Die Corona-Restriktionen werden gelockert, was das Zeug hält. Fast alles ist wieder geöffnet, ab morgen auch die Schulen für alle Altersstufen. Nur die Restaurants, Kultur- und Vergnügungsstätten und die Strände bleiben noch geschlossen. Die Verkehrsstaus zu Stosszeiten sind schon wieder da. Die Bahn fährt noch nicht. Busverkehr gibt es schon länger, aber bei der israelischen Bahn stand der Kundendienst noch nie im Vordergrund und es erstaunt nicht, dass die Corona-Situation ausgenutzt wird, bis der private Verkehr unter der Belastung zusammenbricht.
Ich kann die Bahnangestellten gut verstehen. Auch ich werde ab nächster Woche wieder tageweise im Büro erwartet, kann mich aber noch nicht dazu aufraffen. Gestern habe ich erfahren, dass mein Vorgesetzter die Firma verlässt. Er ist ein wunderbarer Mensch, einen besseren Vorgesetzten hätte ich mir nicht wünschen können. Überhaupt erwarten uns in der Abteilung wieder einmal einschneidende Änderungen, nachdem mehrere Mitarbeiter in Führungspositionen gekündigt haben. Für mich locken Aussichten auf eine weitere Beförderung. Das lässt mich auf neue und verheissungsvolle Möglichkeiten hoffen. Aber ich sehe den Veränderungen mit gemischten Gefühlen entgegen. Es war angenehm, einen Chef zu haben, der kompetent ist und der mich immer in allen Belangen bedingungslos unterstützt. Bis anhin war meine Arbeit sehr gemütlich bis langweilig. Nun werde ich mehr Verantwortung übernehmen, öfter selbständig Lösungen finden und mehr Präsenz zu US-Arbeitszeiten zeigen müssen.
Dabei habe ich mich doch gerade so schön an mein Hausmütterchen-Dasein gewöhnt. Ich habe so lange von einem Sabbatical geträumt, die zwei Monate Corona waren für mich ein Geschenk vom Himmel. Dass ich gerade vor dem Lockdown noch eine Lohnerhöhung erhalten habe, war fast zu gut, um wahr zu sein.
Ich fühle mich so ausgeruht wie schon lange nicht mehr, obwohl ich jeden morgen um sechs Uhr aufstehe. Die Schmerzen in der Schulter sind verschwunden, ohne dass die geplanten Physiotherapietermine stattgefunden hätten. Sportlich fühle ich mich in Topform. Es ist ein Riesenvorteil, wenn man sich seine Tage, die Zeit und die Trainings nach eigenem Gutdünken einteilen kann. Der Garten ist so perfekt zurechtgemacht wie schon lange nicht mehr. Das Haus ist mehr oder weniger sauber. Ich stelle fest, dass ich etwas Schmutz oder Unordnung viel besser ertragen kann, wenn ich nicht wegen Tausend anderer Dinge im Stress bin. Der Gerümpelschrank in der Kammer ist immer noch nicht aufgeräumt und ich finde mich damit ab, dass es wohl auf ewig so bleiben wird. Dafür habe ich meine Koch- und Backkünste perfektioniert, ich finde ich verdiene fast einen Michelin-Stern für meine Kreationen. Oder immerhin den Nobelpreis, seufzte meine Tochter gestern, als sie noch ein Stück des Schokoladen-Fudge-Kuchens mit Mürbeteig-Boden verschlang.
Es geht mir wirklich nur gut im Moment. Ich werde es locker nehmen mit der Rückkehr zum gehabten Alltag und Stress.
Seit gestern zieht die erste Hitzewelle über das Land. Für die ganze Woche werden Temperaturen über 30 Grad erwartet, am Dienstag sogar bis 37. Beim Wäscheaufhängen an der prallen Sonne am frühen Morgen kann ich das erste Stück schon beinahe trocken wieder abnehmen, als das letzte hängt. Dann schliesse ich schon um neun Uhr morgens alle Fenster, um die Hitze zu verbannen. Kein Wunder sehen die Strände trotz Verbot aus wie eine einzige grosse fröhliche Corona-Afterparty: Menschengetümmel, soweit das Auge reicht. Wie ich in den Nachrichten sehe, findet man kaum ein Plätzchen, um ein Badetuch auf den Boden zu legen.
All diejenigen, die zu Beginn der Corona-Krise noch leicht schockiert gedacht haben, dass sich etwas ändern würde auf unserem Planeten, dass wir unsere Werte und Gewohnheiten überdenken würden – sie alle schütteln gerade noch ein wenig die vom Zuhausebleiben steifen Glieder und verfallen umgehend wieder in den alten Trott. Demnächst werden wir auch erneut wie die Wahnsinnigen hierhin und dorthin fliegen, sobald die Fluggesellschaften aus ihrem aufgedrängten Winterschlaf erwachen. Auch ich selbst fiebere meinem Flug im Juli entgegen. Es ist also fast alles beim Alten. Wir werden dasselbe Theaterstück weiterspielen, nur bis auf Weiteres mit Mundschutz-Masken und Fiebermessen.
Heute Vormittag möchte ich noch etwas Gnocchi zubereiten und diese dann einfrieren. Musik zu hören und Gnocchi über die Gabel zu rollen ist für mich die vollkommene Beschäftigungstherapie. Bestimmt werden wir die Vorräte zu schätzen wissen, wenn ich wieder im Hamsterrad vor mich hin spurten und für nichts mehr Zeit haben werde.
Der Blick aus dem Fenster erfolgt aus Israel, wo ich seit 1988 lebe. Geboren und aufgewachsen bin ich in der Schweiz. Aus meinem Fenster blicken auch Eyal, mein israelischer Mann und meine erwachsenen, sehr israelischen Kinder, Sivan, Itay und Lianne. Die Personen sind echt, unsere Namen aber frei erfunden.
Samstag, 16. Mai 2020
Sonntag, 26. April 2020
500 Meter
Die Tage rasen dahin. Ein etwas anderer Alltag hat sich breit gemacht und wir alle haben uns irgendwie damit arrangiert, jedes Familienmitglied gemäss seinen eigenen Bedürfnissen. Ich persönlich verbringe den frühen Morgen mit Sport, Dusche, Frühstück und etwas Hausarbeit und oft erst gegen Mittag arbeite ich einige Stunden im „Homeoffice“. Dafür arbeite ich manchmal in den späten Abend hinein und kann so die Arbeitszeit meinen amerikanischen Teamkollegen anpassen.
