Mittwoch, 26. Februar 2020

Abnabelung

Dass ich meiner Achtzehnjährigen immer noch Pausenbrote für die Schule zubereite, ist dumm und überflüssig. Das ist mir klar. Ich bin da hineingeschlittert. Wann wäre der ideale Zeitpunkt gewesen, damit aufzuhören? Als sie Sieben war? Zehn? Fünfzehn? Ich weiss es nicht, aber ich habe ihn offensichtlich verpasst. Mit dummen Gewohnheiten aufzuhören wird immer schwieriger, je länger man sie festfahren lässt. Ja, ich werde es nun dabei belassen. In wenigen Monaten muss die junge Dame für einige Jahre ins Militär und wird eh den Schock ihres Lebens davontragen. Da kommt es auf ein paar Pausenbrote mehr oder weniger auch nicht mehr an.

Wo genau liegt der goldene Mittelweg zwischen bedingungsloser Elternliebe und unnötigem Verwöhnen? Kleine Liebesbeweise im Alltag sind wunderbar, aber wann  übertreten wir die Grenze zu sinnloser Übernahme von Verantwortung? Diese Fragen sind für mich auch jetzt, da die Kinder schon erwachsen sind, aktueller denn je.

Sivan, die ältere Tochter, ist im Januar ausgezogen. Als ich kurz danach unseren Wocheneinkauf erledigte, besorgte ich auch für sie noch zwei oder drei Sachen, von denen ich wusste, dass sie sie brauchen würde. Sie wohnte zwar nicht mehr bei uns, aber sollte ich jetzt deswegen Nullkommaplötzlich meine Liebesbeweise einstellen? Ausserdem studiert sie ja noch und wir müssen sie eh finanziell unterstützen. Warum sollte das nicht in Materialien stattfinden? Zuhause legte ich die Einkäufe in eine Tasche und als Sivan uns besuchen kam, nahm sie sie erfreut und dankend mit.

Wenige Wochen später erreichte mich per WhatsApp ohne Vorwarnung eine Einkaufsliste: Toilettenpapier. Cornflakes. Kaffee. Thunfisch in Dosen. Ketchup. Honig. Beim nächsten Einkauf zu erledigen. Danke. Sivan

Da hatte ich nun den Brei. Das dürfte auf keinen Fall zur Gewohnheit werden! Aber ich antwortete nicht. Ich lasse mich auf keine WhatsApp-Diskussionen ein und diese Frechheit musste ich erst einmal verarbeiten. Ich würde ihr bei Gelegenheit klipp und klar sagen, dass ich kein Online-Shopping-Unternehmen bin.

Irgendwann erledigte ich wieder unseren Wocheneinkauf. Ich suchte Früchte, Gemüse, Milchprodukte und einiges mehr zusammen, dann warf ich einen kurzen Blick auf die WhatsApp-Meldungen der letzten Tage. Und ehe ich mich versah, lagen Toilettenpapier, Cornflakes, Kaffee, Thunfisch in Dosen, Ketchup und Honig im Einkaufswagen. Nun wirklich  warum eigentlich nicht? Ich war eh ja schon am Einkaufen. Und Sivans Wohnung liegt an meinem Weg nach Hause, da lag es doch auf der Hand, dass ich ihr die Sachen vorbeibringen konnte. Und ausserdem studiert sie ja noch, wir müssen sie eh finanziell unterstützen...

Aber wie lange sollte ich Einkäufe für sie erledigen? Bis sie 25 war? Dreissig? Vierzig? Fünfzig? Und wie lange sollte eigentlich dieser Prozess der Abnabelung noch dauern, der mit dem Durchtrennen der Nabelschnur nach der Geburt erst seinen Anfang nimmt? Vielleicht können mir meine über Achtzigjährigen Eltern etwas dazu sagen...

Es ist falsch! Das wusste ich schon im ersten Augenblick. Dann legte ich die von ihr angeforderten Waren wieder zurück in die Regale und begab mich zur Kasse.

