Donnerstag, 2. Juli 2026

Ein ganz normaler Julitag in Israel



Ehrlich gesagt, frage ich mich manchmal schon, warum ich das Leben in diesem verrückten Land überhaupt noch aushalte. Allein die riesigen Kakerlaken, die bei diesem feucht-heissen Wetter scharenweise aus jeder Ritze und jedem Winkel kriechen, wären Grund genug, das Weite zu suchen.

Über die Bedrohung durch Nachbarn, deren erklärtes Ziel unsere Vernichtung ist, möchte ich hier gar nicht erst schreiben. Die angespannte Lage und die ungewissen Zukunftsaussichten lassen sich ohnehin nur unter einer mentalen Schutzglocke ertragen.

Doch gestern gab es einen ganz anderen Grund, an meinem Dasein hier zu zweifeln: Die – wie soll man es nennen? – kollektive Verrücktheit.

Ich hatte in Tel-Aviv etwas zu erledigen. Eine Sache von höchstens einer Stunde, dachte ich. Danach in den Zug, und kurz nach der Mittagspause wäre ich wieder im Büro.
So der Plan.

Natürlich dauerte die Angelegenheit deutlich länger als erwartet. Als ich mich von Eyal verabschiedete, der mit unserem Auto zu Geschäftsterminen im Süden weiterfuhr, war ich bereits verspätet. Den Zug in zwei Minuten hätte ich trotzdem noch geschafft – wäre nicht der nördliche Bahnhofseingang aus unerfindlichen Gründen geschlossen gewesen. Kein Hinweisschild, keine Erklärung. Nur ein mürrischer Sicherheitsmann, der knapp verkündete: „Kein Eingang.“
Also quer über die Kreuzung, mehrere Häuserblocks entlang und hinauf zum südlichen Zugang. Dort erreichte ich den nächsten Zug immerhin rechtzeitig. Da ich inzwischen hungrig war, kaufte ich mir ein Sandwich. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.
Im Zug beschloss ich, gar nicht mehr ins Büro zurückzufahren. Ich würde bis Netanja weiterfahren und von dort ein Taxi nach Hause nehmen. So könnte ich wenigstens rechtzeitig zu meinen Nachmittagsbesprechungen erscheinen. Rückblickend war dies der entscheidende Fehler.

Genau zu dem Zeitpunkt, als mein Zug in Netanja einfuhr, fand die Beerdigung des bekannten Rabbiners Amos Guetta statt. Der ganze Weg vom Kolel, dem Studienzentrum des Rabbis in Netanja, bis zum ausserhalb der Stadt gelegenen Friedhof, war kurzerhand für den Trauerzug gesperrt worden. Die Zeitungen berichteten später von Tausenden Trauergästen, Straßensperrungen und massiven Verkehrsbehinderungen.

Mit anderen Worten: Die Hauptzufahrten nach Netanja waren gesperrt, rund um den Bahnhof fuhr weder Bus noch Taxi, und mein Zuhause lag sieben Kilometer entfernt auf der anderen Seite dieser verkehrstechnischen Katastrophe.
Ein Taxifahrer riet mir, die abgesperrte Zone zu Fuss zu umgehen und eine weiter östlich gelegene Bushaltestelle anzusteuern. Im Winter wäre das vielleicht sogar vernünftig gewesen. An einem Julinachmittag in Israel war es eine Tortur.

Ich marschierte los. Tausende religiöse Trauergäste kamen mir entgegen, später der Leichenwagen selbst, begleitet von einem beeindruckenden Polizeikonvoi. Ich wünschte dem ermordeten religiösen Oberhaupt in Gedanken ewige Ruhe und kämpfte mich weiter durch die Menschenmengen.
An der Bushaltestelle angekommen, stellte ich fest, dass dort – wie eigentlich schon geahnt – weder Busse noch Taxis auftauchten. Woher auch? Immerhin war ich meinem Zuhause ein wenig näher gekommen. Ich kaufte mir eine Flasche eisgekühltes Wasser und leerte sie in einem einzigen Zug.

