Mittwoch, 26. Dezember 2018

Unfall am Kinafluss

Empfangskomitee in der Wüste

Unter der Woche sind Eyal und ich oft rund um die Uhr viel zu beschäftigt, deshalb gehen wir die Wochenenden gerne etwas gemütlicher an. Wir tun möglichst einfach NICHTS und es kann schon vorkommen, dass sich die Kinder wundern, wieviele Stunden wir müssig auf dem Sofa ausharren, während sie kommen und gehen. Nur ab und zu, wenn ich mich selbst vor Langeweile nicht mehr riechen kann, treffen wir uns mit Freunden, gehen ins Kino oder unternehmen einen Ausflug oder eine Wanderung.

Hier lächelt Eyal noch nichtsahnend in die Kamera, während
der Gestürzte im Hintergrund schon am Boden liegt
Wie aufregend die Wanderung am Wochenende werden würde, das konnten wir nicht ahnen, als wir der Einladung von einigen wanderfreudigen Bekannten zusagten. Unser Ziel war eine Rundwanderung in der Judäa-Wüste. Die Route verläuft im trockenen Flussbett des Kinaflusses und steigt schon im ersten Drittel in eine schmale Schlucht hinab, in welche der Fluss – in der kurzen Zeit des Jahres, in welcher er Wasser führt – über eine schroffe Felswand stürzt. Als wir am am oberen Teil der Felswand eintrafen, war kurz vor uns schon eine grössere Wandergruppe dort angekommen und mir fiel auf, dass unter den herumstehenden Wanderern eine seltsame Unruhe herrschte und mehrere der Leiter aufgeregt in ihre Funkgeräte sprachen. Wir hielten uns aber nur sehr kurz auf, um die spektakuläre Schlucht im Hintergrund zu fotografieren. Dann begannen wir den Abstieg in die Schlucht. Nach wenigen Minuten hatten wir das untere Becken des Wasserfalles erreicht, in welchem sich auch in der trockenen Jahreszeit immer Wasser befindet. Aus einem erfrischenden Bad wurde aber nichts, denn bald entdeckten wir mit Grauen, dass am Rande des Beckens ein schwer verletzter Wanderer lag, der am ganzen Körper zitterte und lautstark stöhnte. Nach einem kurzen Wortwechsel mit anderen Wanderern kapierten wir schockiert das Unfassbare: der Mann, der zu der Gruppe gehörte, die wir eben überholt hatten, war offensichtlich wenige Minuten vorher die ganze etwa zwanzig Meter hohe Felswand hinuntergestürzt. Er hatte Glück im Unglück und war unten im Wasserbecken gelandet. Jemand hatte ihn herausgefischt und einige Herbeigeeilte leisteten erste Hilfe.

Wir entfernten uns und legten an einem der nächsten kleinen Wasserbecken eine Pause ein, versuchten uns von dem Schock zu erholen, kochten Kaffee und rätselten, wie der Verletzte wohl aus der Schlucht transportiert werden würde. Zu uns gesellten sich weitere Wanderer und eine Familie mit drei kleineren Kindern und einem Hund, die allesamt badeten.

Wasserbecken laden zum Baden ein
Bald sahen wir Rettungsleute in leuchtendorangen Shirts und grossen Rucksäcken emsig die Schlucht hinunterklettern. Wenige Minuten später tauchte auch schon die Ambulanz in Form eines grossen Rettungshelikopters über unseren Köpfen am Rande der Schlucht auf. Wenn wir aber bis vor Kurzem gedacht hatten, dass wir von hier aus gemütlich dem Rettungsspektakel beiwohnen könnten, wurde uns nun blitzschnell klar, dass die kommenden Minuten alles andere als beschaulich sein würden. Der Helikopter versuchte, sich dem Wasserbecken am schmalen Ende der Schlucht zu nähern und verursachte dabei einen ohrenbetäubenden Lärm. Sand und Kieselsteine peitschten uns ins Gesicht und schon flogen die ersten Mützen, Kleidungsstücke, Brillen und Rucksäcke durch die Luft. Augenblicklich stoben alle Wanderer davon und flüchteten in die entgegengesetzte Richtung, in den flächer werdenden Teil der Schlucht. Auch ich packte meinen Rucksack und kletterte eilig auf allen Vieren davon. Zurückblickend sah ich, dass Eyal der Familie half, die badenden Kinder aus dem Wasserbecken zu ziehen. Weitere Männer kümmerten sich um den grossen Hund, der vor Schreck erstarrt keinen Schritt mehr vor- oder rückwärts zu machen gewillt war. Ich nahm mich der grösseren beiden Kinder an, die nun zu mir gestossen waren, schnappte ihre Schuhe, Kleider und Rücksäcke und gemeinsam suchten wir Schutz hinter einem Felsvorsprung. Während unsere Eingeweide und Trommelfelle ob dem höllischen Lärm zu zerbersten drohten, konnten wir beobachten, wie zwei Männer und eine Bahre aus dem Helikopter abgeseilt wurden.


