Sonntag, 28. Februar 2021

Endlich frei!

Jedes Alter hat seine guten und schlechten Seiten. Mit 56 sind die Gelenke schon rostig und es fällt etwas  schwerer, vom Sofa aufzustehen. Wenn man aufgestanden ist, hat man oft schon vergessen, wozu. Mit etwas Glück ist man aber doch noch soweit rüstig, um die endlich wiedergewonnene Freiheit zu geniessen.

Dieses Wochenende werden wir die Kinder nur per Videogespräch sehen. Die Älteste lebt in ihrer eigenen Wohnung, der Sohn schon länger in der Schweiz. Die Jüngste verbringt den Shabat in der Armee. Sogar das vierte Kind, ein Mädchen aus dem Internat, welches seit einigen Jahren die Wochenenden bei uns verbringt, fährt zu einer Tante. Mein Mann Eyal ist ziemlich pflegeleicht. Das bedeutet: Niemand braucht etwas von mir! Auch meine eigenen Erwartungen an mich selbst versuche ich herunterzuschrauben. Summa summarum: KEINER ERWARTET IRGEND ETWAS VON MIR. Das ist sensationell!

Die Tochter meines Schwagers hat vor einer Woche ihr drittes Kind geboren. Über die ersten, die Zwillinge, habe ich vor dreieinhalb Jahren geschrieben. Gegen Mittag gehe ich auf einen Sprung bei der jungen Familie vorbei, um einen frischgebackenen Zopf, Erdbeermarmelade und ein Geschenk für die Kinder zu bringen. Als ich eintrete, springen die Jungs, die wohl gerade geduscht haben, splitternackt und laut kreischend wie kleine Äffchen über die Möbel durch die Wohnung. Ans Anziehen ist nicht zu denken, wahrscheinlich werden sie keine Ruhe geben, bis die Batterien leer sind. Und das scheint nicht so bald der Fall zu sein, so wie das hier aussieht. Die Mutter hält das Neugeborene in den Armen. Es schläft einige Augenblicke süss und ruhig – dann stimmt es kräftig in das Schreiorchester ein. Der Vater schaut mich aus schwarzumringten Augen an. „Wir haben kapituliert“ sagt er sarkastisch. „Wenn sie nur am Leben bleiben, dann sind wir zufrieden, mehr verlangen wir nicht“. Nach fünf Minuten in der Wohnung habe ich Herzrasen, Tinnitus und deutliche Anfänge einer Migräne. Ich mache mich aus dem Staub und wünsche der jungen Familie viel Freude mit ihrem Glück.

Gegen Mittag werden wir hungrig. Kinderlos und spontan wie wir sind, suchen Eyal und ich in einem der Nachbardörfer einen Kaffeekiosk auf, die jetzt, da die Restaurants geschlossen sind, überall aus dem Boden spriessen. Wir kaufen Kaffee und ein Sandwich und setzen uns auf die Wiese. Es ist Purimfest und die Schule gerade aus, deshalb ist das Pärkchen voll mit jungen Familien mit verkleideten Kindern. Das ist auch schön, denke ich und blinzle in die Sonne. Aber noch schöner ist es, wieder Zeit für mich selbst zu haben und zu sehen, wie die Kinder erwachsen werden. Wie sie ihr eigenes Leben meistern und vor allem – dass sie Freude daran haben.

Am Nachmittag kommt Sivan mit Freund zum Aperitif. Soviel Rummel ertrage ich gerade noch. Beim Betrachten der Fotos, die Sivan fürs Instagram macht, staune ich schon ein wenig, wie weiss mein Haar geworden ist. Und über all die Falten am Hals, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Aber na ja, ich kann damit leben. Eine neue Generation ist nun damit beschäftigt, schön und jung zu sein. Ich hingegen habe Zeit, mich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu kümmern. Zum Beispiel, dafür zu sorgen, dass der Nachwuchs in der erweiterten Familie nie kalte Füsse haben wird.