Nach langer Zeit des Wartens stieg ich in den ersten Bus, der in östliche Richtung fuhr. Die Sitzgelegenheit und die fantastische Klimaanlage waren eine Erlösung. Leider fuhr der Bus nur zwei Stationen weit in meine Richtung. Also wieder aussteigen, weiterlaufen, weiterwarten. Irgendwann erreichte ich einen zweiten Bus, der mich zumindest bis zur grossen Kreuzung in der Nähe unseres Dorfes brachte.

Jetzt trennte mich nur noch ein letzter Kilometer Fussmarsch von meinem Ziel. Das scheint ein leichtes Unterfangen – bis man den Marsch in Jeans, geschlossenen Schuhen und mit Laptop-Rucksack auf dem Rücken unter der israelischen Julisonne zurücklegen muss. Ich war mir dessen nicht bewusst, aber selbst das Warten auf Grün an der Ampel ist für Fussgänger bei glühender Hitze ein Albtraum und brachte mich an den Rand einer Nahtoderfahrung.

Zweieinhalb Stunden nach meiner Abfahrt aus Tel-Aviv erreichte ich endlich unser herrlich kühles Zuhause. Schweissdurchnässt warf ich sämtliche Kleider in die Wäsche, duschte kalt und verzehrte fast eine ganze Wassermelone. Danach schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zur Besprechung mit meiner Vorgesetzten um fünf Uhr vor den Computer.

Heute habe ich mich von Ärger und Anstrengung wieder erholt und bin um eine – rückblickend durchaus komische – Erfahrung reicher.

Vielleicht ist genau das der Reiz dieses Landes: dass hier fast nie etwas einfach normal und unspektakulär verläuft. Es gibt Raum für Verrücktheit aller Art: für verrückte Religiöse, verrückte Queers, verrückte Rechte und verrückte Linke. Man ärgert sich übereinander, beschimpft sich gegenseitig – und am Ende lebt man doch wieder miteinander weiter.

Natürlich ist auch der Antisemitismus, der weltweit bedrohliche Ausmasse angenommen hat, ein Grund dafür, warum Viele bereit sind, in Israel Kriege, verrückte Menschen und allerlei Ungeziefer in Kauf zu nehmen.
Wenn ich wählen müsste zwischen mehrmals täglich Israel-Berichterstattung im Schweizer Radio & Fernsehen und gelegentlichen Begegnungen mit Kakerlaken – oder sogar Raketen aus dem Libanon, dem Jemen oder dem Iran – dann ist meine Wahl nach wie vor klar.

Vor einiger Zeit machte im Internet ein Artikel über den zunehmenden Antisemitismus in New York die Runde, der Woody Allen zugeschrieben wurde. Ein ernstes Thema, mit viel schwarzem Humor behandelt – also durchaus glaubwürdig. Später stellte sich jedoch heraus, dass der Text gar nicht von ihm stammte. Ob Woody Allen oder KI: Ein Satz daraus ist mir besonders geblieben:
„Was mir Angst macht, ist die Geschwindigkeit, mit der normale Menschen anfangen, so zu tun, als wäre nichts Besonderes los.“

Der aktuelle und wie immer bereichernde Blogbeitrag von Yupedia beleuchtet auch einige der historischen Hintergründe dafür, warum Menschen hier leben – und leben müssen. Der Artikel ist lang, aber lesenswert. Die sehr persönlichen Einblicke in Deutschland und Palästina der 1930er-Jahre lassen Geschichte auf eindrucksvolle Weise lebendig werden.

Bezauberndes Tel-Aviv




Mittwoch, 10. Juni 2026

Warten auf – Passionsfrüchte?




Am Sonntagabend wurden wir nach einigen Wochen relativer Ruhe (nur im Zentrum Israels, wohlgemerkt!) von Warnungen vor iranischen Raketenangriffen überrascht. Die Wirklichkeit klopfte an die Tür und erwartete sofortiges Umschalten.

