Israelische Liebe

Das Telefon klingelt. Ich bin überrascht, eine unbekannte junge Frau am Telefon zu haben, die auch noch Schweizerdeutsch spricht. Sie ist eben erst aus der Schweiz hier in Israel eingetroffen und versucht, sich in dem noch fremden Land und mit ihrem israelischen Partner zurechtzufinden. Da ich, ohne falsche Bescheidenheit, aufgrund meiner langjährigen Erfahrung als Expertin für das Thema „Leben im Ausland“ gelte, möchte sie meinen Rat zu ihrer binationalen Beziehung und zu ihren Aussichten für die Zukunft einholen. Natürlich gebe ich gerne Auskunft.

In einer neuen Heimat Fuss zu fassen, hat viele positive Aspekte. Ein fremdes Volk, eine neue Sprache, eine andere Kultur und eine ungewohnte Religion von Grund auf kennenzulernen, ist eine immense Bereicherung. Das Weltbild, mit dem ich aufgewachsen und vertraut war, wurde komplett über den Haufen geworfen. Ich musste mich an neue Maßstäbe gewöhnen und siehe da, ich entdeckte, dass, was für die Einen das Nonplusultra ist, für die Andern eine nebensächliche Unwichtigkeit oder sogar völlig unverständlich sein kann. So ist mein heutiger Blickpunkt auf die Dinge ein ganz anderer als als er in der alten Heimat war und ich bin mir auch im Klaren, dass ich, hätte mich das Leben nur 100 km weiter nach Osten verschlagen, noch einmal ganz andere Wertvorstellungen kennengelernt hätte.

Seit bald dreissig Jahren lerne ich nun die hiesigen Gepflogenheiten, frage nach, versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen, sortiere aus und übernehme, was für mich stimmt. Ich bin noch weit davon entfernt, alles durchschaut zu haben, aber die wichtigste Lektion habe ich verstanden: nichts ist unumstösslich. Auch Ansichten und Werte, die wir tief verwurzelt glauben und von denen wir uns absolut überzeugt haben, entstehen grösstenteils aus örtlich bedingtem Konformismus. Sie sind vom sozialen Umfeld, von lokalen Gepflogenheiten und der allgemein herrschenden Meinung abhängig und haben an einem anderen Ort oft keine Gültigkeit mehr. Die Israelis ticken anders als die Schweizer und dass das jüdische Volk über eine jahrtausende alte interessante Geschichte verfügt, macht es besonders faszinierend. Ich habe dieses einzigartige Volk schätzen und lieben gelernt und mich so gut wie möglich integriert. Viele der hier typischen Verhaltensweisen kann ich heute gut verstehen, sehe sie aber immer noch als Aussenstehende.

Dann erkläre ich der jungen Frau auch, dass es mir mit den Jahren immer schwerer fällt, fern von meiner Familie zu leben. So sehr ich mich selbst zu überzeugen versuche, dass auch viele meiner Bekannten nicht unbedingt zahlreiche Geschwister oder gesunde Eltern haben, oder wenn doch, dies oft mit schlimmen Streitereien verbunden ist – die fehlenden familiären Beziehungen schmerzen immer mehr.

Für einen jungen Menschen mögen vier Stunden Flugentfernung von der Familie kaum besorgniserregend scheinen. Vergleichbar mit einem Glas Wasser, das man in der Hand hält. Es fällt kaum ins Gewicht. Aber alles ist eine Frage der Zeit. Auch ein Glas Wasser - wenn man es über Tage, Wochen oder Jahre in der Hand hält – würde uns irgendwann an den Punkt bringen, an welchem die Kräfte einfach nicht mehr ausreichen. Der Arm beginnt zu zittern, die Muskeln lassen einen im Stich und eines Tages muss man sich eingestehen - es geht nicht mehr. Bedenke das, sage ich zu ihr, Familie kann man nicht ersetzen und ein bis zwei Treffen im Jahr sind einfach nicht genug.

So philosophiere ich am Telefon vor mich hin, bis mich die junge Frau unterbricht - Ja, was rätst du mir nun, soll ich mich auf diese Beziehung einlassen, oder mit dem nächsten Flug wieder nach Hause reisen? Hakt sie nach.

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Natürlich ist das eben aufgeführte Gespräch fiktiv. Niemand schert sich einen Deut um meine Meinung in Beziehungsfragen, schon gar nicht verliebte junge Leute. Aber eine Meldung auf Facebook hat mich zum Nachdenken gebracht. Eine junge Frau aus der Schweiz hatte Fragen zu Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen in Israel und schon brannten meine Gedanken mit mir durch. Einst war ich auch in dieser Situation. Und heute?

Ein Leben im Ausland mag interessant und bereichernd und gleichzeitig nicht etwa einfach sein. Aber - den Gedanken, dass ich die vergangenen fünfzig Jahre in einem gemütlichen Schweizer Dorf oder einer hübschen eidgenössischen Stadt hätte verbringen können, ohne über die Alpen hinaus zu blicken, sprich, ohne die vorgenannten Erfahrungen zu machen, finde ich unvorstellbar und traurig. Mein Leben wäre um unzählige wertvolle Erkenntnisse ärmer. Bestimmt wäre ich aus irgendwelchen Gründen verbittert und müsste nicht nur wegen chronischem Fernweh in psychologische Behandlung.

Ziemlich sicher würde ich über die israelischen Zionisten wettern, denn auch ich würde die Berichte in den Medien nicht hinterfragen. Meine Kinder hätten Pali-Tücher an und wären Militärdienstverweigerer. Vielleicht würde ich Weihnachten und Ostern feiern. Und ich hätte einen blonden Mann mit blauen Augen und mit Schnauz (Schnauz tragen die Schweizer Männer, damit man sie von den Frauen unterscheiden kann). Wahrscheinlich könnte ich mit alledem auch ganz gut leben, aber zum Glück habe ich gelernt, nichts mit tierischem Ernst zu nehmen und Konformität zu hinterfragen.

Bei allem dafür und dawider - wäre mein Rat an die junge Frau überhaupt relevant? Könnte sie Amor den Rücken kehren, sich ganz vernünftig entscheiden, dass sie doch lieber Rösti als Humus isst, ihre Siebensachen packen und mit einem der nächsten Flüge wieder nach Hause fliegen, ohne ihrem heissblütigen Israeli ein Leben lang nachzutrauern?

Nun, es gibt keine Quintessenz in diesem Beitrag. Nur eine Menge Gedanken.

Hier singt die israelische Sängerin Alma Zohar über ihre indianische Liebe:

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