Natürlich gibt es mit den drei jungen Damen, die jetzt umständehalber hier wohnen, auch einige Reibereien. Manchmal werden Stimmen laut, Türen werden geschletzt. Was die Küche anbetrifft, habe ich ein Notstandgesetz erlassen müssen, demzufolge zwischen 13 und 16 Uhr keiner ausser mir diesen Raum betreten darf. Nur so kann ich am Mittag in Ruhe kochen, essen und die Küche aufräumen, ohne dass jemand anders genau zum Zeitpunkt, als ich vier Pfannen auf dem Herd jongliere, Frühstückseier braten will.
Ab heute dürfen alle Läden, die sich nicht in gedeckten Einkaufzentren befinden, wieder öffnen. Auch die Coiffeure und Kosmetikstudios empfangen wieder Kunden. Ich finde das recht verwirrend, denn andererseits dürfen wir uns immer noch nicht weiter als 500 Meter von unserer Wohnung entfernen. Wie bitte ist das zu vereinbaren? Was genau darf ich denn eigentlich ausserhalb des 500-Meter-Radius nicht, wenn die Läden doch dort liegen? Grössere Läden, die über eine bestimmte Mindestfläche verfügen, sind sogar schon einige Tage wieder geöffnet, zum Beispiel die Ikea Filialen. Darüber wird in den Medien viel diskutiert und gespottet, denn gemäss Regelung dürfte ich in der Ikea mit Hunderten anderen Kunden durch die Gänge spazieren, alleine über die Felder laufen aber weiterhin nicht. Prompt stellt ein israelischer Komiker ein Foto von sich ins Netz, auf welchem er mit Surfboard unverkennbar an den gemäss Regelungen abgesperrten Strand fährt – während als Bildunterschrift zu lesen ist „Unterwegs zu Ikea“.
Beim Laufen heute Morgen staune ich über einen Polizisten, der auf seinem Motorrad auf dem Rad- und Fussgängerweg langsam an den überraschten Freizeitsportlern vorbeifährt. Auch heute sind auf dem jeweils stark frequentierten Weg trotz Corona-Regelungen mehrere Radfahrer und Jogger unterwegs. Was sucht der Polizist hier? Will er Bussen austeilen? Nur für Abschreckung sorgen? Ich beobachte die Szene von meinem hoffentlich sicheren Waldweg aus. Auf dem Wegabschnitt, den ich sehen kann, hält der Polizist niemanden an. Vielleicht verwirren die widersprüchlichen Regelungen sogar ihn? Oder weiss er bei der Überzahl an Sportlern gar nicht, wen er zuerst bestrafen soll? Ich jedenfalls bin auch heute wieder einmal ohne Busse oder Verwarnung davongekommen, obwohl ich viele Kilometer mehr zurückgelegt habe als erlaubt – und unterwegs erst noch einige Erdbeeren von den Feldern gestohlen habe...
Für die Feiertage dieser Woche, den Gedenktag für die Gefallenen und den Unabhängigkeitstag, ist noch einmal totales Lockdown angesagt. Was den Unabhängigkeitstag anbetrifft, habe ich dafür Verständnis. Dieses Fest lockt jeweils sogar eingefleischte Stubenhocker aus ihren Wohnungen. Ganz Israel wird zu einer einzigen grossen Grillparty. Sogar auf Verkehrsinseln werden Einweggrillgeräte und Campingmöbel aufgeklappt, weil die Parkanlagen, die Wäldchen, ja jedes Fleckchen Grün schon belegt sind und überall Platzmangel herrscht.
Was den Gedenktag für die gefallenen Soldaten und die Terroropfer anbetrifft, ist die Regelung zum Lockdown ein schwer zu akzeptierender Beschluss. Es werden nur virtuelle Gedenkfeiern stattfinden und Angehörigen wird untersagt sein, die Gräber ihrer Liebsten aufzusuchen. Dieser Tag ist einer der traurigsten und schwersten in Israel und die Tatsache, dass man sich zu Hunderten zum Möbel kaufen in der Ikea treffen darf, es aber untersagt ist, den Friedhof aufzusuchen, wirft schon einige Fragen auf. Der Autor Meir Shalev malt sich in einem aktuellen Medienartikel absurde Situationen aus, in denen die Angehörigen der Gefallenen und der Terroropfer, die zum Friedhof fahren wollen, von einer Polizeikontrolle zum Umkehren angehalten werden, während Ikeabesucher die Kontrolle passieren dürfen.
Die Zeiten sind verwirrend und alles wird hinterfragt. Kein Wunder sehnt man sich wieder nach etwas Normalität. Diese scheint aber gerade nirgendwo zu finden sein. Auch wenn man endlich für etwas so Alltägliches wie Einkaufen für kurze Zeit aus der Enge des Hauses ausbricht, trifft man nicht auf Mitmenschen, die grüssen und zu einem Schwatz verweilen, sondern auf seltsame Wesen, die sich merkwürdig verhalten und mit Mundschutz und Plastikhandschuhen durch die Gänge eilen.
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| Schlimme Zeiten im Corona-Lockdown I |
Überhaupt scheint sich nun unser Leben hauptsächlich in der Küche abzuspielen. Wir kochen, backen und essen ununterbrochen. Das reflektiert sich auch in unserem Familienbudget, in welchem die Ausgaben für Reisen, Ausflüge, Vergnügen, Kultur, Restaurants und Kleider auf null geschrumpft sind, während die Ausgaben für Esswaren in astronomische Höhen schnellen.
Das Zuhause sein ist ganz gemütlich, aber es fehlen die Unterbrüche, seien diese nun erfreulicher oder auch weniger geschätzter Art. Ab und zu ein Treffen mit Freundinnen, die Laufgruppe, irgendwelche Termine – und sei es nur beim Zahnarzt! Ohne etwas Abwechslung werden die Tage zu einer undefinierbaren Einheitsmasse. Erstaunlicherweise scheint die Zeit immer schneller zu vergehen, je weniger im Alltag los ist. Erst noch Montag ist es schon wieder Samstag. Und welcher Tag ist eigentlich heute? Montag, Dienstag, -tag, -tag, -tag. So fliegen die Wochen dahin, während ich immer noch in der Küche stehe oder auf dem Sofa sitze. Nun sehne ich mich danach, abends die Haustüre zu öffnen, einzutreten, nach Hause zu kommen. Zu fühlen, dass ich den Tag hindurch verschiedenes erlebt habe. Auch wenn es vor Corona meistens etwas zu viel war.
