Ein Ausflug, den keiner will



Schulferien und angenehmes Frühlingswetter treiben an den Pessachfeiertagen fast alle Israelis aus den Wohnungen. Zu Tausenden, ja zu Millionen sogar (1,25 Mio Israelis sollen an Pessach Ausflüge unternommen haben, wird heute morgen in den Nachrichten berichtet) brechen sie auf. An Pessach ist alles übervoll, jedes Hügelchen besteigen die Israelis in Scharen, jedem Bächlein entlang trampeln sie dicht an dicht, mit Kind und Kegel. Die Strassen sind im ganzen Land katastrophal verstopft, denn wer nicht in der freien Natur unterwegs ist, fährt wenigstens in eines der unzähligen Shopping-Zentren.

Wer Menschenscharen nicht mag und nicht gerne im Stau steht, bleibt also an Pessach besser zuhause.

Genau das machen auch wir. Die Kinder hängen faul herum, schauen fern oder geniessen die neuen Gartenmöbel. Mir wird schnell langweilig, deshalb putze ich, räume auf, koche, werkle etwas im Garten. Da ich Frühaufsteherin bin, habe ich mein Tagessoll aber meist schon um die Mittagszeit erledigt und nach einer oder zwei Stunden lesen und faul herumliegen – wird mir langweilig.

Ein klitzekleiner Ausflug, ganz hier in der Nähe, wird doch wohl drinliegen, denke ich mir nach zwei Tagen Putzen, Kochen und Aufräumen, sonst kraxle ich ja schon bald die Wände hoch. Ein Strandspaziergang zum Beispiel, am späteren Nachmittag, wenn bestimmt alle Familien mit kleinen Kindern schon zuhause sind.

Lianne möchte nicht mit. Sie hat zwei Wochen Ferien und muss genau jetzt, in dieser Stunde, plötzlich Mathe lernen. Dagegen kann ich nichts einwenden. Ich suche weitere Opfer und finde sie in den beiden sechzehnjährigen Mädchen aus Brasilien, die wir in diesen Ferien beherbergen. Sie liegen auf ihren Betten im klimatisierten Zimmer und glotzten auf ihre Handys. Ich lade sie herzlichst ein, mitzukommen und sie sind zu anständig und getrauen sich nicht, nein zu sagen. Auch der Gatte, der schon das ganze TV-Programm leergeschaut hat, würde wohl lieber sitzen bleiben, ahnt aber, dass er meine Langeweile noch schlimmer zu spüren bekommen könnte, wenn wir zuhause bleiben.

Ich packe zwei Flaschen Wasser ein und wir ziehen los. Unser Ziel, der Strand von Mikhmoret, wo wir nordwärts nach Giv’at Olga gehen möchten, ist nur etwa eine Viertelstunde Autofahrt entfernt. Der Zustand auf den Strassen ist erträglich. Bis wir uns Mikhmoret nähern. Dort kommt uns auf der einspurigen Strasse in Richtung Strand eine nicht endenwollende Autoschlange entgegen. Bestimmt zwei Kilometer lang reiht sich Wagen an Wagen, die in langsamstem Schrittempo nur stockend vorwärts kommen. Wir fahren in die entgegengesetzte Richtung und bestaunen die Autoschlange. Was ist denn hier los? Wo kommen die alle her? Ist dies der Auszug aus Ägypten im 21. Jahrhundert? Viele haben Surfbretter auf dem Dach und sind mit Strandmatten und -Stühlen beladen. Je länger wir dem Stau entgegenfahren, desto unerklärlicher wird er uns. Wir wissen aber, dass auch wir auf der Rückfahrt in genau diesem Stau stehen werden und es jetzt schon kein Zurück mehr gibt. Eyal sagt kein Wort, aber sein Gesicht spricht Bände. Auch mein Tatendrang ist nullkommaplötzlich verflogen. Was für eine Schnapsidee, dieser Ausflug! Besser hätte ich zuhause noch Wäsche gebügelt!

Am Ziel unserer Fahrt wird uns klar, dass die ganze Blechlawine tatsächlich hier, auf genau diesem Parkplatz, ihren Ursprung hat. Weil jetzt, am späteren Nachmittag, starke Winde aufgekommen sind und es schon recht kühl ist, scheinen alle Strandbesucher den Strand zur selben Zeit verlassen zu wollen. Na ja, mir ist das erstmal egal, unser Ausflug fängt ja erst an. Wir gehen jetzt nordwärts, mit starkem Gegenwind. Der Strand zwischen Mikhmoret und Giv’at Olga ist mit seinen kleinen felsigen Buchten meines Erachtens einer der schönsten Israels. Ich ziehe energiegeladen los, merke aber bald, dass meine Mitwanderer ziemlich widerwillig mit dabei sind. Leider musste ich für diesen Ausflug Kompromisse eingehen, wenn ich überhaupt Partner gewinnen wollte und so verzichtete ich auf die Idee, mit zwei Autos loszufahren und eines am Ziel zu parkieren. Ergo würden wir dieselbe Strecke zurückgehen müssen, eine Tatsache, die der interessantesten Wanderung die Spannung nimmt und sie sinnlos und sysiphisch macht. Und dann noch die Aussicht auf den kilometerlangen Stau... Schon ziemlich sinnlos, dieses Unternehmen. Der Gatte trottet freudlos nebenher, die Mädchen schauen immer öfter auf ihre Handys. Wir kommen kaum vorwärts. Der Gegenwind scheint sie rückwärts zu drücken und die negative Aura, die sie umgibt, ist für mich buchstäblich sichtbar.

Nach zweieinhalb Kilometern gebe ich auf. Wir kehren um. Man kann die Leute nicht zu ihrem Glück zwingen.

Als wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang wieder in Mikhmoret eintreffen, ist der Strand schon fast leer. Jetzt stehen tatsächlich alle Strandbesucher auf der Strasse – und so bald auch wir. Die zwei Kilometer bis zur Kreuzung legen wir in etwa einer halben Stunde zurück, während im Auto eisige Stille herrscht.

Endlich dem Stau entkommen, gönnen wir uns ein grosses Eis. Das haben sich meine tapferen Wanderkameraden redlich verdient. Und am letzten Ferientag werde ich Fenster putzen!

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