Der Blick aus dem Fenster erfolgt aus Israel, wo ich seit 1988 lebe. Geboren und aufgewachsen bin ich in der Schweiz. Aus meinem Fenster blicken auch Eyal, mein israelischer Mann und meine erwachsenen, sehr israelischen Kinder, Sivan, Itay und Lianne. Die Personen sind echt, unsere Namen aber frei erfunden.
Montag, 4. März 2019
Tischlein deck dich!
Unsere Tochter ist seit einigen Wochen Serviceverantwortliche in einem Schicki-Micki-Restaurant. Seit Sivan in dieser prestigereichen Funktion für den gesamten Service und das Servicepersonal zuständig ist, geht nun auch das ganze Drumherum bei unseren Familienmahlzeiten etwas anders über die Bühne: Als hätte sie nie etwas anderes getan, verteilt sie rigoros Aufgaben wie Tisch decken, Weinflasche öffnen, Getränke auftischen, abräumen, Geschirrspüler einräumen, undsoweiter. Sämtliche Anwesenden werden effizient rekrutiert, Befehle werden verteilt und erstaunlicherweise läuft unter dem energischen Regiment plötzlich alles ganz zackig ab. Ich staune nur noch – wo hat sie nur diese Autorität her? Ich selbst habe jahrelang immer vorgezogen, alles – meist zunehmend frustriert und verärgert – gleich selbst zu erledigen, weil ich im voraus schon wusste, dass ich nicht nachdrücklich genug sein würde, um die verwöhnten Kinder in Fahrt zu bringen. Sie hingegen setzt ein breites Lächeln auf, kommandiert alle herum – und schon läuft alles wie am Schnürchen.
Dafür fallen beim Essen jetzt Sätze wie:
Warum haben wir eigentlich keine Stoffservietten?
Der Broccoli dürfte schon noch etwas mehr Biss haben...
Calamarata-Pasta isst man mit Muscheln, Hummer oder Tintenfisch, aber sicher nicht nur mit Tomatensauce!
Das musst du mit etwas Balsamico-Crème dekorieren.
Was soll das heissen, du hast keine Balsamico-Crème?
Und, mit einem strengen Blick auf meine spülmaschinenstrapazierten Gläser: Also DAS würde bei uns nie durchgehen!
Mittwoch, 20. Februar 2019
Höchste Zeit für Diät
Seit ich die Fünfzig überschritten habe, nehme ich, zwar nur langsam und minimal, aber doch stetig zu. In den letzten drei Jahren habe ich – vielleicht wegen der hormonellen Umstellung – jedes Jahr durchschnittlich ein Kilo zugenommen, obwohl ich, gefühlt, kaum etwas esse. Sollte mein Gewicht konstant so weiter wachsen, werde ich im Alter von 120 Jahren 134 Kilo auf die Waage bringen. Das sind keine guten Aussichten, denn mit diesem Gewicht würde ich wohl kaum in einen Sarg passen.
Zum Glück gibt es heute für alles eine App und ich finde, es ist wieder einmal an der Zeit, mit der DiätApp "Noom" Kontrolle über mein Gewicht zu erlangen. Bei dieser App gebe ich Alter, Grösse, das aktuelle und das Zielgewicht, sowie die Strenge der geplanten Diät ein und sie spuckt mir die täglich erlaubte Kalorienzahl aus. Natürlich muss ich auch die Kalorien nicht selber zählen, sondern nur geflissentlichst jedes mir zugeführte Nahrungsmittel mit genauen Mengenangaben in der App vermerken. Die App erledigt die ganze Rechnerei für mich. Als Abnehmziel setzte ich vier Kilo, verteilt auf ein halbes Kilo pro Woche fest. Das scheint mir am frühen Morgen realisierbar.
Weil ich heute schon Sport getrieben habe, bin ich hungrig und erlaube mir ein reichhaltiges Müesli. Doch nach dem Morgenessen (1 Apfel, 1 Banane, 1 Joghurt, 1 Handvoll Nüsse, 2 Datteln, 2 EL Chia-Samen und 1 Kaffee mit Milch) stelle ich, zwar satt, aber ernüchtert fest, dass ich schon die Hälfte der erlaubten Kalorienzahl für diesen Tag verbraucht habe. Ich war wohl etwas zu streng mit mir, also passe ich den Diätplan an und schraube das wöchentliche Abnehmziel auf 0.3 kg hinunter. Zum Znüni esse ich 3 Cracker und ahne, dass ich heute um die Mittagszeit schon ein gravierendes Kalorienproblem haben könnte. Deshalb spiele ich noch etwas mit der App und lasse sie versuchshalber ausrechnen, wieviel ich mit nur 0.1 kg Abnahme wöchentlich heute noch essen dürfte. Nun, das sieht ja schon viel besser aus, und so eilig habe ich es ja nicht.
