Verbotenes Vergnügen


Auf Facebook verfolge ich schon seit längerer Zeit eine Gruppe von Lauffreunden. Die Gruppe zählt mehrere tausend Mitglieder – alle mehr oder weniger fanatische Hobbyläufer – die Resultate, Erfahrungen und Gedanken zum Thema Laufen posten. Einige Posts sind hilfreich oder originell, andere wische ich ungelesen weg, wie das auf Facebook eben so ist. Seit wir wegen Corona Ausgangssperre haben und uns nur noch in einem Radius von Hundert Metern von der eigenen Wohnung bewegen dürfen, ist auf dieser Facebook-Gruppe die Hölle los. Die Läufer haben sich in zwei Lager gespalten und streiten, dass die Fetzen fliegen. Die Posts zum Thema überschlagen sich und sorgen für erhitzte Gemüter. Die Einen finden es gefährlich und unverantwortlich bis kriminell, sich dem Gesetz zu widersetzen, die Anderen halten die Regeln für übertrieben, missachten die Massnahmen und brüsten sich täglich mit aktuellen Laufresultaten, trotz Verbot. Beide Seiten können jeweils den Vertretern der Opposition absolut kein Verständnis entgegenbringen.

Ich persönlich bin zwischen den Lagern hin- und hergerissen. Beide haben plausible Argumente. Ich laufe seit zehn Jahren zwei-, drei- oder viermal die Woche, nur mit kurzen Unterbrüchen wegen Verletzungen oder Krankheit. Für mich ist Laufen Leben. Das unbeschreibliche Gefühl, dass mein Kopf immer leichter wird, je mehr ich mich mit der Schwere des Körpers auseinandersetze. Dass ich immer näher bei mir bin, je weiter ich weglaufe. Ich brauche das Laufen wie die Luft zum Atmen, es hält mich vital, hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und Stress abzubauen.

Aber dafür das Gesetz zu brechen? Mich mit der Polizei anlegen? Vielleicht sogar eine Busse verpasst bekommen? Und ganz abgesehen von der Regelverletzung – ich will in dieser Corona-Geschichte weder mich selbst noch Andere gefährden. Darf ich selbst abwägen, ob die Normen mehr nutzen oder schaden? Welche und wie viele kleine Regelverletzungen gehen noch durch? Wäre eine Laufrunde schlimmer, als bei Rot die Strasse zu überqueren? Wie viel Selbstbestimmungsrecht darf ich mir zugestehen? Auf meiner Laufstrecke ist das Ansteckungsrisiko verschwindend klein. Immerhin laufe ich im Gelände, wo sich Fuchs und Hase guten Abend (in meinem Fall guten Morgen) sagen und die Chance jemanden zu treffen, ist verschwindend klein.

Aber die Regeln sind klar: Sportliche Aktivitäten im Freien sind verboten. Wo kämen wir hin, wenn jeder nur seine Extrawurst vor Augen hätte? Das Virus scheint wirklich gefährlich zu sein und für die Eindämmung der Epidemie einige Wochen zu Hause zu bleiben, sollte doch machbar sein. Dann laufe ich eben zu Hause hundertmal die Treppe hoch, oder übe eine Stunde Seilspringen.  

Einige Tage lang wiege ich das Dafür und Dawider ab. Versuche, mit mir selbst auszuhandeln, wie die neuen und alten Werte zusammenpassen. Ich denke mir die kreativsten Heimtrainings aus, um fit zu bleiben. Vom obersten Stock in die hinterste Ecke im Garten und zurück. Zweihundertmal die Strasse rauf und wieder runter. Dann wieder verwerfe ich alles und denke, dass es doch kein so schlimmes Verbrechen sein kann, mich früh morgens aus dem Dorf zu schleichen und mutterseelenallein etwas über die Felder zu laufen. Und wenn mich jemand verpatzen würde? Etliche Male suche ich in Gedanken die kürzeste Route von unserem Haus ins Gelände.

Schlussendlich stelle ich den Wecker. Noch vor dem Sonnenaufgang stehle ich mich aus dem Haus. Bei den Nachbarn ist es noch dunkel, da lauert also keine Gefahr. Trotzdem pocht mein Herz stärker als sonst. Hinter jeder Ecke, hinter jeder Hauswand vermute ich einen Verräter. Und da, steht da nicht jemand am Fenster? Ich laufe etwas schneller. Ich bin ein Gesetzesbrecher! Ich treibe Sport und das ist verboten!

Als ich endlich die Hauptstrasse überquere, die unser Dorf von den Feldern trennt, entdecke ich noch in weiter Ferne ein einzelnes Auto. Ist es ein Streifenwagen? Ich sprinte mit voller Kraft los und erreiche den sicheren Feldweg einige Sekunden bevor das Auto hinter mir vorbei braust. Ich bin gerettet! Jetzt habe ich feuchte braune Erde unter den Füssen, frische Luft und Blütenduft in der Nase und Vogelgezwitscher in den Ohren. Inspiriert von den Beinen hüpft meine Seele davon. Ich atme auf und ziehe beruhigt los, über die blühenden Wiesen, während die Sonne aufgeht…


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