Natürlich hätten es die meisten Israelis lieber gesehen, wenn unsere Feinde – Hamas, Hisbollah und Iran – endlich endgültig besiegt würden. Doch wir hatten uns schnell an die angenehme Ruhe gewöhnt. Nun sollten wir einfach an einem Sonntagabend vom Alltags- wieder in den Kriegs-Modus wechseln? Ich beschloss, mich nicht aufzuregen und ging ins Bett.

Erst am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, wurde ich unvermeidlich an die turbulenten Wochen zuvor erinnert. Die Straßen waren leer. Schulen geschlossen. Wo möglich, wurde wieder auf Homeoffice umgestellt. Die Büros wirkten geisterhaft verlassen. Alle vertrauten Zeichen einer Ausnahmesituation waren wieder da.

Alarme gab es in meiner Region keine. Und noch bevor meine Wahrnehmung bereit war, die neue Lage zu verarbeiten, war diese Eskalation schon wieder vorbei.

Lianne war über diesen denkbar unpraktischen Ein-Tages-Krieg besonders verärgert. Als Studentin ist der spärliche Lohn aus ihrer Arbeit an einer Schule die einzige Einnahmequelle. Bleibt er aus, muss sie die Eltern anbetteln. Ihre bescheidene Bitte an die zuständigen Mächte dieser Welt: Kriege dürfen gerne stattfinden – aber bitte nicht ausgerechnet montags oder donnerstags.

Für Sivan dagegen fühlte sich das Ganze fast wie ein Lottogewinn an. Genau an diesem Montag hätte eine wichtige Prüfung stattfinden sollen. Und zwar nicht irgendeine Prüfung, sondern ein Ersatztermin in einem besonders ungeliebten Studienfach. Nun fiel auch dieser aus, und ob die Prüfung noch stattfinden würde, steht in den Sternen.

Und ich? Ich hatte am Morgen noch ahnungslos unseren wunderschönen Garten fotografiert. Die Blumen, das Grün, die Früchte – ein Moment stiller Freude. Und nun – wenige Stunden später – wieder Alarmsirenen, Warnmeldungen und Schutzräume? Diese Art von Umstellung ist mir zu schnell. Ich brauche etwas Vorlaufzeit. 



Doch in den Strassen staut sich schon wieder der Verkehr, die Schulen sind geöffnet, die Büros besetzt. Offiziell sind wir wieder bei „alles normal“, doch tatsächlich ist alles in der Schwebe. Auch ich funktioniere nach aussen normal, doch unterschwellig ist eine starke Beklommenheit mein ständiger Begleiter.

Wie geht es weiter? Die Frage quält uns im Hintergrund. Da bleibt wohl nur die berühmte Vogel-Strauss-Taktik: Nicht vorausdenken. Am besten überhaupt nicht nachdenken. 

Unterdessen warte ich auf die Passionsfrüchte an unserer Hecke, die langsam reifen. Davon scheint es dieses Jahr sehr viele zu geben und ich liebe sie! Das sind doch beste Aussichten!








Montag, 1. Juni 2026

Familienferien auf Kreta




Über Schawuot reiste ich mit meiner Familie nach Kreta. Sogar Itay kam extra aus der Schweiz dazu. Dass dieser Satz heute so unspektakulär dasteht, täuscht allerdings gewaltig darüber hinweg, wie unwahrscheinlich diese Reise noch wenige Tage zuvor erschien.

Die Idee eines Familienurlaubs gab es schon lange. Doch angesichts des Krieges mit dem Iran und der ständig wechselnden Nachrichtenlage blieb sie zunächst genau das: eine Idee. Erst viel später als vernünftig – und entsprechend viel teurer als geplant – buchte ich schliesslich Flüge, Hotel und Mietwagen. Immerhin über ein israelisches Reisebüro, in der Hoffnung, dass bei einer allfälligen Eskalation wenigstens ein Teil der Kosten zurückerstattet würde.

