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Sprudelbad im Toten Meer

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Auch wenn das Alltags-Hamsterrad wieder läuft, gibt es doch immer wieder Ereignisse, die für Ausgleich sorgen. Drei Arbeitstage nach dem Urlaub folgt schon ein langes, erlebnisreiches Feiertagswochenende. Am Freitag besuche ich Itay, der nun auch in Tel-Aviv wohnt. Nachdem ich „seine“ Untermiete-Wohnung (und vor allem die Staub- und Schmutzschichten) bestaunt habe, verbringe ich einen sehr erfreulichen und bereichernden Tag mit meinen Kindern in Tel-Aviv. Sonnenuntergang in Tel-Aviv Zwei Tage später folgt ein Ausflug mit Übernachtung ans Tote Meer. Das Tote Meer liegt einige hundert Meter unter dem Meeresspiegel, gleicht aber eher einer surrealen Mondlandschaft als einem irdischen Meer oder See. Kaum tritt am frühen Morgen die Sonne über die Berge am jordanischen Ufer, steigen die Temperaturen auf über dreissig Grad. Umgehend liegt das ganze Gebiet unter einer Dunstwolke, auch jetzt, Mitte Oktober. Der Dunst verwischt alle Übergänge, sodass die umliegenden Berge bis am späteren Nachmit

Das Passwort zum Hamsterrad

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Die Flugtickets buchten wir im April. Damals schien der Urlaub Ende September nicht absehbar. Lange Monate des Wartens und der Vorfreude vergingen im Schneckentempo. Die Sommermonate waren arbeitsreich. Ich sass am Schreibtisch, während viele meiner Mitarbeiter wegfuhren und braungebrannt wiederkamen. Mit einer Vollzeitstelle, vielen Überstunden und Hausarbeit am Wochenende bleibt nicht viel Freiraum für Ausbrüche aus dem Alltag. Oft habe ich das Gefühl, dass mein Leben aus Schlafen und Arbeiten besteht. Ich finde nicht einmal Zeit, den verdienten Lohn zu verprassen und zum Glück auch kaum Zeit für die Frage nach dem Sinn. September. Die Reisedaten rückten näher, der Urlaub wurde greifbar, die Vorfreude stieg. Als die Tage vor der Reise an den Fingern einer Hand abzählbar waren, verbrachte ich schlaflose Nächte vor Freude und Aufregung. Dann endlich, kaum zu glauben, ging es los.  Weitläufige Flughäfen, Menschen in seltsamer Kleidung, unbekannte Städte. Fahrten durch unbetretene Landsc

Russische Elefanten

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Vor einigen Wochen – vielleicht sind es auch schon Monate – habe ich mir Dostojewskijs „Schuld und Sühne“ auf den Kindle geladen. Sehr weit bin ich unterdessen mit dem Lesen dieses 800-Seiten-Wälzers noch nicht gekommen. Die Sätze sind lang, die Personen mit ihren russischen Namen – teils mit Spitz- oder Kosenamen bezeichnet – vielzählig und wer nicht am Ball bleibt und in einem durchliest, ist bald verwirrt. Es ist kein einfaches Unterfangen, diesen Roman zu lesen, aber etwas Konzentrationsübung kann in unserer flüchtigen Welt nur von Vorteil sein. Doch trotz allen guten Vorsätzen war dieses Projekt für mich schon sehr nahe am Scheitern – bis ich gestern zufällig auf den Film „ Die Frau mit den 5 Elefanten “ gestossen bin. "Die Frau mit den 5 Elefanten" ist die Übersetzerin Swetlana Geier. Die fünf Elefanten sind die fünf grossen Romane von Fjodor Dostojewskij: „Verbrechen und Strafe“, „Der Idiot“, „Böse Geister“, „Die Brüder Karamasow“ und „Ein grüner Junge“. Swetlana Geier

Diese Woche

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Das Töchterchen springt zu steil Kopf in ein nicht sehr tiefes Schwimmbad und taucht blutüberströmt auf. Freunde fahren sie zu uns und der Vater eilt mit der Verletzten in den Notfalldienst, wo die aufgeplatzte Braue genäht wird. P.S. Das Kind ist 27 Jahre alt. Unser Menüplan sieht diese Woche etwa so aus: Müsli mit Mango zum Frühstück Freekeesalat mit gebratenem Tofu, Fetakäse und Mangostückchen zum Mittagessen Mango-Eiscreme zum Dessert Mango „einfach so“ zum Zvieri Blattsalat mit Mango zum Abendessen Kurzum: es ist Mangosaison. Nachdem ich am Freitag die letzten fast zehn Mangos für ein Picknick kleingestückelt habe, sind die wohl etwa hundert Früchte unserer Ernte vertilgt.   Der Popsänger Zvika Pick, der als einer der musikalischen Schätze Israels galt, stirbt im Alter von 72! Ich habe ihn sehr geschätzt und seine Musik geliebt. Der Tod dieses begabten Sängers ist ein grosser Verlust. Nun höre ich in Trauer seine wunderbaren Lieder. Unser Sohn Itay feiert 25 Lenze. Nach drei Jah