Nach dem Mittagessen komme ich dem Kalorien-Tageslimit aber trotzdem schon erschreckend nahe. Dann erinnere ich mich, dass ich das heutige Morgenjogging gar nicht eingegeben habe. Nachdem ich zehn Kilometer Laufen in die App gefüttert habe (es waren zwar nur sieben, aber ich runde grosszügig auf), relativiert sich das Kalorienmanko etwas und ich erlaube mir, zwei Schokoladenkugeln zu essen. Wegen einer bösen Vorahnung gebe ich die Schokokugeln aber gar nicht erst ein. Hingegen schraube ich jetzt das wöchentliche Abnehmziel auf Null hinunter, denn auch mein Gewicht beizuhalten und nur NICHT ZUzunehmen wäre ja schon ganz in Ordnung. Leider gerate ich aber trotzdem schon kurz nach dem Mittagessen in die roten Kalorienzahlen, und das wegen einem mickrigen Cappuccino! Als ich um 15 Uhr der Versuchung eines Apfelstrudels (2 Stück) erliege, gehen mir nicht nur endgültig die Kalorien, sondern zum Glück auch die Batterie des Handys aus.
Weil ich heute schon Sport getrieben habe, bin ich hungrig und erlaube mir ein reichhaltiges Müesli. Doch nach dem Morgenessen (1 Apfel, 1 Banane, 1 Joghurt, 1 Handvoll Nüsse, 2 Datteln, 2 EL Chia-Samen und 1 Kaffee mit Milch) stelle ich, zwar satt, aber ernüchtert fest, dass ich schon die Hälfte der erlaubten Kalorienzahl für diesen Tag verbraucht habe. Ich war wohl etwas zu streng mit mir, also passe ich den Diätplan an und schraube das wöchentliche Abnehmziel auf 0.3 kg hinunter. Zum Znüni esse ich 3 Cracker und ahne, dass ich heute um die Mittagszeit schon ein gravierendes Kalorienproblem haben könnte. Deshalb spiele ich noch etwas mit der App und lasse sie versuchshalber ausrechnen, wieviel ich mit nur 0.1 kg Abnahme wöchentlich heute noch essen dürfte. Nun, das sieht ja schon viel besser aus, und so eilig habe ich es ja nicht.
Nach dem Mittagessen komme ich dem Kalorien-Tageslimit aber trotzdem schon erschreckend nahe. Dann erinnere ich mich, dass ich das heutige Morgenjogging gar nicht eingegeben habe. Nachdem ich zehn Kilometer Laufen in die App gefüttert habe (es waren zwar nur sieben, aber ich runde grosszügig auf), relativiert sich das Kalorienmanko etwas und ich erlaube mir, zwei Schokoladenkugeln zu essen. Wegen einer bösen Vorahnung gebe ich die Schokokugeln aber gar nicht erst ein. Hingegen schraube ich jetzt das wöchentliche Abnehmziel auf Null hinunter, denn auch mein Gewicht beizuhalten und nur NICHT ZUzunehmen wäre ja schon ganz in Ordnung. Leider gerate ich aber trotzdem schon kurz nach dem Mittagessen in die roten Kalorienzahlen, und das wegen einem mickrigen Cappuccino! Als ich um 15 Uhr der Versuchung eines Apfelstrudels (2 Stück) erliege, gehen mir nicht nur endgültig die Kalorien, sondern zum Glück auch die Batterie des Handys aus.
Sonntag, 17. Februar 2019
Frühling
Weil mich dieses Wochenende zuviele Fotos aus der Schweiz erreichten und ich immer wieder neidvoll auf Berge und Skigebiete mit strahlend blauem Himmel blicken musste, während es bei uns so sehr stürmte, regnete und hagelte, dass man gar nicht nach draussen konnte und weil es jetzt, gerade nach dem Regen, am allerschönsten ist, genehmigte ich mir heute morgen einen ausgedehnten Streifzug durch die Natur. Jetzt bin ich wieder sicher, dass der Rasen des Nachbarn gar nicht grüner ist als unserer oder aber auf jeden Fall – bestimmt nicht blühender!
Mittwoch, 13. Februar 2019
Zum Jubiläum...
Als wüsste man bei der BAZ vom Jubiläum meiner Brustkrebsdiagnose, erscheint in diesen Tagen ein Interview, welches ich mit solchem Wohlgefallen lese, dass ich dem zuständigen Journalisten sogar verzeihe, dass es für mich mit drei Jahren Verspätung kommt.
