Auf dem Gipfel

Mit zitternden Beinen erklimme ich den Gipfel. Um den Gipfel zu überklettern lege ich mich bäuchlings hin. Mein Oberkörper findet gerade knapp Platz auf dem Felsen, der den Gipfel ausmacht. Nun eröffnet sich vor mir tiefster Abgrund. Mir schaudert als ich nach unten blicke: Viele Hundert Meter steil abfallendes Gelände. Tief unten, in weiter Ferne ein Tal, ein friedlicher See. Da muss ich hinunterklettern, aber meine Füsse finden auf dem brüchigen Felsen auf keiner Seite Halt. Hinter mir, wo ich gerade herkomme, ebenso steil abfallendes Geröll. Hier liege ich nun auf diesem Gipfelfelsen und finde auch nicht den geringsten Vorsprung im Stein, auf welchen ich meinen Fuss setzen könnte. Ich schwitze Wasser und Blut. Hinter mir warten meine Wanderkolleginnen, die sich um mich sorgen, mir aber nicht helfen können. Warum wollte eigentlich ausgerechnet ich, die ich nicht besonders höhensicher bin, als Erste den Gipfel überqueren? Immer wieder suchen meine Füsse vorsichtig Halt, aber es ändert sich nichts an der Lage: Ich stecke fest. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Vor mir der unermessliche Abgrund in ein verheissungsvolles aber beängstigendes Tal, hinter mir der beschwerliche und genauso steile Aufstieg, auf welchem es nun kein Zurück mehr gibt.

Drei Stunden stecke ich auf diesem Gipfel fest. Drei Stunden suchen meine Füsse Halt ohne ihn zu finden. Drei Stunden liege ich bäuchlings auf dem brüchigen Stein mit der Gewissheit, dass der geringste Fehltritt das Ende wäre. Es kommt keine Panik auf, aber es gibt auch kein Entrinnen. Kein Vorwärts und auch kein Zurück. Die Situation ist ermüdend und auswegslos.



Dann wache ich auf. Puh! Es war nur ein Traum! 

Ein Traum der mich noch lange beschäftigt. Ja, die bevorstehende Wanderung in die Eilater Berge mit ihren oft schroffen Abgründen macht mir etwas Angst. Aber – Angefangen hat der Traum kurz nach drei Uhr morgens, nachdem uns ein Anruf aus dem Schlaf gerissen hat und ich danach wieder eingedöst bin. Eyals Vater liegt schon wieder im Spital. Schon viele Monate ist es ein Hin und Her zwischen dem Krankenbett zuhause und jenem im Spital. Schon viel zu lange leidet er in schrecklichem Zustand. Verschiedene immer schlimmer werdende Krankheiten lähmen seinen Körper. Zuckerkrankheit in fortgeschrittenem Stadium verursacht nun auch im noch nicht amputierten Bein Nekrose. Wasser in der Lunge erschwert das Atmen. Meistens ist er intubiert. Immer wenn wir denken, dass es jetzt nicht mehr schlimmer werden kann, verschlechtert sich der Zustand ins bisher Unvorstellbare. In den letzten Wochen ist der Vater nur noch wenige Augenblicke am Tag wach und ansprechbar. In diesen Momenten wiederholt er vor allem sein Mantra: Ich will sterben. Und doch ist der Funken Leben in ihm immer noch stark. Er schafft es nicht, loszulassen. Schon mehrere Male stand er an der Schwelle zum Tod und immer wieder überwand er den Augenblick, sei es aus eigener Kraft, sei es aufgrund medizinischer Hilfe. So auch vor diesem Anruf um drei Uhr nachts. Wieder schien der Moment gekommen. Wieder entschwand er. 

Natürlich war nach dem Anruf nicht mehr die Rede von tiefem Schlaf. Im Halbschlaf dämmerte ich bis um sechs Uhr unruhig vor mich hin. Im Traum ahnte ich, dass der Übergang manchmal – nicht nur beim Wandern – unüberwindbar zu sein scheint.

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