Mittwoch, 24. Februar 2021

Zurück in der Muckibude

Seit Sonntag sind die Fitnesszentren wieder geöffnet – auch für diese sollten sich die Tore aber den erforderlichen Massnahmen entsprechend nur für geimpfte Sportfreunde öffnen. Ich habe die Wiederaufnahme des Crossfit-Trainings ungeduldig erwartet, mein letztes Training liegt nun schon mehrere Monate zurück. Das Crossfit-Studio in unserem Nachbardorf war damals meine bevorzugte Wahl für den Abschluss eines Abos weil das Lokal ideal am Weg zu meinem Arbeitsort liegt (natürlich konnte ich damals nicht ahnen dass ich bald das Haus gar nicht mehr verlassen würde). Ausserdem punktete es mit einem sehr reichhaltigen Trainingsstundenplan vor allem in den frühen Morgenstunden. Zwischen sechs bis zehn Uhr früh bietet das Zentrum jede Stunde ein Training an und da das Lokal im Nachbarsdorf und auf der anderen Seite der verkehrstechnisch problematischen Schnellstrasse liegt, kann ich mit dem Training um sechs oder sieben Uhr wunderbar dem ärgsten Morgenverkehrsstau entkommen. Wenn das erste Training anfängt, sind die Strassen noch leer und wenn ich zufrieden und verschwitzt das Zentrum verlasse, liegt der Stau auf dem Weg ins Büro schon hinter mir. Soweit der Plan – dann kam Corona.

Vom Image des Crossfit als Extremsport für Jüngere lasse ich micht nicht abschrecken. Ich bin zwar nicht mehr fit und beweglich wie eine Zwanzigjährige, aber für Wassergymnastik ist die Zeit für mich doch noch nicht reif.

Zum ersten Training nach der langen Lockdownphase erscheinen nur die ganz Angefressenen. Sechs junge Muskelprotze – und ich! Die Sportler scheinen zu stutzen, warum sich eine grauhaarige alte Frau um sechs Uhr morgens in ihr Fitness-Studio verirrt. Vielleicht wundern sie sich, ob ich dement und verlorengegangen bin? Leider kann ich beim Gewichteheben den Eindruck den sie von mir haben nicht verbessern: Während die Männer schweisstriefend zentnerweise 10- und 20-kg-Gewichtsscheiben auf ihre Stangen wuchten, bleibe ich meiner Grenzen bewusst bei der leichtesten 15-kg-Stange, ohne zusätzliche Gewichte. Als wäre das nicht genug beschämend, ist die Frauenstange unnötigerweise auch noch rosarot!

Aber in der zweiten Hälfte des Trainings kann ich den jungen Burschen beweisen, dass gute Kondition nichts mit dem Alter zu tun hat. Beim fünfmal 400-Meter-Laufen können einige der Jünglinge nur schwer keuchend mithalten und ich habe für sie nur mitleidige Blicke übrig. Beim Laufen sind eben graue Haare kein Hindernis, Muskelberge hingegen schon. Nach dem aufbauenden Training fahre ich um sieben dem Stau entgegen wieder nach Hause – Muskelkater garantiert. Ich bin froh wieder trainieren zu können und dankbar für einen weiteren Schritt in Richtung Normalisierung. Hoffentlich werden auch bald die wenigen Frauen wieder auftauchen, die vor den Lockdowns sehr aktiv dabei waren – schliesslich stehen noch einige rosarote Gewichtsstangen zur Verfügung. Nach einem Corona-Impfpass oder Ähnlichem hat übrigens niemand gefragt. Das ist vielleicht besser so, denn auch da hätten höchst wahrscheinlich einige der jungen Muskelprotze nicht mit mir mithalten können.



Donnerstag, 18. Februar 2021

Werden wir wieder lachen können?