Nach meiner Brustkrebsdiagnose und vor allem in der Zeit nach der Behandlung machte ich mir unzählige Gedanken über die Frage, warum ich an Krebs erkrankt war. Was war der Trigger für das Entstehen eines Tumors und was hatte sein Wachstum in meinem Körper ermöglicht? Hätte ich mit gesünderer Lebensweise die Krankheit vermeiden können? Trug ich Schuld an meiner Krankheit? Ich vermutete, dass Krebs eine Zufallskrankheit ist, grübelte aber doch viel über krebsfördernde Nahrungsmittel, Umwelteinflüsse und die Bedeutung der psychischen Konstitution auf die Gesundheit nach. Heute, fast drei Jahre später, bin ich in meinem Glauben gefestigt, dass bestimmte Nahrungsmittel oder Umwelteinflüsse zwar ungesund sein können, es aber keinen Sinn mehr macht, wenn man im Alter von 55 aufhört, Würste oder Zucker zu essen. Fast noch mehr Kopfzerbrechen bereitete mir aber die allgemeingültige Meinung, dass Gelassenheit, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit Voraussetzung für intakte Gesundheit seien. Als eine Kollegin viele Jahre vor mir an Krebs erkrankte, dachte ich insgeheim „Kein Wunder, so zerrüttet wie ihr Leben und so verbittert wie sie ist...“. So ist es auch nicht erstaunlich, dass ich mir nach der eigenen Diagnose bei jedem Streit mit dem Partner, den Kindern, bei Ungewissheit im Job oder sonstigem seelischem Stress einbildete, ich würde den nächsten Tumor schon in mir wachsen fühlen.
Unterdessen stehe ich wieder so sicher im Leben, dass ich esse worauf ich Lust habe, ab und zu Alkohol trinke und sogar mit mehreren Handys neben dem Bett schlafe. Wenn mich an manchen Tagen seelischer Unmut oder Verstimmungen fast zu erdrücken scheinen, nehme ich das heute wieder gelassen. Ein bisschen Stress wirft mich nicht mehr aus der Bahn. Ich habe die Annahme verworfen, dass ich Einfluss auf mein Immunsystem oder die Zellbildung in meinem Körper hätte. Doch zu dieser Überzeugung zu gelangen, war für mich ein langwieriger Prozess.
Prof. Dr. med. Bernhard Pestalozzi ist Leitender Arzt Onkologie und stellvertretender Direktor an der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie des Universitätsspitals Zürich und seine Worte sind einfach, klar und deutlich. Es hätte mir damals nach der Diagnose gut getan, wenn mir die zuständigen Fachleute so klipp und klar vermittelt hätten, dass ich mir über meine seelische Verfassung nicht den Kopf zermartern sollte.
Hier ein kurzer Auszug aus dem Interview vom 6.2.2019 in der BAZ:
BAZ: Mit welchem Vorurteil über Krebs wollen Sie aufräumen?
Nach meiner Brustkrebsdiagnose und vor allem in der Zeit nach der Behandlung machte ich mir unzählige Gedanken über die Frage, warum ich an Krebs erkrankt war. Was war der Trigger für das Entstehen eines Tumors und was hatte sein Wachstum in meinem Körper ermöglicht? Hätte ich mit gesünderer Lebensweise die Krankheit vermeiden können? Trug ich Schuld an meiner Krankheit? Ich vermutete, dass Krebs eine Zufallskrankheit ist, grübelte aber doch viel über krebsfördernde Nahrungsmittel, Umwelteinflüsse und die Bedeutung der psychischen Konstitution auf die Gesundheit nach. Heute, fast drei Jahre später, bin ich in meinem Glauben gefestigt, dass bestimmte Nahrungsmittel oder Umwelteinflüsse zwar ungesund sein können, es aber keinen Sinn mehr macht, wenn man im Alter von 55 aufhört, Würste oder Zucker zu essen. Fast noch mehr Kopfzerbrechen bereitete mir aber die allgemeingültige Meinung, dass Gelassenheit, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit Voraussetzung für intakte Gesundheit seien. Als eine Kollegin viele Jahre vor mir an Krebs erkrankte, dachte ich insgeheim „Kein Wunder, so zerrüttet wie ihr Leben und so verbittert wie sie ist...“. So ist es auch nicht erstaunlich, dass ich mir nach der eigenen Diagnose bei jedem Streit mit dem Partner, den Kindern, bei Ungewissheit im Job oder sonstigem seelischem Stress einbildete, ich würde den nächsten Tumor schon in mir wachsen fühlen.
