Wir waren im Oberengadin wandern. Auf 2,400 Metern Höhe zeigten sich die Berge von ihrer besten Seite. Tief unten glitzerten die Seen. Alle Sorgen der Welt schienen weit hinter dem Horizont zu liegen.
Unterwegs trafen wir auf ein Paar, das offensichtlich jüdisch war. Wir begrüssten sie mit einem „Shalom“, und sofort entwickelte sich ein Gespräch auf Hebräisch.
Sie erzählten uns, aus welcher Stadt in Israel sie kamen. Wir berichteten, wo wir in Israel leben. Wir wanderten ein Stück gemeinsam weiter und plauderten, bis sich unsere Wege trennten.
Meine Geschwister waren vorausgegangen und warteten an der Bergstation auf uns. Mein Bruder, ein standhafter Freund Israels, erzählte mir dort, dass auch er mit dem Paar gesprochen hatte. Allerdings auf Englisch. Dabei hatten sie ihm erzählt, sie kämen aus Südafrika. Das stimmte auch: Zumindest ursprünglich stammten sie von dort. Nur den Teil, dass sie heute in Israel leben, hatten sie ihm gegenüber weggelassen.
Die Begegnung beschäftigte mich noch lange. Dieser Angst plötzlich im Alltag zu begegnen – auf einem Wanderweg in den Schweizer Alpen – hat mich tief betroffen gemacht. Denn dieses Thema betrifft für mich nicht nur Fremde, sondern mich und meine eigene Familie.
Dass die Dinge so verlaufen sind, ist schade für alle Beteiligten, denen dadurch vielleicht ein interessantes Gespräch entgangen ist. Doch für uns ist es absolut verständlich.
Ich weiss nicht, ob ich die Situation richtig einschätze, doch ich denke, Juden sind in der Schweiz (noch) ziemlich sicher. Anders verhält es sich teilweise mit Israelis in Europa.
Viele Menschen haben sich inzwischen eine sehr eindeutige Meinung zum Nahostkonflikt gebildet. So eindeutig, dass für Zweifel oder Zwischentöne meist kaum noch Platz bleibt. Israelis geraten dabei schnell unter Generalverdacht.
Viele Menschen haben sich inzwischen eine sehr eindeutige Meinung zum Nahostkonflikt gebildet. So eindeutig, dass für Zweifel oder Zwischentöne meist kaum noch Platz bleibt. Israelis geraten dabei schnell unter Generalverdacht.
Unser Sohn Itay hat seine Arbeit in Zürich unterbrochen und wird nun mit israelischen Kollegen reisen gehen. Man kann nicht israelischer aussehen als Itay (von meinen eigenen Genen scheint in seiner DNA jede Spur zu fehlen). Als Israeli erkannt zu werden, kann in einigen europäischen Ländern leider unangenehme Folgen haben. Im Gespräch suchen wir die Länder, in denen sich Israelis noch sicher fühlen. Um sie aufzuzählen, reichen die Finger einer Hand.
Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Hass beschränkt sich nicht nur auf die Graffitis, die uns auf unseren Ausflügen in der Schweiz, in Deutschland oder auf Kreta von jeder Wand entgegenschlagen. In den vergangenen Monaten wurde immer wieder über Vorfälle gegen israelische Touristen berichtet: Beschimpfungen, Anfeindungen oder verweigerte Dienstleistungen.
Auch das israelische Außenministerium teilte mit, dass es vermehrt gemeldete antisemitische Vorfälle gegen Israelis im Ausland registriert habe. So zum Beispiel gerade erst kürzlich auf Kreta.
Ich weiss nicht, ob Menschen, die sich nicht für Israel interessieren, wahrnehmen, was sich in Europa für Israelis und für Juden verändert. Es ist völlig legitim, sich nicht für den Nahen Osten zu interessieren. Doch das Ausmass der Vorfälle und die Tatsache, dass Israelis Angst haben, ihre Herkunft zu erwähnen, kann man nicht mehr mit einem Schulterzucken beiseiteschieben.
In Gesprächen über Berge, das Wetter oder die Aussicht (und die Frage, ob auch andere Wanderer die 600 Meter Höhendifferenz beim Planen der Wanderung total übersehen haben), sollten sich Israelis nicht überlegen müssen, welche Teile ihrer Biografie sie lieber verschweigen. Diese Entwicklung ist höchst beunruhigend.
Die Wanderung war wunderbar, aber die zwei verschiedenen Antworten, die dieses Paar auf dieselbe Frage gegeben hat, haben mich irritiert und beschäftigt. Hoffentlich nicht nur mich.
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