Bei ihrem nächsten Besuch erklärte ich Sivan, dass wir sie gerne unterstützen, wo immer wir können, dass aber Für-sich-selbst-Sorgen zum Unabhängigsein gehört. Sie schien etwas enttäuscht, dass der geniale Trick nicht geklappt hatte. Später stellte ich fest, dass sogar das angebrochene Paket Toilettenpapier noch da war, das ich ihr angeboten hatte und ich fragte sie auf WhatsApp weshalb. „Weil du recht hast“, schrieb sie. „Ich möchte das für mich selbst erledigen.“

Mittwoch, 19. Februar 2020

Strickpause

Als ich noch jung war, liebte ich es, zu stricken und ich entwickelte mich zu einer echten Strickexpertin. Ich strickte zu Hause vor dem Fernseher oder am Radio, ich strickte im Zug, ich strickte im Unterricht unter dem Pult, ich strickte jahrelang einfach immer, wohl Hunderte von Jacken und Pullovern, Mützen, Handschuhen und Socken. Wenn ich knapp bei Kasse war, löste ich alte Pullover auf und verwendete die Wolle ein zweites mal. Ich kann mich sogar noch an einen Abend erinnern, als ein junger Mann bei mir zuhause neben mir sass und mich wohl gerne küssen wollte. Er hatte keinen Erfolg – schliesslich musste ich unbedingt diese paar Reihen fertigstricken...

Eine seltsame Beschäftigung für eine junge Frau, würde man heute wohl denken. Aber das war ja auch in einem anderen Jahrhundert. Und einen Mann, für den ich die Strickarbeit zur Seite legte, habe ich dann doch noch gefunden.

Als ich nach Israel zog, machte das Stricken nicht mehr viel Sinn. Es war zu warm und es gab keine anständige Wolle. Ich besorgte mir eine Nähmaschine und begann zu nähen. Irgendwann lockten mich die Nadeln wieder und ich häkelte einige Bikinis. Meine Töchter waren begeistert davon – bis sie sich zum ersten mal damit ins Wasser wagten...

Als mich kürzlich eine Freundin darum bat, einen Mantel für sie zu stricken, war ich sofort Feuer und Flamme. Sie lieferte die Wolle und ich strickte bald in jeder freien Minute. Nicht mehr im Zug (heute fahre ich Auto) und auch nicht mehr im Unterricht. Auch nicht an der Arbeit – obwohl ich gestehen muss, dass mir der wahnwitzige Gedanken durch den Kopf gegangen ist. Nein, ich stricke hautpsächlich zu Hause auf dem Sofa, wann immer es die Zeit erlaubt. Meistens höre ich dabei über Kopfhörer Audio-Bücher von der Onleihe Bibliothek, während die Nadeln dahinfliegen. Nach "Liebe zukünftige Lieblingsfrau" von Michalis Pantelouris (etwas leichtere Kost) höre ich nun "Bronsteins Kinder" von Jurek Becker (faszinierend und etwas anspruchsvoller). Es ist das perfekte Abkapseln von Alltagssorgen, ärgerlichen Familienmitgliedern und deprimierenden Nachrichten.

Ich schaffte zweieinhalb Pulloverteile (in kürzester Zeit!) dann stieg meine Schulter aus und ich musste den Strickmarathon unterbrechen. Schon drei Tage ruht nun die Arbeit, weil ich meinen rechten Arm kaum noch bewegen kann. Nun sitze ich abends von Schmerzmitteln betäubt auf dem Sofa, geniesse weiterhin das Buch über die Kopfhörer, aber die Hände ruhen im Schoss. Nur manchmal, wenn ich auf die Wolle blicke, zucken die Finger.

Donnerstag, 6. Februar 2020

Im goldenen Käfig

Immer wenn ich denke, dass es nun wirklich an der Zeit wäre, aus dem goldenen Käfig auszubrechen und endlich den Traum von etwas mehr Sinn und Abwechslung in meinem (immer schneller dahinschmelzenden Rest-)Leben zu verwirklichen, werden von oben die goldenen Gitterstäbe wieder festgezurrt.

