Donnerstag, 17. September 2026

Warten auf den Anruf



Es sind aufregende Zeiten. Vieles ist los, vieles steht bevor, im Privaten wie auch im Weltgeschehen. Wer die Nachrichten verfolgt, muss zum Schluss kommen, die Welt sei aus den Fugen geraten. Die Spirale aus Hass und Irrsinn spitzt sich weltweit so rasant zu, dass es ruhig geworden ist in meinem Blog und auch bei vielen meiner Bloggerkolleginnen. Manche Entwicklungen machen sprachlos.
 
Doch trotz all dem Lärm und den bedrückenden Schlagzeilen gibt es für mich viele erfreuliche Aussichten. Das hilft, den negativen Trubel um mich herum auszublenden. Vielleicht ist es auch eine bewusste Entscheidung, worauf man seinen Blick richtet. 

Mit Erfreulichem meine ich nicht nur die Feiertage, von denen das Neujahrsfest bereits hinter uns liegt. Es sind persönliche Ereignisse, die mich optimistisch stimmen und mich gerade mit grosser Neugier auf das erfüllen, was vor mir liegt.
 
Itay, der vor einiger Zeit die Schweiz zu seinem festen Wohnsitz gemacht hat, verbringt seit Anfang September zwei Monate in Israel. Wir geniessen seine Anwesenheit. Wie es danach für ihn weitergehen wird, ist noch offen. 
Lianne wiederum richtet gerade ihre erste Wohnung in Universitätsnähe ein. Sobald alles bereit ist, wird sie dort gemeinsam mit zwei Freundinnen in einer WG wohnen. Dann werden die drei Kinderzimmer in unserem Haus leer stehen. Wieder endet ein Kapitel, während das nächste bereits beginnt.
 
Und - noch etwas weiter entfernt, doch unverkennbar näherrückend, hat sich mein bevorstehender Renteneintritt in mein Blickfeld geschoben. Die Zeit bis dahin schrumpft. Der Countdown läuft. 

Ausserdem stehen noch einige weitere persönliche spannende Neuigkeiten bevor, über die ich im Moment nicht öffentlich schreiben möchte. 
 


Und dann gibt es noch ein Ereignis, das alles andere in den Schatten stellt: Wir warten auf unser erstes Enkelkind. Ich denke oft an die Tage vor der Geburt meines ersten Kindes. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie grundlegend sich mein Leben verändern würde. Heute geht es mir ähnlich. Ich kann noch nicht wirklich erfassen, was die Geburt eines Enkelkindes für mich bedeuten wird. Im Moment gerade ist die Spannung kaum noch auszuhalten. Jede Minute kann es losgehen.
 
Weniger erfreulich sind die täglichen Schlagzeilen und die antisemitischen Ausfälle im Ausland. Der Palästina-Aktivismus ist zu einem absurden Religionsersatz geworden – rational nicht zu erklären. Die bevorstehenden Wahlen sorgen für zusätzlichen Lärm auf der innenpolitischen Bühne. Ehrlich gesagt rechne ich auf diesem Gebiet nicht mit grundlegenden Veränderungen.
Doch das permanente Getöse geht mir zutiefst gegen den Strich. Meine Schweizer Seele sehnt sich nach Normalität und weniger Aufgeregtheit. Nach Problemen, die vielleicht knifflig, aber letztlich gewöhnlich und vielleicht sogar lösbar sind. Nach Problemen, die nicht mit Krieg, Pogromen, Trauma und Judenhass zu tun haben.
 
Liannes neuer Nebenjob bringt diese Sehnsucht rasch wieder auf den Boden der Realität. Sie begleitet ein elfjähriges Mädchen aus Kfar Aza, das den 7. Oktober überlebt hat. Die Familie lebt noch immer als Evakuierte fern ihres niedergebrannten Kibbutz. Was Mutter und Tochter über jene Stunden erzählen, geht unter die Haut. Horrorgeschichten aus erster Hand, die in unserem Alltag immer präsent sind.
 
