Donnerstag, 2. Juli 2026

Ein ganz normaler Julitag in Israel



Ehrlich gesagt, frage ich mich manchmal schon, warum ich das Leben in diesem verrückten Land überhaupt noch aushalte. Allein die riesigen Kakerlaken, die bei diesem feucht-heissen Wetter scharenweise aus jeder Ritze und jedem Winkel kriechen, wären Grund genug, das Weite zu suchen.

Über die Bedrohung durch Nachbarn, deren erklärtes Ziel unsere Vernichtung ist, möchte ich hier gar nicht erst schreiben. Die angespannte Lage und die ungewissen Zukunftsaussichten lassen sich ohnehin nur unter einer mentalen Schutzglocke ertragen.

Doch gestern gab es einen ganz anderen Grund, an meinem Dasein hier zu zweifeln: Die – wie soll man es nennen? – kollektive Verrücktheit.

Ich hatte in Tel-Aviv etwas zu erledigen. Eine Sache von höchstens einer Stunde, dachte ich. Danach in den Zug, und kurz nach der Mittagspause wäre ich wieder im Büro.
So der Plan.

Natürlich dauerte die Angelegenheit deutlich länger als erwartet. Als ich mich von Eyal verabschiedete, der mit unserem Auto zu Geschäftsterminen im Süden weiterfuhr, war ich bereits verspätet. Den Zug in zwei Minuten hätte ich trotzdem noch geschafft – wäre nicht der nördliche Bahnhofseingang aus unerfindlichen Gründen geschlossen gewesen. Kein Hinweisschild, keine Erklärung. Nur ein mürrischer Sicherheitsmann, der knapp verkündete: „Kein Eingang.“
Also quer über die Kreuzung, mehrere Häuserblocks entlang und hinauf zum südlichen Zugang. Dort erreichte ich den nächsten Zug immerhin rechtzeitig. Da ich inzwischen hungrig war, kaufte ich mir ein Sandwich. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.
Im Zug beschloss ich, gar nicht mehr ins Büro zurückzufahren. Ich würde bis Netanja weiterfahren und von dort ein Taxi nach Hause nehmen. So könnte ich wenigstens rechtzeitig zu meinen Nachmittagsbesprechungen erscheinen. Rückblickend war dies der entscheidende Fehler.

Genau zu dem Zeitpunkt, als mein Zug in Netanja einfuhr, fand die Beerdigung des bekannten Rabbiners Amos Guetta statt. Der ganze Weg vom Kolel, dem Studienzentrum des Rabbis in Netanja, bis zum ausserhalb der Stadt gelegenen Friedhof, war kurzerhand für den Trauerzug gesperrt worden. Die Zeitungen berichteten später von Tausenden Trauergästen, Straßensperrungen und massiven Verkehrsbehinderungen.

Mit anderen Worten: Die Hauptzufahrten nach Netanja waren gesperrt, rund um den Bahnhof fuhr weder Bus noch Taxi, und mein Zuhause lag sieben Kilometer entfernt auf der anderen Seite dieser verkehrstechnischen Katastrophe.
Ein Taxifahrer riet mir, die abgesperrte Zone zu Fuss zu umgehen und eine weiter östlich gelegene Bushaltestelle anzusteuern. Im Winter wäre das vielleicht sogar vernünftig gewesen. An einem Julinachmittag in Israel war es eine Tortur.

Ich marschierte los. Tausende religiöse Trauergäste kamen mir entgegen, später der Leichenwagen selbst, begleitet von einem beeindruckenden Polizeikonvoi. Ich wünschte dem ermordeten religiösen Oberhaupt in Gedanken ewige Ruhe und kämpfte mich weiter durch die Menschenmengen.
An der Bushaltestelle angekommen, stellte ich fest, dass dort – wie eigentlich schon geahnt – weder Busse noch Taxis auftauchten. Woher auch? Immerhin war ich meinem Zuhause ein wenig näher gekommen. Ich kaufte mir eine Flasche eisgekühltes Wasser und leerte sie in einem einzigen Zug.

Nach langer Zeit des Wartens stieg ich in den ersten Bus, der in östliche Richtung fuhr. Die Sitzgelegenheit und die fantastische Klimaanlage waren eine Erlösung. Leider fuhr der Bus nur zwei Stationen weit in meine Richtung. Also wieder aussteigen, weiterlaufen, weiterwarten. Irgendwann erreichte ich einen zweiten Bus, der mich zumindest bis zur grossen Kreuzung in der Nähe unseres Dorfes brachte.

Jetzt trennte mich nur noch ein letzter Kilometer Fussmarsch von meinem Ziel. Das scheint ein leichtes Unterfangen – bis man den Marsch in Jeans, geschlossenen Schuhen und mit Laptop-Rucksack auf dem Rücken unter der israelischen Julisonne zurücklegen muss. Ich war mir dessen nicht bewusst, aber selbst das Warten auf Grün an der Ampel ist für Fussgänger bei glühender Hitze ein Albtraum und brachte mich an den Rand einer Nahtoderfahrung.

Zweieinhalb Stunden nach meiner Abfahrt aus Tel-Aviv erreichte ich endlich unser herrlich kühles Zuhause. Schweissdurchnässt warf ich sämtliche Kleider in die Wäsche, duschte kalt und verzehrte fast eine ganze Wassermelone. Danach schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zur Besprechung mit meiner Vorgesetzten um fünf Uhr vor den Computer.

Heute habe ich mich von Ärger und Anstrengung wieder erholt und bin um eine – rückblickend durchaus komische – Erfahrung reicher.

Vielleicht ist genau das der Reiz dieses Landes: dass hier fast nie etwas einfach normal und unspektakulär verläuft. Es gibt Raum für Verrücktheit aller Art: für verrückte Religiöse, verrückte Queers, verrückte Rechte und verrückte Linke. Man ärgert sich übereinander, beschimpft sich gegenseitig – und am Ende lebt man doch wieder miteinander weiter.

Natürlich ist auch der Antisemitismus, der weltweit bedrohliche Ausmasse angenommen hat, ein Grund dafür, warum Viele bereit sind, in Israel Kriege, verrückte Menschen und allerlei Ungeziefer in Kauf zu nehmen.
Wenn ich wählen müsste zwischen mehrmals täglich Israel-Berichterstattung im Schweizer Radio & Fernsehen und gelegentlichen Begegnungen mit Kakerlaken – oder sogar Raketen aus dem Libanon, dem Jemen oder dem Iran – dann ist meine Wahl nach wie vor klar.

Vor einiger Zeit machte im Internet ein Artikel über den zunehmenden Antisemitismus in New York die Runde, der Woody Allen zugeschrieben wurde. Ein ernstes Thema, mit viel schwarzem Humor behandelt – also durchaus glaubwürdig. Später stellte sich jedoch heraus, dass der Text gar nicht von ihm stammte. Ob Woody Allen oder KI: Ein Satz daraus ist mir besonders geblieben:
„Was mir Angst macht, ist die Geschwindigkeit, mit der normale Menschen anfangen, so zu tun, als wäre nichts Besonderes los.“

Der aktuelle und wie immer bereichernde Blogbeitrag von Yupedia beleuchtet auch einige der historischen Hintergründe dafür, warum Menschen hier leben – und leben müssen. Der Artikel ist lang, aber lesenswert. Die sehr persönlichen Einblicke in Deutschland und Palästina der 1930er-Jahre lassen Geschichte auf eindrucksvolle Weise lebendig werden.

Bezauberndes Tel-Aviv




Keine Kommentare: