Es gibt nun wirklich kein typisches israelisches Schicksal – doch Carmelas Leben war so typisch für Israel, wie es nur sein kann. Ein Jahrhundert israelische Geschichte, verdichtet in einer einzigen Biografie.
Carmela wurde in den 1930er Jahren in Bagdad geboren, in eine große, jüdische Familie. Ihre Gemeinschaft war seit über zweieinhalb Jahrtausenden am Tigris verwurzelt - eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt.
Geburtsdaten wurden damals oft nicht exakt dokumentiert. Man orientierte sich an den jüdischen Feiertagen, wusste, dass ein Kind „nach Pessach“ oder „kurz vor Rosch Haschana“ zur Welt gekommen war. Als viele Jahre später die israelischen Ausweise ausgestellt wurden, stand dort häufig standardmässig der 1. Januar eines geschätzten Jahres.
Carmelas Kindheit begann einige Tage "vor Chanukka" in einer orientalischen Welt aus arabischen Stimmen, Liedern, Gewürzduft und dem festen Rhythmus religiöser jüdischer Traditionen. Die Familie lebte in einem grossen Haus mit Innenhof. Es gab einen Schlafraum für die Mädchen und einen für die Jungen. In den Sommernächten trug man die Matratzen auf die Dächer und schlief dort unter feuchten Tüchern, um die Hitze zu ertragen.
Es war eine Welt mit fester Ordnung, doch unter der Oberfläche begann sich die Geschichte bereits zu verschieben. In den 1930er Jahren wuchs der arabische Nationalismus, und nationalsozialistische Ideologie fand auch im Irak Widerhall. 1941 erschütterte der Farhud, ein Pogrom der arabischen gegen die jüdische Bevölkerung Bagdads, das Sicherheitsgefühl der gesamten Gemeinschaft.
Nach der Staatsgründung Israels 1948 verschärfte sich die Lage für Juden im Irak dramatisch. Es kam zu willkürlichen Verhaftungen, Berufsverboten und Enteignungen. Jüdische Schulen wurden geschlossen, die meisten jüdischen Kinder konnten keine Schule mehr besuchen.
Viele Familien standen vor der Entscheidung: bleiben – oder alles zurücklassen.
Einige von Carmelas Brüdern gingen zuerst. Sie waren in den Kibbuzim sehr willkommen, mehr als billige Arbeitskräfte, weniger als gleichberechtigte Partner.
1950–1951 fand eine der größten Luftbrücken der jüdischen Geschichte statt: Operation Ezra and Nehemiah. Im Rahmen dieser Aktion wurden über 120.000 irakische Juden nach Israel ausgeflogen. Unter ihnen Carmelas Familie.
Wer ging, verlor die Staatsbürgerschaft und musste Besitz und Häuser zurücklassen. Mit ein paar heimlich eingenähten Diamanten, etwas Goldschmuck und wenigen Koffern verließen sie ihre jahrtausendealte Heimat. Die Schlüssel des Hauses hinterliessen sie bei den arabischen Nachbarn – ohne je zurückzukehren.
Bevor es die Reisebeschränkungen für Juden unmöglich machten, war Carmelas Vater einige Male ins britische Mandatsgebiet Palästina gereist und hatte von dort kleine Geschenke und große Geschichten mitgebracht – vom gelobten Land, in dem Milch und Honig fließen.
Doch in den „Ma’abarot“, den provisorischen Auffanglagern, in welchen die Familie nach ihrer Flucht aus dem Irak lebte, floss zunächst weder Milch noch Honig. Höchstens Regenwasser und Schlamm durch die Zelte. Im Sommer hingegen herrschte brennende Hitze. Es gab in den Zelten kaum Privatsphäre, man schlief auf Feldbetten, lebte aus Koffern, Lebensmittel waren rationiert.