Zum Glück gibt es den Garten. Die große Hitze lässt langsam nach, und morgens kann ich wieder mit einer Tasse Kaffee draussen sitzen. Während die Mangos reifen und ab und zu eine vom Baum fällt, freue ich mich über Momente der Ruhe und Normalität. 
Dass der Mangobaum inzwischen den ganzen Garten überschattet und jeder Kontrolle entgleitet, ist zwar ebenfalls ein Problem. Aber ich übe mich darin, mich weder über den Baum noch über die Hasstiraden in den Medien allzu sehr aufzuregen – mit unterschiedlichem Erfolg.
 
Neben dem Stricken der Babyausstattung habe ich gerade ein wunderbares Buch zu Ende gelesen: Grossmama packt aus von Irene Dische. Es ist eines von den Büchern, bei denen man das Lesen der letzten Seite hinauszögern möchte. Selten habe ich eine Familiengeschichte gelesen, die vor einem so tragischen historischen Hintergrund spielt und dennoch so witzig und hochkomisch erzählt wird. Die ungewöhnliche Erzählperspektive und der feine Witz haben mich begeistert. Immer wieder staune und schmunzle ich über bestimmte Textabschnitte, die ich gerne hier wiedergeben würde. Doch das würde zuviel – also bitte selber lesen! Ich werde jedenfalls gleich nach dem nächsten Buch von Irene Dische Ausschau halten.
Und Wolle für das nächste Babyprojekt ist auch schon bestellt.





Dienstag, 18. August 2026

Hier und dort


Vor einiger Zeit lernte ich in einem kleinen Ferienort in Graubünden eine äusserst beeindruckende Einrichtung kennen: einen rund um die Uhr geöffneten Selbstbedienungsladen. Damit meine ich nicht etwa einen landwirtschaftlichen Selbstbedienungsstand, an dem man Eier, Käse und Kartoffeln kaufen kann. Nein, es handelt sich um einen richtigen Laden mit mehreren Gängen, Kühlregalen, Frischwaren, einer modernen Selbstbedienungskasse – ohne Personal. Die Dorfbewohner und registrierte Feriengäste besitzen einen elektronischen Chip, mit dem sie das Geschäft zu jeder Uhrzeit betreten können. Wenn man also morgens um drei Spaghetti kochen möchte, aber der Parmesan oder ein guter Rotwein fehlen – marschiert man zum Laden, nimmt, was das Herz begehrt, scannt die Ware ein und bezahlt.

Das Sortiment ist erstaunlich vielfältig und die Ware immer frisch. Der Laden ist makellos sauber. Die Regale ordentlich. Nichts liegt herum. Die Kassen sind benutzerfreundlich und funktionieren tadellos.
Die Idee ist verblüffend einfach. Sie basiert auf der revolutionären Annahme, dass erwachsene Menschen sich wie erwachsene Menschen benehmen. 

Die Schweizer verstehen, dass es wenig klug wäre, eine Einrichtung zu sabotieren, die ihnen das Leben leichter macht. Im Grunde basiert ein erstaunlicher Teil der Schweizer Gesellschaft auf derselben Erkenntnis: Wer anderen mit Respekt begegnet und Gemeingut achtet, profitiert am Ende selbst davon und schafft damit genau die Gesellschaft, in der man gerne lebt.

Auch der Quartierladen in meinem Dorf in Israel ist gewissermassen ein Spiegelbild der Gesellschaft. Entsprechend folgt er einer völlig anderen Logik. 

Das Abenteuer beginnt bei der Parkplatzsuche. Die wenigen vorhandenen Parkplätze sind grundsätzlich besetzt. Die Strasse vor dem Laden wird von Liefercamions und wartenden Fahrzeugen blockiert, deren Fahrer auf eine freie Parklücke hoffen. Hat man es geschafft, aus dem Auto auszusteigen, erwartet einen im Inneren des Geschäfts ein Labyrinth aus Kisten, Paletten und Gabelstaplern. Dazwischen manövrieren Kunden mit gekonnter Routine ihre Einkaufskörbe durch das Hindernisfeld und ergattern, über Kartons kletternd und auf Regale steigend, die gewünschte Ware. Der erste Gesamteindruck ist eine Mischung aus unmittelbar bevorstehendem Erdbeben, Regierungswechsel oder Raketenalarm.