Die Tage vor der Reise waren nicht von Vorfreude geprägt, sondern im Gegenteil – nervenzermürbend. Jemand hatte auf Instagram ein Reel veröffentlicht, das unsere Situation perfekt beschrieb: Vor im Hintergrund laufenden Nachrichten Koffer packen, Koffer wieder auspacken, Koffer erneut packen, und alles wieder von vorne. Im Stundentakt wechselten die Meldungen zwischen unmittelbar wieder ausbrechendem Krieg und angeblich kurz bevorstehendem Abkommen.

Wirklich entspannen konnte ich mich eigentlich erst, als wir wieder zu Hause waren. Für den Fall, dass wir nicht nach Israel zurückfliegen könnten, hatten wir sogar einen Plan B ausgearbeitet. Die Kinder waren von der Aussicht begeistert, eventuell einige Wochen in einem Fünf-Sterne-Hotel festzusitzen. Diese romantische Vorstellung musste ich allerdings rasch korrigieren. Sollte es tatsächlich so weit kommen, würden wir aus finanziellen Gründen wohl eher zu sechst in eine möglichst günstige Zweizimmerwohnung umziehen. Zum Glück blieb uns dieses Experiment erspart.

Der Urlaub selbst war fantastisch. Wir kehrten mit vielen neuen erfreulichen Erinnerungen im Gepäck nach Israel zurück. Der Krieg mit dem Libanon läuft zwar unverändert weiter, doch was den Iran betrifft, ist immer noch alles offen. Deshalb beginne ich jetzt bereits, mich um meine nächste Flugreise im Juli zu sorgen. Man lernt hier, immer auf alle möglichen Entwicklungen vorbereitet zu sein.

Kreta besitzt ohne Zweifel alles, was eine Mittelmeerinsel zum Ferienparadies macht: traumhafte Buchten, glasklares türkisfarbenes Wasser, beeindruckende Berge, Hügel und Schluchten. Die Natur ist spektakulär.

Kreta ist jedoch extrem touristisch. Was mich besonders störte, ist eine gewisse griechische Neigung, die touristischen Zentren mit viel Glanz und Dekoration herauszuputzen, während nur wenige Schritte dahinter der Zerfall beginnt. Abseits der Hauptstrassen befindet sich die Infrastruktur in erschreckend schlechtem Zustand. Die Parkplatzsituation ist chaotisch. Geh-, Wander- oder Velowege existieren gar nicht. Überall gibt es streunende Katzen und Hunde in mitleiderregendem Zustand. Sogar die "mondänste" Shoppingmeile in Heraklion macht einen schäbigen Eindruck. Das in wunderschöner Umgebung liegende Bergdorf Krasi ist mit seinen wenigen traditionellen Steinhäusern ein absolutes Besuchermagnet – und von wild geparkten Autos leider völlig zugestellt. Im alten Teil des Dorfes wischt eine Frau einen Wurf neugeborener Kätzchen vom Vorplatz in den Strassengraben, direkt vor unsere Füsse. Leider können wir nicht helfen. Kastrationsprogramm für freilebende Katzen?Tierheim? Fehlanzeige!




Die meisten Orte erinnern an israelische Peripheriestädte der fünfziger Jahre. Alles wirkt, als hätten die zuständigen Behörden sämtliche Aktivitäten auf „ávrio“ – ein nie eintreffendes Morgen – verschoben.

Für uns immer wieder aufwühlend waren die zahlreichen Graffiti, die leider unterdessen wohl auch auf dem Mond anzutreffen sind. „Israel = Genocide“ oder „All IDF Soldiers are War Criminals“ erzeugen nicht unbedingt das Gefühl, besonders willkommen zu sein.

Eine sichtbar in die Jahre gekommene griechische Militärbasis amüsierte uns hingegen sehr. Die zerrütteten Gebäude und verlassen daliegenden Hallen, die rostigen Fahrzeuge und die vollkommen vernachlässigten Zufahrtswege erschienen uns der Tiefpunkt der Vernachlässigung.

Das wiederum brachte eines meiner Kinder auf die Idee – als Höhepunkt unserer geopolitischen Diskussionen beim Autofahren – Israel könne Kreta doch einfach übernehmen.
Schliesslich wird Israel in weiten Teilen der Welt ohnehin grenzenloser und böswilliger Expansionismus vorgeworfen – warum also nicht wenigstens eine schöne Mittelmeerinsel dazugewinnen?

