öffentlichen Schutzraum aufsuchen, oder sich in den Strassengraben legen. Oder einfach weiterlaufen. Das fühlt sich dann sehr surreal an – ist mir aber auch schon passiert.
Liannes zweites Semester wird nächste Woche online starten – ob und wann die Nachprüfungen stattfinden werden, steht jedoch in den Sternen. Zu der normalen Unsicherheit am Anfang einer akademische Laufbahn kommt nun eine Zukunft, die in der Schwebe steht. Dementsprechend hält sich die Motivation zum Lernen in engen Grenzen. Um halbwegs bei Verstand zu bleiben, hat sich Lianne eine kreative Theorie erdacht, wonach der Krieg gar nicht real ist. Sie stellt sich vor, dass die ganze Situation – die Sirenen, die dumpfen Schläge und die lauten Knallgeräusche – inszeniert sind. Eine Art „Truman Show“, sozusagen. Nun ja, wer weiss. Ob echt oder künstlich konstruiert: Ich bin auf jeden Fall froh und dankbar, dass der Staat Israel für effektive Abwehr- und Schutzeinrichtungen sorgt.
Fest steht: Der Krieg hat uns alle im Griff.
Seit Mittwoch sind die angeordneten Schutzmassnahmen allerdings etwas gelockert worden: Menschenansammlungen bis zu fünfzig Personen sind wieder erlaubt, sofern ein erreichbarer Schutzraum in der Nähe ist. Das bedeutet, dass Läden und zum Beispiel Fitnesszentren wieder geöffnet haben.
Ab Montag darf ich auch wieder ins Büro gehen. Für viele Berufstätige ist das allerdings alles andere als eine Erleichterung – die Schulen bleiben weiterhin geschlossen und die Kinder müssen betreut und beschäftigt werden.
Fest steht: Der Krieg hat uns alle im Griff.
Seit Mittwoch sind die angeordneten Schutzmassnahmen allerdings etwas gelockert worden: Menschenansammlungen bis zu fünfzig Personen sind wieder erlaubt, sofern ein erreichbarer Schutzraum in der Nähe ist. Das bedeutet, dass Läden und zum Beispiel Fitnesszentren wieder geöffnet haben.
Ab Montag darf ich auch wieder ins Büro gehen. Für viele Berufstätige ist das allerdings alles andere als eine Erleichterung – die Schulen bleiben weiterhin geschlossen und die Kinder müssen betreut und beschäftigt werden.
Das junge Paar hat am Wochenende einen Versuch unternommen, in ihre Wohnung in Tel-Aviv zurückzukehren. Nach nicht einmal einem Tag standen sie jedoch kleinlaut wieder vor unserer Tür. Dreimal nachts – kurz nach Mitternacht und dann wieder um fünf und um halb sieben – und zusätzlich mehrmals tagsüber in öffentliche Schutzräume zu laufen, reicht ihnen vorerst. Dann doch lieber bei den Eltern wohnen, auch wenn wir uns gelegentlich gegenseitig auf die Nerven gehen.
Ich freue mich jedenfalls, dass sie wieder da sind. Das familiäre Beisammensein und die Tatsache, dass man nirgendwo hingehen kann, haben sogar etwas Gemütliches. Schade nur, dass es einen Krieg braucht, um das zu bemerken.
Ich freue mich jedenfalls, dass sie wieder da sind. Das familiäre Beisammensein und die Tatsache, dass man nirgendwo hingehen kann, haben sogar etwas Gemütliches. Schade nur, dass es einen Krieg braucht, um das zu bemerken.
Wie oft man an verschiedenen Orten in die Schutzräume rennen muss, lässt sich übrigens hier nachverfolgen (leider nur auf hebräisch). Im nördlichen Teil Tel-Avivs heulten seit Beginn des Krieges am 28. Februar bis zum Zeitpunkt dieses Posts 69-mal die Sirenen. Bei uns dagegen nur 23-mal. Im Vergleich ist das fast schon friedlich.
Kurzum: Die ganze Situation ist absurd. Es gibt keinen geregelten Alltag. Wir befinden uns auf unbestimmte Zeit im Hausarrest. Die Sirenen und die Explosionen, die die Fenster erzittern lassen, sind furchterregend. Die Einschläge hinterlassen tiefe Krater und grosse Schäden in Wohngebieten.
Am meisten Angst macht mir jedoch das globale Chaos und die Ungewissheit. Und da sitzen wir ja alle mehr oder weniger im selben Boot.
Wie wird das alles weitergehen?