Das Zentrum des unübersichtlichen Systems bildet eine ältere Kassiererin jemenitischer Herkunft. Während sie Waren scannt, Geld kassiert und Reklamationen bearbeitet, erteilt sie mit beeindruckender Lautstärke Anweisungen an die Angestellten des Ladens. Dies erfolgt meist unter Einbezug der Kunden, die, wenn nötig, beim Um-, Auf-, oder Wegräumen der Waren ebenfalls Hand anlegen müssen. Unter diesem resoluten Kommando arbeitet eine Einsatztruppe, die jedem internationalen Krisenteam zur Ehre gereichen würde: temporär angestellte Studentinnen aus dem Dorf, muslimische Verkäuferinnen, ein thailändischer Gemüseeinräumer und der Mann an der Fleischtheke, dem „Krisenmanager für alles“. Die meisten von ihnen sprechen wenig bis gar kein Hebräisch, die Kassiererin dafür einige Worte Arabisch. Unter ihrer Fuchtel steht auch der eigentliche Filialleiter, der meistens mit verschiedenen Listen in den Händen etwas verloren herumsteht. Das ganze flotte Grüppchen führt irgendwelche von der Kassiererin angeordneten Spezialeinsätze durch – oder steht rauchend und plaudernd vor dem Laden.

Während im Selbstbedienungsladen in der Schweiz auf wundersame Weise immer alles bestens aufgeräumt scheint, obwohl kein Personal zu sehen ist, arbeiten hier etwa zehn Personen – und die Unordnung ist katastrophal.
Die Kundenschlange an die einzige Kasse reicht bis tief ins Innere des Ladenlabyrinths. Die Wartenden erzählen von der Hochzeit einer Cousine, von einer Tante im Krankenhaus, vom Werdegang ihrer Kinder, die einst gemeinsam den Kindergarten im Dorf besuchten. Der jungen Frau, die es eilig hat rechtzeitig zur Krippe zu gelangen, gibt man den Vortritt – und dann auch noch den fünf Kindern, die zusammen ein paar Süssigkeiten kaufen. Unterdessen rennt der Erste in der Schlange noch einmal zurück in den Hindernisparcours, weil eben seine Frau angerufen und noch Paniermehl angefordert hat. Und wenn man besonders viele Einkäufe gemacht hat, trägt einem jemand aus der internationalen Einsatztruppe die Taschen zum Auto.

Einmal pro Woche findet der Schuk Schlischi statt, der Dienstagsmarkt. Dann rollen mehrere Lastwagenladungen frischer Früchte und Gemüse an. Das Ladenlabyrinth sprengt seine Grenzen, breitet sich über den Vorplatz aus und reicht bis auf die Strasse. Mit jedem zusätzlichen Stand wächst das Chaos ein wenig mehr – zur sichtlichen Begeisterung der Kundschaft, die sich über knackfrische Ware zu besonders günstigen Preisen freut.

Nach allen Regeln moderner Betriebsführung hätte der Laden längst kollabiert sein müssen, aber durch ein Wunder menschlicher Improvisation, guten Willens und Eigeninitiative funktioniert er irgendwie trotzdem.

Ich könnte nicht sagen, was ich mehr schätze: das israelische Chaos oder die Schweizer Lebensqualität. Am schönsten ist es, wenn man beide Welten geniessen kann, ohne die andere zu verurteilen.




Montag, 10. August 2026

700 Jahre später



Zur schönen Stadt Basel habe ich eine besondere Beziehung. In einem Provinzdorf aufgewachsen, zog mich Basel als Zwölf- oder Dreizehnjährige als „grosse Stadt“ magisch an. Später ging ich dort vier Jahre zur Schule. In Basel erlebte ich erste Lieben, erste Enttäuschungen und einige nicht ganz erfolgreiche Versuche höherer Bildung.
Auch heute führen mich meine unzähligen Schweizreisen dorthin und ich entdecke dabei die Stadt immer wieder neu. Obwohl ich bald vierzig Jahre im Ausland lebe, fühle ich mich in Basel zuhause.

Vor einigen Jahren hatte ich zudem die Gelegenheit, geschäftlich nach Basel zu reisen. Ich logierte in Hotels, die ich mir privat nicht leisten würde, und betrachtete die Stadt durch die Augen amerikanischer und israelischer Arbeitskollegen. Auf einer dieser Geschäftsreisen nahm ich sogar an einer Stadführung auf Englisch teil und lernte dabei überraschenderweise wieder viel Neues.

