Samstag, 26. Mai 2018

Achtsamkeit

Ich gebe zu, ich bin ein ziemlicher Freak meines Smartphones. Ich liebe die Möglichkeiten, die es mir bietet. Mein Tag beginnt mit einem Blick in die Wetter-App, damit ich weiss, was ich anziehen soll. Im Morgenstau lese ich mein aktuelles Buch auf der Kindle-App (bitte nicht der Verkehrspolizei verraten). Während im Büro der Computer hochfährt, lebe ich auf Instagram mein Fotografier-Hobby aus. Nachmittags und abends eile ich von Termin zu Termin, an welche mich meine Kalender-App geflissentlichst erinnert und am Abend lasse ich den Tag auf dem Sofa beim Lesen deutschsprachiger Medien meiner Wahl über Facebook ausklingen. Beim Joggen gibt mir die Running-App gewissenhaft Bescheid, wieviele Kilometer ich schon gelaufen bin und die dazu gehörende Navigations-App sorgt dafür, dass ich beim Geländelaufen nicht verloren gehe. Weil ich oft alleine laufe, verfüge ich ausserdem über die Notfall-App des Magen David Adom, des israelischen Notfallrettungsdienstes. Im Falle eines Herzinfarktes, Schlangenbisses oder gar Überfalls muss ich nur noch mit letzten Kräften den Notfallknopf drücken und schon sendet die App meinen Hilferuf, zusammen mit meinen GPS-Koordinaten und meinen gesamten medizinischen Daten an die nächstliegende Notfallstation. Selbstverständlich hat das Smartphone eine fantastische Kamera, die immer dabei ist und mit welcher ich die schönen Momente in meinem Leben einfangen und mit der Instagram-Community teilen kann.

Das sind nur einige der Vorteile, die mir mein Smartphone bietet und natürlich darf ich auch WhatsApp nicht unerwähnt lassen: Mit einem Sohn im Militär und einer Tochter, die in Asien herumtrampt, bin ich mit dieser App immer bestens über die aktuellen Geschehnisse vom Gaza-Streifen bis nach Kambodscha informiert. Dass die Nachrichten von der Kriegsfront und aus Asien aufgrund ihrer Dringlichkeit oder wegen der Zeitverschiebung vor allem nachts eintreffen, finde ich nicht weiter schlimm. Ich habe mich schnell daran gewöhnt, nur noch mit Unterbrüchen zu schlafen. Das hat auch den Vorteil, dass ich meine Sechzehnjährige über WhatsApp rund um die Uhr unter strengster Kontrolle habe.

All diese Vorteile weiss ich sehr zu schätzen, aber natürlich bin ich nicht süchtig und im Gegensatz zu der jüngeren Generation ist mir immer klar, wo die Grenze zwischen virtueller und realer Welt verläuft. Ausserdem lasse ich das geliebte Stück auch ab und zu absichtlich in der Schublade, zum Beispiel wenn ich in der Kantine essen gehe und neuerlich im Kino schaffte ich es, zwei Stunden nicht auf das Display zu schauen – bis auf ein kurzes Update während der Pause. Manchmal nehme ich mir auch fest vor, wieder einmal einfach ein Buch zu lesen und ab und zu schaffe ich das sogar für etwa zwei bis drei Seiten. Dann zappe ich wieder im Facebook herum.

Ich habe keine Ahnung, wie ich mein Leben vor dem Zeitalter des Smartphones über die Runden gebracht habe – aber diese Woche bekam ich Gelegenheit, mich daran zu erinnern. Das geliebte Gerät fiel nämlich zu Boden und gab den Geist auf. Kein Kratzer, Splitter oder Bruch wiesen auf einen Schaden hin und wie ich den Piepstönen entnehmen konnte, gingen weiterhin sehr wichtige Nachrichten ein – aber der Bildschirm blieb schwarz.

Natürlich war ich zuerst aufgebracht und sogar etwas schockiert: Wie lange würde es dauern, das Gerät zu reparieren? Und würde dies überhaupt ...? – diesen Gedanken wage ich gar nicht zu Ende zu denken. Nachdem ich mich vom ersten Schock erholt hatte, beschloss ich aber, aus der Not eine Tugend zu machen und die gerätelose Zeit jetzt einfach so bewusst wie möglich zu erleben. Das nennt man Achtsamkeit. Es soll heutzutage sogar Kurse, Übungen und Meditations-Wochenende geben, um achtsames Leben zu lernen. Ich bekomme meinen Kurs nun gratis und franko.

