Fest der Liebe


Gestern war Tu B’Av, ein kleiner jüdischer Feiertag, der in der Nacht zwischen dem 14. und 15. Tag des Monats Av beginnt, einer Vollmondnacht. Tu B'Av gilt als Freudentag und wird im modernen Israel als Fest der Liebe gefeiert. Viele Paare begehen diesen Tag mit einem romantischen Essen oder man beschenkt sich mit Blumen oder kleinen Aufmerksamkeiten. Bei uns ging das Fest nach einem intensiven Arbeitstag ziemlich sang- und klanglos über die Bühne. Aber immerhin habe ich mir etwas Gedanken gemacht, während wir ganz unromantisch auf dem Sofa dahindösten. Dabei handelt es sich aber nicht etwa um eine Formel für langjährige Partnerschaften oder gar eine grosskotzige Definition für den wohl unumschreiblichen Begriff Liebe. Eher vage Gedanken. Worauf beruht Zuneigung? Was verbindet zwei Menschen, die oft total verschieden sind? Was hält gewisse Paare zusammen? Und warum trennen sich andere, die doch eigentlich zusammenpassen sollten?

Mit meinem Gatten und mir, zum Beispiel, verhält es sich wie mit der Hummel, die ja bekanntlich nach den Gesetzen der Aerodynamik nicht fliegen kann. Sie denkt aber einfach nicht zuviel darüber nach. Deshalb fliegt sie trotzdem.
Eyal und ich passen überhaupt nicht zusammen. Ein Verkuppler hätte bestimmt in jeder Hinsicht von dieser Verbindung abgeraten, die vor 35 Jahren ihren Anfang nahm. Mit welch verschiedenen Ansatzpunkten wir das Leben in Angriff nehmen, ist mir erst letztes Wochenende wieder aufgefallen:

Ach! Ich habe soviel zu tun, ich weiss gar nicht womit ich anfangen soll! Ich werde das ganze Wochenende arbeiten müssen! Ich weiss vor lauter Arbeit nicht wo mir der Kopf steht! – jammert ER schon kurz nach dem Aufstehen.
Dann geht er an den Strand, wo er mit seinen Männerfreunden den Morgen beim Baden und Plaudern verbringt. Wenn es gegen Mittag zu heiss wird, kommt er nach Hause und liest in der kühlen Stube drei verschiedene Zeitungen. Nach dem Mittagessen erholt er sich bei einem ausgiebigen Nickerchen von der Arbeit, die auf seinen Schultern lastet.

Ich hingegen stehe am Morgen auf, giesse mir einen ersten Kaffee ein und freue mich auf den Tag. Ach wie schön! Ein ganzes Wochenende liegt vor mir und ich habe überhaupt keine Verpflichtungen! Dann gehe ich noch vor dem Morgenessen eine längere Runde Joggen, erledige die Wäsche, räume den Geschirrspüler aus, giesse die Pflanzen im Garten, backe einen Zopf und einen Kuchen und bringe das Altpapier und das Altglas weg. Bis zum Nachmittag habe ich die Gartenmöbel abgefegt, das Badezimmer geputzt, die Wäsche verräumt, ein viergängiges Menu gekocht und die Küche wieder auf Vordermann gebracht. Zum Ausruhen stricke oder blogge ich eine halbe Stunde, dann reinige ich die Kaffeemaschine, mähe den Rasen und beziehe das Bett frisch.

Gegen Abend treffen wir uns auf dem Sofa, ich müde und zufrieden über ein Wochenende ohne besondere Verpflichtungen, er beim Patience legen und gelähmt von der Last der Arbeit, die immer schwerer auf sein Gewissen drückt.

Er und ich sind die unterschiedlichsten Persönlichkeiten, die man sich erdenken kann. Angenommen, ein Charakterprofil besteht aus 34,751 Punkten, dann habe ich auf dieser Erde die Person gefunden, die in jedem einzelnen der 34.751 Punkten mein extremstes Gegenstück ist.

In seiner Welt gibt es nur schwarz und weiss – ich sehe alles nicht nur in unzähligen Farben sondern auch aus einer 360 Grad Rundherumsicht.

Er ist zielorientiert – ich lebe im jetzt und heute.

Ich bin sinnlich, geniesse es zu riechen, zu fühlen, zu hören – für ihn zählen nur Zahlen und Fakten.

Ich esse und trinke gerne – ihm ist es egal womit er den Hunger stillt. Alkohol mag er gar nicht.

Er ist ein Spieler: Schach, Sudoku, Whist, Canasta, Backgammon – für mich sind Spiele eine unverständliche Qual.

Er sammelt jedes Stück Papier und hortet alles, das man irgendwann noch brauchen könnte – ich schmeisse alles weg.

Ich liebe Tiere: Katzen, Hunde, Vögel, interessante Insekten, alles was kreucht und fleucht – für ihn sind Tiere ärgerliches Ungeziefer, gleichzusetzen mit Ratten oder Kakerlaken.

Ich bin handwerklich begabt, kann malen, zeichnen, basteln, stricken, häkeln – er bringt keinen geraden Strich aufs Papier.

Er ist bei gesellschaftichen Anlässen der Mittelpunkt, der immer einen Witz und den richtigen Satz für jeden parat hat – ich bin gerne alleine. In Gesellschaft verstumme ich und wenn ich etwas sage, ist es meistens das Falsche.


Ich könnte diese Liste ins Unendliche fortführen. Wir sind Erde und Luft, Wasser und Feuer, Tag und Nacht, Südpol und Nordpol, Yin und Yang. Am besten denkt man wohl einfach nicht zuviel nach, weder über Aerodynamik noch über die Liebe. Sonst stürzt man ab.

Tu B’Av sameach! Ein schönes Fest der Liebe!

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