Montag, 1. Juni 2026

Familienferien auf Kreta




Über Schawuot reiste ich mit meiner Familie nach Kreta. Sogar Itay kam extra aus der Schweiz dazu. Dass dieser Satz heute so unspektakulär dasteht, täuscht allerdings gewaltig darüber hinweg, wie unwahrscheinlich diese Reise noch wenige Tage zuvor erschien.

Die Idee eines Familienurlaubs gab es schon lange. Doch angesichts des Krieges mit dem Iran und der ständig wechselnden Nachrichtenlage blieb sie zunächst genau das: eine Idee. Erst viel später als vernünftig – und entsprechend viel teurer als geplant – buchte ich schliesslich Flüge, Hotel und Mietwagen. Immerhin über ein israelisches Reisebüro, in der Hoffnung, dass bei einer allfälligen Eskalation wenigstens ein Teil der Kosten zurückerstattet würde.

Die Tage vor der Reise waren nicht von Vorfreude geprägt, sondern im Gegenteil – nervenzermürbend. Jemand hatte auf Instagram ein Reel veröffentlicht, das unsere Situation perfekt beschrieb: Vor im Hintergrund laufenden Nachrichten Koffer packen, Koffer wieder auspacken, Koffer erneut packen, und alles wieder von vorne. Im Stundentakt wechselten die Meldungen zwischen unmittelbar wieder ausbrechendem Krieg und angeblich kurz bevorstehendem Abkommen.

Wirklich entspannen konnte ich mich eigentlich erst, als wir wieder zu Hause waren. Für den Fall, dass wir nicht nach Israel zurückfliegen könnten, hatten wir sogar einen Plan B ausgearbeitet. Die Kinder waren von der Aussicht begeistert, eventuell einige Wochen in einem Fünf-Sterne-Hotel festzusitzen. Diese romantische Vorstellung musste ich allerdings rasch korrigieren. Sollte es tatsächlich so weit kommen, würden wir aus finanziellen Gründen wohl eher zu sechst in eine möglichst günstige Zweizimmerwohnung umziehen. Zum Glück blieb uns dieses Experiment erspart.

Der Urlaub selbst war fantastisch. Wir kehrten mit vielen neuen erfreulichen Erinnerungen im Gepäck nach Israel zurück. Der Krieg mit dem Libanon läuft zwar unverändert weiter, doch was den Iran betrifft, ist immer noch alles offen. Deshalb beginne ich jetzt bereits, mich um meine nächste Flugreise im Juli zu sorgen. Man lernt hier, immer auf alle möglichen Entwicklungen vorbereitet zu sein.

Kreta besitzt ohne Zweifel alles, was eine Mittelmeerinsel zum Ferienparadies macht: traumhafte Buchten, glasklares türkisfarbenes Wasser, beeindruckende Berge, Hügel und Schluchten. Die Natur ist spektakulär.

Kreta ist jedoch extrem touristisch. Was mich besonders störte, ist eine gewisse griechische Neigung, die touristischen Zentren mit viel Glanz und Dekoration herauszuputzen, während nur wenige Schritte dahinter der Zerfall beginnt. Abseits der Hauptstrassen befindet sich die Infrastruktur in erschreckend schlechtem Zustand. Die Parkplatzsituation ist chaotisch. Geh-, Wander- oder Velowege existieren gar nicht. Überall gibt es streunende Katzen und Hunde in mitleiderregendem Zustand. Sogar die "mondänste" Shoppingmeile in Heraklion macht einen schäbigen Eindruck. Das in wunderschöner Umgebung liegende Bergdorf Krasi ist mit seinen wenigen traditionellen Steinhäusern ein absolutes Besuchermagnet – und von wild geparkten Autos leider völlig zugestellt. Im alten Teil des Dorfes wischt eine Frau einen Wurf neugeborener Kätzchen vom Vorplatz in den Strassengraben, direkt vor unsere Füsse. Leider können wir nicht helfen. Tierheim? Fehlanzeige!




Die meisten Orte erinnern an israelische Peripheriestädte der fünfziger Jahre. Alles wirkt, als hätten die zuständigen Behörden sämtliche Aktivitäten auf „ávrio“ – ein nie eintreffendes Morgen – verschoben.

Für uns immer wieder aufwühlend waren die zahlreichen Graffiti, die leider unterdessen wohl auch auf dem Mond anzutreffen sind. „Israel = Genocide“ oder „All IDF Soldiers are War Criminals“ erzeugen nicht unbedingt das Gefühl, besonders willkommen zu sein.

Eine sichtbar in die Jahre gekommene griechische Militärbasis amüsierte uns hingegen sehr. Die zerrütteten Gebäude und verlassen daliegenden Hallen, die rostigen Fahrzeuge und die vollkommen vernachlässigten Zufahrtswege erschienen uns der Tiefpunkt der Vernachlässigung.

Das wiederum brachte eines meiner Kinder auf die Idee – als Höhepunkt unserer geopolitischen Diskussionen beim Autofahren – Israel könne Kreta doch einfach übernehmen.
Schliesslich wird Israel in weiten Teilen der Welt ohnehin grenzenloser und böswilliger Expansionismus vorgeworfen – warum also nicht wenigstens eine schöne Mittelmeerinsel dazugewinnen?

Die müde wirkenden Soldaten mit ihrer vernachlässigten Ausrüstung würden vermutlich schon beim ersten kräftigen Windstoss kapitulieren. Und eine idyllische Insel ohne feindliche Nachbarn wäre doch eine durchaus attraktive Ergänzung. Natürlich würde die israelische Regierung anschliessend alles modernisieren: neue Strassen, gepflegte Parks, Wanderwege, moderne Wohnungen, etwas Hightech-Industrie...

In unserer Fantasie ging die Entwicklung rasant voran. Vielleicht könnte sogar die moderne Metro, die im Grossraum Tel-Aviv gebaut wird, um eine Linie nach Heraklion und Chania erweitert werden!

So entstanden auf der Rückbank ambitionierte Infrastrukturprojekte und internationale Zukunftsvisionen, die uns halfen, trotz „Free Palestine“-Geschmiere und trauriger Kätzchen bei guter Laune zu bleiben.

Fazit: Die Ferien mit der Familie waren grossartig. Kreta selbst hat mich hingegen etwas enttäuscht. Die Natur ist wunderschön, das Meer traumhaft und die gemeinsame Zeit unbezahlbar. Dennoch werde ich beim nächsten Familienurlaub ein anderes Ferienziel ins Auge fassen. Man muss schliesslich vergleichen können.