500 Meter

Die Tage rasen dahin. Ein etwas anderer Alltag hat sich breit gemacht und wir alle haben uns irgendwie damit arrangiert, jedes Familienmitglied gemäss seinen eigenen Bedürfnissen. Ich persönlich verbringe den frühen Morgen mit Sport, Dusche, Frühstück und etwas Hausarbeit und oft erst gegen Mittag arbeite ich einige Stunden im „Homeoffice“. Dafür arbeite ich manchmal in den späten Abend hinein und kann so die Arbeitszeit meinen amerikanischen Teamkollegen anpassen.

Natürlich gibt es mit den drei jungen Damen, die jetzt umständehalber hier wohnen, auch einige Reibereien. Manchmal werden Stimmen laut, Türen werden geschletzt. Was die Küche anbetrifft, habe ich ein Notstandgesetz erlassen müssen, demzufolge zwischen 13 und 16 Uhr keiner ausser mir diesen Raum betreten darf. Nur so kann ich am Mittag in Ruhe kochen, essen und die Küche aufräumen, ohne dass jemand anders genau zum Zeitpunkt, als ich vier Pfannen auf dem Herd jongliere, Frühstückseier braten will.

Schlimme Zeiten im Corona-Lockdown I
Überhaupt scheint sich nun unser Leben hauptsächlich in der Küche abzuspielen. Wir kochen, backen und essen ununterbrochen. Das reflektiert sich auch in unserem Familienbudget, in welchem die Ausgaben für Reisen, Ausflüge, Vergnügen, Kultur, Restaurants und Kleider auf null geschrumpft sind, während die Ausgaben für Esswaren in astronomische Höhen schnellen. 

Das Zuhause sein ist ganz gemütlich, aber es fehlen die Unterbrüche, seien diese nun erfreulicher oder auch weniger geschätzter Art. Ab und zu ein Treffen mit Freundinnen, die Laufgruppe, irgendwelche Termine – und sei es nur beim Zahnarzt! Ohne etwas Abwechslung werden die Tage zu einer undefinierbaren Einheitsmasse. Erstaunlicherweise scheint die Zeit immer schneller zu vergehen, je weniger im Alltag los ist. Erst noch Montag ist es schon wieder Samstag. Und welcher Tag ist eigentlich heute? Montag, Dienstag, -tag, -tag, -tag. So fliegen die Wochen dahin, während ich immer noch in der Küche stehe oder auf dem Sofa sitze. Nun sehne ich mich danach, abends die Haustüre zu öffnen, einzutreten, nach Hause zu kommen. Zu fühlen, dass ich den Tag hindurch verschiedenes erlebt habe. Auch wenn es vor Corona meistens etwas zu viel war. 

Ab heute dürfen alle Läden, die sich nicht in gedeckten Einkaufzentren befinden, wieder öffnen. Auch die Coiffeure und Kosmetikstudios empfangen wieder Kunden. Ich finde das recht verwirrend, denn andererseits dürfen wir uns immer noch nicht weiter als 500 Meter von unserer Wohnung entfernen. Wie bitte ist das zu vereinbaren? Was genau darf ich denn eigentlich ausserhalb des 500-Meter-Radius nicht, wenn die Läden doch dort liegen? Grössere Läden, die über eine bestimmte Mindestfläche verfügen, sind sogar schon einige Tage wieder geöffnet, zum Beispiel die Ikea Filialen. Darüber wird in den Medien viel diskutiert und gespottet, denn gemäss Regelung dürfte ich in der Ikea mit Hunderten anderen Kunden durch die Gänge spazieren, alleine über die Felder laufen aber weiterhin nicht. Prompt stellt ein  israelischer Komiker ein Foto von sich ins Netz, auf welchem er mit Surfboard unverkennbar an den gemäss Regelungen abgesperrten Strand fährt – während als Bildunterschrift zu lesen ist „Unterwegs zu Ikea“.

Beim Laufen heute Morgen staune ich über einen Polizisten, der auf seinem Motorrad auf dem Rad- und Fussgängerweg langsam an den überraschten Freizeitsportlern vorbeifährt. Auch heute sind auf dem jeweils stark frequentierten Weg trotz Corona-Regelungen mehrere Radfahrer und Jogger unterwegs. Was sucht der Polizist hier? Will er Bussen austeilen? Nur für Abschreckung sorgen? Ich beobachte die Szene von meinem hoffentlich sicheren Waldweg aus. Auf dem Wegabschnitt, den ich sehen kann, hält der Polizist niemanden an. Vielleicht verwirren die widersprüchlichen Regelungen sogar ihn? Oder weiss er bei der Überzahl an Sportlern gar nicht, wen er zuerst bestrafen soll? Ich jedenfalls bin auch heute wieder einmal ohne Busse oder Verwarnung davongekommen, obwohl ich viele Kilometer mehr zurückgelegt habe als erlaubt – und unterwegs erst noch einige Erdbeeren von den Feldern gestohlen habe...

Für die Feiertage dieser Woche, den Gedenktag für die Gefallenen und den Unabhängigkeitstag, ist noch einmal totales Lockdown angesagt. Was den Unabhängigkeitstag anbetrifft, habe ich dafür Verständnis. Dieses Fest lockt jeweils sogar eingefleischte Stubenhocker aus ihren Wohnungen. Ganz Israel wird zu einer einzigen grossen Grillparty. Sogar auf Verkehrsinseln werden Einweggrillgeräte und Campingmöbel aufgeklappt, weil die Parkanlagen, die Wäldchen, ja jedes Fleckchen Grün schon belegt sind und überall Platzmangel herrscht.

Was den Gedenktag für die gefallenen Soldaten und die Terroropfer anbetrifft, ist die Regelung zum Lockdown ein schwer zu akzeptierender Beschluss. Es werden nur virtuelle Gedenkfeiern stattfinden und Angehörigen wird untersagt sein, die Gräber ihrer Liebsten aufzusuchen. Dieser Tag ist einer der traurigsten und schwersten in Israel und die Tatsache, dass man sich zu Hunderten zum Möbel kaufen in der Ikea treffen darf, es aber untersagt ist, den Friedhof aufzusuchen, wirft schon einige Fragen auf. Der Autor Meir Shalev malt sich in einem aktuellen Medienartikel absurde Situationen aus, in denen die Angehörigen der Gefallenen und der Terroropfer, die zum Friedhof fahren wollen, von einer Polizeikontrolle zum Umkehren angehalten werden, während Ikeabesucher die Kontrolle passieren dürfen.

Die Zeiten sind verwirrend und alles wird hinterfragt. Kein Wunder sehnt man sich wieder nach etwas Normalität. Diese scheint aber gerade nirgendwo zu finden sein. Auch wenn man endlich für etwas so Alltägliches wie Einkaufen für kurze Zeit aus der Enge des Hauses ausbricht, trifft man nicht auf Mitmenschen, die grüssen und zu einem Schwatz verweilen, sondern auf seltsame Wesen, die sich merkwürdig verhalten und mit Mundschutz und Plastikhandschuhen durch die Gänge eilen.

Schlimme Zeiten im Corona-Lockdown II

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