Beim Laufen heute Morgen staune ich über einen Polizisten, der auf seinem Motorrad auf dem Rad- und Fussgängerweg langsam an den überraschten Freizeitsportlern vorbeifährt. Auch heute sind auf dem jeweils stark frequentierten Weg trotz Corona-Regelungen mehrere Radfahrer und Jogger unterwegs. Was sucht der Polizist hier? Will er Bussen austeilen? Nur für Abschreckung sorgen? Ich beobachte die Szene von meinem hoffentlich sicheren Waldweg aus. Auf dem Wegabschnitt, den ich sehen kann, hält der Polizist niemanden an. Vielleicht verwirren die widersprüchlichen Regelungen sogar ihn? Oder weiss er bei der Überzahl an Sportlern gar nicht, wen er zuerst bestrafen soll? Ich jedenfalls bin auch heute wieder einmal ohne Busse oder Verwarnung davongekommen, obwohl ich viele Kilometer mehr zurückgelegt habe als erlaubt – und unterwegs erst noch einige Erdbeeren von den Feldern gestohlen habe...
Für die Feiertage dieser Woche, den Gedenktag für die Gefallenen und den Unabhängigkeitstag, ist noch einmal totales Lockdown angesagt. Was den Unabhängigkeitstag anbetrifft, habe ich dafür Verständnis. Dieses Fest lockt jeweils sogar eingefleischte Stubenhocker aus ihren Wohnungen. Ganz Israel wird zu einer einzigen grossen Grillparty. Sogar auf Verkehrsinseln werden Einweggrillgeräte und Campingmöbel aufgeklappt, weil die Parkanlagen, die Wäldchen, ja jedes Fleckchen Grün schon belegt sind und überall Platzmangel herrscht.
Was den Gedenktag für die gefallenen Soldaten und die Terroropfer anbetrifft, ist die Regelung zum Lockdown ein schwer zu akzeptierender Beschluss. Es werden nur virtuelle Gedenkfeiern stattfinden und Angehörigen wird untersagt sein, die Gräber ihrer Liebsten aufzusuchen. Dieser Tag ist einer der traurigsten und schwersten in Israel und die Tatsache, dass man sich zu Hunderten zum Möbel kaufen in der Ikea treffen darf, es aber untersagt ist, den Friedhof aufzusuchen, wirft schon einige Fragen auf. Der Autor Meir Shalev malt sich in einem aktuellen Medienartikel absurde Situationen aus, in denen die Angehörigen der Gefallenen und der Terroropfer, die zum Friedhof fahren wollen, von einer Polizeikontrolle zum Umkehren angehalten werden, während Ikeabesucher die Kontrolle passieren dürfen.
Die Zeiten sind verwirrend und alles wird hinterfragt. Kein Wunder sehnt man sich wieder nach etwas Normalität. Diese scheint aber gerade nirgendwo zu finden sein. Auch wenn man endlich für etwas so Alltägliches wie Einkaufen für kurze Zeit aus der Enge des Hauses ausbricht, trifft man nicht auf Mitmenschen, die grüssen und zu einem Schwatz verweilen, sondern auf seltsame Wesen, die sich merkwürdig verhalten und mit Mundschutz und Plastikhandschuhen durch die Gänge eilen.
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| Schlimme Zeiten im Corona-Lockdown II |
Dienstag, 14. April 2020
Jogginghosen und ein Corona-Geburtstagsfest
Ab heute Abend, für das zweite Pessachfest, gilt
bei uns wieder für eineinhalb Tage absolutes Ausgangsverbot. Also kremple ich
meinen Trainingsplan wieder einmal um und ziehe meine Laufrunde auf heute Morgen
vor, bevor ich morgen nicht mehr vor die Türe treten darf. Natürlich ist Sport
im Freien auch jetzt schon verboten, aber morgen früh wird es noch verbotener
sein.
Danach gehe ich vor dem Lockdown noch zwei,
drei Sachen einkaufen. Wir haben jetzt Maskenpflicht. Die Maske schränkt mein Sichtfeld
ein und erschwert das Atmen, aber immerhin kann man sich den Lippenstift sparen.
Schade eigentlich, denn etwas Farbe könnte in diesem öden Alltag nicht schaden.
Besonders verführerisch sind all die maskierten und ungeschminkten Gesichter
jedenfalls nicht. Was mich persönlich anbetrifft, würde ich die Maske gerade lieber
über meinen grauen Haaransatz ziehen, als meinen Mund zu verstecken. Neu ist
auch, dass es jetzt salonfähig geworden ist, im Homedress oder Trainingsanzug
unter die Leute zu gehen. Wer macht sich überhaupt noch die Mühe, sich anständig
anzuziehen? Karl Lagerfeld behauptete einst etwas überspitzt, dass jemand, der
eine Jogginghose trägt, die Kontrolle über sein Leben verloren hat. Wie recht
er damit hatte! Was würde er über eine Menschheit sagen, die in Jogginghosen,
ungefärbten Haaren und hässlichen Masken einkaufen geht? Corona regiert! Wir
haben tatsächlich keine Kontrolle über unser Leben mehr. Aber hatten wir das
vor Corona? Die ganze Herumraserei und Herumfliegerei – das war uns schon etwas
ausser Kontrolle geraten. Mit oder ohne Jogginghose.
Schon zwei von Lianne’s Freundinnen haben in dieser Zeit, in der alles anders ist, ihren 18. Geburtstag gefeiert. Nun ist ein 18. Geburtstag nicht irgendein Geburtstag, sondern ein bedeutungsvoller Schritt in die offizielle Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Im Januar feierte Lianne ihre Volljährigkeit mit einer feuchtfröhlichen Party, denn nebst den vielen Pflichten, mit denen der Übertritt in die Erwachsenenwelt verbunden ist, bringt er ja auch einige erfreuliche Rechte mit sich.