FreierMorgenAlleinezuHauseGuteLauneTätigkeiten:

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Wissen sie, welche wichtige Geschmackskomponente in gekauftem Holunderblütensirup fehlt? Richtig – Sonne! Holunderblütensirup muss im Spätsommer mehrere Tage in einem grossen Becken im Schatten vor sich hindümpeln, bevor er aufgekocht und in Flaschen abgefüllt wird. Dann ist Holunderblütensirup greifbar gemachte Sonne in Flaschen. Das ist mir heute morgen klar geworden, unter anderem. FreierMorgenAlleinezuHauseGuteLauneTätigkeiten: Gleich nach dem Aufstehen im Garten die reifen Mangos auflesen, die vom Baum gefallen sind Mango zum Frühstück essen, dazu die gestern gekauften von süsser Reife aufgeplatzten Feigen Youtube-Playliste hören (gerade so laut, dass man die Luftschutzsirene noch hören würde) Einen Hefeteig anrühren und Zöpfe formen ( nur diesen , nicht irgendeinen) Lied Everybody's Free  von Baz Luhrman’s mehrere Male hintereinander anhören und den Text verinnerlichen Zum Beispiel Don't waste your time on jealousy Sometimes you're ahead, sometimes you're behind T

Eine Türe weiter

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Als ich kürzlich zwei neuen Bekannten erkläre, was und wo ich arbeite, reagieren sie mit offensichtlichem Mitleid und Abneigung. Die Frau, eine Künstlerin (eine richtige, nicht so eine Feierabend-Künstlerin wie ich) rümpft sogar ungeniert die Nase und kann sich ein “Oh wie schrecklich!“ nicht verkneifen. Dabei arbeite ich nicht etwa bei der städtischen Müllabfuhr. Aber – ich bin wohl das, was man sich allgemein unter einem grauen Computermäuschen vorstellt. Meine Arbeit auf dem Gebiet regulatorische Anforderungen für die Zulassung von Medikamenten lässt nur wenig Raum für individuelle Interpretationen, fordert akribisch genaues Detailwissen und konzentrierte Arbeit am Computer. Der stereotypische Beamte, der sich im stillen Kämmerlein in sisyphischer Arbeit mit Dokumentenbergen abschindet, bis er eines Tages vom Stuhl fällt – er könnte tatsächlich, wie ich, an der Zulassung von Medikamenten bei Gesundheitsbehörden gearbeitet haben. Nun drängt mich nicht das Verlangen, dieses Stereotyp

Nazareth

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Liebe Leser, falls Nazareth und die heiligen Stätten des Christentums dieser Stadt auf ihrer Wunschliste stehen, vielleicht im Rahmen einer Pilgerreise – seien sie gewarnt. Es mag in Nazareth einige interessante Ecken geben, aber sonst ist der Besuch in Jesu Geburtsstadt ernüchternd. Die Altstadt ist heruntergekommen, in den Strassen rinnt schmutzig-braunes Wasser unklarer Herkunft. Die Fassaden und Gehsteige sind verrottet und nicht nur in den Hinterhöfen sammelt sich der Abfall. Gebäude sind schlecht unterhalten, die Stadt scheint chaotisch geplant. Alles in allem – eine stinkende, alles andere als einladende Stadt. Obwohl jedes Kellerloch zum Heiligtum deklariert wird, bleiben die Touristen aus. Der einst pulsierende Markt in der Altstadt ist verwaist. In den Kirchen knien einige verklärte Pilgerer vor den heiligen Altären und Ikonen, aber auch für sie empfinde ich keinerlei Art der Begeisterung, sondern eher Befremden. Während dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg (am Tag nach der

