Sirenengeheul, Schutzräume und ein Alltag, der von Raketenangriffen bestimmt wird – vermutlich werden diese Themen noch eine Weile hier vorherrschen.
Ich weiss, vieles wiederholt sich in meinen Berichten. Wie gerne würde ich abwechslungsreichere Geschichten aus unserer Ecke erzählen.
Lianne fuhr für das Wochenende mit Freundinnen nach Eilat. Sie war damit nicht allein. Tausende Israelis waren ebenfalls aus dem Zentrum des Landes geflüchtet, um ein paar Tage Abstand und Ruhe zu finden. Bis Donnerstag hatte es in Eilat kaum zehn Alarme gegeben, einige davon sogar Fehlalarme. Verglichen mit Tel Aviv, wo die Sirenen schon hundert mal heulten, war die südliche Touristenstadt – bis vor kurzem – fast ein idyllisches Paradies.
Doch Lianne scheint die Alarme irgendwie anzuziehen. Schon an ihrem ersten Morgen gingen auch in Eilat die Sirenen los. Die Hotelgäste wurden aus den Betten gerissen und suchten Schutz im Treppenhaus. In den Stunden danach folgten weitere Raketenangriffe aus dem Iran auf die Stadt. Eine Streurakete schlug an sieben verschiedenen Orten ein und verursachte beträchtlichen Schaden. Es gab Verletzte, darunter ein zwölfjähriger Junge.
In unserer näheren Umgebung schlug in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag eine Rakete in einem nur sechs Kilometer entfernten Dorf ein. Sie traf den Garten eines Hauses, zerstörte mehrere Gebäude und hinterliess eine Schneise der Verwüstung. Die Familie überlebte unverletzt – im Schutzraum ihres inzwischen schwer beschädigten Hauses.
Ich war zu diesem Zeitpunkt noch wach. Die dumpfen, kräftigen Schläge der Abwehrsysteme – auf die oft kurz darauf das Sirenengeheul folgt – sind uns inzwischen vertraut. Wenn nach den Abfangraketen weitere schwere Schläge zu hören sind, weiss man: das ist kein gutes Zeichen.
Der Einschlag liess auch bei uns alles erzittern; die Pergola bebte, Fenster und Rollläden rüttelten laut.
Danach blieb es bei uns am Freitag und Samstag zunächst ruhig – während Lianne nach Eilat geflüchtet war. Am Freitag verbrachte ich sogar zwei Stunden in einem Einkaufszentrum in Netanya. Menschen schlenderten durch die Geschäfte, kauften ein, sassen in Cafés und Restaurants – fast wie zu friedlichen Zeiten.
Erst nach Liannes Rückkehr ging es wieder weiter. Letzte Nacht wurden wir erneut aus dem Schlaf gerissen: um zwei Uhr dreißig und noch einmal um sechs Uhr dreißig. Am Morgen fand man abgeschossene Raketenteile in einem der Erdbeerfelder entlang meiner Laufroute.
Auch in Tel Aviv soll es heute Schäden durch herabfallende Raketenteile gegeben haben. Für die Menschen dort ist die Situation nur schwer zu ertragen. Die Angriffe kommen unaufhörlich, in immer neuen, dichten Wellen. Viele Wohnungen haben keinen Schutzraum. Freunde von Sivan haben vor zehn Tagen ein Kind bekommen – im raketensicheren Keller eines Krankenhauses. Seit ihrer Rückkehr nach Hause laufen sie nun mehrmals täglich – und auch nachts – mit ihrem Neugeborenen zum Schutzraum der Nachbarn. Wenn das nicht zeigt, was gute Nachbarschaft bedeutet!
Israeli, die im ebenfalls stark beschossenen Norden leben, kenne ich kaum. Da die Hisbollah aus nächster Nähe feuert, muss es dort ganz schlimm sein. Verwandte aus einem der nördlichen Kibbuzim sind – wie viele andere auch – zu Familien in etwas sicherere Gegenden gezogen. In den Medien verfolge ich Berichte über unaufhörlichen Beschuss.
Für Lianne begann am Sonntag trotzdem das zweite Semester. Online natürlich – mit einer Statistik-Vorlesung, ausgerechnet ihrem meistgehassten Fach. Immerhin hat sie sich in Eilat eine neue Trainingshose gekauft. Jetzt ist sie auch für das Fernstudium im Raketenalltag top gekleidet.
Ihre Zusammenfassung der ersten Lektion klang ungefähr so: „Bla, bla, bla – lauter statistische Fachausdrücke, die ich nicht verstehe. Dann Raketenalarm. Der Dozent rennt in den Schutzraum. Tel Aviv wird zerstört (es hat Einschläge gegeben). Danach wieder bla, bla, bla – noch mehr statistische Fachausdrücke, die ich nicht verstehe."
Wie soll man unter solchen Umständen etwas lernen?
So sieht im Moment unser Alltag aus: Sirenen, kurze Wege zum Schutzraum, ungewöhnliche Wohnsituationen, vielerorts Zerstörung. Sich immer wieder aufrappeln. Keine Möglichkeit, irgendetwas zu planen. Dazwischen erstaunlich normale Momente: Menschen gehen einkaufen, sitzen im Café, arbeiten, beginnen ein neues Semester.
Während ich diesen Text schreibe, hoffe ich, dass der nächste Blogeintrag möglichst bald wieder von ganz anderen Dingen handeln kann.
So sieht im Moment unser Alltag aus: Sirenen, kurze Wege zum Schutzraum, ungewöhnliche Wohnsituationen, vielerorts Zerstörung. Sich immer wieder aufrappeln. Keine Möglichkeit, irgendetwas zu planen. Dazwischen erstaunlich normale Momente: Menschen gehen einkaufen, sitzen im Café, arbeiten, beginnen ein neues Semester.
Während ich diesen Text schreibe, hoffe ich, dass der nächste Blogeintrag möglichst bald wieder von ganz anderen Dingen handeln kann.
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