Aber wie feiert man jetzt, in Zeiten des social distancing, des Ausgehverbots und der Maskenpflicht Geburtstag? Es gelten neue Werte und Gesetze. Was darf man denn heute eigentlich genau? Die Vorschriften ändern sich ja täglich. Und was erlauben die Eltern, die trotz Volljährigkeit doch noch etwas zu sagen haben? Wie genau hält jede einzelne Familie die Vorschriften ein? Nach vielen Diskussionen, Vorschlägen und verworfenen Ideen fällt die Wahl der Jugendlichen, die erstaunlich flexibel im Umdenken sind, auf eine Autokolonne. Die feiernden Freunde und Freundinnen schmücken ihre Autos (in den meisten Fällen die der Eltern) und hängen farbig beschriftete Banner an die Antennen und Autofenster, dann fahren sie in einer langen Kolonne beim Geburtstagskind vor. Die Gratulantin wird mit Gehupe und lauter Musik nach draussen gerufen. Jetzt hält jedes einzelne Auto kurz bei ihr an und die fahrenden Freunde überreichen ihr einer nach dem anderen irgendeine Kleinigkeit, einen Luftballon, einen Kuchen, eine Glückwunschkarte. Natürlich alles ohne die Autos zu verlassen, aus gebührlicher Distanz und mit Maske. Weil sich jedermann nach Feiern und Freude sehnt, lockt der Lärm bald auch die Nachbarn an die Fenster und in die Gärten und auch sie rufen dem Geburtstagskind gute Wünsche zu. Ob der ganzen Fröhlichkeit kann man fast vergessen, wie traurig die Situation eigentlich ist. Auf dem Videofilmchen, das natürlich gedreht werden muss und das ich mir später ansehen darf, sind ein zu Tränen gerührtes Geburtstagskind und viele begeisterte Nachbarn und Freunde zu sehen. Laut Lianne war es fantastisch und die beste Geburtstagsfeier seit langem. Vielen Dank, Corona!
Donnerstag, 2. April 2020
Ich habe Zeit
Nachdem ich in den ersten Tagen Ausgangssperre und Homeoffice vom neuen Zustand fast euphorisch begeistert – oder vielleicht einfach im Schockzustand – war, geht mir nun langsam die Puste aus und ich lande auf dem harten Boden der unliebsamen Realität. Ja, es ist wunderbar, den ganzen Tag die Familie um sich und mehr Zeit für alles zu haben, nirgendwo hinrennen zu müssen, jeden Tag gemeinsam zu essen, aber… In unserer Stube wird es eng, sie muss zurzeit als Heimbüro, Meetingraum, Klassenzimmer, Fitnesszentrum, Spielzimmer, Hobbyraum und Heimkino für mehrere Personen herhalten. Und so langsam gehen mir nicht nur die Rezept-Ideen, sondern vor allem die Lust und die Initiative aus. Ich bin gerne zuhause, aber was da draussen los ist, ist unfassbar: Dieser surreale und apokalyptische Zustand, in dem einfach nichts mehr beim Alten ist – das bringt den grössten Stubenhocker in Verdruss. Ich hätte jetzt doch gerne mein altes Leben zurück, oder wenigstens Teile davon.
Am meisten bedrückt mich das Wissen um die vielen Menschen, die leiden: Meine Töchter, deren Leben mit Vollbremsung lahmgelegt worden ist. Die Schwiegereltern, die krank und zu Hause eingesperrt sind. Die Eltern in der Ferne, von denen ich nicht so recht weiss, wie sie mit dem neuen Alltag zurechtkommen, mit dem sie sich nun im Alter noch auseinandersetzen müssen. Die unzähligen Arbeitslosen. Die Aussicht auf den wirtschaftlichen Kollaps. Die Ahnung, dass das alles vielleicht noch ewig dauern wird. Die Angst, dass es noch viel schlimmer kommen könnte. Ich versuche, nicht zu viel zu grübeln, aber man kann der Realität nicht entkommen, sie lauert überall.
Sivan und Lianne sind verwirrt und frustriert, weil ihre Leben ohne Vorwarnung zunichtegemacht und aufs Abstellgleis gefahren worden sind. Sogar der Fernunterricht pausiert, wegen Pessachferien. Wer braucht denn jetzt Ferien? Ferien von was? Vom Nichts? Nach zwölf Jahren Schule sind Liannes Abschlussprüfungen bis in die ferne Zukunft aufgeschoben. Das ist wie Marathonlaufen und Aufgeben bei Kilometer 41. Die Schulreise ist widerrufen, Pfadfinder-Aktivitäten abgesagt, Schulabschlussfeier storniert, Ferienpläne eingefroren, Armeeeintritt ungewiss – und vor allem – Freunde treffen verboten! Arme Jugendliche, die Abend für Abend mit den Eltern in der Stube sitzen müssen, anstatt sich mit Gleichaltrigen zu treffen und das Leben auszukosten.
Am Nachmittag nehme ich insgesamt drei Stunden an zwei Meetings teil. Zur Einleitung beschreiben Arbeitskollegen aus aller Welt ihre individuelle Corona-Situation. Persönliche Schicksale sind um vieles ergreifender als alle noch so hohen Zahlen in den Nachrichten. Jemand berichtet aus New York, wo man lieber gar nicht einkaufen geht, sondern nur zuhause bleibt und alles daran setzt, gesund zu bleiben, auch wenn das Essen langsam ausgeht. Eine Frau spricht aus ihrer Wohnung in Mailand, die sie schon fünf Wochen nicht mehr verlassen hat. Später wird das Meeting langweiliger und ich döse ein. Ein Nickerchen im Homeoffice, mit Kopfhörern in den Ohren und einem Vorgesetzen, der irgendwo in den USA etwas erklärt, dem ich beim besten Willen nicht folgen kann. Als die Besprechung zu Ende ist, entdecke ich, dass die Chefin vor zehn Minuten einen privaten Facebookpost hochgeladen hat. Sie ist wohl auch nicht so recht bei der Sache.
Mein Strickprojekt ist erfolgreich zu Ende gekommen. Jetzt arbeite ich an einem Puzzle mit 1000 Teilen. Es ist kompliziert, ich lege jeden Tag im Durchschnitt etwa fünf Teile. Macht nichts, ich habe Zeit!
Andere besinnen sich auf bodenständiges, einfaches aber zeitaufwendiges Kochen, zum Beispiel meine Verwandte Sara, die in Quarantäne hausgemachte Teigwaren und anderes kocht und dabei in Gedanken bei ihrer Nonna ist.
Am meisten bedrückt mich das Wissen um die vielen Menschen, die leiden: Meine Töchter, deren Leben mit Vollbremsung lahmgelegt worden ist. Die Schwiegereltern, die krank und zu Hause eingesperrt sind. Die Eltern in der Ferne, von denen ich nicht so recht weiss, wie sie mit dem neuen Alltag zurechtkommen, mit dem sie sich nun im Alter noch auseinandersetzen müssen. Die unzähligen Arbeitslosen. Die Aussicht auf den wirtschaftlichen Kollaps. Die Ahnung, dass das alles vielleicht noch ewig dauern wird. Die Angst, dass es noch viel schlimmer kommen könnte. Ich versuche, nicht zu viel zu grübeln, aber man kann der Realität nicht entkommen, sie lauert überall.
Sivan und Lianne sind verwirrt und frustriert, weil ihre Leben ohne Vorwarnung zunichtegemacht und aufs Abstellgleis gefahren worden sind. Sogar der Fernunterricht pausiert, wegen Pessachferien. Wer braucht denn jetzt Ferien? Ferien von was? Vom Nichts? Nach zwölf Jahren Schule sind Liannes Abschlussprüfungen bis in die ferne Zukunft aufgeschoben. Das ist wie Marathonlaufen und Aufgeben bei Kilometer 41. Die Schulreise ist widerrufen, Pfadfinder-Aktivitäten abgesagt, Schulabschlussfeier storniert, Ferienpläne eingefroren, Armeeeintritt ungewiss – und vor allem – Freunde treffen verboten! Arme Jugendliche, die Abend für Abend mit den Eltern in der Stube sitzen müssen, anstatt sich mit Gleichaltrigen zu treffen und das Leben auszukosten.
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| Ausblick im Homeoffice |
Mein Strickprojekt ist erfolgreich zu Ende gekommen. Jetzt arbeite ich an einem Puzzle mit 1000 Teilen. Es ist kompliziert, ich lege jeden Tag im Durchschnitt etwa fünf Teile. Macht nichts, ich habe Zeit!
Andere besinnen sich auf bodenständiges, einfaches aber zeitaufwendiges Kochen, zum Beispiel meine Verwandte Sara, die in Quarantäne hausgemachte Teigwaren und anderes kocht und dabei in Gedanken bei ihrer Nonna ist.
Sonntag, 29. März 2020
Verbotenes Vergnügen
Ich persönlich bin zwischen den Lagern hin- und hergerissen. Beide haben plausible Argumente. Ich laufe seit zehn Jahren zwei-, drei- oder viermal die Woche, nur mit kurzen Unterbrüchen wegen Verletzungen oder Krankheit. Für mich ist Laufen Leben. Das unbeschreibliche Gefühl, dass mein Kopf immer leichter wird, je mehr ich mich mit der Schwere des Körpers auseinandersetze. Dass ich immer näher bei mir bin, je weiter ich weglaufe. Ich brauche das Laufen wie die Luft zum Atmen, es hält mich vital, hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und Stress abzubauen.
Aber dafür das Gesetz zu brechen? Mich mit der Polizei anlegen? Vielleicht sogar eine Busse verpasst bekommen? Und ganz abgesehen von der Regelverletzung – ich will in dieser Corona-Geschichte weder mich selbst noch Andere gefährden. Darf ich selbst abwägen, ob die Normen mehr nutzen oder schaden? Welche und wie viele kleine Regelverletzungen gehen noch durch? Wäre eine Laufrunde schlimmer, als bei Rot die Strasse zu überqueren? Wie viel Selbstbestimmungsrecht darf ich mir zugestehen? Auf meiner Laufstrecke ist das Ansteckungsrisiko verschwindend klein. Immerhin laufe ich im Gelände, wo sich Fuchs und Hase guten Abend (in meinem Fall guten Morgen) sagen und die Chance jemanden zu treffen, ist verschwindend klein.
Aber die Regeln sind klar: Sportliche Aktivitäten im Freien sind verboten. Wo kämen wir hin, wenn jeder nur seine Extrawurst vor Augen hätte? Das Virus scheint wirklich gefährlich zu sein und für die Eindämmung der Epidemie einige Wochen zu Hause zu bleiben, sollte doch machbar sein. Dann laufe ich eben zu Hause hundertmal die Treppe hoch, oder übe eine Stunde Seilspringen.
Einige Tage lang wiege ich das Dafür und Dawider ab. Versuche, mit mir selbst auszuhandeln, wie die neuen und alten Werte zusammenpassen. Ich denke mir die kreativsten Heimtrainings aus, um fit zu bleiben. Vom obersten Stock in die hinterste Ecke im Garten und zurück. Zweihundertmal die Strasse rauf und wieder runter. Dann wieder verwerfe ich alles und denke, dass es doch kein so schlimmes Verbrechen sein kann, mich früh morgens aus dem Dorf zu schleichen und mutterseelenallein etwas über die Felder zu laufen. Und wenn mich jemand verpatzen würde? Etliche Male suche ich in Gedanken die kürzeste Route von unserem Haus ins Gelände.
Schlussendlich stelle ich den Wecker. Noch vor dem Sonnenaufgang stehle ich mich aus dem Haus. Bei den Nachbarn ist es noch dunkel, da lauert also keine Gefahr. Trotzdem pocht mein Herz stärker als sonst. Hinter jeder Ecke, hinter jeder Hauswand vermute ich einen Verräter. Und da, steht da nicht jemand am Fenster? Ich laufe etwas schneller. Ich bin ein Gesetzesbrecher! Ich treibe Sport und das ist verboten!
Als ich endlich die Hauptstrasse überquere, die unser Dorf von den Feldern trennt, entdecke ich noch in weiter Ferne ein einzelnes Auto. Ist es ein Streifenwagen? Ich sprinte mit voller Kraft los und erreiche den sicheren Feldweg einige Sekunden bevor das Auto hinter mir vorbei braust. Ich bin gerettet! Jetzt habe ich feuchte braune Erde unter den Füssen, frische Luft und Blütenduft in der Nase und Vogelgezwitscher in den Ohren. Inspiriert von den Beinen hüpft meine Seele davon. Ich atme auf und ziehe beruhigt los, über die blühenden Wiesen, während die Sonne aufgeht…
Donnerstag, 26. März 2020
Fitness in Zeiten von Corona
Keine Sorge, liebe Leser, hier erwartet sie nicht ein weiterer Vorschlag für ein Heimtraining bei Ausgangssperre. Viel mehr geht es um Sport im Fernunterricht und um die Bewältigung einer Abschlussprüfung in skurrilen Zeiten. Und ja, der Beitrag ist etwas länger, aber bestimmt müssen sie ja in den nächsten Stunden nirgendwo hin, es sei denn, sie seien Arzt, Pflegepersonal oder arbeiten an der Entwicklung eines Impfstoffs.