Dann drehte der Helikopter ab und flog einige Runden über der Schlucht, während – so nehme ich an, denn das entzog sich unseren Blicken – der Verletzte behandelt und auf der Bahre festgezurrt wurde. Diese Pause benutzten wir, um unsere in alle Richtungen davongestobenen Wanderkollegen wiederzufinden und dann die Wanderung weiterzuführen. Wie der Verletzte in den Helikopter hochgezogen wurde, sahen wir dann erst am Abend zuhause in den Nachrichten.

Die Wanderung legten wir noch wie geplant zurück, aber unsere Gedanken und Gespräche drehten sich den ganzen Tag nur um den unglücklich Gestürzten. So sorgfältig wie an diesem Samstag habe ich noch auf keiner Wanderung jeden einzelnen Schritt gewählt. Und nun bin ich wieder bereit für einige langweilige Wochenenden in der heimischen Stube.

Die Kamele scheren sich einen Deut um das ganze Spektakel

Donnerstag, 20. Dezember 2018

Regen


Wenn sie denken, dass der in den Sommermonaten in Europa ausgebliebene Regen irgendwo im Universum verdunstet wäre, dann täuschen sie sich. Er ist einfach geographisch umgezogen und ergiesst sich nun bei uns. Wie aus Kübeln. Das ist fantastisch. Wir können die Wassermassen gut gebrauchen. Schon ist alles grün. Es lebe der Klimawandel!

Samstag, 15. Dezember 2018

Guten Morgen!


Kurz vor sieben Uhr morgens laufe ich durch das morgensonnendurchflutete Porat. Porat ist ein verschlafenes Provinzkaff am Ende der Welt. Einige Bauernhöfe, Gewächshäuser, halbverrostete landwirtschaftliche Geräte, ein angebundener Esel, streunende Hunde. Das deutsche Äquivalent für Porat wäre wohl Hintertupfingen. Mein Gott, denke ich nun, während ich über die Dorfstrasse trabe, was hat ein halbwegs vernünftiger Mensch zu dieser frühen Morgenstunde in Hintertupfingen verloren? Bin ich eigentlich noch bei Trost? Ich habe laufend schon acht Kilometer hinter mir und ahne nun, dass ich wohl noch mindestens ebensoviele vor mir habe, um wieder nach Hause zurückzukehren. Nach Hintertupfingen bin ich geraten, weil ich kurz vor Vordertupfingen (hebr. Eyn Sarid) spontan eine unbekannte Abzweigung gewählt habe. Dann war die Gegend entlang den Erdbeerplantagen und Zitrushainen so verlockend, dass ich mich einfach vom Weg leiten liess. Während Laufen im israelischen Sommer eine Qual ist, weil man der Hitze zu keiner Tageszeit entkommen kann, ist es im Winter umso belebender. Besonders verfallen bin ich der Frische der frühen Morgenstunden. Der Himmel ist heute wolkenlos, als die Sonne um halb sieben aufgeht und der neue Tag anbricht. Kaum hat die Sonne den Horizont überstiegen, blendet sie schon in voller Kraft und verheisst einen fantastischen Tag. Trotzdem bleibt es angenehm kühl. Abgesehen von einigen oft kaum zu umgehenden Pfützen auf den Feldwegen  ein Überbleibsel vom letzten Regen  sind die Bedingungen zum Laufen ideal. Wie von selbst legen meine Füsse Kilometer um Kilometer zurück und als ich um acht Uhr wieder zuhause eintreffe, zeigt meine GPS-Uhr 17 Kilometer. Ja, ich bin nicht bei Trost und jetzt kann der Tag beginnen!

