Donnerstag, 26. März 2026

Alice im Wunderland

Idyllische Kaffeepause im Homeoffice 



Tausende Raketen haben die Hisbollah und der Iran seit Beginn dieses Krieges auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert. Viele werden abgefangen. Einige nicht – sie richten erheblichen Schaden an. Und selbst abgefangene Raketen bleiben gefährlich. Die Trümmer fallen vom Himmel, schlagen in Gärten ein, beschädigen Dächer, durchschlagen Häuser. Immer mehr Bekannte berichten von Raketenteilen in ihren Vorgärten und auf Gehwegen. Es wird zunehmend klar, wie lebenswichtig es ist, bei Alarm sofort Schutzräume aufzusuchen und dort zu bleiben, bis Entwarnung gegeben wird.


Dienstag, Tel-Aviv

Wir erledigen Besorgungen im Zentrum. Das Navi führt uns auf merkwürdigen Umwegen ans Ziel. An einer Kreuzung ist plötzlich Schluss. Die Strasse ist gesperrt. Sicherheitskräfte sorgen für Ordnung. Kurz zuvor sind hier Teile einer Streurakete eingeschlagen. Ein Gebäude ist komplett zerstört, umliegende Häuser beschädigt. Die Frau, die wir besuchen, wirkt tief erschüttert. Der Einschlag – nur wenige Hundert Meter entfernt – war in der ganzen Gegend heftig zu spüren.

Später erfahren wir, dass das zerstörte Gebäude erst wenige Tage zuvor im Zuge eines Sanierungsprojekts geräumt wurde. Wie durch ein Wunder gab es bei diesem Einschlag in der dichtbesiedelten Stadt keine Opfer.


Am Strassenrand

Als wir Tel-Aviv verlassen, ertönen die Sirenen während der Fahrt. Viele halten an und suchen Schutz – in Bunkern, hinter Mauern, notfalls im Strassengraben. Wir fahren weiter.



Nacht auf Mittwoch

In meinem Wohnort war es bislang vergleichsweise ruhig. Vielleicht habe ich das zu laut gesagt. Prompt reissen uns um drei Uhr nachts die Sirenen aus dem Schlaf.



Donnerstag, Alltag im Ausnahmezustand

Es geht mit den Alarmen fleissig weiter:

Morgens während des Trainings mit der Sportgruppe. Wir laufen in den Schutzbunker am Strassenrand. Das Licht funktioniert nicht. Ein Dutzend Personen dicht gedrängt auf engstem Raum, stehend, in totaler Dunkelheit. Draussen dröhnen die Abwehrsysteme. Wir machen Witze.

Vormittag: Die Sirenen unterbrechen eine Besprechung mit Mitarbeitern aus Indien und Kroatien. Ich klinke mich aus. 

Nachmittag: Sirenen in einem Meeting mit dem Team in den USA. Meine israelische Mitarbeiterin und ich hinterlassen zwei leere Kamerafelder auf dem Bildschirm. 

Meine Mitarbeiterin in Tel-Aviv muss heute acht mal in den Schutzraum im Parterre ihres Wohnhauses flüchten. Ich frage mich ernsthaft, warum überhaupt noch jemand bereit ist, mit uns zu arbeiten.


Der Sirenen-Kindergarten

Lianne erlebt während ihrer Freiwilligenarbeit in einem Kindergarten eine besonders absurde Alarmepisode: Die Aktivität mit einem mobilen Streichelzoo findet vorsorglich im Schutzraum des Kindergartens statt. Doch auf das Ernstfallszenario ist wohl trotzdem niemand vorbereitet. Als die Sirenen heulen, kommen Kinder aus zwei benachbarten Kindergärten hinzu. Das ergibt etwa vierzig aufgeregte Kinder, ein Dutzend Kleintiere und ein überfordertes Betreuungsteam in einem stickigen Raum. Die Schlange, die Hamster und der Igel sind mit einigen Karotten und Salatblättern leicht in Schach zu halten. Doch als die Hasen auszubrechen drohen, wird es für Lianne ernst – sie ist auf Hasen allergisch. Zum Glück folgt bald die Entwarnung. Lianne wird von einem allergischen Schock verschont – und auch einmal mehr von einem Raketentreffer. 
Die Geschichte hört sich zuhause vollkommen surreal an. Bin ich hier gerade in Alice im Wunderland gelandet?



Das ist eine Schilderung meiner ganz persönlichen Erlebnisse in den letzten Tagen. Tausende Raketen und Raketenteile – das sind auch abertausende persönliche Geschichten. Einige verlaufen glimpflich, viele nicht. Einige davon kommen mir zu Ohren, die meisten nicht.


Am Dienstag wurde im Norden Israels eine 27-jährige Frau von einer Rakete getötet worden, während sie im Strassengraben Schutz suchte.
 

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