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Es werden Posts vom Dezember, 2016 angezeigt.

Alles neu

Alles kommt einmal zu Ende. Der Bautrupp ist endlich abgezogen, wir putzen, räumen auf und lecken unsere Wunden. Resultat: ein neu gefliester Balkon, neu gestaltete Schlafzimmer, ein modern gestyltes Badezimmer, eine krumm angebrachte WC-Schüssel, 500 neue graue Haare.

Onleihe

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Heute verbringe ich zweimal eine halbe Stunde beim Autofahren. Das Schöne daran: über die Lautsprecher, die per bluetooth mit meinem Smartphone verbunden sind, höre ich ein Audiobuch. Das Buch habe ich auf der „onleihe“-App heruntergeladen. Dazu muss man auf einer beliebigen online-Bibliothek registriert sein, zum Beispiel bei der Goethe-Bibliothek. Audio-Bücher gibt es zwar auch auf der Kindle-App, dort aber nur gegen Bezahlung. Bei onleihe hingegen kann man die Audio-Bücher kostenlos für sieben Tage ausleihen. Nun höre ich „Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier. Dieser verblüffende Roman erzählt die Geschichte von Winston Churchill und Charlie Chaplin, deren Freundschaft auf einem gemeinsamen Feind basiert: Depression und Suizidgedanken. Die Audio-Version des Romans wird vom Autor Köhlmeier selbst gesprochen und so vergeht die Zeit beim Fahren wie im Flug. Wo immer ich ankomme, bereue ich fast, mein Ziel erreicht zu haben. Am liebsten würde ich nach Norden an die libanesisc…

Unterwegs

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Besuch bei E im Heim für Holocaust-Überlebende

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So langsam verstehe ich, wie das in der psychiatrischen Klinik läuft: die Patienten werden, aus welchem Grund auch immer, mehr oder weniger gesund eingeliefert und nach und nach werden sie gebrechlich, schwach und pflegebedürftig. Und wahnsinnig. Es scheint ausnahmslos ein unaufhaltsamer Prozess zu sein, an diesem traurigen Ort. Schlussendlich vegetieren alle Insassen hoffnungslos und gebrochen den ganzen Tag am Gemeinschaftstisch vor sich hin, bis sie zur Nachtruhe weggerollt werden. Nun sitzt auch E., die anfangs dieses Jahres - noch neu im Heim - ganz wacker auf den Beinen war und selbständig durch die Gänge spazierte, abgemagert, schwach und zitternd im Rollstuhl. Sie kann sich kaum aufrechthalten und als ich eintreffe, hat sie gerade ihren Kaffee verschüttet. Ich frage sie, wie es ihr geht und sie antwortet „miserabel“. Ihre Beine sind magerer als meine Unterarme und nun hat man ihr auch noch das schüttere graue Haar kurzgeschoren. Sie sieht elend aus. Traurig. Ein Leben ohne Li…

Göttertrank

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Kühle zwölf Grad erwarten mich während meiner Laufrunde an diesem Freitagmorgen. Der Himmel ist grau verhangen und es nieselt leise und ununterbrochen. Im Yaar Ilanot schützen mich die hohen Baumkronen vor dem Regen. Ich atme die frische Waldluft tief ein, meine Schritte knirschen auf dem feuchten Kiesweg, es riecht nach Nässe und Feuchtigkeit. Fast wähne ich mich in Europa.

Wäre da nicht diese Orange, die ich beim Laufen im Orangenhain vom Baum pflücke. Ich drücke und quetsche die noch harte Frucht und reisse mit blossen Händen ein Loch in die Schale. Dann presse ich mir den erfrischenden, säuerlichen Saft direkt in den Mund. Nektar und Ambrosia! Ahh Israel!


Die Baustelle

Bei uns zuhause herrscht der Ausnahmezustand. Ich weiss nicht, ob das andernorts auch so ist, aber in Israel scheint Bauen eine äusserst unexakte Wissenschaft zu sein. Da stellt man sich etwas vor, trifft sich mit dem Bauleiter, macht Pläne und dann kommt von der ersten Minute an alles anders als geplant. Das ganze Projekt ist nichts als eine Anhäufung unvorhergesehener Notfälle, die irgendwie aus dem Stegreif gelöst werden müssen. Und wie ich schon in früheren Bauprojekten erfahren habe, scheint auch dieser Baumeister von seiner Arbeit nicht die geringste Ahnung zu haben. Als gäbe man einem zufällig aufgegriffenen Menschen die Aufsicht über eine komplizierte Herzoperation. Oh, hier blutet es – was machen wir jetzt?

Wenige Stunden nachdem die Bautruppe mit Abbruch-, Meissel- und anderen Geräten bei uns eintrifft, herrscht im ganzen oberen Stockwerk ein heilloses Durcheinander. Nur in unserem eigenen Schlafzimmer versuchen wir verzweifelt, die Oberhand über Dreck und Staub zu bewahre…

Kopfgymnastik

„Schreiben? Einfach! Nur die Buchstaben in die richtige Reihenfolge bringen“ behauptet der Autor Christoph Poschenrieder, von welchem ich "Die Welt ist im Kopf" gelesen habe, auf seiner Webseite.

Diese Aussage ist selbstredend für einen Sprachkünstler. Aber leider verkümmert eine Sprache, wenn man sie nicht gebraucht, sogar die Muttersprache. Und wenn Wortschatz, Grammatik und Satzstellung immer weniger selbstverständlich sind, wird Schreiben alles andere als einfach.

Einer der Gründe, warum ich schreibe – Tagebuch oder blog oder was auch immer - ist das verzweifelte Bestreben, mein deutsches Sprachvermögen nicht allzusehr einrosten zu lassen. Leider habe ich in den letzten dreissig Jahren kaum Gelegenheit, deutsch zu sprechen und das Lesen macht den Sprachverlust nicht wett. Deshalb ähneln meine Schreibversuche in etwa meinen Yoga-Übungen, die recht linkisch daherkommen. Aber immerhin falle ich nicht gleich hin, wenn ich auf einem Bein stehe.

Wie im Yoga möchte ich mich …