Ich habe mich zu früh gefreut. Das Leben ist nicht nur eitel Frühling und blühende Blumen. Es schneit und stürmt und die Höchsttemperatur übersteigt am Mittag nicht einmal zehn Grad, was in Israel arktischer Kälte gleichkommt. In unserer Nachbarschaft schlägt der Blitz ein und löst einen Hausbrand aus. Die Nachbarn des brennenden Hauses haben denselben Familiennamen wie unsere, was aufgrund einer weitergeleiteten Nachricht zu Verwirrung und bei unserer Tochter, die ausser Haus weilt, zu einem kleineren Schock führt.

Schneemann in Jerusalem


Dazu passend die Stimmung in den sozialen Netzen. Seit Ausbruch der Pandemie vertieft sich die Kluft zwischen den verschiedenen Gruppen der israelischen Gesellschaft. Immer grösser wird der Hass auf die Bevölkerungsgruppen, in welchen die Ansteckungszahlen besonders hoch sind, weil anscheinend keine oder weniger Rücksicht genommen wird. Das Ampelsystem hat in Israel nicht funktioniert und die Einen beschuldigen die Anderen, die wiederholten Lockdowns verschuldet zu haben. Manchmal denke ich, es könnte ein besonders ausgeklügelter Schachstreich der Natur sein, dass wir mit Hass und schlussendlich Bruderkriegen das schaffen, was das Virus selbst nicht vermag – uns selbst endgültig auszurotten.

Israel Katorza ist ein israelischer Komiker, der sich in allen Kreisen der Bevölkerung grosser Bekanntheit und Beliebtheit erfreut. Er ist ein von Grund auf lustiger Mensch, der mit seinem etwas verrückten Humor auch gerne über sich selbst lacht. Er ist gross und schlank und jeder Zentimeter in seinem langen Körper versprüht Witz und Humor. Sein Gesicht ist über und über von tiefen Lachfalten geprägt. Oft prustet er beim Versuch, einen ernsthaften Satz zu sprechen, nach wenigen Worten los und der Witz übermannt ihn.

Nach vielen Monaten kultureller Flaute sind nun die meisten Beschränkungen aufgehoben und die Israelis soweit durchgeimpft, dass man endlich nicht nur an Shopping oder Beten, sondern auch wieder an kulturelle Anlässe denken kann. Erfreut kündigte Katorza vor einigen Tagen das Datum seines seit Pandemieausbruch ersten Auftritts vor Publikum an. Dieser Bekanntgabe auf Facebook fügte er gezwungenermassen die Information hinzu, dass die Show natürlich den erforderlichen Massnahmen entsprechen werde und nur geimpfte Zuschauer zugelassen würden.

Die Ansage löste unter den israelischen Corona-Impfgegnern umgehend einen erbitterten und hasserfüllten Shitstorm aus. Der Komiker wird nun beschuldigt, mit der staatlichen Impfbewegung zu kooperieren und er wird aufs Ärgste beschimpft, verflucht und beleidigt. „Impffaschismus“ ist der neueste Fluch, bei dem ich sprachlos werde. Hunderte erboste Israelis erdreisten sich, beleidigende Kommentare zu schreiben und dem Komiker umgehend ihre Liebe und Unterstützung zu kündigen. Sie wären unter Katorza's Publikum ab sofort auf keinen Fall mehr zu finden sein. Impfgegner mischen sich nicht mit Impfbefürwortern. Auf Nimmerwiedersehen!

Die Situation ist einfach zu traurig. Es tut mir leid für Leute wie Katorza, der schon ein ganzes Jahr kein Publikum mehr zum Lachen bringen darf und der nun für die ausweglose Situation in die er hineingeschlittert ist, aufs Übelste beschimpft wird. Bestimmt vergeht nun sogar ihm das Lachen.