Dienstag, 4. Dezember 2018

Chanukka-Makrönchen

Santa in Jerusalem

Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, lebe schon drei Jahrzehnte in Israel und spreche und schreibe fast perfekt hebräisch. Gerade deshalb weiss ich persönlich nur zu gut, wie komplex und vielschichtig die Problematik der Entwurzelung ist. So gibt es bei uns zum Beispiel am ersten Chanukka-Abend – während in allen herkömmlichen jüdischen Familien Kartoffellatkes gebraten werden – Raclette. Wenn Weihnachten und Chanukka zeitlich zusammenfallen, kann es vorkommen, dass unsere Chanukkia mit Christbaumschmuck dekoriert ist. An Pessach sind die Matzen viel erträglicher, wenn man sie grosszügig mit Osterhasenschokolade belegt. Und im Dezember kommt früher oder später immer die Lust auf Weihnachtsgebäck. Manchmal habe ich aber den Verdacht, dass dieses, seit ich zum Judentum konvertiert habe, nicht mehr so recht gelingen will. Die Chräbeli, die ich kurz vor Chanukka gebacken habe, sahen noch ganz vielversprechend aus. Bis sich herausstellte, dass sie nach dem Backen am Blech klebten und beim Abkratzen in Stücke zerfielen. 

Heute backe ich Mandel/Pistazien-Makronen (Betty Bossi!). Weil ich nicht allzuviel Zeit habe, besorge ich eigens zu diesem Zweck einen Spritzsack mit gezackter Tülle. Damit werde ich die Makrönchen in wenigen Minuten ruckzuck aufs Blech spritzen. Beim Aufschrauben der Tülle reisse ich aber noch vor dem ersten Gebrauch ein Loch in den Sack. Was nun? Lange starre ich fassunglos das Loch an. Aber ha! So schnell lasse ich mich nicht unterkriegen! Ich bastle einen Spritzsack mit der Tülle und einem herkömmlichen Plastikbeutel. Dabei sollte ich doch wirklich schon wissen, dass, wer Abkürzungen sucht, schlussendlich immer länger unterwegs ist. Wie erwartet, platzt der Makrönchenteig mit der Tülle aus dem improvisierten Beutel. Ich bin verzweifelt. Ich werde wohl nicht darum herumkommen, die Makrönchen einzeln in mühsamer Handarbeit zu formen. Zuerst versuche ich aber, den Teig möglichst ohne Verluste aus dem Plastikbeutel zu schaben. Bald sind viel zu viel Geschirr, meine Hose, fast die ganze Küche und meine Arme bis zu den Ellenbogen mit klebrigem Teig verschmiert. Entmutigt wasche ich mir die Hände. Vom Fenstersims flackern mir dabei mahnend die Flämmchen der Chanukkakerzen entgegen. Täusche ich mich oder flüstern sie „Versuch’s doch mal mit Sufganiot?“


Chanukkia = acht- oder neunarmiger Chanukkaleuchter
Chräbeli = Anisgebäck
Latkes = Kartoffelpuffer
Matzen = dünne ungesäuerte Brotfladen
Sufganiot = rundes Teiggebäck mit Konfitürenfüllung, das am jüdischen Chanukkafest gegessen wird