Die Kinder, wo auch immer sie sind, können mir jetzt einfach einmal gestohlen bleiben. Irgendwann muss man sich ja mal abnabeln. Beim Laufen habe ich keine Ahnung, welche Distanz ich zurückgelegt habe und wo ich gerade bin und finde es fantastisch, einfach weiter zu laufen und verloren zu gehen. Ohne die Nachrichten, die ich sonst über Facebook verfolge, bessert sich meine Laune innert Stunden. Der Kalender? Ach was, ein paar Arzttermine weniger können nur von Vorteil sein. Auch das sechzehnjährige Töchterchen weiss die Tage ohne Kontrolle zu nutzen und sie lässt sich ohne mein Wissen einige zusätzliche Piercings verpassen. Das gibt mir Anlass zu denken, ob wir unsere Beziehung vielleicht auch sonst über die üblichen WhatsApp-Nachrichten hinaus erweitern sollten.

Abends sitze ich auf dem Sofa und – lese. Seitenweise und ohne abgelenkt zu werden. Dass dabei ab und zu die Finger zucken, wird sich mit der Zeit wohl geben.

Samstag, 19. Mai 2018

Drum prüfe, wer sich ewig bindet...

Die genauen Zahlen sind mir nicht bekannt, aber ich schätze, dass von 350 Mitarbeitern, die bis vor Kurzem an meinem Arbeitsplatz angestellt waren, etwa 150 im vergangenen Quartal wegrationiert worden sind. Nun stehen zahlreiche Büros leer. Im Zuge der Umstrukturierung sollen demnächst etwa 100 Mitarbeiter von einem anderen Sitz hierher verlegt werden. Darüber bin ich nicht sonderlich erfreut, denn ich habe eine gravierende Merkschwäche für Gesichter und Namen. Dass die vereinzelten Personen, die ich mir mit Mühe habe merken können, jetzt mit unzähligen neuen Gesichtern durchgemischt und aufgefrischt werden sollen, ist für mich verheerend.
In Vorbereitung für die „neuen“ Mitarbeiter und um das Durcheinander komplett zu machen, wird unsere Sitzordnung in den Büros neu organisiert und diese Woche findet der grosse Umzug statt.
Vor einigen Tagen musste auch ich umziehen. Die mysteriöse höhere Macht, die über die Büro-Zuteilung entscheidet, teilte mir ein Zweier-Zimmer mit einem mir unbekannten (wie könnte es anders sein) Mann von einer anderen Abteilung zu.

Im israelischen Fernsehen gibt es eine Reality-Show, in welcher ledige Frauen und Männer verheiratet werden, ohne sich vorher zu kennen, nachdem sie von einem Expertenteam für passend befunden worden sind. Im Ernst. Das ist unglaublich und absurd, aber genau so fühlt sich auch meine neue Büro-Partnerschaft an. Während ich meinen Mann jahrelang prüfte, bevor wir heirateten, obwohl ich mit ihm schlussendlich nur wenige Wochenstunden mehr verbringe als mit meinem Büropartner (und die meisten davon im Schlaf), werde ich nun den Grossteil meiner Zeit mit einem Unbekannten teilen, den ich noch nie gesehen habe. Ich bin aufgeregt. Werden wir harmonieren? Für alle Fälle lege ich als erste Massnahme die Fernbedienung der Klimaanlage demonstrativ auf MEINEN Tisch.

Als der junge Mann sich bei mir vorstellt, macht er – das kann ich nicht bestreiten – einen formidablen Eindruck: jung, nett, gutaussehend, gute Manieren, gebildet, mit schönem französischem Namen und charmantem französischem Akzent. Besser hätte ich selbst nicht wählen können.