Von Basel nach Nazareth

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Wie immer ist mein Besuch in der Schweiz von gemischten Gefühlen geprägt. Während der fünftägigen Reise durchlebe ich von himmelhochjauchzender Begeisterung bis zum dringenden Wunsch, möglichst schnell wieder zu verschwinden, das ganze Repertoire an Gefühlen, begleitet vom grossen Staunen eines Kindes über die Verschiedenheit der Orte, der Leben und der Kulturen. Basel – was für eine wunderschöne Stadt! Ich flaniere durch die Altstadt, das Münster, die Einkaufsmeilen und bewundere den eindrücklichen Rhein, der breit und dominant die Stadt durchzieht und die zahlreichen Passanten und Touristen. Ich geniesse ein Schoggiweggli und Kaffee bei Sutterbeck. Einen feinen Flammenkuchen und ein Glas Wein am Spalenberg. Wie immer darf eine Rheinüberquerung mit der Fähre nicht fehlen. Ich bin begeistert von den langen Abenden, die die Bewohner Basels für ein gemütliches Chill-Out auf den Rheintreppen nutzen. Ich entdecke die perfekte Eiscreme von Gasparini. Meine Jahre am Basler „Gymi“ habe ich al

Eine halbe Stunde Leben

Der heutige Tag steht in Israel für das Gedenken an die Opfer und Helden der Shoah. Am Vorabend des Holocaust-Gedenktags sind Restaurants und andere Orte des Vergnügens geschlossen. In Schulen und öffentlichen Institutionen werden Gedenkanlässe abgehalten. Im Radio wird nur ruhige Musik gesendet. Die bedrückte Stimmung überschattet die ganze Woche. Ich nehme diesen Tag sehr ernst. Ich arbeite heute zu Hause, aber für die Gedenkminute, die um zehn Uhr von Sirenen im ganzen Land begleitet wird, gehe ich nach draussen und stehe auf dem Gehsteig. Aber auch wenn ich mein ganzes Leben auf dem Gehsteig stehend verbringen würde, wäre es nicht genug, um der unmessbaren Gräueltaten am jüdischen Volk zu gedenken. Im Fernsehen schaue ich mir die Berichte und Zeugenaussagen der Shoah-Überlebenden an. Wie jedes Jahr bin ich von neuem erschüttert über die unfassbaren und absurden Ausmasse der Vergehen. Ich höre die Geschichte von David Leitner, dem Überlebenden, auf dessen Unterarm nicht nur eine son

Unterdessen blüht der Rasen

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Einen Instagram Account zu unterhalten mögen viele Leute, vor allem in meinem Alter, überflüssig oder nutzlos finden. Andere, zum Beispiel meine Tochter Lianne, sind im festen Glauben, dass sich in diesem Social-Media-Tool das reale Leben abspielt, während mein Leben nur eine Scheinwelt ist. Deshalb ist es mir wichtig, wenigstens einen kleinen Einblick in dieses Parallel-Universum zu erhaschen. Und es macht mir Spass, von meinen Töchtern über den Umgang mit der App zu lernen. Vor allem aber fotografiere ich gerne und auf Instagram finde ich das passende Publikum für meine Landschafts- und Naturfotos. Im Gegenzug verfolge ich Fotos anderer Landschaftsfotografen, Interior- und Strick-Designerinnen. Zugegeben, man kann beim endlosen Scrollen verlorengehen, aber es macht ja auch nichts, wenn der Rasen einmal ein paar Tage blühen darf, anstatt gemäht zu werden. So habe ich zum Beispiel heute morgen erfreut festgestellt, dass ich eine gelbe Blumenwiese im Garten habe. Auch beim Instagram-Dur

Terror in Tel-Aviv

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„Ich wünsche uns allen, dass wir von Trauer und Leid verschont bleiben. Ich denke an die vielen Betroffenen, in diesen Tagen des Terrors und des Krieges.“ Während ich am Donnerstagabend, zwar zeitgemäss aber nichtsahnend, diese Zeilen schreibe und veröffentliche, ist ein junger Mann aus Dschenin, der dazu erzogen worden ist, Terror und Tod mehr zu achten als das Leben, im Bus nach Tel-Aviv unterwegs. Meine beiden Töchter probieren zur selben Zeit im Dizengoff-Shoppingzentrum Bikinis für den bevorstehenden Sommer an. Sie schicken lustige Fotos aus der Umkleidekabine. Etwas später gehen sie zum Dizengoffplatz, um Freunde zu treffen. Sivan wohnt nur wenige hundert Meter entfernt von dem Platz mit dem Springbrunnen. Wie jeden Donnerstagabend finden sich hunderte unbekümmerte junge Leute hier ein, um das bevorstehende Wochenende zu feiern. Dann schlägt die Stimmung in Sekundenschnelle um. Schreiende Menschen kommen den Mädchen entgegengerannt. Sie rufen „Terroristen!“ und „Attentat!“ und r

Unfall in Tansania (Tag 3)

