Im Garten meiner Eltern wächst eine sieben Meter lange Brombeerhecke. Die noch längere Himbeerhecke ist inzwischen vertrocknet. Die Brombeeren dagegen wachsen – nun, da das Haus leer steht – ungestört vor sich hin und tragen unzählige Früchte.
Für zwei Wochen ist das Haus unser Feriendomizil. Eigentlich steht es leer. Und doch ist es voller Leben.
Meine Eltern sind überall gegenwärtig. In den Gegenständen, die sie benutzt haben. In der Art, wie Dinge abgelegt wurden. Im Geruch, der noch in den Räumen hängt.
Mein Vater lebt inzwischen in einem Alters- und Pflegeheim. Von den Habseligkeiten, die ihn ein Leben lang begleitet haben, braucht er dort fast nichts mehr.
Auf seinem Bett liegt noch ein getragenes Hemd. Auf dem Arbeitstisch wartet seit Monaten eine unvollendete Bastelarbeit auf ihren Schöpfer.
Die Kleider meiner Mutter sind weggeräumt. Trotzdem spüre ich auch ihre Anwesenheit.
Zu den festen Sommerritualen meiner Mutter gehörte das Einkochen von Früchten. Der große Garten lieferte reichlich Material für Konfitüren.
Während meines Aufenthalts lockt mich das sonnige Wetter jeden Morgen vor dem Frühstück hinaus zu den Brombeeren. Die stacheligen Zweige hängen voller Früchte. Doch wie es die Art dieser Beeren ist, werden jeden Tag nur wenige von ihnen genau richtig reif. Gerade genug für ein kleines Schälchen zum Frühstück, jeden Morgen.
Beim Pflücken denke ich an meine Mutter. Wie hat sie es geschafft, ganze Töpfe voller Beeren einzukochen? Sammelte sie Tag für Tag eine Portion und wartete, bis genug zusammengekommen war?
Ich geniesse diese stillen Morgenstunden in der frischen Luft. Heute nennt man das wohl Entschleunigung.
Konnte meine Mutter das Beerenpflücken geniessen? Mit fünf Kindern, einem Ehemann, einem großen Garten und einem Haushalt war Entschleunigung vermutlich das Letzte, was sie brauchte. Wahrscheinlich hätte sie sich manchmal eher etwas Beschleunigung gewünscht.
Dieser Urlaub ist geprägt von Erinnerungen und Fragen. Ich öffne Schubladen, schaue in Schränke und stöbere durch Zimmer. Ich suche das Kind, das ich war. Meine Geschwister. Wie war das Leben meiner Eltern wirklich? Unser Leben als Familie?
Meine Eltern haben zu viele Dinge aufbewahrt. Als endlich Gedanken aufkamen, etwas zu räumen, waren sie zu müde.
Ich finde mindestens sechs "Chriesichratte". Unser Familienbüchlein mit den Stempeln des Zivilstandamtes und dem handschriftlichen Eintrag meiner Mutter mit unseren Geburtszeiten. Einige vergessene und doch so vetraute Kinderbücher. Meine Taufkerze.
Als die zwei Wochen zu Ende gehen, muss ich alles zurücklassen. Die Brombeerhecke. Das Haus. Die Erinnerungen.
Beim Wegfahren winke ich dem leeren Haus zu.
Zum ersten Mal winkt niemand zurück.
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