Und doch wird mir nach wenigen Stunden im gemeinsamen Büro klar, dass aus dieser Partnerschaft nichts werden kann – denn F. ist ein Zappelphilipp. Wer mich kennt, weiss, dass zappelnde Glieder für mich ein absolutes Tabu sind. Zappelnde Beine, Füsse oder Arme bringen mein inneres Gleichgewicht aus der Ruhe, deshalb meide ich die angenehmste Person, wenn sie die Glieder nicht stillhalten kann. Zappeln bringt mich an den Rand des Wahnsinns.

Genau genommen sehe ich den charmanten Zappler in meinem Büro gar nicht, wenn ich den Blick auf meinen Bildschirm richte, denn er sitzt im 90-Grad-Winkel zu meiner Linken und er verschwindet, bis auf die untersten 30 Zentimeter, hinter Bildschirm und Tisch.
Das sind eigentlich ideale Bedingungen – wäre da nicht der zappelnde Fuss, den ich in meinem linken Augenwinkel ungewollt wahrnehme. So sehr ich auch versuche, mich nur auf meinen Bildschirm zu konzentrieren und alles darum herumliegende auszuschalten, zieht der zappelnde Fuss meine Aufmerksamkeit magisch an. Sobald der Fuss zu zappeln beginnt, ist es mit meiner Konzentration augenblicklich dahin und ich verliere den roten Faden inmitten der kompliziertesten Aufgabe oder einer wichtigen Telefonbesprechung.

Der Zappelfuss, soviel weiss ich nach einem ersten gemeinsamen Bürotag, zappelt während etwa 50% meiner Arbeitszeit. Wenn es mit dem Zappeln ganz schlimm wird, steht der Zappelphilipp auf, dreht einige Runden im Korridor und setzt sich dann beruhigt wieder hin. Bis... – bis er wieder zu zappeln anfängt. Jetzt vermisse ich schon fast meine frühere Bürokollegin, obwohl mich ihr lautes Schlucken beim Kaffeetrinken immer ärgerte. Als ich am Abend das Büro verlasse, bin ich selbst schon ganz hibbelig und mache mir ernsthafte Sorgen um meine zukünftige Leistungsfähigkeit. Sollte ich mit meinem Vorgesetzten darüber sprechen? Wobei – wenn die Firma die Kündigung von mehr als einem Drittel Mitarbeiter ohne weiteres verkraftet, wird wahrscheinlich die zu erwartende Leistungseinbusse meiner Wenigkeit niemanden aus der Fassung bringen. Ich werde mich mit dem Zappelphilipp abfinden müssen. In Beziehungen muss man Kompromisse eingehen. Aber die Klimaanlage bleibt auf jeden Fall unter meiner Kontrolle.

Sonntag, 13. Mai 2018

Wir haben gewonnen!


Manchmal erwacht man morgens zu einem Fast-Krieg mit Iran und manchmal erwacht man morgens zu einem Sieg Israels im Eurovision-Songcontest. Nun, eigentlich wusste ich nicht erst am Morgen, dass „wir“ gewonnen haben, denn meine Tochter schaute sich den Contest an und nachts um zwei ging in der Stube das Siegesgebrüll los. Ich konnte mich also schon ab diesem triumphalen Moment bis am Morgen im Siegesruhm sonnen.

Wahrscheinlich scheren sich die meisten Europäer einen Deut um den Songcontest und das ist angesichts des immer mehr zu einer grotesken Show verkommenden „Schlagerfestivals“ verständlich. Aber die lebensfreudigen Israelis, die Musik und Feiern lieben, fiebern bei diesem Wettbewerb jedes Jahr mit und der gestrige Sieg der israelischen Repräsentantin versetzt das ganze Land in Ekstase. In Tel-Aviv, der Stadt die niemals schläft, tanzten die Leute um drei Uhr morgens in den Strassen. Dabei hielten sie wohl nicht nur Lebensfreude und Stolz über den Sieg vom Schlafen ab, sondern auch das grosse Sehnen nach Normalität, nach guten Nachrichten und nicht zuletzt nach ein wenig Anerkennung durch die Länder Europas.

Nachdem am vergangenen Wochenende der Giro d’Italia für drei Etappen bei uns zu Besuch war und nun mit der Aussicht auf eine Eurovision 2019 in Israel haben wir  in dieser staubigen und vermaledeiten Ecke des Mittelmeeres  das berauschende Gefühl, dass es doch noch möglich sein könnte, Europa ein bisschen näher zu rücken. Und wir sind euphorisch darüber, dass Europa endlich einmal zu anerkennen scheint, dass Israel soviel mehr ist als Krieg und Krisen, auch wenn es sich nur um ein äusserst schrulliges Lied handelt.

