Vorbei

Der Winter lässt dieses Jahr nicht mit sich spassen, er meint es ernst mit uns. Wir wappnen uns gegen Flutregen, Hagel und Stürme und – für israelische Verhältnisse – frostige Kälte. Endlich hole ich meine wärmsten Pullover aus dem Schrank. All die Decken, Mäntel, Stiefel und Schirme, die monate- oder vielleicht jahrelang in einer vergessenen Ecke Staub angesammelt haben, sind plötzlich nicht nur knapp daseinsberechtigt, sondern heissbegehrt.
Unser Haus, wie die meisten in Israel, verfügt über keine ordentliche Heizung und ist schlecht isoliert. Eine erbarmungslose Kälte nimmt das Gebäude ab Ende Dezember in den eisigen Griff, sie kriecht in alle Mauern und Ritzen, steigt aus dem Boden und fällt von der Decke und lässt unsere Bettlaken erstarren, bis es im März wieder etwas wärmer wird. Mit Müh und Not versuchen wir, uns mit der Klimaanlage vor dem Erfrieren zu schützen, aber diese Wärme ist trügerisch.
Die niedrigste Temperatur, die unser einziges Innenthermometer (auf der Fernbedienung der Klimaanlage), erfassen kann, ist 17 Grad und genau diese Zahl zeigt es nun seit Wochen unverändert an.
Die Formel, mit der man die Temperatur in unserem Haus aber mehr oder weniger genau berechnen kann, so schätze ich, ist der Mittelwert zwischen der Minimal- und der Höchst-Aussentemperatur dieser Saison. Das ergibt so etwa um die 12 Grad. Im oberen Stockwerk, unter dem Dach, sind es eher noch einige Grad weniger.
Natürlich haben diese eisigen Temperaturen auch ihr Gutes. Man braucht zum Beispiel keinen Kühlschrank. Während ich im Sommer aufgrund des heissfeuchten tropischen Klimas sogar Mehl, Reis und Griess im Tiefkühlfach aufbewahre, kann ich jetzt auch leicht Verderbliches wie Milch, Joghurt und Butter einfach in der Küche stehen lassen.

Trotz Kälte und starkem Regen herrscht bei uns einige Tage hitzige Aufregung: Am vergangenen Donnerstag hat auch das letzte unserer drei Kinder die Schwelle zur Volljährigkeit offiziell überschritten. Sie feiert diesen bedeutenden Tag gebührlich mit einer Party, die sie zusammen mit Freundinnen organisiert. Mehr als hundert Gäste werden erwartet und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die Mädchen organisieren einen DJ, einen Fotografen, alkoholische Getränke (die sie jetzt legal konsumieren dürfen), Gästelisten und – im letzten Moment noch – ein Lokal, in welchem der Anlass stattfinden soll. Die ältere Schwester und eine Freundin werden als Türsteher eingespannt. Ich hingegen bin an diesem Tag gerade sehr beschäftigt und so ergibt es sich, dass ich Lianne an ihrem 18. Geburtstag gar nicht zu Gesicht bekomme. Ich trete aber auch ganz bewusst einen Schritt zurück und mische mich bei den Vorbereitungen nicht ein. Ich helfe nur, wo ich ausdrücklich um Hilfe gebeten werde (Auto, Kreditkarte...). Das ist wohl besser so, denn obwohl man von den offiziell Volljährigen etwas Verantwortungsgefühl erwarten würde, organisieren sie für meinen Geschmack alles sehr improvisiert. Zum Glück haben die 15 Flaschen Wodka und 60 Flaschen Bier, die nach dem Einkaufen im Flur vergessen worden sind, bei Partyanfang die perfekte Temperatur, obwohl sie keine Sekunde im Kühlschrank verbracht haben.
Als ich mich schlussendlich doch noch erkenntlich zeige und nach Partyende, morgens um eins Lianne anbiete, sie abzuholen, artet diese Aktion prompt in ein Fiasko aus, wir streiten – sie mit den Nerven am Ende und ich zu ungewohnter Stunde übermüdet – und fahren nach Hause, während im Auto eisiges Schweigen herrscht.

Ein trauriger Freitag bricht an. Der Regen prasselt unaufhörlich auf unser Vordach. Es soll der kälteste Tag dieses Jahres werden, im Hermongebirge im Norden türmt sich der Schnee.
Unsere älteste Tochter Sivan zügelt heute ins Nachbardorf, wo sie für einige Monate das Studio von Freunden untermietet. Diese Zeit will sie auch nutzen, um eine Wohnung für sich selbst zu suchen und möglichst nicht mehr nach Hause zurückzukehren. Sie hat die Nase voll davon, jeden Morgen im Bad auf ihre älter werdenden Eltern zu treffen. Ich finde das berechtigt und absolut in Ordnung. Sie packt einige Taschen und Koffer, räumt ihr Zimmer auf und ist weg.

Nach diesem stürmischen Wochenende geniesse ich am Samstagabend bei einem heissen Tee die Ruhe im Haus. Doch, gestehe ich mir ein, auch ich habe diese Ruhe in letzter Zeit immer sehnsüchtiger erwartet. Endlich keine verwüstet zurückgelassene Dusche mehr. Keine von vorne ausgedruckte Zahnpastatuben. Weniger Wäsche. Wieder etwas mehr Zeit für mich selbst. Ich freue mich, dass meine Kinder selbständige, lebensfreudige junge Menschen geworden sind, die neugierig ihre Wege gehen und ich freue mich auf etwas ruhigere und vielleicht einfachere Tage für mich. Und doch bedeuten diese schwerwiegenden Schritte auch, dass ich wieder etwas älter geworden bin. Dass ein weiterer Teil meines Lebens unwiederbringlich hinter mir liegt. Wieder ist ein Abschnitt – einer der Bedeutendsten vielleicht – abgeschlossen.

Zum Geburtstag bastle ich für Lianne einen Traumfänger

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