Ob wohl mein Arbeitgeber nicht nur Zugriff auf meine Computertätigkeit sondern auch auf meine Gedanken hat?

Anlässlich eines Gespräches erwähnt die Chefin, dass sie für mich eine Beförderung beantragt hat und diese bewilligt worden sei. An irgendwelche internen Karrieremöglichkeiten habe ich in den letzten Jahren vor lauter Ausbruchsgedanken gar nicht mehr gedacht. Aber bitte, warum eigentlich nicht?

Beim Mittagessen erfahre ich, dass das firmeninterne Sportangebot, welches vor zwei Jahren aus Kostengründen gestrichen worden ist, erneuert wird. Das Angebot an kostenlosen Kursen in zahlreichen Sportarten ist verführerisch. Ich schwanke noch zwischen Yoga und Funktionstraining.

Dann trifft ganz unerwartet eine Mail ein, in welcher ich aufgefordert werde, ein neues Handy (das neueste Modell, mit der fantastischen Doppelkamera!) vom Sekretariat abzuholen. Ich starre die überraschende Nachricht einige Sekunden ungläubig an, dann hole ich das funkelnagelneue Gerät sofort ab  und schiebe den Ausbruch aus dem goldenen Käfig wieder einmal für einige Wochen auf. Einige Tage mehr oder weniger, darauf kommt es nach zwanzig Jahren ja auch nicht mehr an. Und wenn ich mir das genau überlege geht es mir doch gar nicht so schlecht hier. Immerhin darf ich mich ziemlich frei bewegen. Die Verwirklichung meiner Träume wird eben weiterhin vor acht Uhr morgens und nach fünf Uhr abends stattfinden müssen.

Habe ich eigentlich die exzellente Kaffeemaschine in der Büroküche schon erwähnt?

Donnerstag, 30. Januar 2020

A whole new world

Ich bin wohl nicht die Einzige, die erst mal aufatmet, wenn erwachsene Kinder ausziehen.

Aus Sivans fast leergeräumtem und vor wenigen Tagen verlassenem Zimmer fällt ein Lichtstrahl. Jemand singt. Ich öffne leise die nur angelehnte Türe und überrasche Lianne im Zimmer ihrer älteren Schwester. Bis vor wenigen Tagen riskierte sie ihr Leben, wenn sie dieses ohne Erlaubnis betrat. Nun kann sie sich endlich nach Lust und Laune darin bewegen, hat schrankenlosen Zugang zu einer bis anhin verschlossenen Welt aus Bett, Kommode, Schrank und hinterlassenem Firlefanz. Sie breitet die Kleider ihrer älteren Schwester auf deren verwaistem Bett aus und probiert alles durch. Auch wenn es sich dabei nur um ausgetragene und unmodische Fetzen handeln kann (alles andere hat Sivan mitgenommen), strahlt Lianne, als befände sie sich mit unbeschränktem Kreditguthaben in einer Luxusboutique. Dann tanzt sie in den Kleidern ihrer Schwester um deren Bett und singt frohlockend den Abschluss-Song aus dem Disney Film Aladdin:

A whole new world
A new fantastic point of view
No one to tell us, "No"
Or where to go
Or say we're only dreaming
A whole new world
A dazzling place I never knew
But when I'm way up here
It's crystal clear
That now I'm in a whole new world with you

Unbelievable sights
Indescribable feeling
Soaring, tumbling, freewheeling
Through an endless diamond sky

