Die Baustelle

Bei uns zuhause herrscht der Ausnahmezustand. Ich weiss nicht, ob das andernorts auch so ist, aber in Israel scheint Bauen eine äusserst unexakte Wissenschaft zu sein. Da stellt man sich etwas vor, trifft sich mit dem Bauleiter, macht Pläne und dann kommt von der ersten Minute an alles anders als geplant. Das ganze Projekt ist nichts als eine Anhäufung unvorhergesehener Notfälle, die irgendwie aus dem Stegreif gelöst werden müssen. Und wie ich schon in früheren Bauprojekten erfahren habe, scheint auch dieser Baumeister von seiner Arbeit nicht die geringste Ahnung zu haben. Als gäbe man einem zufällig aufgegriffenen Menschen die Aufsicht über eine komplizierte Herzoperation. Oh, hier blutet es – was machen wir jetzt?

Wenige Stunden nachdem die Bautruppe mit Abbruch-, Meissel- und anderen Geräten bei uns eintrifft, herrscht im ganzen oberen Stockwerk ein heilloses Durcheinander. Nur in unserem eigenen Schlafzimmer versuchen wir verzweifelt, die Oberhand über Dreck und Staub zu bewahren. In allen anderen Schlaf- und Badezimmern wird gearbeitet und sie können vorübergehend nicht benützt werden. So konzentriert sich unser Familienleben auf Stube und Gästezimmer im unteren Stock.

Wo der Bauleiter nicht zuständig ist, wirft höhere Gewalt unsere Pläne über den Haufen: Nachdem wir unseren Sohn feierlich und schweren Herzens dem Militär übergeben haben, in der Hoffnung, dass er dort bis Ende der Arbeiten gut aufgehoben ist, steht er nach nur drei Tagen für das Wochenende schon wieder vor der Tür. Und auch Sivan, die in den letzten Wochen inoffiziell immer mehr bei ihrem Freund gewohnt hat und nur ab und zu vorbeigekommen ist, um unsere Kreditkarte für eine Fahrt an die nächste Tankstelle auszuleihen, ist nun just auch wieder da. Ihr Auserwählter hat beschlossen, sein Glück für einige Zeit in Amerika zu versuchen. Wahrscheinlich wurde es ihm zuhause zu eng. Und sobald auf unserer Baustelle alle Türen aus den Angeln gestemmt und die Zimmer mit Farben und Materialien bestrichen worden sind, die trocknen sollten, tritt endlich der israelische Winter ein und beschert uns kräftigen Regen und eisige Winde.

Alle Kleider und Besitztümer unserer Kinder sind in Koffer verpackt, die nun in der Stube stehen, welche ausserdem auch mit ausrangierten Möbeln, Militärstiefeln und Baumaterialien vollgestellt ist. Über Sandsäcken und Kartons mit Badezimmerfliesen hängen Büstenhalter und Frottiertücher. Und kaum haben die Bauarbeiten im oberen Stockwerk begonnen, wird der untere Stock von einer feinen weissen Puderschicht überzogen, gerade wie im Schwarzwald, wenn es über Nacht zum ersten mal schneit.

Der Mensch hat nicht genügend Fantasie, um sich den Wahnsinn einer Apokalypse vorzustellen und deshalb habe ich auch gar nicht daran gedacht, dass ich kein Waschzimmer haben werde, und noch weniger, dass die Bauerei wahrscheinlich Wochen dauern wird, während denen der Zugang zu unserer Waschmaschine abgeschnitten ist. Nun türmen sich die weiss verstaubten Wäscheberge (in unserem Schlafzimmer!) und die Kinder streiten sich nicht nur über eine Schlafgelegenheit auf dem Sofa, sondern auch um das letzte Paar saubere Socken.

In der Mitte dieses Tohuwabohus, auf unserem Esstisch, auf welchem wir für jede Mahlzeit ausgebreitete Baupläne und Badezimmerarmaturen zur Seite schieben, tront der Computer meines Mannes. Eyal versucht, zwischen streitenden Kindern und hilflosen Arbeitern einige dringende Aufträge zu erledigen.

Am Ende wird alles gut, versuche ich mich zu beruhigen. Um die Kinder ein bisschen in die Schranken zu weisen, erzählen wir ihnen einmal mehr die Geschichte meiner Schwiegereltern, die Anfang der 50er Jahre zusammen mit weiteren 120,000 Juden aus dem Irak flüchten mussten. 850,000 Juden flüchteten aus den arabischen Ländern und der Flüchtlingsstrom war in jenen Jahren in Israel so gewaltig, dass Auffanglager errichtet und die Flüchtlinge in Zeltstädten untergebracht werden mussten. Die Familie meiner Schwiegermutter hinterliess in Bazra ein grosses Haus und florierende Geschäfte und lebte in Israel fast zwei Jahre im Zelt, schlief auf Strohsäcken und hütete einen bescheidenen Schatz von Kleidern und Mitbringseln in hölzernen Reisekoffern. Von der 13-köpfigen Familie teilten sich die Eltern und sieben der Kinder ein Zelt. Die älteren Kinder waren schon verheiratet (und lebten in anderen Zelten) oder wurden gleich ins Militär eingezogen. Später lebte die Familie in Holz- und Wellblechhütten, bis sie sich endlich eine einfache Zweizimmerwohnung in der Stadt leisten konnte.

Bescheidenheit, liebe Kinder, Bescheidenheit und Verzicht sind das Gebot der Stunde.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Organisation - WMDEDGT 12/2017

Abenteuer über den Wolken

Gedanken am Rhein