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Proportionen

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Urlaub bedeutet für mich immer auch Stress. An was man alles denken muss! Die vielen Vorbereitungen! Die Reservationen, letzte Besorgungen, das Haus und der Garten wollen versorgt sein. Auch Vorfreude ist eine Art Stress, wenn auch positiver Art. Es ist wahr, dass man ein Leben erstreben sollte, von dem man gar keinen Urlaub braucht. Aber davon träume ich bis anhin nur. Aussteigerabsichten, die täglich aufgeschoben werden. Noch mehr als der bevorstehende Urlaub bereitet mir ein Projekt an der Arbeit schlaflose Nächte. Ein Projekt, das viel zu gross ist für mich. Und das viel zu schnell vorangetrieben wird. Ja, das eigentlich in vollem Karacho gegen die Wand getrieben wird. Die Katastrophe ist absehbar. Trotzdem gebe ich mir grosse Mühe, mein Bestes daranzugeben. Und mir dabei immer wieder klarzumachen, dass die Verantwortung für das neue Dokumentensystem nicht alleine auf meinen Schultern liegt. Aber nachts entziehen sich die Gedanken meiner Kontrolle. Dann liege ich wach, weil die Bed

Pfeffer und Salz

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Manchmal schreibt das Leben Geschichten, die die empfohlene Länge für einen Blogartikel sprengen. Wenn Sie jedoch wissen möchten, wie verrückt das Leben in Israel sein kann, dann lesen Sie trotzdem. Etwa ein halbes Jahr nachdem sie eingezogen worden ist, bestätigt sich, was Lianne schon vermutet hatte: Die Aufgabe, die der jungen Soldatin im Überwachungszentrum der Marine zugeteilt worden ist, ist enttäuschend. Das stundenlange auf-den-Bildschirm-Glotzen ist langweilig, es entspricht weder ihrer Persönlichkeit noch ihren Fähigkeiten. Auch das Verhältnis mit den neuen Freundinnen, mit denen sie nun ihre Tage und Nächte verbringen muss, ohne sich auch nur eine Minute zurückziehen zu können, ist noch alles andere als vertraulich. Aber daran ist nichts zu ändern. Es gilt, in den zwei Jahren, die sie für den Staat Israel opfern muss, das Beste aus den gegebenen Umständen zu machen. Immerhin absolviert sie ihren Dienst in Eilat, der Touristenstadt am roten Meer. Das hatte sie so gewünscht –

Wenn man eine Lüge oft genug wiederholt...

Auf diesem Blog geht es meist leicht bis seicht und manchmal lustig zu. Die nachstehenden Zeilen sind etwas weniger unterhaltsam. Bitte lesen Sie aber deswegen nicht weg. Es liegt mir am Herzen. Man sollte sich als Israeli wirklich einen Deut um die Presse in Europa scheren. Der weitverbreitete und stillschweigend allgemein gängig gewordene Anti-Israelische Ton bereitet nichts als Ärger. Fast jedes Stückchen Information, jeder Artikel, jeder Leserbrief ist für mich so entmutigend und niederschmetternd wie eine Ohrfeige vor einem Publikum, in welchem keiner sich rührt. Leider haben viele europäische Medienkonsumenten gar keine Ahnung, mit welchen Zerrbildern oder Lügen sie abgefüttert werden. Ich weiss das alles – und tappe doch immer wieder in dieselbe Falle. Über Facebook gerate ich an ein kurzes, trendiges und spassig aufgemachtes Video von Galileo, dem Wissensmagazin des Privatsenders ProSieben. Zehn Fragen an einen Palästinenser. In knapp zehn Minuten werden dem palästinensischen K

Das Bombenteam

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Nach dem letzten Meeting im Büro breche ich umgehend auf zum abgemachten Treffpunkt. Ich bin müde nach dem langen Arbeitstag, freue mich aber doch auf ein erstes Wiedersehen mit Freundinnen nach der Corona-Pause. Wir treffen uns im "Kaffee und Meer", über welches ich früher schon berichtet habe . Es gibt viel zu erzählen. Die Kinder sind schon erwachsen, bereiten uns aber immer noch Sorgen. Eine Freundin lässt sich scheiden, sie hat gerade eine eigene Wohnung gekauft. Wir trinken Wein und lachen, alles mit Blick auf die sich im Meer ertränkende Sonne. Allzu erleichtert über die neue Normalität sind wir aber nicht, denn die letzten Tage waren unruhig. Im Süden hatte die Hamas wieder vermehrt Raketen aus dem Gazastreifen abgeschossen, in Jerusalem soll wütender Mob auf den Strassen sein Unwesen treiben. Kurz nach Sonnenuntergang ziehen wir von den improvisierten Campingstühlen an einen endlich frei gewordenen Tisch um. Als kurz darauf das markdurchdringende Heulen losgeht, scha

