Montag, 2. März 2026

Homeoffice, sofern möglich

Tel-Aviv, Blick auf Jaffa, vor zwei Wochen 



Ein Campari und zwei Gläser Wein, im Homeoffice. Es tut mir leid – anders war das heute nicht auszuhalten.

Wir zählen Tag zwei im unfreiwilligen Hausarrest. Fünf erwachsene Personen unter einem Dach. 

Draussen herrscht eine Ruhe wie an Yom Kippur, dabei fängt heute das Purimfest an. Doch statt fröhlich verkleideter Kinder und Maskenumzüge sind die Strassen menschenleer. Alles ist wie leergefegt – ein beunruhigender Anblick: und das obwohl die Primarschule gleich über die Strasse liegt. Keine spielenden Kinder, keine Menschen, keine Autos.
Menschenansammlungen sind untersagt: sämtliche Erziehungseinrichtungen, Restaurants, Fitness- und Sportcenter – geschlossen.
Die Anlage meiner Firma ist – ausser der Produktion – verriegelt. Ich soll, sofern möglich, von zu Hause aus arbeiten. Doch „sofern möglich“ ist ein dehnbarer Begriff.

Nur in unseren vier Wänden ist von Ruhe nichts zu spüren: Lianne hat die Noten einer weiteren Semesterprüfung erhalten. Katastrophe, Weltuntergang, Existenzkrise. „Alle anderen sind besser als ich“, schluchzt sie und zweifelt ernsthaft an ihrer Studienwahl. In solchen Situationen hilft bei ihr ausschliesslich eine hochwirksame Dosis Süssigkeiten. Frustriert tigert sie im Zehn-Minuten-Takt in die Küche.

Sivan und der Schwiegersohn sind aus Tel-Aviv zu uns „geflohen“ und wohnen im ehemaligen Kinderzimmer. Sivan ist schwanger und chronisch hungrig. Sie steht in der – meiner – Küche und schnippelt, rührt, brät und backt in einer Frequenz, die uns alle nervös macht. Doch ich hüte mich, etwas zu sagen, denn ihre Laune gerät gerade leicht aus der Balance.

Meine Vorstellung von einem gemeinsamen Mittagessen rückt immer weiter in die Ferne. Jeder hat andere Wünsche, jeder isst zu einer anderen Uhrzeit. Im Laufe des Tages entwickelt sich das alles zu einem aufwendigen und nie endenden Mehr-Gänge-Menü. Berge von schmutzigem Geschirr häufen sich an.

In meinem Homeoffice-Raum residiert mein Schwiegersohn vor drei Bildschirmen und versucht, den Börsenmarkt unter Kontrolle zu halten. Zahlen flackern, Diagramme stürzen ab. Auch seine Laune schwankt entsprechend zwischen himmelhoch-jauchzend und zu Tode betrübt.

Eyal und ein Mann in Arbeitskleidung und schmutzigen Schuhen gehen unterdessen zum Hundertsten mal die Treppe rauf und runter. Ziel: der Dachboden. Mission: Wiederbelebung des Heisswasserboilers, der seit gestern streikt. Sie öffnen und schliessen sämtliche Wasserhähne im Haus, schrauben, fluchen, testen.

Und ich? Ich versuche kläglich, mich im Wohnzimmer in die Arbeit einzuloggen. Wie klein auf diesem Laptop plötzlich alles ist. Trotz Brille und Zoom kann ich ohne den zusätzlichen Bildschirm nur mit grösster Mühe erkennen, ob ich überhaupt das richtige Dokument bearbeite.

Immerhin: Seit einigen Stunden bleiben die Luftschutzalarme aus, wenigstens in unserem Dorf. Seit Samstagmorgen und bis vor Kurzem schrillten auch bei uns immer wieder markdurchdringende Sirenen. Wir mussten alles stehen und liegen lassen (Kochen, Duschen, Schlafen) und in den hauseigenen Schutzraum laufen. 
Das Abfeuern der Raketenabwehrsysteme erzeugt starke, dumpfe Knallgeräusche in schneller Folge. Die Fenster zittern, alles vibriert.

Während ich schreibe, schrillen im Zentrum Israels wieder die Sirenen. Wenig später erfolgt die Meldung über einen direkten Einschlag.

Doch bei uns bleibt es verdächtig still. Wahrscheinlich überdenkt der Feind seine Strategie. Es kursieren Gerüchte über schwieriger abzuwehrende Streumunition.

Zum Glück hat mich der Wein inzwischen schläfrig gemacht. 
Das schmutzige Geschirr, die Prüfungen, die Börse, der Krieg. 
Mir ist jetzt alles egal.



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