Der Sieg Netta’s, der israelischen Sängerin, erstaunt. Das Lied ist zwar ein Reisser, aber ausserordentlich bizarr. Die Sängerin selbst, ist  man entschuldige meine fehlende politische Korrektheit  dick (das sagt sie über sich selbst) und auch ziemlich hässlich. Dass sie trotz diesen Kriterien die Aufnahme in das begehrte Musik-Ensemble der IDF, das Erfolgssprungbrett der israelischen Musikszene, schaffte und nun in der Musik- und Show-Branche erste Erfolge verbuchen kann, ist nebst ihrem Talent bestimmt ihrem selbstbewussten Auftreten zu verdanken. Netta ist exzentrisch, spleenig und verschroben und sie hat Mut und Selbstvertrauen, in einer Welt, in der Äusserlichkeiten ja fast alles sind.

Auch ich finde Netta beeindruckend, aber viel mehr als das Siegerlied der gestrigen Eurovision gefällt mir ihre erstaunlich andere Auslegung des Liedes „A-Ba-Ni-Bi“. „A-Ba-Ni-Bi“ war das israelische Eurovision-Siegerlied im Jahr 1978 und Netta interpretiert den rhythmischen Schlager als Ballade, die unter die Haut geht.


Donnerstag, 10. Mai 2018

Duschen unter Lebensgefahr


Wie man den Medien entnehmen kann, ist in den nächsten Tagen ein Krieg mit dem Iran zu erwarten. Wie man den Medien auch entnehmen kann, hat niemand auch nur die geringste Ahnung, wie sich dieser Krieg entwickeln wird. Je nachdem, welche Zeitung man liesst, ist jedes Szenario möglich, von einer mickrigen Nacht- und Nebelaktion bis hin zu einem apokalyptischen Nuklearkrieg. Das beunruhigt mich natürlich sehr und ich versuche, möglichst nicht daran zu denken, denn sonst zerplatzt mir der Kopf.

Als der amerikanische Präsident Trump bekanntgab, dass sich die Vereinigten Staaten aus dem Atomabkommen mit dem Iran zurückziehen werden, ging ich mit dem höchst beunruhigenden Gefühl schlafen, dass wir den Morgen vielleicht nicht mehr erleben werden.

Der Morgen kam dann doch, der Wecker klingelte wie immer und als ich zum Lauftraining fahre, ist alles beim Alten: Stau in den Strassen, der Himmel leicht bewölkt. Sieht so der Anfang einer Apokalypse aus?

Ausgerechnet beim Duschen geht der Alarm los. Aufgrund des starken Wasserstrahls kann ich es nicht genau hören, aber das klare, laute Pfeifen lässt sich trotz Wasser in den Ohren nicht ignorieren. Was nun? Ich stelle das Wasser ab.

Es ist das Pfeifen des Gabelstaplers, der im Rückwärtsgang auf dem Firmenareal herumfährt. Glück gehabt, denke ich, dieses mal kann ich doch noch zu Ende duschen.

Samstag, 28. April 2018

Der Lieferservice

Vor einigen Tagen habe ich mich von einem Spezialangebot verlocken lassen und per Internet ein Paar neue Laufschuhe bestellt. Die Schuhe werden mir bequem nach Hause geliefert, der Fahrer des kleinen Lieferwagens übergibt sie mir an der Haustüre. Leider passt die Grösse nicht genau, das lässt sich, nachdem ich einige Proberunden im lockeren Dauerlauf um unser Sofa gedreht habe, nicht leugnen. Aber Umtauschen ist kein Problem: Ich muss nur auf der entsprechenden Webseite „Grösse umtauschen“ anklicken und schon ist der Schuh-Lieferant erneut zu mir unterwegs, um die Schuhe abzuholen und gegen ein hoffentlich passendes Paar umzutauschen. Ich staune. Wir sind wahrlich in der Zukunft angelangt.