A whole new world
A new fantastic point of view…

Dienstag, 28. Januar 2020

Vorbei

Der Winter lässt dieses Jahr nicht mit sich spassen, er meint es ernst mit uns. Wir wappnen uns gegen Flutregen, Hagel und Stürme und – für israelische Verhältnisse – frostige Kälte. Endlich hole ich meine wärmsten Pullover aus dem Schrank. All die Decken, Mäntel, Stiefel und Schirme, die monate- oder vielleicht jahrelang in einer vergessenen Ecke Staub angesammelt haben, sind plötzlich nicht nur knapp daseinsberechtigt, sondern heissbegehrt.
Unser Haus, wie die meisten in Israel, verfügt über keine ordentliche Heizung und ist schlecht isoliert. Eine erbarmungslose Kälte nimmt das Gebäude ab Ende Dezember in den eisigen Griff, sie kriecht in alle Mauern und Ritzen, steigt aus dem Boden und fällt von der Decke und lässt unsere Bettlaken erstarren, bis es im März wieder etwas wärmer wird. Mit Müh und Not versuchen wir, uns mit der Klimaanlage vor dem Erfrieren zu schützen, aber diese Wärme ist trügerisch.
Die niedrigste Temperatur, die unser einziges Innenthermometer (auf der Fernbedienung der Klimaanlage), erfassen kann, ist 17 Grad und genau diese Zahl zeigt es nun seit Wochen unverändert an.
Die Formel, mit der man die Temperatur in unserem Haus aber mehr oder weniger genau berechnen kann, so schätze ich, ist der Mittelwert zwischen der Minimal- und der Höchst-Aussentemperatur dieser Saison. Das ergibt so etwa um die 12 Grad. Im oberen Stockwerk, unter dem Dach, sind es eher noch einige Grad weniger.
Natürlich haben diese eisigen Temperaturen auch ihr Gutes. Man braucht zum Beispiel keinen Kühlschrank. Während ich im Sommer aufgrund des heissfeuchten tropischen Klimas sogar Mehl, Reis und Griess im Tiefkühlfach aufbewahre, kann ich jetzt auch leicht Verderbliches wie Milch, Joghurt und Butter einfach in der Küche stehen lassen.

Trotz Kälte und starkem Regen herrscht bei uns einige Tage hitzige Aufregung: Am vergangenen Donnerstag hat auch das letzte unserer drei Kinder die Schwelle zur Volljährigkeit offiziell überschritten. Sie feiert diesen bedeutenden Tag gebührlich mit einer Party, die sie zusammen mit Freundinnen organisiert. Mehr als hundert Gäste werden erwartet und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die Mädchen organisieren einen DJ, einen Fotografen, alkoholische Getränke (die sie jetzt legal konsumieren dürfen), Gästelisten und – im letzten Moment noch – ein Lokal, in welchem der Anlass stattfinden soll. Die ältere Schwester und eine Freundin werden als Türsteher eingespannt. Ich hingegen bin an diesem Tag gerade sehr beschäftigt und so ergibt es sich, dass ich Lianne an ihrem 18. Geburtstag gar nicht zu Gesicht bekomme. Ich trete aber auch ganz bewusst einen Schritt zurück und mische mich bei den Vorbereitungen nicht ein. Ich helfe nur, wo ich ausdrücklich um Hilfe gebeten werde (Auto, Kreditkarte...). Das ist wohl besser so, denn obwohl man von den offiziell Volljährigen etwas Verantwortungsgefühl erwarten würde, organisieren sie für meinen Geschmack alles sehr improvisiert. Zum Glück haben die 15 Flaschen Wodka und 60 Flaschen Bier, die nach dem Einkaufen im Flur vergessen worden sind, bei Partyanfang die perfekte Temperatur, obwohl sie keine Sekunde im Kühlschrank verbracht haben.
Als ich mich schlussendlich doch noch erkenntlich zeige und nach Partyende, morgens um eins Lianne anbiete, sie abzuholen, artet diese Aktion prompt in ein Fiasko aus, wir streiten – sie mit den Nerven am Ende und ich zu ungewohnter Stunde übermüdet – und fahren nach Hause, während im Auto eisiges Schweigen herrscht.