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Nur dass sich in Basel im Jahr 1349 ein Judenpogrom ereignet hatte, wusste ich nicht. Als ich rein zufällig in einem historischen Roman darauf stiess, erschütterte mich die Geschichte. Nicht nur wegen der historischen Fakten. Sondern weil die Gräueltaten an genau den Orten stattfanden, die mir so vertraut sind: In der Basler Altstadt. Hier, in diesen Gassen, auf diesen "Bsetzischtei", haben Menschen – vermutlich Menschen wie du und ich – von absurden Anschuldigungen und von der Masse getrieben, unschuldige Mitbürger zusammengepfercht und in den Flammen getötet.

Damals wütete in Europa die Pest. Innerhalb weniger Jahre starb schätzungsweise etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Menschen suchten nach Erklärungen für das Unfassbare. Und sie fanden einen Schuldigen.
Die Juden.
Man beschuldigte sie, Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben.

Ich befrage ChatGPT nach dem historischen Hintergrund:

Im Jahr 1349, während der Pestepidemie, wurden die Juden von Basel fälschlicherweise beschuldigt, die Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben. Unter dem Einfluss von Angst, Gerüchten und bereits bestehendem Antijudaismus beschloss die Stadtführung, gegen die jüdische Gemeinde vorzugehen. Am 9. Januar 1349 wurden zahlreiche Basler Juden (etwa 600 Menschen) auf einer Rheininsel in einem eigens errichteten Holzgebäude eingeschlossen und verbrannt. Die jüdische Gemeinde wurde anschließend aus Basel verbannt.
Heute gilt das Basler Judenpogrom als eines der schwersten antijüdischen Gewaltverbrechen im deutschsprachigen Raum während der Pestverfolgungen.

Zusätzlich zum Hintergrund liefert ChatGPT auch gleich eine aktuelle historische Bewertung mit, die lautet: 
  • Es gibt keinerlei Beweise, dass Juden Brunnen vergifteten.
  • Die Anschuldigungen entstanden aus Angst, Gerüchten und unter Folter erzwungenen Aussagen.
Die Anschuldigungen von damals wirken aus heutiger Sicht tatsächlich absurd. Doch die Geschichte zeigt, wie gefährlich es wird, wenn Angst wichtiger wird als Fakten. Dann kann kein noch so überzeugendes Argument die Vorwürfe aufhalten.

Seit Jahrhunderten werden Juden nicht wegen dem gehasst, was sie tun, sondern wegen dem, was man ihnen unterstellt: Sie seien Kindermörder, Weltverschwörer, Brunnenvergifter.

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Einige Jahrhunderte, zahllose Pogrome und einen Holocaust später, lässt mich ein reisserischer Artikel von SRF News das abendliche Scrollen in den sozialen Medien abrupt unterbrechen: Israel, so heisst es dort, vergifte die Böden seiner Nachbarländer.

Absurde Lügen oder falsche Tatsachen von Privatpersonen überraschen mich in den sozialen Medien nicht mehr. Manifestationen des Hasses sind inzwischen leider selbstverständlich geworden. Auch bei SRF ist es nicht das erste mal, dass ich entsetzt auf eine Schlagzeile starre. Und doch schockiert mich der Artikel, denn – verdrehter kann man einfach nicht mehr berichten. Und SRF ist immerhin das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen der Schweiz!

Die Wortwahl und die scheinbar mühelose Selbstverständlichkeit der Behauptungen erschrecken. Sie wecken Erinnerungen an ein Muster, das wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Behauptungen werden verbreitet, bevor Fragen gestellt werden. Narrative setzen sich fest, ohne Fakten zu prüfen.
Die alte Mär vom brunnenvergiftenden Juden – nur etwas modernisiert.

Dabei verliert SRF bereits in der ersten Zeile an Glaubwürdigkeit, indem es „Palästina“ zu einem „Nachbarland“ Israels macht. Welcher Weltkarte man das wohl entnehmen kann?

Ich nehme an, dass die meisten Medienkonsumenten solche „Informationen“ unbewusst aufnehmen und achselzuckend weiterscrollen.

Mich hingegen lassen sie nicht los.