Mittwoch, 21. November 2018

Die Wüstenwanderung

Die zweitägige Negevwanderung war fantastisch. Die monumentale Wüstenlandschaft ist grandios und atemberaubend. Die Nomaden-Atmosphäre – stundenlanges Gehen, der Aufenthalt in der freien Natur, fernab von bewohnten Orten, das Staubig- und Schmutzigsein, das abendliche Lagerfeuer, einfachstes Essen und die fehlende Internet- und Telefonverbindung – begeisterte mich. Wir entdeckten einige Wasserlöcher, antike Brunnen, wilde Tiere, vorzeitliche Wandmalereien und konnten uns am einzigartigen Wüstenpanorama kaum sattsehen. Zuerst wanderten wir etwa 16 Kilometer auf relativ einfachem Terrain und am Ende des ersten Tages schloss ich schon beinahe etwas voreilige Schlüsse über die Wanderfähigkeit der Israelis. Am zweiten Tag legten wir aber noch etwas drauf, kraxelten tatsächlich einige steile Hügel hoch und hinunter und durchwanderten eine Schlucht, die so eng war, dass wir die Rucksäcke abnehmen und einige von uns den Bauch einziehen mussten. Die letzten Kilometer legten wir fast rennend in der Dunkelheit zurück, da wir wohl zu lange bei der Mittagspause verweilt hatten. Als wir nach einem vollen Wandertag erschöpft beim Bus eintraffen, hatte meine GPS-Uhr 21 gewanderte Kilometer gemessen.


Aber nicht alles war rosig: Die Übernachtung im Zelt war traumatisch. Mein Schlafsack wärmte nicht genug und ich fror erbärmlich. Die dünne Campingmatte fühlte sich steinhart an, so dass ich schon nach wenigen Stunden auf keiner Seite mehr liegen und mich aber auch nicht mehr drehen konnte. Als ich nachts einmal nach draussen musste, krabbelte ich auf allen Vieren aus dem Zelt, weil mich nebst stechenden Rückenschmerzen schreckliche Muskelkrämpfe zu Boden zwangen. Ich fühlte mich 150 Jahre alt und verfluchte die Schnapsidee, in diesem Alter noch solch abenteuerliche Unterfangen mitmachen zu wollen. Seltsamerweise schienen die erbärmlichen Umstände meinen Gatten überhaupt nicht zu stören und das Echo seiner Schnarchgeräusche hallte in der Dunkelheit in mannigfacher Lautstärke von den schroffen Wüstenfelsen. Nach einigen Tassen auf dem Feuer gebrühten schwarzen Kaffees am frühen Morgen erholte ich mich aber schnell von den Strapazen der Nacht und bald fühlte ich mich wieder frisch und voller Tatendrang. Schlaf wird meines Erachtens zutiefst überschätzt.

Übrigens weiss ich jetzt auch, wo sich die Toiletten befinden: Hinter der vierten Akazie von links in der zweiten Biegung des trockenen Flusslaufs.











Samstag, 10. November 2018

Es geht los!

Mit dem schweizerischen Volkssport Wandern haben die meisten Israelis nicht viel am Hut. Sie können nur schwer nachvollziehen, warum man Berge hoch- und hinunterkraxeln oder scheinbar sinn- und ziellos durch die Gegend marschieren soll, wenn man doch die Natur viel gemütlicher beim stundenlangen Grillen mit Freunden, in einem Geländefahrzeug oder allerhöchstens beim Spazierengehen geniessen kann. Wandern ist den meisten Israelis zu anstrengend, zu unspektakulär, zu bescheiden, zu unauffällig. Ausserdem ist es zum Wandern an mindestens acht Monaten im Jahr einfach zu heiss.

Dabei hat Israel im nördlichen Teil des Landes oder in der Negevwüste im Süden naturliebenden Aktivmenschen unheimlich viel zu bieten. Aber auf den Pfaden der vielen Naturparks tummeln sich meist nur Frauen in unpassenden Schuhen, Kinder in Flipflops und Männer, die noch immer von den immensen Märschen erschöpft sind, die sie während ihrem dreijährigen Militärdienst bewältigen mussten  auch wenn dieser schon zwanzig Jahre zurückliegt.