Hinzu kam die soziale Geringschätzung. Die aus Europa stammenden Juden blickten auf die orientalischen Neuankömmlinge herab. Sie hielten sie für dumm, ungebildet und schmutzig. Bei der Ankunft wurden auch Carmela und ihre Familie gegen eventuelle Ungeziefer mit DDT besprüht.
Die Zeit war für Carmela und ihre Familie geprägt von Entwurzelung. Sie lernten nicht nur eine neue Sprache, sondern mussten ihre arabischen Namen zurücklassen und bekamen neue, hebräische Namen, ohne irgendeine Möglichkeit der Selbstbestimmung.
Nach zwei Jahren in Zelten bezog die Familie eine kleine Zweizimmerwohnung. Ein Schlafzimmer, ein Wohnraum. Die Eltern lebten dort bis zu ihrem Lebensende.
Die bescheidenen Umstände hinderte die nun schon verstreut lebende Familie nicht daran, sich zu versammeln und die traditionellen Speisen zu geniessen. Dazu gehören vor allem die Kubbeh – mit Fleisch gefüllte Teigklösse in kräftiger Suppe, in zahllosen Variationen. Alle weiblichen Mitglieder der Familie kochen diese Klösse regelmässig und mit Hingabe. Dabei machen sich die Schwestern, Tanten und Töchter gerne hinter dem Rücken der anderen darüber lustig, wer die Kubbeh zu dick, zu fad oder zu wässrig kocht.
Wer die Kubbeh nachkochen möchte – hier gibt es auf Instagram ein wunderbares Rezept. Aber aufgepasst, irakische Küche ist sehr aufwendig und alles andere als Fastfood!
Viele junge Frauen aus dieser Generation arbeiteten früh, unterstützten ihre Eltern, übernahmen Verantwortung für jüngere Geschwister und halfen beim sozialen Aufstieg der Familie. Die schwierigen Umstände erzeugten Ehrgeiz und Widerstandskraft. Man wollte den ärmlichen Verhältnissen entkommen, das junge Land Israel aufbauen, erfolgreich sein.
Heute sind die zweite und dritte Generation dieser Einwanderer fest verankert in allen Bereichen der israelischen Gesellschaft – gebildet, selbstbewusst, erfolgreich. Und doch ist in vielen Familien ein Stück Bagdad lebendig geblieben.
Carmela heiratete jung und bekam drei Söhne und eine Tochter. Sie führte ein religiöses, koscheres Haus, hielt den Schabbat, war nie ohne ihre Kopfbedeckung zu sehen.
Eine besonders bewegende Erinnerung bleibt ein gemeinsamer Kinobesuch des Films "Der Taubenzüchter von Bagdad", basierend auf dem Roman von Eli Amir. Der Film erzählt vom Ende der jüdischen Gemeinde Bagdads in den 1950er Jahren. Der ganze Saal war gefüllt mit Onkeln, Tanten, Cousins. Sie riefen auf Iraki dazwischen, klatschten, lachten, weinten. Es war nicht nur Kino. Es waren ihre eigenen Schicksale, die auf der Leinwand gespielt wurden.
Carmela liebte ihre Enkelkinder innig.
Im April 2022 wurde ihr Enkel Tomer bei einem Terroranschlag in Tel-Aviv ermordet. Der Schock traf die Familie ins Mark. Kurz darauf erlitt Carmela einen schweren Schlaganfall. Sie fiel ins Koma, rang sich Monate später ins Bewusstsein zurück, doch das Krankenhausbett verließ sie nie mehr. Vor einigen Tagen ging Carmela ans Ende des Regenbogens – im wahrsten Sinne des Wortes.
Bei der Beerdigung sprach ihr „kleiner“ Bruder mit tränenerstickter Stimme. In seinen Worten lag all die Geschichte und vor allem – innige Liebe zwischen Geschwistern.
Diese Liebe wird nicht mit Carmela begraben. Sie ist stärker als alle Last und stärker als Terror. Sie hält die Familie über Generationen zusammen – die Liebe und die Kubbeh.