Montag, 15. Februar 2021

Frühlingslaune

Beim Anziehen fällt mein Blick auf eine Schachtel, die hoch oben im Kleiderzimmer in Vergessenheit geraten ist: Meine geliebten Stiefel! Als bekennende Schuhfetischistin lassen diese eleganten schwarzen Stiefel aus feinstem Wildleder mein Herz auch nach einigen Jahren noch höher schlagen. Jetzt ist der Winter vorbei und ich habe sie kein einiziges Mal getragen. Auch meine vielen Mäntel und Jacken sind den ganzen Winter über im Schrank geblieben. Nicht weil es zu warm gewesen wäre. Ich habe sie nicht gebraucht, weil ich einfach NIRGENDWO hin gegangen bin. Ich habe ein Jahr lang jeden Tag mehr oder weniger denselben vergammelten Trainingsanzug getragen.

 

Beim Laufen freue ich mich über die dunkelviolette Küsteniris, die jetzt in dieser Region in voller Pracht blüht. Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf. Ich weiss nicht ob die Endorphine oder das frühlingshafte Wetter daran schuld sind, oder die Aufhebung der Lockdown-Einschränkungen – aber ich bin wieder zuversichtlich. Die Tage der ausgeleierten Trainingsanzüge sind gezählt. Eine neue Zeit bricht an. Die Angst dass alles noch viel schlimmer werden könnte ist noch da, aber sie flacht ab. Bestimmt, die Natur ist stärker als wir Menschen. Sie könnte oder kann die Menschheit vernichten, genau so, wie sie uns hervorgebracht hat. Aber – vielleicht sind wir der Geist, den sie gerufen hat, und den sie nun nicht los wird. Wir haben eine beachtenswerte Intelligenz entwickelt und so schnell geben wir nicht klein bei. Wir sind fast alle geimpft. Wenigstens hier, auf der Insel Israel, die wir im Moment immer noch nicht verlassen können. Die Statistiken sind positiv und Viele berichten schon aus eigener Erfahrung, dass man sich tatsächlich kaum mehr ansteckt. 

Vielleicht haben wir diese Hürde geschafft.

Meine Stiefel werde ich dieses Jahr nicht mehr anziehen. Auch andere alte Gewohnheiten werden eventuell im Schrank bleiben. Andere, neue Gepflogenheiten werde ich beibehalten. Ich habe viel gelernt in diesem Corona-Jahr. Über die Allmacht der Natur, über unsere Überheblichkeit, über die fälschliche Sicherheit des Lebens, über meine Mitmenschen, über meine Beziehung zu ihnen  aber vor allem über mich selbst. In diesem Moment bin ich dankbar für die Bereicherung, mit welcher ich aus dieser Krise hervorgehe. In der vagen Hoffnung, dass sie wirklich hinter uns liegt.


Dienstag, 12. Januar 2021

Auf dem Gipfel

Mit zitternden Beinen erklimme ich den Gipfel. Um den Gipfel zu überklettern lege ich mich bäuchlings hin. Mein Oberkörper findet gerade knapp Platz auf dem Felsen, der den Gipfel ausmacht. Nun eröffnet sich vor mir tiefster Abgrund. Mir schaudert als ich nach unten blicke: Viele Hundert Meter steil abfallendes Gelände. Tief unten, in weiter Ferne ein Tal, ein friedlicher See. Da muss ich hinunterklettern, aber meine Füsse finden auf dem brüchigen Felsen auf keiner Seite Halt. Hinter mir, wo ich gerade herkomme, ebenso steil abfallendes Geröll. Hier liege ich nun auf diesem Gipfelfelsen und finde auch nicht den geringsten Vorsprung im Stein, auf welchen ich meinen Fuss setzen könnte. Ich schwitze Wasser und Blut. Hinter mir warten meine Wanderkolleginnen, die sich um mich sorgen, mir aber nicht helfen können. Warum wollte eigentlich ausgerechnet ich, die ich nicht besonders höhensicher bin, als Erste den Gipfel überqueren? Immer wieder suchen meine Füsse vorsichtig Halt, aber es ändert sich nichts an der Lage: Ich stecke fest. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Vor mir der unermessliche Abgrund in ein verheissungsvolles aber beängstigendes Tal, hinter mir der beschwerliche und genauso steile Aufstieg, auf welchem es nun kein Zurück mehr gibt.