Israel ist ein kleines Land und die meisten Parks, Flüsse und Wäldchen sind mir dank zahlreichen Kindergarten- und Klassenreisen und später mit anderen Familien gemeinsam organisierten Ausflügen bekannt. Diese Exkursionen bestanden meist aus kurzen gemütlichen Spaziergängen und ausgiebigen Rastpausen, wobei man die Bedürfnisse der Kinder als Grund vorschob. Später folgten einige private und selbst organisierte Wanderungen, die ganz interessant aber eben nicht genug herausfordernd waren.

Ich persönlich bin, was sportliche Aktivitäten anbelangt, ein ziemlich ungeduldiges Wesen. Ich habe keine Geduld für Gefasel oder Herumsteherei. Deshalb schwor ich mir vor einigen Jahren, als ich zunehmend verärgert auf einem schmalen Pfädchen an einem lauschigen Bach zwischen einigen Dutzend Flanierern Schlange stehen musste, hiermit mit Gruppenwanderungen in Israel ein für allemal abgeschlossen zu haben. Ich fasste diesen Entschluss mit grosser Reue, denn ich bin gerne aktiv, ich liebe die Natur und beides zu verbinden scheint mir ein sehr befriedigender Zeitvertreib, vor allem jetzt, da ich keine kleinen Kinder mehr im Schlepptau habe.

Nach einer längeren Wanderabstinenzphase habe ich nun aber endlich wieder Hoffnung: ich habe einen Wanderleiter aufgespürt, der genau die vielversprechenden, herausfordernden Treks anbietet, von denen ich träume. Und, oh Wunder, der wanderfreudige israelische Abenteurer hat zur Hälfte Schweizer Wurzeln, muss also das Wandern in den Genen haben! Flugs habe ich uns also für zwei mehrtägige Wanderungen angemeldet, die nichts für Weicheier sind. Um mich anzumelden musste ich ein längeres Formular ausfüllen, auf welchem ich unter anderem darzulegen hatte, wie es um unsere körperliche Fitness steht. Leider erwies es sich am Anfang als etwas schwierig, nähere Angaben zu den geplanten Wanderungen in Erfahrung zu bringen. Die einzigen Informationen, die mir der Wanderleiter vor der Anmeldefrist schickte, waren Meldungen im Sinne von „Bin gerade am Everest-Abstieg, melde mich wenn unten“ oder „Befinde mich im Kaukasus, keine Verbindung“ und so weiter. Bis ich also in Erfahrung bringen konnte, dass für den ersten geplanten Trek zwei mehrstündige intensive Wanderungen mit Übernachtung im Schlafsack unter freiem Himmel in der Negevwüste auf dem Programm stehen, waren wir schon angemeldet.

Zum Zeitpunkt der Anmeldung noch recht mutig, schwand mein Unternehmungsgeist mit jeder SMS und Whatsapp-Meldung von J. aus dem Himalajagebirge, aus Tadschekistan und aus der Mongolei. Bin ich wirklich ausreichend fit und technisch bewandert, um bei so einem Unternehmen mitzuhalten? Ganz zu schweigen von meinem israelischen Gatten, für den trotz unzähliger gemeinsam verbrachten Jahren Wandern so unverständlich geblieben ist, wie Fondue für Chinesen. Bestimmt hatte der Gute beim Unterschreiben unseres Hochzeitsvertrages vor bald drei Jahrzehnten nicht die geringste Ahnung, dass dieser Wisch nicht nur ein Freibrief für lebenslangen Genuss von Schweizer Schokolade war, sondern dass er sich mit seiner Unterschrift soeben verpflichtet hatte, mit mir in ferner Zukunft auf Berge zu kraxeln. Aber eben: Mitgegangen, mitgehangen! Für den Trek wurde er mit angemeldet. Punkt. Dabei verbrachte ER ja nicht nur die obligatorischen drei, sondern sogar vier Jahre im Militärdienst und ist somit bis heute sehr marschmüde.

Nun sehen wir Beide dem nächsten Wochenende also mit recht mulmigem Gefühl entgegen, besorgen aber unterdessen die notwendige Wanderausrüstung: Schuhe, Schlafsäcke, Campingmatten, Rucksäcke, Stirnlampen, Powerfood, Picknickgeschirr und so weiter. Nun bin ich sogar stolze Inhaberin von einem Paar Wanderstöcken und mehr oder weniger bereit für das Abenteuer. Nur eine Frage beschäftigt mich noch etwas: wo befinden sich eigentlich bei einer zweitätigen Expedition fern der Zivilisation die Toiletten?