Sport ist an den israelischen Oberstufen ein offizielles Abschlussprüfungsfach. Für das „Bagrut“ (Abitur) müssen die Schüler nebst anderen Disziplinen auch drei Kilometer Laufen. Lianne ist aber keine sportliche Person – ihr Körper befindet sich in einem Ruhemoment, das nur schwer in Bewegung zu bringen ist. Deshalb beschäftigt sie die Frage, wie diese Lauf-Nuss zu knacken ist, schon seit geraumer Zeit. Eigentlich schon seit Anfang Oberstufe taucht das Thema bei uns zu Hause sporadisch auf – nur um dann schnellstens wieder unter den Teppich gewischt zu werden. Einst noch zuversichtlich, entwarf ich für Lianne ein grosszügiges zweijähriges Trainingsprogramm, später dann ein etwas intensiveres für einige Monate. Aber all das Gerede fruchtete nichts und eines Tages stand das befürchtete Prüfungsdatum – der 25. März – unmittelbar bevor.
Wenige Wochen vor dem Termin sah Lianne nun doch noch ein, dass sich das unliebsame Thema durch Verdrängen wohl nicht beseitigen lassen würde und raffte sich widerwillig dazu auf, etwas für ihre Fitness zu tun. Sie zog sich sportlich-modisch an, stimmte die Farbe des Laufshirts auf die Socken ab, schminkte sich sorgfältig und als das Outfit perfekt war, zog sie los. Aber schon nach wenigen Hundert Metern ging ihr die Puste aus und sie fand bestätigt, was sie schon lange wusste: dass Hopfen und Malz verloren ist. Nach Luft ringend verfluchte sie die Lehrerin, die Schule und den Sport im Allgemeinen. Sie kann, will und wird nicht laufen! Eher lernt ein Elefant Seiltanzen, als dass ein unverbesserlicher Stubenhocker in drei knappen Wochen zum Läufer wird.
Nun ist Lianne gerade volljährig geworden und somit selbständig krankenversichert (das bedeutet, dass wir, ihre Eltern, keinen Zugriff mehr auf ihre Daten haben, aber weiterhin die Versicherungsraten berappen müssen, solange sie noch zur Schule geht).
Die erste grandiose Aktivität, die sich Lianne als selbständiges Krankenkassenmitglied leistete, war das Erlügen einer Achillessehnenentzündung und das Erbetteln eines Attests von unserem Familienarzt. Der Arzt stellte das gewünschte Schreiben grosszügig aus, ohne die Patientin zu begutachten. Zwar hatte die Beglaubigung einen Haken, denn sie war auf einen Monat befristet, aber immerhin befreite sie Lianne vom ersten Prüfungstermin. Für den Wiederholungstermin, der einen Monat später drohte, würde sie sich rechtzeitig auch noch etwas einfallen lassen. Kommt Zeit, kommt Rat!
Kommt Corona! Zwar wird die Erde nicht kurz vor der Prüfung von einem Meteoriten aus der Bahn geworfen, wie sich das Lianne insgeheim gewünscht hatte – aber ein fast so fatales Virus zwingt uns momentan, sämtliche Pläne und Aktivitäten aufs Abstellgleis zu stellen. Die Zukunft ist bis auf Weiteres storniert. Somit auch alle Abschlussprüfungen. Hurra! Endlich darf Lianne offiziell faulenzen, bis sie nach Verwesung stinkt. Ja, natürlich ist die ganze Situation nicht gerade rosig und dass sie ihre Freunde nicht mehr treffen kann und eigentlich so schnell wie möglich die Schule hinter sich lassen und die Welt entdecken wollte, weicht nun einer abgrundtiefen Enttäuschung. Aber immerhin, die Laufprüfung scheint erst einmal aus der Welt geschafft zu sein. Halleluja!
Ab sofort brilliert Lianne in der Disziplin „Auf-dem-Sofa-liegen“. Diese unterbricht sie nur ab und zu, um Knabbernachschub aus der Küche zu besorgen. Für kurze Zeit ist ihr Leben fast perfekt.
Aber nach wenigen Tagen im Schockzustand rauft sich die Lehrerschaft zusammen und richtet sich für den Fernunterricht ein. Und sie nehmen es ernst: Nach zwei Tagen Fernunterricht beklagt sich Lianne, dass sie in den letzten 48 Stunden mehr Arbeiten geschrieben habe als in den vergangenen drei Monaten! Dann schiesst die Sportlehrerin mit einer besonders unverschämten Idee den Vogel ab: Sie schickt Lianne ein detailliertes einmonatiges Trainingsprogramm und fordert sie auf, ihr die mit der Fitness-App Strava aufgezeichneten Laufübungen online zur Kontrolle zu schicken. Was für eine Hexe! Ist es nicht genug, dass uns dieses verflixte Virus das Leben zur Hölle macht? Nicht einmal auf dem eigenen Sofa lassen einen die Lehrer in Ruhe!
Zusätzlich soll Lianne als Strafaufgabe für drei im Januar geschwänzte Sportstunden zwanzig Burpees (Liegestützsprünge) machen und eine Vidoaufnahme davon der Lehrerin schicken. Ach, wenn es nur das ist – kein Problem! Gegen ein angemessenes Entgelt ist die sportliche Schwester bereit, die Aufgabe für sie auszuführen. Immerhin ist Sivan gleich gross und hat ähnliches Haar. Dass sie einiges dünner ist, wird mit drei übereinander angezogenen dicken Trainingsanzügen ausgeglichen. Ihre Burpees sind perfekt. Sie wird nur von hinten gefilmt und hopp, schon ist das Filmchen im Kasten.
Was die Aufzeichnungen des Lauftrainings anbetrifft – was läge näher als mich dafür einzuspannen? Schliesslich gehe ich eh dreimal in der Woche laufen und es wäre doch unverzeihlich, diesen Heimvorteil nicht zu nutzen. Meine vehemente Absage akzeptiert Lianne zwar enttäuscht aber vielleicht auch etwas erleichtert, denn der Gedanke, sich mehrere Male von ihrem Handy trennen zu müssen, lag ihr eh schwer auf dem Magen.
Endlich schafft es eine Freundin, Lianne zum ersten Training zu motivieren. Aber die Laufrunde wird – wie nicht anders zu erwarten – eine Katastrophe. Irgendwie vermasselt Lianne die Aufzeichnung mit der App und obwohl sie mindestens zwanzig Minuten mit der Freundin in der Nachbarschaft umher schlurft, werden davon nur acht Minuten aufgezeichnet. Sie ist am Boden zerstört! Wie konnte es nur passieren, dass sich wertvolle Trainingsminuten im Nichts auflösten?! So konnte es nicht weitergehen! Eine handfestere Lösung musste her.