Vielleicht wird irgendwann in ferner Zukunft ein ChatGPT ausspucken: 
  • Es gibt keinerlei Beweise, dass Israel (sprich = Juden) im Jahr 2026 die Böden seiner Nachbarländer vergiftetete.
Aber was wird bis dahin noch geschehen?

Zum Glück gibt es einige Menschen, die nicht einfach blind der Herde folgen. Menschen, die Fragen stellen, nach Quellen suchen und auch Widerspruch äussern. Meine Bloggerkollegin Schreibschaukel hat einen Brief an das SRF verfasst. Es ist nicht der erste, und auch dieser wird vermutlich nicht die Welt verändern. Aber ich bin dankbar für Menschen, die Fragen stellen, Quellen prüfen und den Mut haben, für ihre Überzeugung einzustehen, wenn die Masse längst weiterzieht.




 



Montag, 3. August 2026

Das Glück, am richtigen Ort geboren zu sein

Für diese Tage sind auch bei uns extrem hohe Temperaturen angekündigt. Wirklich aussergewöhnlich ist das allerdings nicht. Im Juli und August gehören 34 oder 35 Grad zum Alltag. Da es auch nachts kaum abkühlt, läuft die Klimaanlage rund um die Uhr. Jeden Morgen versuche ich etwas zu „lüften“, doch das bereue ich jeweils schnell.
Jeder Gang nach draussen will gut überlegt sein. Outdoor-Aktivitäten verschieben wir – wie jedes Jahr – auf die kühleren Monate.

Am Freitagabend kommen Sivan und Joni zum Schabbatessen. Ich habe mehrere Gerichte gekocht, meine Schwiegermutter bringt ihr traditionelles irakisches Fischgericht mit. Die Gespräche drehen sich fast ausschliesslich um Sivans immer runder werdenden Schwangerschaftsbauch. Wir sprechen über Kinderwagen, Karriereansprüche, Rollenverteilung, und über all die Pläne, die werdende Eltern schmieden. Sie wissen noch nicht, dass nach der Geburt des ersten Kindes alles anders sein wird.

Trotz der entspannten Stimmung lassen mich die aktuellen Nachrichten aus der spanischen Exklave Ceuta nicht los. Zehntausende Menschen aus Nordafrika haben versucht, schwimmend die Grenze zu dem winzigen spanischen Territorium zu überwinden. Manche haben Schwimmreifen dabei, sie schwimmen in Unterwäsche oder ihren Kleidern. Die Bilder zeigen erschöpfte junge Männer, die barfuss und mittellos an Land kommen. Die Grenze bricht faktisch zusammen. In Ceuta wird der nationale Notstand ausgerufen. Es gibt erste Berichte, dass Menschen im Meer ertrunken sind. In den Medien folgen umgehend Debatten über Migration, Grenzen und Souveränität.

Ein kurzes Interview erschüttert mich besonders. Ein vielleicht sechzehnjähriger Marokkaner sagt in gebrochenem Englisch: "Marokko … schlecht. Keine Arbeit. Kein Geld. Keine Hoffnung." Als er erfährt, dass die Ankommenden wieder nach Marokko zurückgeschickt werden, weicht der kurze Hoffnungsschimmer sichtbar der Verzweiflung. Auf die Frage nach seiner Familie erzählt er, dass seine Mutter ihn in seinem Vorhaben – der Flucht – unterstützt habe.
Dieser Satz trifft. Wie hoffnungslos muss eine Mutter sein, um ihren kaum erwachsenen Sohn auf so einen Weg zu schicken – ahnend, dass sie ihn vielleicht nie mehr wiedersehen wird? Offenbar erscheint selbst diese Möglichkeit erträglicher als die Zukunft, die ihn zu Hause erwartet.

Zum Dessert essen wir eine fantastische Crèmeschnitte.

Unser Abend wird zusätzlich von der Nachricht überschattet, dass Jonis Vater in Athen einen Motorradunfall hatte. Zum Glück ist er nicht lebensgefährlich verletzt. Zum Glück hat er eine Familie, die es sich leisten kann, am nächsten Tag spontan hinzufliegen.