Samstag, 29. September 2018

Abenteuer über den Wolken

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen, wusste einst schon Matthias Claudius. Von meiner Thailand-Reise gäbe es wahrlich viel zu erzählen. Dabei gilt Thailand ja eher als „Asien light“, denn es ist für Touristen sehr gut erschlossen. Für mich, die ich zum ersten mal nach Asien reise, ist es trotzdem sehr erstaunlich und beeindruckend, wie anders der asiatische Lebensstil ist. Wie abenteuerlich diese Reise werden würde, davon bekam ich schon bei unserem Air India Flug nach Bangkok über New Delhi einen Vorgeschmack.

Ein kurzer Blick ins Internet ergibt: Unzureichender Service, mangelhafte Technik, mieses Essen und stundenlange Verspätungen scheinen bei dieser Fluggesellschaft zur Tagesordnung zu gehören. Auch geplatzte Reifen, Notlandungen, betrunkene Piloten oder Ratten an Bord – all dies scheint bei Air India kaum jemanden zu erstaunen. Wir wählen die indische Fluggesellschaft für unseren Flug nach Bangkok aber trotzdem, denn die neue Flugroute über Saudiarabien verkürzt den Flug von Tel-Aviv nach New Delhi auf sensationelle sechs Stunden. Ausserdem ist der Flug verhältnismässig billig und wir sind gespannt auf das komfortable Langstreckenflugzeug, die Boeing 787.

Wenige Tage vor unserer Reise vernehmen wir aus den Nachrichten, dass ein Flug der Air India kurz nach dem Abheben wieder landen musste. Die Crew hatte vergessen, den Schalter zum Druckausgleich in der Kabine zu betätigen, worauf mehrere Passagiere aus Nase und Ohren zu bluten begannen und nach der Notlandung hospitalisiert werden mussten. Ich bin froh, dass dieser Vorfall einigermassen glimpflich abgelaufen ist und zuversichtlich, dass sich nach diesem Präzedenzfall bei den nächsten Flügen jeder einzelne Flugbegleiter bei Air India persönlich um den Schalter für den Druckausgleich kümmern wird.

Am Check-in Schalter erhalten wir drei Reisenden Sitzplätze in verschiedenen Reihen. Der Flug sei voll, versichert uns die Dame in Uniform, sie könne uns leider keine anderen Sitzplätze zuteilen.

Am Gate fallen mir die beiden Piloten auf – der eine mit dem traditionellen Turban und dem hochgezwirbelten Bart und Schnurrbart der Sikhs – die für mich eher wie Fabelwesen aus Tausendundeiner Nacht aussehen, als vertrauenerweckende Piloten. Man entschuldige meine fehlende politische Korrektheit.

Nachdem wir uns im Flugzeug diszipliniert auf unsere vorbestimmten Plätze setzen, stellen wir bald fest, dass die Sitzummern auf der Bordkarte nur eine gutgemeinte Empfehlung sind. Der indische Flugbegleiter geht äusserst locker auf die Wünsche der Passagiere ein und weist Sitzplätze nach seinem puren Gutdünken zu, noch bevor wir abheben. Jemand hat sich auf ihrem Sitz breitgemacht? Kein Problem, setzen sie sich doch einfach da hin, da ist gerade noch ein Platz frei. Sich nach den Nummern zu richten, scheint ihm völlig überflüssig und eigentlich hat er damit ja recht – schlussendlich würden ja wohl doch alle irgendwo Platz finden.

Als wir abheben, ist mir etwas mulmig zumute und ich überlege, bei welcher Flughöhe sich der Überdruck in der Kabine wohl bemerkbar machen würde.