Not macht bekanntlich erfinderisch. Lianne hat zwar müde Beine, aber ein kluges Köpfchen. Für das zweite Training steigt sie mit Handy ins Auto, stellt die FitnessApp an – und fährt mit 8 km pro Stunde einmal ums Quartier. Ha! Das perfekte Training ist in der Tasche! So scheint es immerhin, aber bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass die Aufzeichnung eine seltsame Zickzackform hat. Hmm, ob die Lehrerin das merken würde?
Die Rettung kommt vom Himmel, denn in diesen Zeiten ist auf höhere Gewalt Verlass: Eine Ausgangssperre! Ab sofort dürfen wir uns nur noch in einem Radius von 100 Metern von der eigenen Wohnung bewegen. Wenn das nicht eine göttliche Eingebung ist! Mit den neuen Massnahmen scheint die Sportprüfung endlich in unerreichbare Ferne zu rücken.
Lianne liegt wieder auf dem Sofa. Aber mir scheint, dass diese Prüfung nicht totzukriegen ist. Wenn eine Sehnenentzündung und ein Corona-Virus ihr noch nicht den Garaus gemacht haben, vermute ich, dass sie demnächst in irgendeiner Form wieder den Kopf heben wird. Ich bin gespannt...
Sport ist an den israelischen Oberstufen ein offizielles Abschlussprüfungsfach. Für das „Bagrut“ (Abitur) müssen die Schüler nebst anderen Disziplinen auch drei Kilometer Laufen. Lianne ist aber keine sportliche Person – ihr Körper befindet sich in einem Ruhemoment, das nur schwer in Bewegung zu bringen ist. Deshalb beschäftigt sie die Frage, wie diese Lauf-Nuss zu knacken ist, schon seit geraumer Zeit. Eigentlich schon seit Anfang Oberstufe taucht das Thema bei uns zu Hause sporadisch auf – nur um dann schnellstens wieder unter den Teppich gewischt zu werden. Einst noch zuversichtlich, entwarf ich für Lianne ein grosszügiges zweijähriges Trainingsprogramm, später dann ein etwas intensiveres für einige Monate. Aber all das Gerede fruchtete nichts und eines Tages stand das befürchtete Prüfungsdatum – der 25. März – unmittelbar bevor.
Wenige Wochen vor dem Termin sah Lianne nun doch noch ein, dass sich das unliebsame Thema durch Verdrängen wohl nicht beseitigen lassen würde und raffte sich widerwillig dazu auf, etwas für ihre Fitness zu tun. Sie zog sich sportlich-modisch an, stimmte die Farbe des Laufshirts auf die Socken ab, schminkte sich sorgfältig und als das Outfit perfekt war, zog sie los. Aber schon nach wenigen Hundert Metern ging ihr die Puste aus und sie fand bestätigt, was sie schon lange wusste: dass Hopfen und Malz verloren ist. Nach Luft ringend verfluchte sie die Lehrerin, die Schule und den Sport im Allgemeinen. Sie kann, will und wird nicht laufen! Eher lernt ein Elefant Seiltanzen, als dass ein unverbesserlicher Stubenhocker in drei knappen Wochen zum Läufer wird.
Nun ist Lianne gerade volljährig geworden und somit selbständig krankenversichert (das bedeutet, dass wir, ihre Eltern, keinen Zugriff mehr auf ihre Daten haben, aber weiterhin die Versicherungsraten berappen müssen, solange sie noch zur Schule geht).
Die erste grandiose Aktivität, die sich Lianne als selbständiges Krankenkassenmitglied leistete, war das Erlügen einer Achillessehnenentzündung und das Erbetteln eines Attests von unserem Familienarzt. Der Arzt stellte das gewünschte Schreiben grosszügig aus, ohne die Patientin zu begutachten. Zwar hatte die Beglaubigung einen Haken, denn sie war auf einen Monat befristet, aber immerhin befreite sie Lianne vom ersten Prüfungstermin. Für den Wiederholungstermin, der einen Monat später drohte, würde sie sich rechtzeitig auch noch etwas einfallen lassen. Kommt Zeit, kommt Rat!
Kommt Corona! Zwar wird die Erde nicht kurz vor der Prüfung von einem Meteoriten aus der Bahn geworfen, wie sich das Lianne insgeheim gewünscht hatte – aber ein fast so fatales Virus zwingt uns momentan, sämtliche Pläne und Aktivitäten aufs Abstellgleis zu stellen. Die Zukunft ist bis auf Weiteres storniert. Somit auch alle Abschlussprüfungen. Hurra! Endlich darf Lianne offiziell faulenzen, bis sie nach Verwesung stinkt. Ja, natürlich ist die ganze Situation nicht gerade rosig und dass sie ihre Freunde nicht mehr treffen kann und eigentlich so schnell wie möglich die Schule hinter sich lassen und die Welt entdecken wollte, weicht nun einer abgrundtiefen Enttäuschung. Aber immerhin, die Laufprüfung scheint erst einmal aus der Welt geschafft zu sein. Halleluja!
Ab sofort brilliert Lianne in der Disziplin „Auf-dem-Sofa-liegen“. Diese unterbricht sie nur ab und zu, um Knabbernachschub aus der Küche zu besorgen. Für kurze Zeit ist ihr Leben fast perfekt.
Aber nach wenigen Tagen im Schockzustand rauft sich die Lehrerschaft zusammen und richtet sich für den Fernunterricht ein. Und sie nehmen es ernst: Nach zwei Tagen Fernunterricht beklagt sich Lianne, dass sie in den letzten 48 Stunden mehr Arbeiten geschrieben habe als in den vergangenen drei Monaten! Dann schiesst die Sportlehrerin mit einer besonders unverschämten Idee den Vogel ab: Sie schickt Lianne ein detailliertes einmonatiges Trainingsprogramm und fordert sie auf, ihr die mit der Fitness-App Strava aufgezeichneten Laufübungen online zur Kontrolle zu schicken. Was für eine Hexe! Ist es nicht genug, dass uns dieses verflixte Virus das Leben zur Hölle macht? Nicht einmal auf dem eigenen Sofa lassen einen die Lehrer in Ruhe!
Zusätzlich soll Lianne als Strafaufgabe für drei im Januar geschwänzte Sportstunden zwanzig Burpees (Liegestützsprünge) machen und eine Vidoaufnahme davon der Lehrerin schicken. Ach, wenn es nur das ist – kein Problem! Gegen ein angemessenes Entgelt ist die sportliche Schwester bereit, die Aufgabe für sie auszuführen. Immerhin ist Sivan gleich gross und hat ähnliches Haar. Dass sie einiges dünner ist, wird mit drei übereinander angezogenen dicken Trainingsanzügen ausgeglichen. Ihre Burpees sind perfekt. Sie wird nur von hinten gefilmt und hopp, schon ist das Filmchen im Kasten.