Ebenfalls ins Staunen versetzt mich die überraschende Lieferung von drei Zitronen, die heute morgen in meinem Garten liegen, obwohl mein Zitronenbaum keine Früchte trägt und ausserdem in der gegenüberliegenden Ecke des Gartens steht. Die Zitronen liegen unter der Gartenschaukel und kommen mir wie gewünscht. Sie schmecken im Gurken-Tomaten-Salat mit etwas Olivenöl und an der Avocado fantastisch. Es geht nichts über frische Zitronen, direkt ab Baum. Vielen Dank, lieber Nachbar!

Einem ähnlichen Prinzip, aber über etwas weitere Distanzen und bei weitem weniger erfreulich, habe ich wohl die Schicht Sahara-Sand zu verdanken, die sich nach dem letzten Regen auf unserem Wäschebalkon niedersetzte. Ja gut, die Zitronen habe ich auch nicht bestellt – aber Sahara-Sand?! Beim Wischen denke ich darüber nach, welche Webseite ich wohl aufsuchen könnte, um den Sand zu retournieren und dafür Zitronen geliefert zu bekommen. Doch, ich hätte noch Verbesserungsvorschläge für die Zukunft.

Mittwoch, 18. April 2018

Laufen oder davonlaufen?



Nach meiner Laufflaute im Winter wegen Grippe, Hüftschmerzen, stürmischem Wetter, schlechter Laune und anderen mehr oder weniger plausiblen Gründen, trainiere ich jetzt ganz bewusst wieder intensiver. Ich habe mir vorgenommen, viermal in der Woche zu laufen und dabei die wöchentliche Gesamtkilometerzahl immer mehr zu erhöhen. In den letzten zwei Wochen, bei perfektem Wetter, habe ich das ganz gut durchgezogen und ich merke schon, wie sich meine Ausdauer verbessert und das Laufen leichter fällt. Heute laufe ich zwölf Kilometer und während dem Laufen denke ich unvermittelt, dass Laufen mit Flüchten assoziiert wird. Flüchte ich? Wovor laufe ich eigentlich davon?

Ich bin kein ehrgeiziger Mensch und ich habe kein Ziel. An Wettkämpfen nehme ich schon lange nicht mehr teil. Was motiviert mich, viermal in der Woche in den frühen Morgenstunden aus dem Bett zu hüpfen und noch vor dem Frühstück sinnlos durch die Gegend zu rennen? Beim Laufen fühle ich mich stark und vital, aber die körperlichen Einschränkungen werden mit dem Alter nicht weniger. Ab Kilometer Sieben schmerzen die Hüften, bei Kilometer Zehn kommen die Knie dazu. Warum also?

Irgendein Slogan sagt „because I can“. Weil ich es kann. Heute schliesse ich beim Laufen auf einer ausgedehnten Strecke die Augen, orientiere mich nur nach der Helligkeit der Sonne, die mir frühmorgens schon durch die geschlossenen Lider brennt. Ich konzentriere mich auf mein Atmen und den Rhythmus meiner Schritte. Salzige Meerluft in der Nase, das leise Rauschen der Wellen in den Ohren.

Laufen hat für mich etwas meditatives. Aber warum braucht ein Mensch viermal in der Woche Meditation, könnte man berechtigt fragen. Noch dazu eine Meditation, die man sich ziemlich schwer abringt. Ich könnte ja auch im Lotussitz auf dem Teppich sitzen und auf die Erleuchtung warten. Oder dass das Frühstück serviert wird, was immer zuerst kommt.

Vielleicht flüchte ich ja tatsächlich, wer weiss. Und solange ich nicht weiss wovor, werde ich wohl nicht entkommen. Na ja, was soll’s. Jeder hat seine Macken. Ich laufe weiter ohne zu wissen warum. Aber vielleicht, wenn ich nur lange genug weiterlaufe, werde ich der Sache auf den Grund kommen.



Samstag, 7. April 2018

Mein Senf zum Weltfrieden

Mit den nachfolgenden Zeilen möchte ich auf den Beitrag einer Blog-Nachbarin eingehen. Eigentlich wollte ich nur einen Kommentar zu ihrem Artikel schreiben, dieser wurde dann aber etwas länger und um ihre Kommentarspalte nicht zu sprengen, gebe ich jetzt meinen Senf hier zum Besten, in der Hoffnung, dass unsere Blogs nun nicht zu Schlachtfeldern der Meinungen und Anfeindungen über den Palästinakonflikt werden, denn dies ist ein explosives Thema! 