Bald gleiten wir aber ruhig über den Wolken dahin und ich beruhige mich. Es scheint soweit alles in Ordnung zu sein. Wie erwartet hat das mit dem Druckausgleich diesmal reibungslos geklappt. Es fällt mir aber auf, dass die Crew ein sehr seltsames Verhältnis zu den Schaltern und Knöpfen im Flugzeug zu haben scheint: Das Licht geht mehrere Male zu nicht nachvollziehbaren Zeitpunkten an und wieder aus.

Das servierte Essen, für mich vegetarisch, besteht aus Reis, dazu gibt es Gemüse mit grüner Sauce (Curry) und Tofu mit roter Sauce (Curry) und ist höllisch scharf. In meinem Plastikbeutel mit Besteck stecken zwei Löffel und keine Gabel. Aber Verfehlungen, die die Flugsicherheit nicht beeinträchtigen, übersehe ich gerne grosszügig. Ich mag scharfes Essen und wenn man die Currysauce mit reichlich Reis konsumiert, ist sie essbar, wenn auch nach einigen Bissen meine Ohren dampfen und ich Schweissausbrüche habe. Auf die Nachspeise, süsse Griesskugeln in einer Sauce aus Zucker und Rosenwasser, verzichte ich nach einem vorsichtigen Probebiss.

Das Musikangebot beschränkt sich auf indische Musik, deshalb lese ich mein spannendes Buch ohne musikalische Untermalung. Der Flug verläuft angenehm ruhig, obwohl plötzlich das Licht angeht, nachdem sämtliche Reisenden eingenickt sind. Ich staune, aber eine Viertelstunde später geht das Licht genauso unerwartet wieder aus.

Eine gefühlte Ewigkeit später wundere ich mich, wie lange wir wohl schon unterwegs sind. Der Flug sollte ja nur sechs Stunden dauern. Ein Blick auf den Bildschirm vor mir ergibt: 37 Km bis zum Zielflughafen. Eyal und ich schauen uns staunend an. Siebenunddreissig Kilometer? Wir fliegen noch immer sehr hoch. Ob der Pilot wohl gerade seinen Turban neu richten muss und deshalb New Delhi verpasst hat? Einige Minuten später erfolgt aber die erwartete Durchsage, nur etwas dringender als wir uns das von anderen Flügen gewöhnt sind: „Wir landen in fünf Minuten. Bitte nehmen sie ihre Plätze ein, schnallen sich an und stellen sie die Lehnen gerade“. Darauf erfolgt eiliges Gewusel in der Kabine, alle Passagiere hasten auf ihre Plätze, die Flugbegleiter überprüfen in wenigen Sekunden, ob alles in Ordnung ist und ob die Passagiere angeschnallt sind. Meine Lehne steckt fest und lässt sich nicht gerade richten, aber dafür hat jetzt niemand Zeit. Pech gehabt! Kurz vor der Landung stürmt noch ein Passagier aus der Toilette und schafft es gerade noch, sich hinzusetzen, als wir tatsächlich nach wenigen Minuten landen. Erstaunlicherweise herrscht während der Landung vollkommene Dunkelheit in der Kabine und das Licht wird auch nicht eingeschaltet, als die Maschine schon zum Gate rollt. Erst als das Flugzeug vollständig zum Stehen kommt, atme ich auf.

Bis zu unserem Anschlussflug verbringen wir eine Stunde auf dem Flughafen von New Delhi, der sich grosse Mühe gibt, möglichst international zu erscheinen, was aber nur begrenzt erfolgreich ist. Im Fastfood-Bereich staunen wir bei McDonalds über die Hamburger aus Hühnerfleisch, da die Inder ja kein Rind essen. Wir schaffen es, einen Kaffee zu finden, der nicht allzusehr nach Curry schmeckt und suchen vor dem Weiterflug noch die Toiletten auf. Zum Glück sind diese mit WC-Schüsseln ausgestattet, das ist hier nicht selbstverständlich, aber ungewohnterweise bedient eine freundliche Dame beim Händewaschen für mich den Seifenspender und reicht mir zum Abtrocknen das Papier.

Dann geht es weiter zum nächsten exotischen Abenteuer: Flug New Delhi-Bangkok.

Dieser schmackhafte Imbiss wurde uns bei Bangkok Air serviert