Die müde wirkenden Soldaten mit ihrer vernachlässigten Ausrüstung würden vermutlich schon beim ersten kräftigen Windstoss kapitulieren. Und eine idyllische Insel ohne feindliche Nachbarn wäre doch eine durchaus attraktive Ergänzung. Natürlich würde die israelische Regierung anschliessend alles modernisieren: neue Strassen, gepflegte Parks, Wanderwege, moderne Wohnungen, etwas Hightech-Industrie...

In unserer Fantasie ging die Entwicklung rasant voran. Vielleicht könnte sogar die moderne Metro, die im Grossraum Tel-Aviv gebaut wird, um eine Linie nach Heraklion und Chania erweitert werden!

So entstanden auf der Rückbank ambitionierte Infrastrukturprojekte und internationale Zukunftsvisionen, die uns halfen, trotz „Free Palestine“-Geschmiere und trauriger Kätzchen bei guter Laune zu bleiben.

Fazit: Die Ferien mit der Familie waren grossartig. Kreta selbst hat mich hingegen etwas enttäuscht. Die Natur ist wunderschön, das Meer traumhaft und die gemeinsame Zeit unbezahlbar. Dennoch werde ich beim nächsten Familienurlaub ein anderes Ferienziel ins Auge fassen. Man muss schliesslich vergleichen können.





Mittwoch, 6. Mai 2026

Der dritte Planet

Auf dem dritten Planeten, auf dem ich lande (mehr dazu in meinem letzten Beitrag „drei Länder, drei Welten“), kündigt die grosse Tafel in der Eingangshalle an, dass das Gepäck auf Band drei auf uns wartet.

Doch was für eine Überraschung – Band drei ist wegen Umarbeiten geschlossen.

Die junge Frau am Informationsschalter scheint sich nicht besonders mit dem Sinn des Schalters, an dem sie sitzt, zu identifizieren. Sie hat keine Ahnung, was mit Band drei los ist. Wo unser Gepäck ist, weiss sie auch nicht. Irgendjemand bringt trotzdem in Erfahrung, dass Band acht die Lösung sein könnte. Dort stürmen jetzt die Schicksalsgenossen meines Fluges hin.

An Band acht angekommen, warte ich gedankenverloren auf meinen Koffer. Nach einer langen Weile merke ich plötzlich, dass nur noch ich da bin, während einige letzte herrenlose Koffer stoisch ihre Runden drehen. Meiner ist nicht dabei. Nach einer kleinen Detektivtour entdecke ich ihn schliesslich – eingeklemmt und verkeilt, tief im Inneren des Bandes.

Zurück zu der Frau am Schalter. Ein paar Telefonate später wird tatsächlich Hilfe organisiert. Mein Koffer wird befreit und ich nehme ihn dankbar in Empfang.

Zum Glück fahren auf diesem Planeten auch die Züge mit Verspätung und so erreiche ich doch noch den Zug, der vor einigen Minuten hätte abfahren sollen.

Im Zug scheint mein Koffer ein Eigenleben zu entwickeln: Freundliche, starke junge Männer heben ihn beim Ein-, Um- und Aussteigen unaufgefordert über Schwellen und Treppen. So wechselt er wie von Geisterhand getragen die Züge. Wie wunderbar, diese Hilfsbereitschaft!

Der Zug ist jetzt zur Abendzeit proppevoll und so verliere ich meinen Koffer zwischen einer dicht gedrängten Menschenmenge im Fahrradabteil prompt wieder aus den Augen. Doch es dauert nicht lange, bis mein Telefon klingelt. Eine aufmerksame Soldatin hat ihn entdeckt und die Nummer auf dem Etikett angewählt. Ich kann ihn gerade noch rechtzeitig retten, bevor er womöglich als verdächtiges Objekt Schlagzeilen macht.