Während ich diese Zeilen schreibe, dürften die meisten Menschen aus Ceuta bereits wieder nach Marokko abgeschoben worden sein. Zurück in ein Leben, das sie verzweifelt hinter sich lassen wollten. Zurück in ihrem perspektivenlosen Alltag, mit zerschlagenen Hoffnungen. Die Zahl der Ertrunkenen steigt noch. Die Bilder aus Ceuta und die Hintergründe, die zu solchen humanitären Katastrophen führen, beschäftigen mich zutiefst.

Die Menschen in Nordafrika handeln aus Ohnmacht. Auch Staaten können ohnmächtig sein, wenn Ereignisse ausser Kontrolle geraten. Auch ich fühle mich ohnmächtig.
Doch eines bleibt uns: Mitgefühl zu bewahren und Menschen zu bleiben.

Unser grösstes Privileg ist letztlich nichts, was wir uns verdient hätten. Ob wir an einem Freitagabend gemütlich mit der Familie Crèmeschnitte essen oder uns auf der verzweifelten Suche nach einer besseren Zukunft in die Wellen stürzen, hängt letztlich allein davon ab, auf welchem Fleck dieser Erde wir geboren werden.







Samstag, 1. August 2026

Park Nitzan

Bald ist es drei Jahre her, dass Nitzan und ihr Verlobter Lidor von Hamas-Terroristen in einem der "Miguniot HaMawet" brutal ermordet wurden. Sie hatten am Nova-Festival teilgenommen und versuchten, sich im Morgengrauen dieses Tages, der alles veränderte, vor den Terroristen aus dem Gazastreifen in Schutz zu bringen. Über diese schrecklichen Ereignisse habe ich in mehreren Beiträgen geschrieben, unter anderem in Nitzan und in Immer wieder der 7. Oktober

Die Familie von Nitzan hat gemeinsam mit unserer Gemeindeverwaltung und verschiedenen Organisationen über lange Zeit und mit viel Hingabe daran gearbeitet, den Park in unserem Dorf Nitzan zu widmen.

Der grosse Park bietet weitläufige Grünflächen, ein Basketballfeld, ein Freiluft-Amphitheater, Fitnessgeräte und einen vielfältigen und abwechslungsreichen Kinderspielplatz. Jetzt sind noch mehrere grosse Musikinstrumente hinzugekommen, die an die Liebe zur Musik erinnern, die Nitzan mit den vielen jungen Menschen teilte, die das Nova-Festival besuchten.

In dieser Woche nahmen wir an der feierlichen Neu-Einweihung des Parkes teil. Sie fand am Tu Be’Av statt, dem jüdischen Fest der Liebe. Gemeinsam mit Hunderten weiteren Menschen kamen wir zusammen, um Nitzans zu gedenken. Und wie es sich für einen Park gehört, waren auch Hunderte Kinder dabei.

Israel ist ein ausgesprochen kinderfreundliches Land. Die Generation meiner Kinder – die Generation von Nitzan – hat heute meist bereits selbst kleine Kinder. Während des Anlasses rannten sie über die Wiesen, kletterten auf die Spielgeräte und spielten und lachten zwischen den versammelten Familien. Wie so vieles in Israel folgte auch dieser Anlass keiner strengen Ordnung; sondern war vielmehr ein heiteres, lebendiges Gewusel. Das Leben, das weitergeht stand im Vordergrund – nicht die Tragödie.

Bevor das Denkmal zu Ehren von Nitzan enthüllt wurde, schlossen ihre Eltern ihre Ansprache mit den Worten:
„An diesem Ort wird unsere gesamte Gemeinschaft nach Liebe, Frieden und Hoffnung streben – so, wie Nitzan es sich gewünscht hätte.“



Die "Miguniot HaMawet" sind Beton-Unterstände an Bushaltestellen in der Grenzregion zu Gaza, welche am 7. Oktober 2023 zum Schauplatz blutiger Massaker wurden. Das prägte den neuen hebräischen Ausdruck, Bunker des Todes.

Die Unterstände waren vor Jahren im Rahmen eines Kunstprojekts mit bunten Vögeln und anderen Motiven bemalt worden, um etwas Farbe und Hoffnung in die von Unsicherheit geprägte Region zu bringen. Einer dieser Vögel zierte auch Nitzans "Migunit".
Heute wacht genau dieser Vogel als Skulptur über das Nitzan gewidmete Denkmal, in unserem „Park Nitzan“.