Unterdessen stehe ich wieder so sicher im Leben, dass ich esse worauf ich Lust habe, ab und zu Alkohol trinke und sogar mit mehreren Handys neben dem Bett schlafe. Wenn mich an manchen Tagen seelischer Unmut oder Verstimmungen fast zu erdrücken scheinen, nehme ich das heute wieder gelassen. Ein bisschen Stress wirft mich nicht mehr aus der Bahn. Ich habe die Annahme verworfen, dass ich Einfluss auf mein Immunsystem oder die Zellbildung in meinem Körper hätte. Doch zu dieser Überzeugung zu gelangen, war für mich ein langwieriger Prozess.
Prof. Dr. med. Bernhard Pestalozzi ist Leitender Arzt Onkologie und stellvertretender Direktor an der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie des Universitätsspitals Zürich und seine Worte sind einfach, klar und deutlich. Es hätte mir damals nach der Diagnose gut getan, wenn mir die zuständigen Fachleute so klipp und klar vermittelt hätten, dass ich mir über meine seelische Verfassung nicht den Kopf zermartern sollte.
Hier ein kurzer Auszug aus dem Interview vom 6.2.2019 in der BAZ:
BAZ: Mit welchem Vorurteil über Krebs wollen Sie aufräumen?
Herr Pestalozzi: Krebs entsteht nicht, weil man die falsche psychische Haltung oder zu viel Stress hat. Wenn es um das Verhalten geht, so kann ich nur sagen: Hören Sie um Himmels willen mit dem Rauchen auf! Das ist wirklich wichtig. Krebs ist eine körperliche Krankheit; es sind Zellen, die sich unkontrolliert vermehren. Das hat nichts mit negativem Denken zu tun! Krebs ist keine seelische Krankheit. Wer dieser Meinung ist, bürdet den Betroffenen zusätzlich die Schuld an ihrer Krankheit auf.
BAZ: Gibt es Studien dazu?
Herr Pestalozzi: Ja. Und die zeigen: Depressive Menschen erkranken später nicht häufiger an Krebs. Es gibt keine «Krebspersönlichkeit».
BAZ: Gibt es Studien dazu?
Herr Pestalozzi: Ja. Und die zeigen: Depressive Menschen erkranken später nicht häufiger an Krebs. Es gibt keine «Krebspersönlichkeit».
Dienstag, 29. Januar 2019
Die Feinschmeckerfreundin
In der Schule meiner Tochter Lianne ist es seit einiger Zeit zur Gewohnheit geworden, dass die Schulkolleginnen ihren Freundinnen zum Geburtstag einen Geburtstagskuchen in die Schule bringen. Dem Perfekten-Instagrambilder-Zeitalter entsprechend übertreffen sich die Mädchen dabei immer mehr mit überbordenden Schokoladedekorationen. Die Kuchen werden mit Schokoladeriegeln, Schokoladekugeln, Pralinen und allen möglichen Süssigkeiten beladen und oft entstehen dabei bedrohlich befrachtete Werke, die an den Turmbau zu Babel erinnern. Einmal musste ich meine Tochter sogar mit so einem kunstvollen Gebilde zur Schule fahren, weil sie damit ja nicht den Schulbus nehmen konnte. Was man nicht alles für die lieben Kleinen macht! Oft bekommt ein Geburtstagskind mehrere Schokoladekreationen auf einmal, die die Kinder dann in der Pause gemeinsam verschlingen.
Was für ein erfreuliches Kompliment für meine Kochkünste, als die Freundin meiner Tochter ausrichten lässt, sie wünsche sich für ihren Geburtstag nicht etwa einen weiteren Schokoladekuchen, sondern – genau dasselbe Avocado-Pausenbrot, um welches sie meine Tochter jeweils beneidet!
Hier das Rezept für das begehrte und offensichtlich schulbekannte Avocadosandwich:
Gutes frisches Brot. Reife Avocado, in dünne Scheiben geschnitten, leicht auf dem Brot zerdrückt und mit wenig Salz und einigen Tropfen Zitrone gewürzt. Mit einigen hauchdünnen Scheiben Fetakäse und dünnen Tomaten- und Paprikascheiben belegen. Guten Appetit! Und alles Gute zum Geburtstag!
Was für ein erfreuliches Kompliment für meine Kochkünste, als die Freundin meiner Tochter ausrichten lässt, sie wünsche sich für ihren Geburtstag nicht etwa einen weiteren Schokoladekuchen, sondern – genau dasselbe Avocado-Pausenbrot, um welches sie meine Tochter jeweils beneidet!