In all den Jahren, in denen ich auf verschiedene Arten im Netz unterwegs bin, habe ich mich immer davor zurückgehalten, über den “Nahostkonflikt” zu diskutieren. Einerseits, weil ich auch nach dreissig Jahren in Israel die Situation immer noch lerne und nicht mit Menschen diskutieren mag, die sich nach dem Lesen einiger Schlagzeilen eine mehr oder weniger festgefahrene Meinung bilden (damit meine ich auf keinen Fall dich, liebe Schreibschaukel!), andererseits weil ich durch mein Auswandern in ein anderes Land gelernt habe, dass wir alle Brillen aufhaben. Diese Brillen, seien es pazifistische Schweizerbrillen, Terror-Brillen, oder andere Brillen mit eben irgendwelchen Wertevorstellungen eines Volkes, sind sehr schwer abzulegen. (Ich persönlich trage unterdessen eine Multifokalbrille, deren Linsen mich teils aus dem Blickwinkel der Israelis, teils mit schweizerischen Vorstellungen auf meine Umwelt blicken lassen und das kann manchmal ganz schön verwirrend sein.)
Wir sind uns dessen üblicherweise nicht bewusst, aber unsere Wahrnehmung von Konflikten auf dieser Welt sind nur Zerrbilder der gegebenen Situationen.

Deshalb finde ich auch die Frage meiner Blognachbarin „würden wir?“ falsch, denn sie bezieht sich nur auf ein momentanes Ereignis, während die ganze Situation dahinter, die jahrtausendealte Geschichte und die Aussichten auf die Zukunft so komplex sind, dass man die Frage so nicht beantworten und die Situation nicht vergleichen kann.

Ich möchte aber hier auf die Frage der Blogschreiberin eingehen, ob israelische Scharfschützen wirklich auf flüchtende Männer schiessen. Leider weiss ich die Antwort dazu aus (fast) erster Hand: Mein Sohn liegt nämlich in diesen Tagen in der IDF-Uniform im Sand auf den Hügeln um Gaza. Er ist zwar kein Scharfschütze, aber gemäss seinen Aussagen lautete der Befehl, den Demonstranten, die den Zaun besteigen, auf die Füsse zu schiessen. Dabei kann natürlich im Getummel einiges schiefgehen. Nach dem ersten Tag mit Todesopfern, dem Aufschrei der ach-so-gerechten Länder der Welt und den negativen Talk-backs in den Medien, wurde der Befehl geändert. Keine scharfe Munition mehr, auf keinen Fall.

Natürlich gibt es auch über diese Strategie geteilte Meinungen und die scheinen oft unverständlich, vor allem wenn man aus der fernen Schweiz auf den Konflikt blickt. Von wegen Brillen und so.

„Dumme, verwirrte Kinder!“ sagte mein Sohn letzte Woche über die palästinensischen Jugendlichen, als er für einen Tag auf Urlaub kommen durfte. „Warum gehen sie nicht nach Hause, lernen etwas Gescheites, bauen etwas auf, so wie wir das tun?“

Mehr über diesen ganzen Zirkus möchte ich hier nicht zum Besten geben. Kümmern wir uns doch alle besser um die Zustände in unserer Familie, mit unseren Nachbarn und unseren Nächsten, als uns in Konflikte einzumischen, die wir nur begrenzt verstehen können. 
Ehrlich gesagt, finde ich die Situation (nicht nur im Nahen Osten) so katastrophal, dass ich keine Kraft mehr habe, überhaupt noch etwas darüber zu hören, geschweige denn zu diskutieren oder gar zu belehren. Noch wehren sich die Israelis, aber ich befürchte, dass sie diesen Konflikt auf die Dauer verlieren werden. Es gibt keine Lösung, aber die Richtung zeichnet sich deutlich ab. Das macht mich unendlich traurig, denn ich bin fest davon überzeugt, dass das jüdische Volk das Zeug dazu hätte, die Welt in eine bessere Zukunft zu leiten, wenn..., ja, wenn man es eben lassen und dabei unterstützen würde.