Dienstag, 28. Juli 2026

Zwei Antworten auf dieselbe Frage

Im Thunersee zu schwimmen, auf dem sanft schaukelnden Floss zu liegen und in die Sonne zu blinzeln – das war das klare Highlight meines zweiwöchigen Schweiz-Urlaubs. Die Bucht am See ist ein echtes Juwel. Dass sie mit der wesentlichen Infrastruktur versehen wurde, frei zugänglich ist und von den Menschen respektvoll und friedlich genutzt wird, ist einer der Gründe, warum die Schweiz für viele wie ein Paradies wirkt. Das pure Glück, das ich auf diesem Stückchen Wiese und dem Floss empfunden habe, wird mir in Erinnerung bleiben.


An eine andere Begegnung werde ich mich ebenfalls erinnern - aus ganz anderen Gründen.
Wir waren im Oberengadin wandern. Auf 2,400 Metern Höhe zeigten sich die Berge von ihrer besten Seite. Tief unten glitzerten die Seen. Alle Sorgen der Welt schienen weit hinter dem Horizont zu liegen.

Unterwegs trafen wir auf ein Paar, das offensichtlich jüdisch war. Wir begrüssten sie mit einem „Shalom“, und sofort entwickelte sich ein Gespräch auf Hebräisch.
Sie erzählten uns, aus welcher Stadt in Israel sie kamen. Wir berichteten, wo wir in Israel leben. Wir wanderten ein Stück gemeinsam weiter und plauderten, bis sich unsere Wege trennten.
Meine Geschwister waren vorausgegangen und warteten an der Bergstation auf uns. Mein Bruder, ein standhafter Freund Israels, erzählte mir dort, dass auch er mit dem Paar gesprochen hatte. Allerdings auf Englisch. Dabei hatten sie ihm erzählt, sie kämen aus Südafrika. Das stimmte auch: Zumindest ursprünglich stammten sie von dort. Nur den Teil, dass sie heute in Israel leben, hatten sie ihm gegenüber weggelassen.

Die Begegnung beschäftigte mich noch lange. Dieser Angst plötzlich im Alltag zu begegnen – auf einem Wanderweg in den Schweizer Alpen – hat mich tief betroffen gemacht. Denn dieses Thema betrifft für mich nicht nur Fremde, sondern mich und meine eigene Familie.

Dass die Dinge so verlaufen sind, ist schade für alle Beteiligten, denen dadurch vielleicht ein interessantes Gespräch entgangen ist. Doch für uns ist es absolut verständlich.



Ich weiss nicht, ob ich die Situation richtig einschätze, doch ich denke, Juden sind in der Schweiz (noch) ziemlich sicher. Anders verhält es sich teilweise mit Israelis in Europa.
Viele Menschen haben sich inzwischen eine sehr eindeutige Meinung zum Nahostkonflikt gebildet. So eindeutig, dass für Zweifel oder Zwischentöne meist kaum noch Platz bleibt. Israelis geraten dabei schnell unter Generalverdacht.

Unser Sohn Itay hat seine Arbeit in Zürich unterbrochen und wird nun mit israelischen Kollegen reisen gehen. Man kann nicht israelischer aussehen als Itay (von meinen eigenen Genen scheint in seiner DNA jede Spur zu fehlen). Als Israeli erkannt zu werden, kann in einigen europäischen Ländern leider unangenehme Folgen haben. Im Gespräch suchen wir die Länder, in denen sich Israelis noch sicher fühlen. Um sie aufzuzählen, reichen die Finger einer Hand.

Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Hass beschränkt sich nicht nur auf die Graffitis, die uns auf unseren Ausflügen in der Schweiz, in Deutschland oder auf Kreta von jeder Wand entgegenschlagen. In den vergangenen Monaten wurde immer wieder über Vorfälle gegen israelische Touristen berichtet: Beschimpfungen, Anfeindungen oder verweigerte Dienstleistungen.
Auch das israelische Außenministerium teilte mit, dass es vermehrt gemeldete antisemitische Vorfälle gegen Israelis im Ausland registriert habe. So zum Beispiel gerade erst kürzlich auf Kreta.