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Neve Shalom / Wahat al-Salam heisst auf hebräisch und arabisch "Oase des Friedens". Der Name steht für ein Dorf zwischen Tel Aviv und Jerusalem, in dem sich Juden und Palästinenser Land, Macht, Alltag und Administration teilen. An einem unserer Wandertage halten wir auf dem kleinen Friedhof des Dorfes inne, der über die Ebene zwischen den Jerusalemer Bergen bis an die Mittelmeerküste blickt. Auf einem markanten Grabstein entdecken wir eine Aufschrift, die ich hier, frei übersetzt, wiedergeben möchte. Haltet alle Uhren an Stellt die Telefone ab Lasst die Klaviere schweigen Und die leisen Trommeln Lasst die Trauergäste kommen Flugzeuge sollen aufsteigen und in den Himmel schreiben Sie sind tot Legt den Tauben Trauerkrawatten an Und den Polizisten schwarze Handschuhe Sie waren mein Norden Sie waren mein Süden Sie waren mein Westen und mein Osten Sie waren meine Arbeitstage Und mein Ruhetag Sie waren mein Mittag und mein Mitternacht Sie waren meine Rede und mein Lied Ich glaubte

Nina geht Baden (Tag 2)

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In Israel werden die meisten natürlichen Quellen in menschengefertigten Becken aufgefangen. Das diente vermutlich einst zum Tränken der Tiere, aber auch um die Nutzung des Wassers für verschiedene andere Zwecke zu vereinfachen. Heute werden die Quellen in der Umgebung Jerusalems oft von religiösen Menschen für natürliche rituelle Bäder genutzt. So auch Ein Itamar , eine Quelle mit einladend klarem Wasser.  Einige junge Männer sind gerade am Baden als wir eintreffen. Jana hat eine ausgeprägte Abneigung gegen alles Religiöse und während wir anderen Wandererinnen noch über das verführerisch blaue Wasser staunen, ist Jana mit zwei der offensichtlich religiösen Männern schon in ein lautes Streitgespräch verwickelt. Wir versuchen, die Streithälse auseinander zu bringen, denn wir möchten lieber in Ruhe das frische Quellwasser geniessen, als politische Fragen auszudiskutieren. Dann bitten wir die Männer, uns Frauen die Quelle für einige Minuten zu überlassen. Warm ist das Wasser bestimmt nicht

Vier Frauen und ein roter Alfa Romeo (Tag 1)

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  Am ersten Wandertag treffen wir uns am Bahnhof von Modi’in. Wir haben vor, uns zwei Autos zu behelfen, um morgens von unserer Herberge zur Tageswanderetappe und abends zurückzugelangen. Genau genommen steht uns aber heute nur EIN Auto zur Verfügung, denn Nina wird erst am Abend zu uns stoßen. Jana soll uns abholen und zum Anfang der ersten Etappe fahren. Jana ist die einzige von uns fünf Frauen, die als junge Frau nicht aus der Schweiz, sondern aus Südamerika nach Israel gekommen ist. Auf den bisher miteinander verbrachten etwa zwanzig Wandertagen lernen wir uns allmählich in unzähligen Gesprächen immer besser kennen. Zum Beispiel erfahre ich von Jana, dass sie es völlig nebensächlich findet, die weiblichen und männlichen Formen im Hebräischen zu verwechseln. Auf den Gebrauch des Begriffes Schoah anstelle von Holocaust legt sie hingegen grossen Wert . Als Tochter eines Vaters, dessen erste Familie in der Schoah ermordet worden ist, wurde Jana mit einer gewichtigen Last geboren. Das S

Wandertage

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Vor einigen Wochen habe ich mit einer Gruppe von fünf befreundeten Frauen einen weiteren Abschnitt unserer Israel-Trail-Wanderung unter die Füße genommen. In dieser vierten Etappe sind wir im Zentrum Israels angelangt und von Modi‘in bis nach Jerusalem gewandert. Es sind – wieder – vier Tage voller Erlebnisse. Tage des Staunens, der Unbekümmertheit, der Gelassenheit und der schmerzenden Füsse. Ein wunderbarer und höchst willkommener Ausgleich zum Alltag. Hier folgen vier Geschichten und ein paar Bilder von den vier Tagen.