Drei Stunden stecke ich auf diesem Gipfel fest. Drei Stunden suchen meine Füsse Halt ohne ihn zu finden. Drei Stunden liege ich bäuchlings auf dem brüchigen Stein mit der Gewissheit, dass der geringste Fehltritt das Ende wäre. Es kommt keine Panik auf, aber es gibt auch kein Entrinnen. Kein Vorwärts und auch kein Zurück. Die Situation ist ermüdend und auswegslos.



Dann wache ich auf. Puh! Es war nur ein Traum! 

Ein Traum der mich noch lange beschäftigt. Ja, die bevorstehende Wanderung in die Eilater Berge mit ihren oft schroffen Abgründen macht mir etwas Angst. Aber – Angefangen hat der Traum kurz nach drei Uhr morgens, nachdem uns ein Anruf aus dem Schlaf gerissen hat und ich danach wieder eingedöst bin. Eyals Vater liegt schon wieder im Spital. Schon viele Monate ist es ein Hin und Her zwischen dem Krankenbett zuhause und jenem im Spital. Schon viel zu lange leidet er in schrecklichem Zustand. Verschiedene immer schlimmer werdende Krankheiten lähmen seinen Körper. Zuckerkrankheit in fortgeschrittenem Stadium verursacht nun auch im noch nicht amputierten Bein Nekrose. Wasser in der Lunge erschwert das Atmen. Meistens ist er intubiert. Immer wenn wir denken, dass es jetzt nicht mehr schlimmer werden kann, verschlechtert sich der Zustand ins bisher Unvorstellbare. In den letzten Wochen ist der Vater nur noch wenige Augenblicke am Tag wach und ansprechbar. In diesen Momenten wiederholt er vor allem sein Mantra: Ich will sterben. Und doch ist der Funken Leben in ihm immer noch stark. Er schafft es nicht, loszulassen. Schon mehrere Male stand er an der Schwelle zum Tod und immer wieder überwand er den Augenblick, sei es aus eigener Kraft, sei es aufgrund medizinischer Hilfe. So auch vor diesem Anruf um drei Uhr nachts. Wieder schien der Moment gekommen. Wieder entschwand er. 

Natürlich war nach dem Anruf nicht mehr die Rede von tiefem Schlaf. Im Halbschlaf dämmerte ich bis um sechs Uhr unruhig vor mich hin. Im Traum ahnte ich, dass der Übergang manchmal – nicht nur beim Wandern – unüberwindbar zu sein scheint.

Donnerstag, 7. Januar 2021

Lockdown - neue Version

Ab Donnerstagnacht wird in Israel ein erneuter verschärfter Lockdown in Kraft treten. 
Hallo? Habe ich etwas verpasst? Befinden wir uns nicht schon im Lockdown? Ja, stimmt, wir befinden uns. Aber dieser wird weder beachtet noch durchgesetzt. Ob wohl verschärfte Massnahmen die Lösung sind? Die Israelis sind Weltmeister darin, sich über Regelungen und Konventionen hinwegzusetzen. Die Diskrepanz zwischen den angeordneten Einschränkungen und dem, was tatsächlich auf der Strasse abläuft, ist einfach lächerlich. Niemand hat mehr Lust, Geduld und Kraft für ständig erneuerte Massnahmen. Die Stimmung der Israelis schwankt zwischen absurder Gleichgültigkeit und steigender Panik. Die Infektionsrate ist extrem hoch. Aber bei Sonnenschein und frühlingshaftem Wetter ist es einfach, den Kopf in den Sand zu stecken und das Leben zu geniessen, solange man selbst nicht betroffen ist.