Ich weiss nicht, ob Menschen, die sich nicht für Israel interessieren, wahrnehmen, was sich in Europa für Israelis und für Juden verändert. Es ist völlig legitim, sich nicht für den Nahen Osten zu interessieren. Doch das Ausmass der Vorfälle und die Tatsache, dass Israelis Angst haben, ihre Herkunft zu erwähnen, kann man nicht mehr mit einem Schulterzucken beiseiteschieben.

In Gesprächen über Berge, das Wetter oder die Aussicht (und die Frage, ob auch andere Wanderer die 600 Meter Höhendifferenz beim Planen der Wanderung total übersehen haben), sollten sich Israelis nicht überlegen müssen, welche Teile ihrer Biografie sie lieber verschweigen. Diese Entwicklung ist höchst beunruhigend.

Die Wanderung war wunderbar, aber die zwei verschiedenen Antworten, die dieses Paar auf dieselbe Frage gegeben hat, haben mich irritiert und beschäftigt. Hoffentlich nicht nur mich.




Donnerstag, 23. Juli 2026

Ein Schälchen Brombeeren




Im Garten meiner Eltern wächst eine sieben Meter lange Brombeerhecke. Die noch längere Himbeerhecke ist inzwischen vertrocknet. Die Brombeeren dagegen wachsen  – nun, da das Haus leer steht – ungestört vor sich hin und tragen unzählige Früchte.

Für zwei Wochen ist das Haus unser Feriendomizil. Eigentlich steht es leer. Und doch ist es voller Leben.

Meine Eltern sind überall gegenwärtig. In den Gegenständen, die sie benutzt haben. In der Art, wie Dinge abgelegt wurden. Im Geruch, der noch in den Räumen hängt.

Mein Vater lebt inzwischen in einem Alters- und Pflegeheim. Von den Habseligkeiten, die ihn ein Leben lang begleitet haben, braucht er dort fast nichts mehr. 

Auf seinem Bett liegt noch ein getragenes Hemd. Auf dem Arbeitstisch wartet seit Monaten eine unvollendete Bastelarbeit auf ihren Schöpfer.

Die Kleider meiner Mutter sind weggeräumt. Trotzdem spüre ich auch ihre Anwesenheit.

Zu den festen Sommerritualen meiner Mutter gehörte das Einkochen von Früchten. Der große Garten lieferte reichlich Material für Konfitüren. 

Während meines Aufenthalts lockt mich das sonnige Wetter jeden Morgen vor dem Frühstück hinaus zu den Brombeeren. Die stacheligen Zweige hängen voller Früchte. Doch wie es die Art dieser Beeren ist, werden jeden Tag nur wenige von ihnen genau richtig reif. Gerade genug für ein kleines Schälchen zum Frühstück, jeden Morgen.

Beim Pflücken denke ich an meine Mutter. Wie hat sie es geschafft, ganze Töpfe voller Beeren einzukochen? Sammelte sie Tag für Tag eine Portion und wartete, bis genug zusammengekommen war?

Ich geniesse diese stillen Morgenstunden in der frischen Luft. Heute nennt man das wohl Entschleunigung.

Konnte meine Mutter das Beerenpflücken geniessen? Mit fünf Kindern, einem Ehemann, einem großen Garten und einem Haushalt war Entschleunigung vermutlich das Letzte, was sie brauchte. Wahrscheinlich hätte sie sich manchmal eher etwas Beschleunigung gewünscht.

Dieser Urlaub ist geprägt von Erinnerungen und Fragen. Ich öffne Schubladen, schaue in Schränke und stöbere durch Zimmer. Ich suche das Kind, das ich war. Meine Geschwister. Wie war das Leben meiner Eltern wirklich? Unser Leben als Familie?

Meine Eltern haben zu viele Dinge aufbewahrt. Als endlich Gedanken aufkamen, etwas zu räumen, waren sie zu müde.

Ich finde mindestens sechs "Chriesichratte". Unser Familienbüchlein mit den Stempeln des Zivilstandamtes und dem handschriftlichen Eintrag meiner Mutter mit unseren Geburtszeiten. Einige vergessene und doch so vetraute Kinderbücher. Meine Taufkerze.

Als die zwei Wochen zu Ende gehen, muss ich alles zurücklassen. Die Brombeerhecke. Das Haus. Die Erinnerungen.

Beim Wegfahren winke ich dem leeren Haus zu.
Zum ersten Mal winkt niemand zurück.