Ich befand mich während der Einschläge im Schutzraum meines Büros, von dem ich hoffe, dass er seiner Bezeichnung Ehre macht. Im Gegensatz zum Schutzraum zu Hause ist er geräumig, gut ausgestattet und bietet Platz für Dutzende Menschen. Mein Büro liegt direkt daneben, fünf Sekunden, und ich bin unten.
Doch trotz der hervorragenden Einrichtungen ist das Bürogebäude fast menschenleer. Längere Anfahrtswege halten meine Kollegen davon ab, zur Arbeit zu fahren. Autofahren gleicht einem Spiessrutenlauf – Sirenen unterwegs zu erleben, ist alles andere als angenehm. Und dann sind da ja noch die Kindergarten- und Schulkinder, die zu Hause betreut werden müssen.
Doch ich geniesse den Tag im Büro. Zuhause treibt mich das ständige Hin und Her zwischen Hausarbeit, ablenkenden Familienmitgliedern und dem verzweifelten Versuch, im Homeoffice konzentriert zu bleiben, fast in den Wahnsinn.
Auch mein Sporttraining am frühen Morgen hat wieder Spass gemacht, war belebend und verlief – im Gegensatz zum Tag davor – sogar ohne Sirenengeheul. Eine kleines Stück Normalität, an dem man sich festhalten kann.
Gegen Mittag fand unser monatliches Teammeeting statt, diesmal online anstatt im Besprechungsraum. Es war ein surreales Treffen: fünfzehn Menschen, über das ganze Land verteilt, die nur darüber sprechen, wie viele Sirenen es bei jedem gegeben hat und wo es gerade mehr oder weniger sicher ist. Worüber sprechen Menschen eigentlich, die nicht im Krieg leben? Nach wenigen Minuten zwangen uns die Sirenen erneut, uns in Eile zu zerstreuen. Ich eilte in den Schutzraum im Keller – siehe oben.
Kurz nachdem ich mich am späteren Nachmittag ins Auto setzte, um nach Hause zu fahren, meldete das Radio erneut Raketen aus dem Iran. Am Strassenrand standen Menschen, die vorsichtiger als ich schon ihre Autos angehalten hatten. Ich fuhr weiter und schaffte es tatsächlich ohne Alarm nach Hause.
Es ist deprimierend in diesen Tagen: Müssiggang ist in lebensbedrohlichen Situationen keine Option, aber Arbeiten ist kaum möglich. Meine Motivation erreicht einen Tiefpunkt. Es ist schwer, Sinn in der Arbeit zu erkennen, wenn man sich ständig um seine Sicherheit sorgen muss und wenn die Zukunft völlig ungewiss ist.
Doch noch nervenaufreibender als das Sirenengeheul ist das Auseinanderfallen des gewohnten Rahmens – das Gefühl, dass die Normalität Stück für Stück zerbricht.
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