Kein Spaziergang

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„Zu Fuss nach Jerusalem“ – ich bin sofort Feuer und Flamme, als ich dieses Buch in den Händen halte und den Klappentext lese. Eine Pilgerwanderung von der Schweiz nach Jerusalem! Ich bin hingerissen – was für ein grossartiges Unternehmen! Wenn man Corona-bedingt nicht fliegen kann... Warum nicht einfach gehen? Zu Fuss an sein Ziel zu gelangen wäre aber nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein sinnvolles Lebensereignis, eine tiefgreifende Selbsterfahrung. Denn – es wohnen ja zwei Seelen, ach! in meiner Brust: eine schweizerische und eine israelische. Wandernd den Weg und die Distanz zwischen den beiden Ländern zu erfahren! Zu Fuss eine Verbindung zwischen meinen beiden Heimaten zu schaffen! Ich bin voll und ganz von der Idee begeistert. Noch während ich die Einleitung lese möchte ich sofort meine Kollegin, die Reiseleiterin, anrufen und sie bitten, mich auf dieser Reise zu begleiten und alles Notwendige in die Wege zu leiten. Schliesslich steht auch sie mit einem Fuss in der Schweiz

Leben danach

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Am Schabbat beschliessen Eyal und ich gegen Mittag spontan, nach Jerusalem zu fahren. Jerusalem, die Stadt mit der faszinierenden Ausstrahlung ist immer eine Reise wert und ich war seit Anfang der Pandemie nicht mehr dort. Aber jetzt, bei einer Impfrate von über 60 Prozent und sehr erfreulichen negativen Fallzahlen, herrscht eine frühlingshafte aufregende „Nach-Corona“-Stimmung. Was in anderen (Schweizer) Blogs noch als 1. April-Scherz dargestellt wird, ist bei uns wieder möglich: Die Restaurants und Märkte sind geöffnet, man darf in der Stadt flanieren und sich mehr oder weniger sorglos und unbegrenzt ins Getümmel stürzen. Knapp zwei Stunden nach unserem spontanen Entschluss finden wir in Jerusalem einen Parkplatz. Dann verlässt mich für einen Moment die Freude auf den Ausflug. Es ist ja immer noch Maskenpflicht! Diskussionen über einen bald möglichen Maskenverzicht sollen zwar schon im Gange sein, aber noch ist es nicht so weit. Ich habe die erstickenden Dinger nie leiden können, vie

Endlich frei!

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Jedes Alter hat seine guten und schlechten Seiten. Mit 56 sind die Gelenke schon rostig und es fällt etwas  schwerer, vom Sofa aufzustehen. Wenn man aufgestanden ist, hat man oft schon vergessen, wozu. Mit etwas Glück ist man aber doch noch soweit rüstig, um die endlich wiedergewonnene Freiheit zu geniessen. Dieses Wochenende werden wir die Kinder nur per Videogespräch sehen. Die Älteste lebt in ihrer eigenen Wohnung, der Sohn schon länger in der Schweiz. Die Jüngste verbringt den Shabat in der Armee. Sogar das vierte Kind, ein Mädchen aus dem Internat, welches seit einigen Jahren die Wochenenden bei uns verbringt, fährt zu einer Tante. Mein Mann Eyal ist ziemlich pflegeleicht. Das bedeutet: Niemand braucht etwas von mir! Auch meine eigenen Erwartungen an mich selbst versuche ich herunterzuschrauben. Summa summarum: KEINER ERWARTET IRGEND ETWAS VON MIR. Das ist sensationell! Die Tochter meines Schwagers hat vor einer Woche ihr drittes Kind geboren. Über die ersten, die Zwillinge , hab