Ferien für Ältere

Eines der Privilegien, die man wieder zu schätzen weiss, wenn die Kinder älter werden, ist die Freiheit, Urlaub zu machen, wann immer man will und vor allem, ohne die Schulferien zu berücksichtigen. Die Sommerferien sind in Israel viel zu lang: acht Wochen für die Unterstufe und zehn Wochen für Mittel- und Oberstufe. Das ist insbesondere äusserst unpraktisch, da in fast allen israelischen Familien beide Elternteile meist Vollzeit arbeiten.

Im Juli, sofort mit Ferienanfang, werden die Kinderlein in alle nur erdenkbaren Ferienprogramme gesteckt. Danach werden die Grosseltern eingespannt. Oder die Eltern wechseln sich ab und machen den Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung. Und dann, wenn alle Stricke reissen, wenn alle Betreuungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind bis zum geht nicht mehr, wenn die Grosseltern vor Erschöpfung nicht mehr ans Telefon und die Kinder vor lauter TV-, PC- und Handy-Konsum die Wände hochgehen, dann verreisen in den letzten zwei bis drei Augustwochen fast alle israelischen Familien irgendwohin ins Ausland. 

Meine Arbeitskollegin verreist erst nächste Woche.
Bis dann turnen die Kinder im Flur und zwischen den Büros herum...
Jetzt werden die sonst immer überall verstopften Strassen von Tag zu Tag leerer. An der Arbeit bleibt es in den Fluren und den Büros gespenstisch ruhig. Die Läden sind leer. Die Innenstädte flimmern vor Hitze und wirken ausgestorben wie amerikanische Western-Kaffs nach dem Goldrausch.

Am Ben-Gurion Flughafen aber herrscht das Chaos. Tausende Menschen reisen stündlich ein und aus. Als an einem Tag dieser Woche das Gepäcksortiersystem ausfällt, wird der Flughafen zum Super-GAU. Ein Durcheinander von Kindern und Koffern, soweit das Auge reicht! Im Internet kursieren Videos von Kinderscharen, die auf dem Spannteppich im Terminal zwischen Gepäckstapeln Fussball spielen, während die Eltern und das Personal stundenlang verzweifelt Koffer und Taschen zusammensuchen.  

In Israel ist umweltbewusstes Weniger-Fliegen noch nicht aktuell. Kein Wunder, denn Urlaub im Inland käme für eine mehrköpfige Familie meist teurer zu stehen als im Ausland. Und dann natürlich die Bruthitze, die von Tag zu Tag unerträglicher wird! Hier gibt es keine kühlenden Berge und Seen – deshalb muss es eine Auslandreise sein.



Und ich? Ich bleibe da! Und ich fahre hin, wo mein Herz begehrt, zu jeder Tageszeit, ohne über mögliche (oder eher ziemlich wahrscheinliche) Staus nachzudenken, wie an den übrigen 50 Wochen im Jahr. Ich kann mich endlich sogar zwischen 7 und 8 Uhr morgens auf die Strasse wagen und bin trotzdem sensationelle zwölf Minuten später schon im (ruhigen) Büro. Die Strassen gehören mir! DAS sind Ferien!

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