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Lichtblicke

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Das vermaleidete Virus hat uns fest im Griff. Wie kleine Nussschalen werden wir auf einem stürmischen Meer der Unsicherheit erbarmunglos von Welle zu Welle geworfen. Es bleibt uns nur, uns festzukrallen und zu hoffen, nicht über Bord oder gleich mitsamt der Schale unter zu gehen – wenigstens bis der Sturm sich wieder legt.   Die Stube - der Hauptschauplatz In Israel haben wir gerade die zweite Welle hinter uns, das zweite Lockdown. Wieder habe ich fast einen Monat, davon viele Feiertage, zwischen Küche, Stube und Heimbüro verbracht. Wie klein meine Welt geworden ist, wurde mir erschreckend bewusst, als das Entsorgen des Altpapiers an der Sammelstelle nur wenige Meter von unserem Haus entfernt zum aufregenden Erlebnis wurde. Nun sinken bei uns die Fallzahlen und wir dürfen uns wieder frei bewegen, was ich auch in kleinen vorsichtigen Raten tue. Schulen, Restaurants, Kinos und Läden (ausgenommen Lebensmittel) bleiben weiterhin geschlossen, aber auch ohne sie gibt es Möglichkeiten für kle

Tropf, tropf, tropf...

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Ohne künstliche Bewässerungsanlagen geht in israelischen Pärken und Gärten überhaupt nichts. Die Sommermonate sind niederschlagsfrei und wer grünen Rasen und saftige Sträucher will, muss bewässern. Deshalb gibt es auch in unserem kleinen Gärtchen ein computergesteuertes System von Sprinklern und Tröpfchenschläuchen. Notgedrungen habe ich mir ein umfangreiches Fachwissen angeeignet, was Rasensprinkler und Bewässerungscomputer anbetrifft. Aber als mir eines Morgens das Eisenkraut und der Rosmarin welk und kraftlos entgegenblicken und ich trotz längerer Suche kein Leck finde, bin ich ratlos. Der Computer funktioniert erwartungsgemäss und der Garten auf der linken Seite ist saftig-feucht, aber auf der rechten Seite bleibt der Tröpfchenschlauch trocken. Natürlich bin ich Fachfrau genug um zu verstehen, dass irgendwo etwas auf den Schlauch drückt, aber die Problemstelle in dem komplizierten System zu finden, das zum grössten Teil unter Pflanzen und Sträuchern liegt, übersteigt mein Können. L

Fest der Liebe

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Gestern war Tu B’Av, ein kleiner jüdischer Feiertag, der in der Nacht zwischen dem 14. und 15. Tag des Monats Av beginnt, einer Vollmondnacht. Tu B'Av gilt als Freudentag und wird im modernen Israel als Fest der Liebe gefeiert. Viele Paare begehen diesen Tag mit einem romantischen Essen oder man beschenkt sich mit Blumen oder kleinen Aufmerksamkeiten. Bei uns ging das Fest nach einem intensiven Arbeitstag ziemlich sang- und klanglos über die Bühne. Aber immerhin habe ich mir etwas Gedanken gemacht, während wir ganz unromantisch auf dem Sofa dahindösten. Dabei handelt es sich aber nicht etwa um eine Formel für langjährige Partnerschaften oder gar eine grosskotzige Definition für den wohl unumschreiblichen Begriff Liebe. Eher vage Gedanken. Worauf beruht Zuneigung? Was verbindet zwei Menschen, die oft total verschieden sind? Was hält gewisse Paare zusammen? Und warum trennen sich andere, die doch eigentlich zusammenpassen sollten? Mit meinem Gatten und mir, zum Beispiel, verhält es s