Am Bahnhof werde ich abgeholt und dann sind wir – mein Gepäck und ich – nach einer erlebnisreichen Woche endlich wieder zu Hause.




Montag, 4. Mai 2026

Drei Länder, drei Welten




Der letzte Abend, ich sitze vor gepackten Koffern. Morgen geht es zurück nach Tel Aviv. Hinter mir liegen zwei kurze Aufenthalte in der Schweiz, und dazwischen fünf intensive Tage in Amerika. Die Reise nach Philadelphia hatte berufliche Gründe. Ich hatte das Glück, sie mit einigen Tagen Urlaub bei meiner Familie in der Schweiz verbinden zu können.

Ganz ehrlich: ich war alles andere als begeistert als die Idee für diese Geschäftsreise aufkam. Der lange Flug, die Zeitverschiebung, allein mit dem Mietauto zurechtkommen, Smalltalk auf Englisch mit Geschäftskollegen, während ich bestimmt völlig übermüdet sein würde – bin ich all dem überhaupt noch gewachsen? Ich liess die Vorbereitungen für die Reise anlaufen, war jedoch vollkommen überzeugt, dass ich mir am Schluss eine Ausrede einfallen lassen würde, um mich zu drücken. Dann kam die Möglichkeit für einen Anschlussflug über Zürich auf – und alles weitere ist Geschichte.

„Do one thing every day that scares you“. Der Satz ist so abgedroschen wie richtig. Die gewohnte Umgebung verlassen, über den eigenen Tellerrand hinausblicken, neue Orte sehen, andere Lebensweisen spüren, unbekannten Menschen begegnen – all das war nicht nur bereichernd, sondern auch überraschend kurzweilig und es hat Spaß gemacht!
Bald trete ich um viele Eindrücke und Perspektiven reicher den Flug nach Hause an, mit einem etwas frischeren Blick auf das, was mich zu Hause erwartet. Zumindest für eine Weile.

Dass Israel, die Schweiz und Amerika sich anfühlen wie drei verschiedene Planeten, ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist jedes Mal aufs Neue bemerkenswert.
Aus einem Land kommend, das in einem Krisensturm und unter akuter Bedrohung aus verschiedenen Richtungen steht, wirkt die Selbstverständlichkeit von Ruhe und Ordnung in der Schweiz surreal.




Und dann Amerika – so viele Eindrücke!
Das völlig absurde Konsumverhalten hat mich, nachdem ich erste Einblicke gewonnen hatte, die Läden fluchtartig verlassen lassen. Das Angebot ist unbegrenzt, verführerisch – aber auch vollkommen dekadent.

Auf dem Firmengelände haben mich die Schilder für „severe weather condition shelter“ (Schutzraum bei extremen Wetterbedingungen) belustigt. Also auch hier gibt es Schutzräume! Ob sie wohl einem Raketeneinschlag standhalten würden? Ob sie je aufgesucht worden sind? Gedanken einer Israelin...

Im Austausch mit meinen amerikanischen Arbeitskollegen über ein mir aktuell wichtiges Thema habe ich gelernt, dass es in den USA keine Pflicht gibt, mit einem bestimmten Alter in Rente zu gehen.
Der Vergleich zwischen der Schweiz und den USA ist spannend, weil die Systeme fast gegensätzlich aufgebaut sind:
Die Schweiz setzt auf Struktur und Verlässlichkeit – wie könnte es anders sein. Das klar geregelte Drei-Säulen-System ist verpflichtend, stabil und planbar – allerdings auch mit wenig Flexibilität und teils hohen Kosten.
Die USA hingegen funktionieren nach einem anderen Prinzip. Es gibt kein verpflichtendes Renteneintrittsalter und die staatliche Rente ist eher eine Grundabsicherung. Vieles hängt von individueller Vorsorge, Eigenverantwortung, dem Arbeitgeber und den Kapitalmärkten ab. Selbst die staatliche Krankenversicherung im Alter, Medicare, deckt nicht alles ab.
Das Ergebnis ist mehr Freiheit, aber vor allem auch mehr Unsicherheit. Menschen ohne ausreichende Kenntnisse, Ressourcen oder persönliche Stabilität können öfter im System untergehen oder durch die Maschen fallen.

