Zur schönen Stadt Basel habe ich eine besondere Beziehung. In einem Provinzdorf aufgewachsen, zog mich Basel als Zwölf- oder Dreizehnjährige als „grosse Stadt“ magisch an. Später ging ich dort vier Jahre zur Schule. In Basel erlebte ich erste Lieben, erste Enttäuschungen und einige nicht ganz erfolgreiche Versuche höherer Bildung.
Auch heute führen mich meine unzähligen Schweizreisen dorthin und ich entdecke dabei die Stadt immer wieder neu. Obwohl ich bald vierzig Jahre im Ausland lebe, fühle ich mich in Basel zuhause.
Vor einigen Jahren hatte ich zudem die Gelegenheit, geschäftlich nach Basel zu reisen. Ich logierte in Hotels, die ich mir privat nicht leisten würde, und betrachtete die Stadt durch die Augen amerikanischer und israelischer Arbeitskollegen. Auf einer dieser Geschäftsreisen nahm ich sogar an einer Stadführung auf Englisch teil und lernte dabei überraschenderweise wieder viel Neues.
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Nur dass sich in Basel im Jahr 1349 ein Judenpogrom ereignet hatte, wusste ich nicht. Als ich rein zufällig in einem historischen Roman darauf stiess, erschütterte mich die Geschichte. Nicht nur wegen der historischen Fakten. Sondern weil die Gräueltaten an genau den Orten stattfanden, die mir so vertraut sind: In der Basler Altstadt. Hier, in diesen Gassen, auf diesen "Bsetzischtei", haben Menschen – vermutlich Menschen wie du und ich – von absurden Anschuldigungen und von der Masse getrieben, unschuldige Mitbürger zusammengepfercht und in den Flammen getötet.
Damals wütete in Europa die Pest. Innerhalb weniger Jahre starb schätzungsweise etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Menschen suchten nach Erklärungen für das Unfassbare. Und sie fanden einen Schuldigen.
Die Juden.
Man beschuldigte sie, Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben.
Ich befrage ChatGPT nach dem historischen Hintergrund:
Im Jahr 1349, während der Pestepidemie, wurden die Juden von Basel fälschlicherweise beschuldigt, die Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben. Unter dem Einfluss von Angst, Gerüchten und bereits bestehendem Antijudaismus beschloss die Stadtführung, gegen die jüdische Gemeinde vorzugehen. Am 9. Januar 1349 wurden zahlreiche Basler Juden (etwa 600 Menschen) auf einer Rheininsel in einem eigens errichteten Holzgebäude eingeschlossen und verbrannt. Die jüdische Gemeinde wurde anschließend aus Basel verbannt.
Heute gilt das Basler Judenpogrom als eines der schwersten antijüdischen Gewaltverbrechen im deutschsprachigen Raum während der Pestverfolgungen.
Zusätzlich zum Hintergrund liefert ChatGPT auch gleich eine aktuelle historische Bewertung mit, die lautet:
- Es gibt keinerlei Beweise, dass Juden Brunnen vergifteten.
- Die Anschuldigungen entstanden aus Angst, Gerüchten und unter Folter erzwungenen Aussagen.
Seit Jahrhunderten werden Juden nicht wegen dem gehasst, was sie tun, sondern wegen dem, was man ihnen unterstellt: Sie seien Kindermörder, Weltverschwörer, Brunnenvergifter.
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Einige Jahrhunderte, zahllose Pogrome und einen Holocaust später, lässt mich ein reisserischer Artikel von SRF News das abendliche Scrollen in den sozialen Medien abrupt unterbrechen: Israel, so heisst es dort, vergifte die Böden seiner Nachbarländer.
Absurde Lügen oder falsche Tatsachen von Privatpersonen überraschen mich in den sozialen Medien nicht mehr. Manifestationen des Hasses sind inzwischen leider selbstverständlich geworden. Auch bei SRF ist es nicht das erste mal, dass ich entsetzt auf eine Schlagzeile starre. Und doch schockiert mich der Artikel, denn – verdrehter kann man einfach nicht mehr berichten. Und SRF ist immerhin das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen der Schweiz!
Die Wortwahl und die scheinbar mühelose Selbstverständlichkeit der Behauptungen erschrecken. Sie wecken Erinnerungen an ein Muster, das wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Behauptungen werden verbreitet, bevor Fragen gestellt werden. Narrative setzen sich fest, ohne Fakten zu prüfen.
Die Wortwahl und die scheinbar mühelose Selbstverständlichkeit der Behauptungen erschrecken. Sie wecken Erinnerungen an ein Muster, das wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Behauptungen werden verbreitet, bevor Fragen gestellt werden. Narrative setzen sich fest, ohne Fakten zu prüfen.
Die alte Mär vom brunnenvergiftenden Juden – nur etwas modernisiert.
Dabei verliert SRF bereits in der ersten Zeile an Glaubwürdigkeit, indem es „Palästina“ zu einem „Nachbarland“ Israels macht. Welcher Weltkarte man das wohl entnehmen kann?
Ich nehme an, dass die meisten Medienkonsumenten solche „Informationen“ unbewusst aufnehmen und achselzuckend weiterscrollen.
Mich hingegen lassen sie nicht los.
Vielleicht wird irgendwann in ferner Zukunft ein ChatGPT ausspucken:
- Es gibt keinerlei Beweise, dass Israel (sprich = Juden) im Jahr 2026 die Böden seiner Nachbarländer vergiftetete.
Zum Glück gibt es einige Menschen, die nicht einfach blind der Herde folgen. Menschen, die Fragen stellen, nach Quellen suchen und auch Widerspruch äussern. Meine Bloggerkollegin Schreibschaukel hat einen Brief an das SRF verfasst. Es ist nicht der erste, und auch dieser wird vermutlich nicht die Welt verändern. Aber ich bin dankbar für Menschen, die Fragen stellen, Quellen prüfen und den Mut haben, für ihre Überzeugung einzustehen, wenn die Masse längst weiterzieht.
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