Kein Wunder ist die Lage chaotisch, der allgemeine „Balagan“ eine Katastrophe. Daran ist aber nicht nur die undisziplinierte Bevölkerung schuld. Auch die Regierung, die Polizei und das Gesundheitswesen scheinen die Kontrolle über die Situation verloren zu haben! 

So stelle ich mir die Dateien im Rechner des Corona-Zuständigen im israelischen Gesundheitsministerium vor



Ein Paradebeispiel für die Absurdität, die die Lage in Israel erreicht hat, ist die unglaubliche Geschichte einer Massenhochzeiten der Ultrareligiösen mit Hunderten von Gästen. Die Hochzeit selbst, die entgegen aller Massnahmen abgehalten wird, ist aber nicht etwa der wahre Skandal. Noch viel irrwitziger ist die Tatsache, dass einige der eintreffenden Polizisten dabei gefilmt werden, wie sie sich vom religiösen Oberhaupt segnen lassen, anstatt den Anlass aufzulösen oder die Gäste konsequent zu büssen!

Immerhin habe ich schon die erste Impfung hinter mir. Aber auch die Impfstrategie wirft Fragen auf: Nur Alte und Risikogruppen sollen geimpft werden. Aber trotz Bibi’s gelungenem Coup, für Israel frühzeitig grosse Mengen Impfstoff zu sichern, scheinen gerade für diese Gruppen jetzt schon Impfmittel zu fehlen. Schon bald eineinhalb Millionen Israelis sind geimpft, aber viele Alte und Gefährdete stehen immer noch Schlange. Und auch die Auslieferung der nächsten Dosen, die notwendig ist, um das Impftempo zu halten, ist fraglich. Trotzdem wurden Eyal und ich am vergangenen Shabat aufgerufen, uns im Ärztehaus anzumelden und – zusammen mit Tausenden weiteren Impffreudigen – impfen zu lassen, obwohl wir nur 55 Jahre jung sind und keiner Risikogruppe angehören.

Staunend und kopfschüttelnd hat uns aber vor allem der Anruf unserer Tochter Lianne gestern Abend zurückgelassen. Sie ist vor zweieinhalb Wochen ins Militär rekrutiert worden und befindet sich in der Grundausbildung, welche vier Wochen dauern sollte. Nach einer Woche rannen schon einige Tränen, denn entgegen der ursprünglichen Ansagen durften die frischgebackenen Soldatinnen wegen der steigenden Infektionsraten über das Wochenende doch nicht nach Hause. Seit Bekanntwerden des neuen verschärften Lockdowns ab heute nacht zerbrach ich mir den Kopf, wie man wohl im Militär damit umgehen würde. Noch ein Wochenende ohne Urlaub? Aber der Lockdown sollte ja mindestens zwei Wochen dauern. Würden die Soldaten wirklich einen ganzen Monat lang nicht entlassen werden? Oder würden sie eventuell schon am Donnerstagabend, vor dem Inkrafttreten des Lockdowns nach Hause geschickt? Aber was wäre mit all den Neuangesteckten unter den Auszubildenden bis zum Sonntagmorgen? In der Tat keine einfache Problematik.

Der Beschluss ist so überraschend wie kreativ! Heute würden in einem Tag (Tagwache 4.00 Uhr morgens) alle abschliessenden Prüfungen der Grundausbildung stattfinden und die Soldatinnen dann für eine ganze Woche nach Hause entlassen – mit Weiterführung der Ausbildung per Zoom! Wie sich das genau abspielen soll, ist mir ein Rätsel. Wird nächste Woche eine Soldatin in Uniform durch meine Stube robben?! Ich bin gespannt!

Sonntag, 3. Januar 2021

Happy New Year!