Ein Abend im Wunderland

Ich werde älter. Die Liste der Beweise für mein Älterwerden wird immer länger. Ich trage meine Haare jetzt grau, vorne sind sie sogar weiss. Meine Abende verbringe ich meistens strickend auf dem Sofa. Zwischen neun und zehn Uhr döse ich ein. Auch Eyal wird älter. Er wird immer müder und dicker und sieht kaum noch etwas, trotz Brille. Und ich – ich bin eine strickende alte Frau mit weissen Haaren und einem alten Mann. Aber manchmal breche ich aus! (Wenn auch aus eher fragwürdigen Anlässen) An einem Abend dieser Woche verlasse ich das Büro etwas früher und fahre nach Tel-Aviv. Ich werde am Abend Eyal im Ichilov-Spital besuchen, wo er sich heute einer grauen Star-Operation hat unterziehen lassen. Diese Gelegenheit verbinde ich mit einem Besuch bei unserer Tochter Sivan. Sie lebt schon ein halbes Jahr mit ihrem Freund in einer niedlichen kleinen (leider völlig überteuerten) Wohnung im pulsierenden Zentrum von Tel-Aviv. Ich schäme mich fast zu sagen, dass ich in dieser ganzen Zeit nur etwa

Ein Morgen

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Nachts regnet es.  Davon bekomme ich schlafend nicht allzu viel mit, aber die Strassen sind nass, als ich mich im Dunkeln aus dem Haus stehle. Am noch nächtlich grauen Morgenhimmel fegt der Wind gerade die letzten Wolken weg. Nach zehn Minuten Fahrt ins Nachbardorf ist es hell und ich beginne zu laufen.  Das Laufen ist wie immer, auch nach mehr als zehn Jahren, eine Herausforderung. Der Körper verlangt auf jedem der mehreren Tausend Schritten nachdrücklich nach seinem natürlichen Ruhezustand. Der Kampf ist immer da. Die Kunst ist es, die Gedanken daran nicht überhand nehmen zu lassen. Meine Sinne sind damit beschäftigt, die frische feuchte Luft, den wolkigen blauen Himmel, die regennassen Bäume und Sträucher und den Morgendunst sehend, riechend und hörend in mich aufzunehmen. Ich freue mich über die aufgehende Sonne, die sich in den Pfützen spiegelt und über die Kraft und Lebendigkeit meines Körpers an diesem Morgen.  Dann, schweissnass trotz der kühlen Morgentemperaturen, fahre ich

Ein Heim für Pinguine

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In den Wintermonaten fallen die Temperaturen in unserem Haus auf arktische Verhältnisse. Nächtliche Aussentemperaturen um 9 bis 12 Grad, schlechte Bauqualität, fehlende Isolation und Unterkellerung und ein luftdurchlässiges Ziegeldach führen dazu, dass im Winter in unserer Stube ideale Bedingungen für Pinguine herrschen. Wir diskutieren seit Jahren über Anschaffung eines Gasofens, heizen aber weiterhin  –  nur in wirklich prekären Stunden  –  mit Klimaanlage, deren Wärme in Sekundenschnelle wieder verpufft und ausserdem die Luft austrocknet. Ende Dezember, als es einige Tage nacheinander grau, kalt und regnerisch war, zeigte das Thermometer in der Stube 16.7 Grad Celsius. Bis es im Frühling wieder wärmer wird, bekämpfen wir die Kälte indem wir uns warm anziehen und möglichst aktiv sind (Putzen, Kochen, Treppenlaufen, Seilspringen, Hampelmänner, usw.). Abends sitzen wir mit warmen Decken in der Stube und trinken literweise heissen Tee. Nachts wappnen wir uns mit einer wunderbaren Daunen

Kein bisschen Chaos

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Gemäss den aktuellen Corona-Regelungen muss ich mich nach Rückkehr aus einem Land, das auf Israels roter Liste steht (Schweiz), zwei Wochen in Quarantäne begeben. Mit einem negativen PCR-Test kann ich die Quarantäne auf Wunsch nach sieben Tagen verkürzen. Auch nach der Ankunft am Flughafen Tel-Aviv musste ich mir schon für einen Test in der Nase bohren lassen. Ich war überrascht, wie flott die Ankommenden durch die verschiedenen Stationen (Passkontrolle, PCR-Test, Gepäckabgabe) katapultiert wurden. Nach knapp 15 Minuten konnte ich den Flughafen verlassen, nach Durchführen des PCR-Tests, mit dem Koffer in der Hand und der Verpflichtung, für meine Heimisolation zu sorgen. Von diesem Moment an trafen während einer Woche mehrmals täglich SMS-Nachrichten der Covid-Polizei ein, um meine Quarantäne zu überwachen. Vor dem Flug hatte ich dem elektronischen Ortungsverfahren zugestimmt und meine Quarantäneadresse angegeben. Wer sich nicht elektronisch orten lassen möchte, muss sich einfach ab und