Ich finde es immer wieder faszinierend und ein bisschen lustig, wie die Amerikaner und Amerikanerinnen ticken. Bin aber froh, keine zu sein.

Es gibt unterdessen auch guten Kaffee bei den Amis, aber man muss ihn suchen. Bei mir lag zum Glück eine tolle Kaffeebar dem Hotel gegenüber – vielleicht der Grund, dass dieses mal die Reise viel erfreulicher war als die früheren.

Aber am schönsten ist es doch, wieder dort anzukommen, wo man nicht mehr suchen muss.





Donnerstag, 9. April 2026

Geduld

Es sind verwirrende Zeiten. Am Dienstagabend gingen wir mit einem mulmigen Gefühl ins Bett: Irgendwo zwischen Angst vor einer ausufernden Eskalation und der Hoffnung, dass sich im Nahen Osten endlich grundlegend etwas verändert. Ein wenig herrschte sogar so etwas wie Vorfreude auf die Eskalation - wenn danach nur endlich friedlich gesinnte Mächte der Asche entsteigen würden!

Doch statt in den erhofften Umbruch erwachten wir in eine vorübergehende Waffenruhe. Ein Zustand, der mehr Fragen aufwirft als er Antworten gibt. Denn kaum jemand weiss, was wirklich vor sich geht. Und selbst der kleine Kreis, der näher dran ist, kann nicht wissen, wohin sich die Lage entwickeln wird.

Sicher ist: Während geopolitisch alles in der Schwebe hängt, sind die Strassen schon heute morgen wieder verstopft wie vor dem Krieg. Schulen und Universitäten nehmen den Betrieb auf – sehr zum Unmut der Schüler und Studierenden. Auch unsere Studentin ist enttäuscht, dass die ungeplante Pause abrupt endet und dass die bis vor Kurzem aufgeschobenen Prüfungen bald tatsächlich stattfinden werden. 
Und auch bei mir schient wieder Routine einzuziehen – wir werden zurück im Büro erwartet.

Doch unter dieser Oberfläche bleibt ein ungutes Gefühl. Die Waffenruhe ist nicht der erwartete triumphale Abschluss, sondern eher ein Innehalten. Wir hätten uns klarere, hoffnungsvollere Ergebnisse gewünscht.

Wir werden uns in Geduld üben müssen. Die Zeit wird zeigen, was diese Pause wirklich bedeutet und wie es weitergehen wird. 

In dieser unsicheren Welt sind es die kleinen Dinge, die mir Zuversicht geben. Zum Beispiel unser Spaziergang am Meer und die überwältigende Blütenpracht im Frühling 





Wenn Sie am Wochenende noch etwas Zeit haben, möchte ich folgende Stimmen weiterleiten:

Ein War Zone Musical, das mich zum Schmunzeln gebracht hat.

Warum wir Israelis trotz allem glücklich sind.

Chaim Nolls NZZ-Artikel über die Lektion der Vernichtung. Er bringt einfach alles wie immer wunderbar auf den Punkt. Hier ist derselbe Artikel bei Rainer Seiferth auf facebook ohne Bezahlschranke.
 

 

Donnerstag, 26. März 2026

Alice im Wunderland

Idyllische Kaffeepause im Homeoffice 



Tausende Raketen haben die Hisbollah und der Iran seit Beginn dieses Krieges auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert. Viele werden abgefangen. Einige nicht – sie richten erheblichen Schaden an. Und selbst abgefangene Raketen bleiben gefährlich. Die Trümmer fallen vom Himmel, schlagen in Gärten ein, beschädigen Dächer, durchschlagen Häuser. Immer mehr Bekannte berichten von Raketenteilen in ihren Vorgärten und auf Gehwegen. Es wird zunehmend klar, wie lebenswichtig es ist, bei Alarm sofort Schutzräume aufzusuchen und dort zu bleiben, bis Entwarnung gegeben wird.


