Werden wir wieder lachen können?

Ich habe mich zu früh gefreut. Das Leben ist nicht nur eitel Frühling und blühende Blumen. Es schneit und stürmt und die Höchsttemperatur übersteigt am Mittag nicht einmal zehn Grad, was in Israel arktischer Kälte gleichkommt. In unserer Nachbarschaft schlägt der Blitz ein und löst einen Hausbrand aus. Die Nachbarn des brennenden Hauses haben denselben Familiennamen wie unsere, was aufgrund einer weitergeleiteten Nachricht zu Verwirrung und bei unserer Tochter, die ausser Haus weilt, zu einem kleineren Schock führt.

Schneemann in Jerusalem


Dazu passend die Stimmung in den sozialen Netzen. Seit Ausbruch der Pandemie vertieft sich die Kluft zwischen den verschiedenen Gruppen der israelischen Gesellschaft. Immer grösser wird der Hass auf die Bevölkerungsgruppen, in welchen die Ansteckungszahlen besonders hoch sind, weil anscheinend keine oder weniger Rücksicht genommen wird. Das Ampelsystem hat in Israel nicht funktioniert und die Einen beschuldigen die Anderen, die wiederholten Lockdowns verschuldet zu haben. Manchmal denke ich, es könnte ein besonders ausgeklügelter Schachstreich der Natur sein, dass wir mit Hass und schlussendlich Bruderkriegen das schaffen, was das Virus selbst nicht vermag – uns selbst endgültig auszurotten.

Israel Katorza ist ein israelischer Komiker, der sich in allen Kreisen der Bevölkerung grosser Bekanntheit und Beliebtheit erfreut. Er ist ein von Grund auf lustiger Mensch, der mit seinem etwas verrückten Humor auch gerne über sich selbst lacht. Er ist gross und schlank und jeder Zentimeter in seinem langen Körper versprüht Witz und Humor. Sein Gesicht ist über und über von tiefen Lachfalten geprägt. Oft prustet er beim Versuch, einen ernsthaften Satz zu sprechen, nach wenigen Worten los und der Witz übermannt ihn.

Nach vielen Monaten kultureller Flaute sind nun die meisten Beschränkungen aufgehoben und die Israelis soweit durchgeimpft, dass man endlich nicht nur an Shopping oder Beten, sondern auch wieder an kulturelle Anlässe denken kann. Erfreut kündigte Katorza vor einigen Tagen das Datum seines seit Pandemieausbruch ersten Auftritts vor Publikum an. Dieser Bekanntgabe auf Facebook fügte er gezwungenermassen die Information hinzu, dass die Show natürlich den erforderlichen Massnahmen entsprechen werde und nur geimpfte Zuschauer zugelassen würden.

Die Ansage löste unter den israelischen Corona-Impfgegnern umgehend einen erbitterten und hasserfüllten Shitstorm aus. Der Komiker wird nun beschuldigt, mit der staatlichen Impfbewegung zu kooperieren und er wird aufs Ärgste beschimpft, verflucht und beleidigt. „Impffaschismus“ ist der neueste Fluch, bei dem ich sprachlos werde. Hunderte erboste Israelis erdreisten sich, beleidigende Kommentare zu schreiben und dem Komiker umgehend ihre Liebe und Unterstützung zu kündigen. Sie wären unter Katorza's Publikum ab sofort auf keinen Fall mehr zu finden sein. Impfgegner mischen sich nicht mit Impfbefürwortern. Auf Nimmerwiedersehen!

Die Situation ist einfach zu traurig. Es tut mir leid für Leute wie Katorza, der schon ein ganzes Jahr kein Publikum mehr zum Lachen bringen darf und der nun für die ausweglose Situation in die er hineingeschlittert ist, aufs Übelste beschimpft wird. Bestimmt vergeht nun sogar ihm das Lachen.

Kommentare

canadaeinfach hat gesagt…
Ja, es ist verrückt, was da gerade geschieht. Eine Bekannte und ich sind auch nicht gleicher Meinung und es hat uns fast die "Freundschaft" gekostet. Nun haben wir uns geeinigt, dass wir zu diesem Thema verschiedener Meinung sind und wir die jeweils andere Ansicht einfach zur Kenntnis nehmen. Wir wollen uns
nicht bekehren und uns auch nicht entzweien lassen. Zum Glück!...
Anita
Schreibschaukel hat gesagt…
Und hier wären wir froh, wenn endlich die Möglichkeit einer Impfung in Sicht wäre - aber...da ist Funkstille, es gibt derzeit keine Informationen und in meiner Arztpraxis tappt man auch im Dunkeln, ob, wann und in welcher Form man Impfstoff erhalten wird. Da kann einem das Lachen auch vergehen. Ein Besuch in Israel scheint - zumindest für mich - noch in weiter Ferne zu liegen.
Yael Levy hat gesagt…
@canadaeinfach
Liebe Anita, Wunderbar, dass ihr euch habt einigen können! Leider geht es in den “sozialen” Netzwerken nicht so verständnisvoll zu und her und rücksichtslose Anfeindungen sind der Normalfall!
Yael Levy hat gesagt…
@Schreibschaukel
Liebe Schreibschaukel, ich bin wirklich froh, dass die Impfungen in Israel so schnell und vorbildlich organisiert worden sind – obwohl es auch viele negative Stimmen darüber gibt, im In-und vor allem im Ausland. Ich hoffe für euch, dass es auch bald soweit ist mit den Impfungen. Immerhin habt ihr in der Schweiz dafür schönen Schnee und Berge, wofür ich euch beneide – und gute Schoggi! Hilft Schoggiessen nicht gegen Corona?
Schreibschaukel hat gesagt…

Tja, also wenn Schoggiessen hilft, dann brauche ICH mir ÜBERHAUPT keine Sorgen zu machen! DAS ist wohl der Grund, wieso ich immer noch guter Laune bin.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Lichtblicke

Auf dem Gipfel

Pfeffer und Salz