Ein trauriger Freitag bricht an. Der Regen prasselt unaufhörlich auf unser Vordach. Es soll der kälteste Tag dieses Jahres werden, im Hermongebirge im Norden türmt sich der Schnee.
Unsere älteste Tochter Sivan zügelt heute ins Nachbardorf, wo sie für einige Monate das Studio von Freunden untermietet. Diese Zeit will sie auch nutzen, um eine Wohnung für sich selbst zu suchen und möglichst nicht mehr nach Hause zurückzukehren. Sie hat die Nase voll davon, jeden Morgen im Bad auf ihre älter werdenden Eltern zu treffen. Ich finde das berechtigt und absolut in Ordnung. Sie packt einige Taschen und Koffer, räumt ihr Zimmer auf und ist weg.

Nach diesem stürmischen Wochenende geniesse ich am Samstagabend bei einem heissen Tee die Ruhe im Haus. Doch, gestehe ich mir ein, auch ich habe diese Ruhe in letzter Zeit immer sehnsüchtiger erwartet. Endlich keine verwüstet zurückgelassene Dusche mehr. Keine von vorne ausgedruckte Zahnpastatuben. Weniger Wäsche. Wieder etwas mehr Zeit für mich selbst. Ich freue mich, dass meine Kinder selbständige, lebensfreudige junge Menschen geworden sind, die neugierig ihre Wege gehen und ich freue mich auf etwas ruhigere und vielleicht einfachere Tage für mich. Und doch bedeuten diese schwerwiegenden Schritte auch, dass ich wieder etwas älter geworden bin. Dass ein weiterer Teil meines Lebens unwiederbringlich hinter mir liegt. Wieder ist ein Abschnitt – einer der Bedeutendsten vielleicht – abgeschlossen.

Zum Geburtstag bastle ich für Lianne einen Traumfänger

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Achtzehn

Als ich mich heute nach dem Morgensport und der Dusche in der Firma anziehe, fische ich mit Schrecken eine Jeans meiner Tochter aus der am Vorabend gepackten Sporttasche. Keine Ahnung, wie das Stück in meinen Schrank gelangt ist, aber nun bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als es anzuziehen. Die Jeans passt mir zwar in der Grösse, aber – auf dem rechten Knie prangt ein grosses ausgefranstes Loch! Nun ist eine helle Jeans an sich schon nicht mit dem Büro-Knigge vereinbar, aber eine Löcherjeans ist ein absolutes No Go! Ich ziehe die Jeans ungläubig an. Zum Glück habe ich in meiner Handtasche einen Notfallfaden und Nadel. Damit werde ich später das Loch aufs Ärgste zusammenschnürpfen. 

Dann wird im Radio, als ich vom Gebäude, in welcher sich die Dusche befindet, zum Hauptparkplatz fahre, das Lied „Just the two of us“ von Grover Washington Jr. abgespielt. Das passt zur Jeans! Heute will mich mein Schicksal jung halten. Ich drehe sofort die Lautstärke auf und fange im Sitzen an zu tanzen. Ich liebe diesen Song und er wird für immer Erinnerungen an geschwänzte Französisch-Stunden während meiner Gymi-Zeit hervorrufen. Unser Fussweg vom Bahnhof zum Gymnasium führte in Basel am Atlantis vorbei und die Versuchung, dort am Morgen bei einem Kaffee noch etwas zu verweilen und mit dem Kellner zu schäkern, anstatt beim Franz-Unterricht mit dem Schlaf zu kämpfen, war oft zu gross. Das Lokal stank am Morgen zwar nach abgestandenem Rauch, aber das war uns egal: Kaffee, ein Gipfeli, eine Münze in die Jukebox und immer dasselbe Lied: Just the two of us, we can make it if we try.... Der Französischlehrer konnte uns erst mal für eine Weile gestohlen bleiben.

Ich habe den Parkplatz schon lange erreicht, bleibe aber sitzen und geniesse die Musik. Ich lasse mein blankes Knie frech aus der Löcherjeans blitzen, schliesse die Augen und bin für einige Minuten wieder achtzehn Jahre alt.