Dienstag, Tel-Aviv

Wir erledigen Besorgungen im Zentrum. Das Navi führt uns auf merkwürdigen Umwegen ans Ziel. An einer Kreuzung ist plötzlich Schluss. Die Strasse ist gesperrt. Sicherheitskräfte sorgen für Ordnung. Kurz zuvor sind hier Teile einer Streurakete eingeschlagen. Ein Gebäude ist komplett zerstört, umliegende Häuser beschädigt. Die Frau, die wir besuchen, wirkt tief erschüttert. Der Einschlag – nur wenige Hundert Meter entfernt – war in der ganzen Gegend heftig zu spüren.

Später erfahren wir, dass das zerstörte Gebäude erst wenige Tage zuvor im Zuge eines Sanierungsprojekts geräumt wurde. Wie durch ein Wunder gab es bei diesem Einschlag in der dichtbesiedelten Stadt keine Opfer.


Am Strassenrand

Als wir Tel-Aviv verlassen, ertönen die Sirenen während der Fahrt. Viele halten an und suchen Schutz – in Bunkern, hinter Mauern, notfalls im Strassengraben. Wir fahren weiter.



Nacht auf Mittwoch

In meinem Wohnort war es bislang vergleichsweise ruhig. Vielleicht habe ich das zu laut gesagt. Prompt reissen uns um drei Uhr nachts die Sirenen aus dem Schlaf.



Donnerstag, Alltag im Ausnahmezustand

Es geht mit den Alarmen fleissig weiter:

Morgens während des Trainings mit der Sportgruppe. Wir laufen in den Schutzbunker am Strassenrand. Das Licht funktioniert nicht. Ein Dutzend Personen dicht gedrängt auf engstem Raum, stehend, in totaler Dunkelheit. Draussen dröhnen die Abwehrsysteme. Wir machen Witze.

Vormittag: Die Sirenen unterbrechen eine Besprechung mit Mitarbeitern aus Indien und Kroatien. Ich klinke mich aus. 

Nachmittag: Sirenen in einem Meeting mit dem Team in den USA. Meine israelische Mitarbeiterin und ich hinterlassen zwei leere Kamerafelder auf dem Bildschirm. 

Meine Mitarbeiterin in Tel-Aviv muss heute acht mal in den Schutzraum im Parterre ihres Wohnhauses flüchten. Ich frage mich ernsthaft, warum überhaupt noch jemand bereit ist, mit uns zu arbeiten.


Der Sirenen-Kindergarten

Lianne erlebt während ihrer Freiwilligenarbeit in einem Kindergarten eine besonders absurde Alarmepisode: Die Aktivität mit einem mobilen Streichelzoo findet vorsorglich im Schutzraum des Kindergartens statt. Doch auf das Ernstfallszenario ist wohl trotzdem niemand vorbereitet. Als die Sirenen heulen, kommen Kinder aus zwei benachbarten Kindergärten hinzu. Das ergibt etwa vierzig aufgeregte Kinder, ein Dutzend Kleintiere und ein überfordertes Betreuungsteam in einem stickigen Raum. Die Schlange, die Hamster und der Igel sind mit einigen Karotten und Salatblättern leicht in Schach zu halten. Doch als die Hasen auszubrechen drohen, wird es für Lianne ernst – sie ist auf Hasen allergisch. Zum Glück folgt bald die Entwarnung. Lianne wird von einem allergischen Schock verschont – und auch einmal mehr von einem Raketentreffer. 
Die Geschichte hört sich zuhause vollkommen surreal an – als wären wir gerade bei Alice im Wunderland gelandet.



Das ist eine Schilderung meiner ganz persönlichen Erlebnisse in den letzten Tagen. Tausende Raketen und Raketenteile – das sind auch abertausende persönliche Geschichten. Einige verlaufen glimpflich, viele nicht. Einige davon kommen mir zu Ohren, die meisten nicht.


Am Dienstag wurde im Norden Israels eine 27-jährige Frau von einer Rakete getötet, während sie im Strassengraben Schutz suchte.