Seit Sonntag befindet sich Israel im dritten Lockdown. Wir dürfen uns nicht weiter als einen Kilometer von unserem Wohnort entfernen, ausser zum Arbeiten oder Einkaufen. Aber schon wenige Tage nach Beginn der neuen wiederholten Einschränkungen ist jedermann klar: Ernst nimmt das jetzt niemand mehr. Auf dieser dritten Welle surfen wir schon wie die Weltmeister. 

Die Israelis wissen immer alles besser und lassen sich nicht gerne Vorschriften machen, schon gar nicht bei schönstem sonnigem Winterwetter. Und jetzt haben wir es wirklich alle leid. Schon wieder ein Lockdown! Irgendwann muss doch das Leben weitergehen. Ausserdem werden wir in aller Windeseile durchgeimpft, das trägt zur allgemein hoffnungsvollen Stimmung bei. Ein neues Jahr, neue Anfänge, neue Hoffnungen. 2021 wird endlich alles gut! 

Erwartungsgemäss schnellen die Krankenzahlen wieder in schwindelerregende Höhen. Die israelischen Obrigkeiten reden verzweifelt davon, die undisziplinierten Bürger im Zaum zu halten, aber in der Praxis merkt man davon nicht allzuviel. Lianne, die vor knapp zwei Wochen ins Militär eingezogen worden ist, darf nun über das Wochenende doch nicht nach Hause. Zu gross ist die Ansteckungsgefahr. Aber blutjunge Soldaten in Schach zu halten, ist keine grosse Kunst. Mit den zivilen Israelis, die ihre Freunde treffen und das Leben geniessen wollen, wird es schon schwieriger. Auch Sivan stellt nach einigen anfänglich vorsichtigen Fahrten von ihrer Wohnung im Nachbardorf zu uns und zurück fest, dass die Wächter wohl im Stehen eingeschlafen sind.

Und dann ist Silvester. Der Freund in Tel-Aviv. Es soll nur eine kleine Party werden, in beschränktem Rahmen. Ein schönes Essen kochen, um Mitternacht mit Freunden anstossen. Was soll daran schon so schlimm sein? Die Polizei versucht am letzten Tag des alten Jahres, die Bürger auf allen möglichen Kanälen abzuschrecken. Um Silvesterparties und grössere Menschenansammlungen zu verhindern, sollen Strassenblockaden aufgestellt werden. Ausgangssperre! Im Fernsehen geben die Uniformierten nachdrückliche und abschreckende Warnungen durch. Die Bürger werden dringlichst gebeten, zu Hause zu bleiben. Saftige Bussen werden angedroht. Eyal und ich bleiben ganz gerne zu Hause. Wir fläzen faul auf den Sofas und zappen von Sender zu Sender. Ob bei soviel Polizeipräsenz in den TV-Studios überhaupt noch jemand für die Strasse übrigbleibt? Als es eindunkelt erleuchtet unsere Stube im Blaulicht der Streifenwagen – aus dem Fernseher, wo sich die Hauptaktivität der Polizei abzuwickeln scheint. 

Ach, Lockdown – Schmockdown, sagt Sivan. Die Drohungen sind zwar schon etwas beängstigend, aber etwas Nervenkitzel macht die Silvesterfeier im Untergrund erst richtig spannend. Am Abend fährt sie ohne grosse Umstände nach Tel-Aviv, wo sie mit Freund im Dunkel der Nacht auf schnellen Elektro-Scooters zu Bekannten düst. Der Freund hat unverfrorenerweise sogar noch eine Schüssel Salat dabei. Und die Champagnerflasche, eingewickelt in mehrer Tücher, steckt tief in der Tasche. Wie sie das wohl der Polizei erklärt hätten? Aber die Sorgen waren umsonst. Die Feierlichkeiten gehen unentdeckt über die Bühne. In den frühen Morgenstunden sausen sie unbemerkt wieder zurück. Es ist alles wie gehabt, nur auf etwas kleinerer Flamme. Und einmal sogar ohne Story im Instagram, für den Fall der Fälle.