Was die Aufzeichnungen des Lauftrainings anbetrifft – was läge näher als mich dafür einzuspannen? Schliesslich gehe ich eh dreimal in der Woche laufen und es wäre doch unverzeihlich, diesen Heimvorteil nicht zu nutzen. Meine vehemente Absage akzeptiert Lianne zwar enttäuscht aber vielleicht auch etwas erleichtert, denn der Gedanke, sich mehrere Male von ihrem Handy trennen zu müssen, lag ihr eh schwer auf dem Magen.
Endlich schafft es eine Freundin, Lianne zum ersten Training zu motivieren. Aber die Laufrunde wird – wie nicht anders zu erwarten – eine Katastrophe. Irgendwie vermasselt Lianne die Aufzeichnung mit der App und obwohl sie mindestens zwanzig Minuten mit der Freundin in der Nachbarschaft umher schlurft, werden davon nur acht Minuten aufgezeichnet. Sie ist am Boden zerstört! Wie konnte es nur passieren, dass sich wertvolle Trainingsminuten im Nichts auflösten?! So konnte es nicht weitergehen! Eine handfestere Lösung musste her.
Not macht bekanntlich erfinderisch. Lianne hat zwar müde Beine, aber ein kluges Köpfchen. Für das zweite Training steigt sie mit Handy ins Auto, stellt die FitnessApp an – und fährt mit 8 km pro Stunde einmal ums Quartier. Ha! Das perfekte Training ist in der Tasche! So scheint es immerhin, aber bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass die Aufzeichnung eine seltsame Zickzackform hat. Hmm, ob die Lehrerin das merken würde?
Die Rettung kommt vom Himmel, denn in diesen Zeiten ist auf höhere Gewalt Verlass: Eine Ausgangssperre! Ab sofort dürfen wir uns nur noch in einem Radius von 100 Metern von der eigenen Wohnung bewegen. Wenn das nicht eine göttliche Eingebung ist! Mit den neuen Massnahmen scheint die Sportprüfung endlich in unerreichbare Ferne zu rücken.
Lianne liegt wieder auf dem Sofa. Aber mir scheint, dass diese Prüfung nicht totzukriegen ist. Wenn eine Sehnenentzündung und ein Corona-Virus ihr noch nicht den Garaus gemacht haben, vermute ich, dass sie demnächst in irgendeiner Form wieder den Kopf heben wird. Ich bin gespannt...
Mittwoch, 18. März 2020
Prosit!
Entgegen aller dringlichsten Empfehlungen fahre ich heute wieder ins Büro. Die Verbindung und die Ausrüstung im Heimbüro waren gestern katastrophal. Ich habe eine komplizierte Arbeit zu erledigen, für welche ich meine beiden grossen Bildschirme und akzeptable Netzverbindung benötige.
Die Strassen sind auch zur Hauptverkehrszeit wie ausgestorben. Auch die Büros sind menschenleer. Ich geniesse die Ruhe und weiss nun sogar meine graue Büroeinrichtung zu schätzen! Nur das Reinigungspersonal ist noch da und putzt in Scharen und als ginge es um Leben und Tod. Eine der Frauen wedelt auch um mich herum und reibt meine direkte Umgebung mit Unmengen von antiseptischen Feuchttüchern ab. Sie erledigt ihre Arbeit so eifrig, dass sie sogar den gebotenen Zwei-Meter-Abstand vergisst.
Zum Mittagessen lasse ich mir vom Asiaten Sushi liefern, obwohl ich mich beim letzten mal gewaltig über den extremen Abfallberg geärgert und mir vorgenommen habe, nur noch unverpackte Mahlzeiten zu essen. Die Sushi-Mahlzeit ist auch heute wieder in unzählige Kartonschächtelchen mit Plastikdeckeln verpackt und der hinterlassene Abfallberg ist mindestens dreimal so umfangreich wie das Essen, das ich zu mir nehme. Aber leider gibt es auch in der Kantine nur noch umweltschädlich abgepacktes Essen.
In der verwaisten Kaffeeküche finde ich eine angebrochene Flasche Roséwein. Der wird ja auch nicht frischer, denke ich, und genehmige mir einige Tropfen. In einem Plastikbecher, wohlgemerkt, etwas anderes finde ich gerade nicht. Aber das macht ja jetzt alles nichts mehr aus, schliesslich müssen wir nur noch irgendwie überleben.
Nach einem Becher Rosé sieht die Welt aus dem Bürofenster fast schon aus, als wäre alles beim Alten. Prosit! Nach uns die Sintflut!
Die Strassen sind auch zur Hauptverkehrszeit wie ausgestorben. Auch die Büros sind menschenleer. Ich geniesse die Ruhe und weiss nun sogar meine graue Büroeinrichtung zu schätzen! Nur das Reinigungspersonal ist noch da und putzt in Scharen und als ginge es um Leben und Tod. Eine der Frauen wedelt auch um mich herum und reibt meine direkte Umgebung mit Unmengen von antiseptischen Feuchttüchern ab. Sie erledigt ihre Arbeit so eifrig, dass sie sogar den gebotenen Zwei-Meter-Abstand vergisst.
Zum Mittagessen lasse ich mir vom Asiaten Sushi liefern, obwohl ich mich beim letzten mal gewaltig über den extremen Abfallberg geärgert und mir vorgenommen habe, nur noch unverpackte Mahlzeiten zu essen. Die Sushi-Mahlzeit ist auch heute wieder in unzählige Kartonschächtelchen mit Plastikdeckeln verpackt und der hinterlassene Abfallberg ist mindestens dreimal so umfangreich wie das Essen, das ich zu mir nehme. Aber leider gibt es auch in der Kantine nur noch umweltschädlich abgepacktes Essen.
In der verwaisten Kaffeeküche finde ich eine angebrochene Flasche Roséwein. Der wird ja auch nicht frischer, denke ich, und genehmige mir einige Tropfen. In einem Plastikbecher, wohlgemerkt, etwas anderes finde ich gerade nicht. Aber das macht ja jetzt alles nichts mehr aus, schliesslich müssen wir nur noch irgendwie überleben.
Nach einem Becher Rosé sieht die Welt aus dem Bürofenster fast schon aus, als wäre alles beim Alten. Prosit! Nach uns die Sintflut!
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