Balagan

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In Israel verläuft auch im „Normalzustand“ nichts in ruhigen oder geordneten Bahnen. Immer brodelt es, manchmal mehr, manchmal weniger. Man gebe eine Prise Corona dazu und schon kocht der Topf über. Momentan herrscht das totale Chaos. In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag erliess die Regierung eine Reihe von Massnahmen, um die Corona-Ausbreitung einzudämmen. Restaurants sollten ab Freitagabend und Strände ab nächste Woche geschlossen bleiben. Umgehend gingen die Restaurantbesitzer auf die Barrikaden, denn sie hatten sich schon mit Vorräten für das Wochenende eingedeckt. Einen Tag später gab die Regierung nach und den Restaurants wurde eine Frist bis am Dienstag eingeräumt. Am Montag wurde darüber diskutiert, diese Massnahme überhaupt zu annullieren und am Dienstagmorgen wurde verkündet, dass die Restaurants jetzt doch geschlossen werden müssen. Am Dienstagabend hingegen wurde wieder das Gegenteil bekanntgegeben. Kurzum, Zigtausende Restaurantangestellte – darunter meine Tochter – müs

Spuren im Sand

Zwölf obligatorische Schuljahre sind abgeschlossen. Auch die Jahre bei den Pfadfindern, in welchen meine Tochter seit der dritten Klasse mit den Kindern unseres Dorfes enge Freundschaften schliessen konnte, sind für ihren Jahrgang nun zu Ende. Aber während meine älteren Kinder zu dieser Zeit wochenlang mit Vorbereitungen für die grosse Schulabschlussfeier und für das letzte Pfadfinderlager beschäftigt waren, verläuft dieses Jahr alles sang- und klanglos und ohne Abschluss. Wie Spuren im Sand: vom Winde verweht, als wäre alles nie dagewesen. Keine aufwändige Feier in der Schule mit Schülern, Eltern und Lehrpersonal. Keine feierliche Zeugnisübergabe. Keine aufregende Promfeier, für welche die Jugendlichen in anderen Jahren für einen kurzen grandiosen Auftritt viel Geld für übertriebene Roben, Schminke und Frisuren ausgeben. Das letzte Pfadfinderlager, in welchem die Kinder mit der Tradition gewordenen „Tränen-Parade“ von ihren Kollegen Abschied nehmen, fällt ins Wasser. Sogar die beschei

Weisses Haar und weisse Zähne

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In den letzten Märztagen, als ich vor dem Lockdown noch zum letzten mal ins Büro fuhr, liess ich spontan den Friseurtermin sausen, der noch in meinem Kalender vermerkt war. Warum jetzt noch die Haare färben, fragte ich mich, wo doch die totale Apokalypse, oder doch sicher einige unheilvolle Monate vor uns standen. In den darauffolgenden Wochen ohne soziale Kontakte liess ich meine natürliche Haarfarbe mutig spriessen. Unterdessen sind vier Monate vergangen und als es kürzlich gerade so aussah, als würden wir demnächst unseren gewohnten Alltag wieder aufnehmen, begann ich das Wachstum meiner Haare täglich ungeduldigst und milimeterweise herbeizufiebern. Mir gefällt das ungewohnte Grau, aber die Übergangszeit, in welcher rund um den Scheitel ein grauer Balken trohnt, während die ehemals gefärbten Haare immer undefinierter und bleicher werden, ist schwer zu ertragen. Müsste ich im Moment meine Haarfarbe definieren, wäre wohl Uringelb der am besten passendste Ausdruck. „Oh, mais c’est

Ein Kraut das Generationen verbindet

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Eine Gürtelrose ist eine höchst unangenehme Infektionskrankheit. Sie wird durch die gleichen Viren verursacht wie Windpocken, welche nach einer Erkrankung – meist im Kindesalter – im Körper verbleiben, bis ihnen das Immunsystem eine Chance gewährt, sich erneut zu vermehren. Dann treten, meist im Brustbereich, schmerzhafte Blasen auf. Oft wird eine Gürtelrose bei Stress hervorgerufen. Kein Wunder, dass meine Schwiegermutter an einer zünftigen Gürtelrose erkrankt. Einen rund um die Uhr pflegebedürftigen Mann zu haben, ist eine unmenschliche Bürde, besonders für eine kontaktfreudige Frau, der es am besten geht, wenn viel los ist, wenn sie es lustig hat und sie von Leuten umgeben ist. Seit unzähligen Jahren schon hat sie aber nur diesen kranken Mann um sich, der rund um den Tag ans Bett und an den Rollstuhl gebunden ist. Seit bei Savta (hebräisch für Grossmutter) eine Gürtelrose ausgebrochen ist, leidet sie ununterbrochen an starken Schmerzen und die Corona-bedingte Isolation schien