Dann stehe ich auf, ziehe die Jeans über dem Knie notdürftigst zusammen, schüttle die jugendliche Aura ab und schreite mit ernster Miene auf das Bürogebäude zu, um dort den heutigen Tag in Angriff zu nehmen.


Donnerstag, 5. Dezember 2019

Karambolage und Karambola

Wer sich mit jungen Menschen umgibt, rostet nicht. Man bleibt gezwungenerweise spontan. Meine drei Lieblinge sind schon fast flügge, aber ich schätze es, meine geistige Mobilität weiterhin auf Trab zu halten – obwohl die oft ins Absurde gipfelnden Spontansituationen manchmal recht viel von mir abverlangen.

Seinen misslungenen Anfang nimmt dieser Tag eigentlich schon mitten in der Nacht. Es regnet!, ruft Eyal und ich schrecke aus dem Tiefschlaf. Tatsächlich, starker Regen prasselt auf das Vordach, und da es dieses Jahr noch kaum geregnet hat, ist das wohl ein plausibler Grund, mich zu wecken.
Die Wäsche! Die Sorge um die Wäsche lässt mich in einer knappen Sekunde zum Balkon rasen. Nun stehe ich nachts um zwei im Pyjama im Regen und versuche, die Hosen und T-Shirts zu retten. Aber jeder Rettungsversuch kommt zu spät. Alles ist nass. Ich resigniere und krieche schnell wieder unter die warme Decke, bin nun aber hellwach und kann nicht mehr einschlafen. Meine Gedanken fahren Achterbahn und sind nicht zu bremsen. Erst als ich nach mehr als einer Stunde einige Seiten lese, nicke ich endlich wieder ein.

Nach dieser verpfuschten Nacht belohne ich mich am Morgen mit einem gemütlichen Frühstück. Zum Glück habe ich schon gestern geplant, diesen Morgen zuhause zu verbringen, mich um den vernachlässigten Haushalt zu kümmern und erst am Mittag ins Büro zu fahren.

Eyal hilft mir noch schnell, den voll behängten Wäscheständer ins trockene Haus zu tragen, dann muss er auf den Bus, um den Zug zu erreichen. Gerade jetzt klingelt im unteren Stock mein Handy. Seltsam... So früh am morgen ruft mich kaum jemand an, vor allem, wenn (fast) alle Familienmitglieder zu Hause sind. Nur Lianne, die erst vor wenigen Monaten die Fahrprüfung bestanden hat, ist mit dem Auto unterwegs zur Schule. Natürlich schiessen mir sofort Schreckgedanken durch den Kopf, aber das Handy liegt nun einmal unten und ich balanciere im oberen Stock gerade einen triefenden Wäscheständer von Zimmer zu Zimmer und somit bleibt der Anruf unbeantwortet. Kurz darauf klingelt Eyals Handy. Er steht schon in der Türe. Ich horche auf. Wer ist am Apparat? Wie befürchtet – es ist Lianne. Jemand hat sie auf der Strasse angefahren. Sie klingt aufgeregt, ist aber unversehrt, ebenso die Kolleginnen. Das Auto? Ja, es hat eine ordentliche Beule, aber es fährt. Sie muss jetzt schnellstens weiter, meint sie, sonst kommt sie zu spät zur Schule. Nein! ruft Eyal unmissverständlich ins Telefon, du kannst nicht mit einem eben angefahrenen Auto einfach weiterfahren!

Ich befürchte, dass mein gemütliches Frühstück nun abrupt zu Ende sein könnte und trinke eiligst noch einen kräftigen Schluck Kaffee. Dann fahren Eyal und ich los, um Lianne zu treffen und den Schaden zu begutachten. Die Beule ist beträchtlich, die Stossstange verbeult, der Scheinwerfer zerbrochen, die Motorhaube eingestaucht, irgendetwas scheppert. Aber es fährt!, insistiert Lianne und versteht absolut nicht, warum sie nicht zur Schule fahren kann. Erst als eines der drei Mädchen die Erlaubnis der Eltern erhält, mit ihrem Auto zu fahren, lässt sie von uns ab. Eyal, der unterdessen den Bus verpasst hat, disponiert seine Besprechungen für diesen Morgen um und fährt den Wagen in die Garage.

