Augenbrauen-Styling mit Zugabe


In Israel ist Vieles kompliziert. Vielleicht werden gerade deswegen soziale Kontakte meist sehr offen und unkompliziert gehandhabt.

Meine Tochter und ich haben heute um 21:30 Uhr einen Doppel-Termin zum Augenbrauen-Styling. Die Kosmetikerin meiner Wahl ist eine junge alleinerziehende Frau, die an einen offensichtlichen Nichtsnutz von Mann geraten ist und nun mit ihren Kindern nach der Scheidung bei den Eltern lebt. Dort führt sie gemeinsam mit ihrer Mutter ein kleines Kosmetikstudio. Ab und zu lasse ich mir von Shelly die Brauen richten. Shelly, die junge Kosmetikerin, hat dabei eine unvergleichlich sichere Hand. Deshalb sehe ich darüber hinweg, dass sie mir während der Behandlung ganz ungehemmt den Kopf mit ihren Problemen vollquatscht. Ausserdem wohnt sie nur fünf Gehminuten von mir entfernt, sie arbeitet hart, verdient wenig und ich gönne ihr diesen Verdienst, auf welchen sie angewiesen ist.

Unser Termin heute Abend ist auf eine Stunde angesetzt, zu welcher in unserem Haus jeweils schon ruhig der Tag ausklingt und wir schläfrig vor dem Flimmerkasten hängen. Shelly wird aber erst frei, nachdem ihre Jungs in den Betten sind. Heute schreibt mir Shelly per WhatsApp kurz vor dem Termin, dass wir schon um neun Uhr kommen können. Fantastisch, das scheint ja bestens geklappt zu haben mit dem Zubettgehen! Ich freue mich, denn je später die Stunde, desto schwieriger wird es für mich, mich vom Sofa aufzuraffen. Nach schweizerischer Art treffen wir genau um 21:00 Uhr bei Shelly ein. Im Vorgarten sitzen der Vater und der Nachbar bei einem Bier und passen auf die Jungs auf, die noch herumtoben. Mit Schlafengehen war das heute wohl nichts.

Im Studio lackiert Shellys Mutter die Nägel einer Kundin, deren Tochter probiert unterdessen die verschiedenen Nagellacke aus. Ich suche Shelly und finde sie in der Küche. Sie muss nur noch schnell das Geschirr vom Abendessen wegräumen, sie komme in zwei Minuten. Kein Problem, Lianne und ich begeben uns ins zweite Zimmer des Studios und bestaunen die verschiedenen Geräte. Dann kommt Shelly und macht sich sogleich mit sicherer Hand an Liannes wuchernde Brauen. Wie erwartet, arbeitet gleichzeitig auch ihr Mundwerk und bald wissen wir bestens Bescheid über die Probleme mit den Kindern, den Stuss mit dem Ex und den Trubel mit den Kundinnen. Durch die Öffnung zum Nebenzimmer, welche nur durch einen Vorhang verdeckt ist, hören wir die Unterhaltung der Mutter und ihrer Kundin. Von draussen dringen die Schreie der spielenden Kinder herein. Shelly arbeitet flink und sicher, dabei stört sie auch das Handy nicht, welches sie nun unter ihre Wange geklemmt hat, um mit einer Freundin die für den Freitag geplante Kindergeburtstagsfeier zu besprechen. Als Shelly aus dem Gespräch im benachbarten Zimmer etwas aufschnappt, mit dem sie nicht einverstanden ist, mischt sie sich lautstark ein und schon entwickelt sich ein hitziger Streit mit der Mutter im Nebenzimmer – über die Köpfe der Kundinnen hinweg.

Die lebhaften Diskussionen tun Shellys Arbeit keinen Abbruch. Bald sind Liannes Brauen perfekt gestylt. Mir brummt von diesem Wespennest schon der Schädel, aber jetzt bin ich dran. Lianne setzt sich unterdessen auf einen Stuhl und wartet. Im Nebenzimmer trifft neue Kundschaft ein. Hier wird bis spät in die Nacht hinein gearbeitet.

Weil Shelly immer auf Trab ist und keine Zeit dazu hat, bittet sie Lianne, an ihrer Stelle einige WhatsApp-Nachrichten auf ihrem Handy zu schreiben. Kein Problem, das macht Lianne gerne und während Shelly meine Brauen in Form zupft, diktiert sie Lianne Antworten auf die neuen Meldungen der letzten Stunden: Eine Freundin soll noch einen Geburtstagskuchen backen, eine andere muss Einweggeschirr organisieren. Die Kindergärterin wird angewiesen, dass einer der Jungen morgen einen Termin in einer Klinik hat und deshalb vom Unterricht fernbleiben wird. Undsoweiter. Es gibt viel zu organisieren mit drei kleinen Kindern, einer Geburtstagsparty, Dutzenden von Kundinnen und einem Ex, der nur zur Last fällt.

Dann sind die Nachrichten an den Ex dran, der offensichtlich die Aufgabe hat, den Jungen morgen in die Klinik zu begleiten. Jetzt geht es ans Eingemachte, die Meldungen folgen im Schlagabtausch. Die Beiden gehen nicht gerade zimperlich miteinander um. Shelly diktiert und Lianne schreibt sich in Rage. Ich mache mir ernsthafte Sorgen um meine Brauen. Dann gibt Shelly in genauem Diktat Ort und Uhrzeit des morgigen Termins an.

„Morgen?“ versichert sich der Ex.
„Ja natürlich“ schreibt Shelly/Lianne, „davon rede ich doch schon seit Wochen.“
„Und wo genau ist diese Abteilung in der Klinik?“ tippt der Nichtsnutz-Ex umgehend zurück.
„Keine Ahnung“ diktiert Shelly über meine Brauen hinweg und Liannes Finger fliegen flink über die Tasten, „frag doch einfach nach“.
„Und stell dich nicht so dumm an!“ schiebt Lianne noch verärgert hinterher – frei improvisiert!

Damit ist die Diskussion und auch die Arbeit an meinen Gesichtshärchen abgeschlossen. Kurz nach zehn verlassen wird das Studio und bahnen uns einen Weg nach draussen, durch wartende Kundinnen, biertrinkende Männer und eine Horde trampolinhüpfender Kinder im Vorgarten.

Ein Blick in den Spiegel zuhause ergibt perfekt und sauber gestyle Brauen – wie immer!

Kommentare

Eska Fenster aus Polen hat gesagt…
Ein toller Eintrag! Danke! :)
Yael Levy hat gesagt…
Danke @Eska Fenster!
Schreibschaukel hat gesagt…
Die Brauen wieder perfekt, die Augen immer noch schön und der Text - klasse! Weisst du - ich würde irgendwann gerne mal einen Roman von dir lesen.
Yael Levy hat gesagt…
Liebe Schreibschaukel,
Danke für das Kompliment! Ein Roman? Wer weiss? Kommt vielleicht irgendwann noch...

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