Feiertage


Die Weihnachts- und Neujahrstage gehen bei uns, erwartungsgemäss, sang- und klanglos vorbei. Kein Urlaub, kein Umherrennen, um Geschenke zu besorgen, kein Weihnachtsbaum, keine Silvesterparty. Arbeit, Alltag, die üblichen Verrichtungen, alles ganz unweihnachtlich. Kein Zeichen von Festlichkeit. In Haifa und anderen Orten, in denen Christen leben, soll es einige Feierlichkeiten geben, aber davon bekomme ich nichts mit, denn ich verbringe die Tage im Büro. Wenigstens geht es hier etwas ruhiger zu und her, denn auch unsere amerikanischen Arbeitskollegen sind im Feiertagsurlaub. Und ich? Zum Kaffee esse ich Weihnachtsgebäck, das ich per Post erhalten habe. Ich bringe Schokoladekläuse ins Büro und behänge damit die Topfpflanzen. Und in Gedanken verweile ich bei meiner Familie in der Schweiz.

Dass diese Tage hier so unbeachtet vorbeigehen, lässt mich nicht kalt. Einst konnte ich es sogar kaum ertragen. Unterdessen bin ich aber wohl schon einiges integrierter, oder einfach ernüchtert. Ich weiss, dass die meisten Feiernden in Europa Weihnachten nur als Pflichtprogramm angehen. Niemand hat so richtig Lust auf Familientreffen mit zu vielen Anwesenden, zu viel Lärm und zu viel Durcheinander. Die Kommerzialisierung des Festes finde ich abstossend. Und – die Geburt Jesu feiern? Zum Glück muss ich mich damit nicht auseinandersetzen. Ich hätte grösste Mühe, die traditionellen Festlichkeiten mitzufeiern oder gar meinen Kindern zu überliefern, ohne den tieferen Sinn zu hinterfragen. Und doch. Ganz gleichgültig werden mich diese Tage nie lassen. Denn Erinnerungen und Traditionen sind das, was in uns nie sterben kann.

Wenn ich an Weihnachten meiner Kindheit denke, erinnere ich mich an Tage des ungeduldigen Wartens auf das bezaubernde Fest. An Abende am Familientisch im Advent mit Kerzen, Liedern und Naschereien. An versteckte Geschenke im Kämmerchen, die wir durch das Schlüsselloch erspähen konnten. An nächtliche Schneeballschlachten auf dem Weg zur Weihnachtsmesse. An Schokolade, von welcher jede Nacht immer mehr vom geschmückten Baum verschwand, während der Dieb nie gefunden wurde. Auch Neujahr wurde immer gefeiert, und wenn es nur ein Rimuss war, den wir Kinder am Silvesterabend feierlich aus Sektgläsern trinken durften. Vor allem aber denke ich wehmütig an die klirrende Kälte, den Schnee und die ruhige, verzauberte Winterlandschaft.

Wer die „Heimat“ verlässt, wird auf Ewig als Entwurzelter zwischen zwei Welten leben. Das bedeutet auch, dass ich von beiden Welten das wählen kann, das mir zusagt. Unterdessen habe ich das viel beschaulichere und bescheidenere Chanukka lieben gelernt. Und doch vermisse ich etwas Unklares schmerzlichst, wobei mir ganz rationell bewusst ist, dass es sich wohl grösstenteils um Illusionen handelt. Illusionen einer Heimat. Sie werden nie verschwinden, auch wenn man nicht mehr an sie glaubt.

Kommentare

canadaeinfach hat gesagt…
"Wer die „Heimat“ verlässt, wird auf Ewig als Entwurzelter zwischen zwei Welten leben." - Besser kann man dieses Gefühl nicht beschreiben. Ich weiss genau, was du meinst. Tröstlich ist, dass die nächste Generation dieses Gefühl (in der Regel) nicht mehr kennt.
Yael Levy hat gesagt…
Liebe @canadaeinfach, das stimmt, ist für mich aber nicht unbedingt tröstlich. Ermunternd ist für mich eher der Gedanke, dass das Leben zwischen zwei Welten sicherlich bereichernder ist, als in einer. Liebe Grüsse nach Kanada!
Ich kann dich sehr gut verstehen. Und auch wenn ich so gut wie's geht versuche, dem Kommerz auszuweichen, so bin ich doch immer noch eingrosser Weihnachtsfan. Traditionen eben und, wie du es so schön beschreibst, wunderschöne Kindheitserinnerungen. Heute kommt der Baum aber auf den Balkon. Der Alltag hat mich wieder. Und ich freue mich auf die Tage am Meer - so lange dauert es nun nicht mehr.
Yael Levy hat gesagt…
Liebe Schreibschaukel, Tradition oder Innovation - das soll jeder für sich selbst entscheiden. Am besten ist wohl eine gesunde Mischung von beidem. Ich wünsche dir alles Gute für den Alltag! Und hoffentlich wird es dem Baum auf dem Balkon nicht allzu kalt!

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