Zu Hause lese ich meine Mails durch, dann mache ich mich ans Kochen. Im Moment ist zwar nur noch Sivan da, aber bestimmt werden am Nachmittag, wenn ich im Büro bin, alle wieder hungrig zu Hause eintreffen. Ausserdem sollte ich die Dusche putzen, das ist für mich immer ein guter Grund zum viel kreativeren Kochen. Als zwei Stunden später drei Töpfe mit heissen Gerichten auf dem Herd stehen, taucht Sivan auf, die heute ihren studienfreien Tag hat. Sie schnuppert etwas in der Küche herum, meldet sich dann aber ab – sie geht mit Freundinnen ausgiebig frühstücken. Ein Esskandidat weniger!

Zum Putzen ist es nun schon etwas spät, also wische ich im Badezimmer nur den ärgsten Dreck weg. Das kombiniere ich gleich mit einer Dusche, denn es geht auf Mittag zu und ich sollte bald im Büro sein. Als ich gedankenverloren das Haar shamponiere, klingelt im Schlafzimmer erneut mein Handy. Nicht schon wieder! Bitte keine weiteren Katastrophen mehr! Doch ich habe mein Haar noch nicht fertig gewaschen, als es abermals klingelt. Besorgt begebe ich mich – ohne mich abzutrocknen – ins Schlafzimmer und hinterlasse dabei ein kleines Rinnsal. Lianne ist am Telefon. Unerwarteterweise ist sie unten an der Türe und hat keinen Schlüssel, weil sie diesen mit dem Wagen Eyal überlassen hat. Ich schreie ins Telefon, dass ich unmöglich nackt und mit Shampoo auf dem Kopf die Türe öffnen kann. Dann hänge ich auf und dusche weiter. Beim Einseifen singe ich, um das wiederholte und sehr energische Pochen im unteren Stock nicht zu hören. Nun, ich werde diese Dusche wohl kurz halten müssen. Während das Pochen an der Türe lauter wird, spüle ich im Eilverfahren Seife und Shampoo ab, wickle mich schnell in ein Frottiertuch ein und produziere ein weiteres Bächlein über die Treppe und durch das ganze Haus nach unten. Kurz bevor sie zu bersten droht, öffne ich die Türe und Lianne stürmt verärgert herein. Sie schreit mich an, dass ihre Freundinnen warten und dass es eine Frechheit sei, sie so lange draussen stehen zu lassen. Ja, sie sind von der Schule getürmt, denn dort gab es heute nur langweilige Vorträge. Na wunderbar – dieser Tag wäre uns einiges billiger gekommen, hätte sie das am Morgen um acht schon gewusst! Sie eilt in ihr Zimmer, kramt ihre Geldbörse hervor und stürmt an mir vorbei. Tschüss, ruft sie, wir gehen Pizza essen! In der Küche steckt sie noch schnell ihre Nase in einen der Töpfe und scheint eine Sekunde lang zu zögern. Dann rauscht sie davon.

Da stehe ich begossener Pudel nun, verärgert über die Wasserpfützen und frustriert, weil ich vergebens gekocht habe. Ja, so ist das bei uns: entweder ist der Kühlschrank leer und alle pilgern hungrig um den kalten Herd, kaum dass ich aus dem Büro komme oder ich koche mit Hingabe und alle sind aus irgendeinem Grund schon satt. Es geht einfach nie auf.

Ich reibe mich und die Dusche trocken. Während ich mich anziehe, ertönt aus der Küche Mädchengelächter und das Scheppern von Geschirr...


Jemand offeriert in der Büroküche frische Karambola aus eigenem Anbau