Hier das Rezept für das begehrte und offensichtlich schulbekannte Avocadosandwich:
Gutes frisches Brot. Reife Avocado, in dünne Scheiben geschnitten, leicht auf dem Brot zerdrückt und mit wenig Salz und einigen Tropfen Zitrone gewürzt. Mit einigen hauchdünnen Scheiben Fetakäse und dünnen Tomaten- und Paprikascheiben belegen. Guten Appetit! Und alles Gute zum Geburtstag!
Dienstag, 8. Januar 2019
2019
Morgen für Morgen betrete ich dasselbe Büro. Sitze stundenlang auf demselben Stuhl. Vor demselben Bildschirm. Trinke Kaffee aus derselben Tasse. Bearbeite dieselben Dokumente, die nie zur Neige gehen. Esse in der Kantine dasselbe Essen. Führe in der Kaffeeküche dieselben Gespräche. Trete am Ende des Tages aus derselben Türe und fahre nach Hause.
Ich betrachte die im Fenster vorbeiziehenden Wolken und nehme wahr, wie statisch hier drinnen alles ist. Wie sich alles ins Unendliche wiederholt, während die Zeit – wie die Wolken – nie stehenbleibt und die Jahre vergehen.
Samstag, 29. Dezember 2018
Feiertage
Die Weihnachts- und Neujahrstage gehen bei uns, erwartungsgemäss, sang- und klanglos vorbei. Kein Urlaub, kein Umherrennen, um Geschenke zu besorgen, kein Weihnachtsbaum, keine Silvesterparty. Arbeit, Alltag, die üblichen Verrichtungen, alles ganz unweihnachtlich. Kein Zeichen von Festlichkeit. In Haifa und anderen Orten, in denen Christen leben, soll es einige Feierlichkeiten geben, aber davon bekomme ich nichts mit, denn ich verbringe die Tage im Büro. Wenigstens geht es hier etwas ruhiger zu und her, denn auch unsere amerikanischen Arbeitskollegen sind im Feiertagsurlaub. Und ich? Zum Kaffee esse ich Weihnachtsgebäck, das ich per Post erhalten habe. Ich bringe Schokoladekläuse ins Büro und behänge damit die Topfpflanzen. Und in Gedanken verweile ich bei meiner Familie in der Schweiz.
Dass diese Tage hier so unbeachtet vorbeigehen, lässt mich nicht kalt. Einst konnte ich es sogar kaum ertragen. Unterdessen bin ich aber wohl schon einiges integrierter, oder einfach ernüchtert. Ich weiss, dass die meisten Feiernden in Europa Weihnachten nur als Pflichtprogramm angehen. Niemand hat so richtig Lust auf Familientreffen mit zu vielen Anwesenden, zu viel Lärm und zu viel Durcheinander. Die Kommerzialisierung des Festes finde ich abstossend. Und – die Geburt Jesu feiern? Zum Glück muss ich mich damit nicht auseinandersetzen. Ich hätte grösste Mühe, die traditionellen Festlichkeiten mitzufeiern oder gar meinen Kindern zu überliefern, ohne den tieferen Sinn zu hinterfragen. Und doch. Ganz gleichgültig werden mich diese Tage nie lassen. Denn Erinnerungen und Traditionen sind das, was in uns nie sterben kann.
Wenn ich an Weihnachten meiner Kindheit denke, erinnere ich mich an Tage des ungeduldigen Wartens auf das bezaubernde Fest. An Abende am Familientisch im Advent mit Kerzen, Liedern und Naschereien. An versteckte Geschenke im Kämmerchen, die wir durch das Schlüsselloch erspähen konnten. An nächtliche Schneeballschlachten auf dem Weg zur Weihnachtsmesse. An Schokolade, von welcher jede Nacht immer mehr vom geschmückten Baum verschwand, während der Dieb nie gefunden wurde. Auch Neujahr wurde immer gefeiert, und wenn es nur ein Rimuss war, den wir Kinder am Silvesterabend feierlich aus Sektgläsern trinken durften. Vor allem aber denke ich wehmütig an die klirrende Kälte, den Schnee und die ruhige, verzauberte Winterlandschaft.
Wer die „Heimat“ verlässt, wird auf Ewig als Entwurzelter zwischen zwei Welten leben. Das bedeutet auch, dass ich von beiden Welten das wählen kann, das mir zusagt. Unterdessen habe ich das viel beschaulichere und bescheidenere Chanukka lieben gelernt. Und doch vermisse ich etwas Unklares schmerzlichst, wobei mir ganz rationell bewusst ist, dass es sich wohl grösstenteils um Illusionen handelt. Illusionen einer Heimat. Sie werden nie verschwinden, auch wenn man nicht mehr an sie glaubt.
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