Abenteuer in Indien

Eine Arbeitskollegin beklagt sich, dass sie ständig viel zu beschäftigt sei, gerade auch privat. Sie hat drei noch jüngere Kinder und ich kann mich gut erinnern, dass auch für uns Juni immer eine sehr ausgelastete Zeit war. Täglich gab es Abschlussparties: im Judokurs, im Ballettkurs, in der Unterstufe, in der Oberstufe. Klassenfeste, Elternabende und Orientierungsanlässe für die kommenden Ferienprogramme oder das Pfadilager reihten sich aneinander. Es nahm jeweils kein Ende und damit wir zwei oder mehr Anlässen an einem Abend Folge leisten konnten, benötigten wir einiges an Organisationstalent und mussten manchmal noch ein drittes Kind mitschleppen, das eigentlich schon längst ins Bett gehörte.

Das ist aber schon einige Jahre her. Nun ist unser Haus ruhig, die Kinder sind nicht mehr zuhause. Ich habe den ganzen Abend nichts zu tun. Das aufgewärmte Essen steht schon in der Küche und wartet auf hungrige Kunden. Ja, der Boden müsste geschrubbt werden und die Fenster waren auch schon sauberer, aber ich finde, dass ich mir einige Stunden Auszeit redlich verdient habe.

Das Buch „Die Vertreibung aus der Hölle“ von Robert Menasse fängt spannend und vielversprechend an. Aber immer wieder schweifen meine Gedanken ab.

Unsere weltenbummelnde Tochter hat sich nach zwei Monaten in Thailand, Kambodscha und auf den Philippinen von ihrer Reisepartnerin getrennt. Zwei Monate intensive Partnerschaft rund um die Uhr waren wohl etwas zu viel des Guten für die beiden Freundinnen. Jetzt verweilt Sivan auf Durchreise in Bangkok und hat vor, alleine nach Nordindien zu gelangen. Der Flug sollte sie nach Delhi bringen und von dort plant sie, mit dem öffentlichen Verkehr in einer Tagesreise nach Dharamsala im Norden zu reisen.

Einst dachte ich, dass Bangkok Sodom und Gomorrha sei, aber wenn ich an Delhi denke, bin ich ganz beruhigt, wenn sie sich in Thailand noch etwas Zeit lässt. Unser Freund M., der in Indien geboren ist und dort seine Kindheit verbracht hat, meint zu Delhi nur trocken: „DA willst du nicht hin“. Es soll die Hölle auf Erden sein. Menschenleben sind in Indien nicht allzuviel wert und die Weiblichen haben dazu noch keine Rechte.

Seit ich von Sivan’s Plänen weiss, schrecke ich jede Nacht schweissgebadet hoch. Ich träume, wie mein kleines Mädchen mit grossem Rucksack in den verdreckten Strassen Delhis umherirrt und dabei von Horden blutrünstigen, geilen jungen Männern verfolgt wird, die sich noch nicht entschieden haben, ob sie die hübsche junge Frau zuerst berauben, vergewaltigen oder erschlagen sollen.

Nur den Dienstag überleben, denke ich mir, und von ihr gute Nachrichten erhalten, dann kann ich aufatmen und weiterleben. Doch dann verschiebt sie ihren Flug um eine Woche und verschafft mir damit viele weitere schlaflose Nächte.

Auch jetzt lege ich mein Buch zur Seite, tippe in Google „Main Bazar Delhi“ ein und sehe mir auf Fotos und Filmchen das Gewimmel von Leuten, Autos, Rikschas, Fahrrädern und Kühen in der dreckigen Strasse zwischen den abbröckelnden Fassaden des Bazars an. Zum Glück werden die Hitze und der Gestank nicht rübergebracht. Ich kann mich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren. Dafür lese ich im Internet Reiseberichte über Delhi. Wenn das nur gut gehen wird, denke ich.

Und – eigentlich würde ich ganz gerne wieder einmal einen Abend mit meinen Kindern an irgendeiner Unterstufen-Abschlussparty verbringen. 

Schon erreichen uns die Bilder per WhatsApp

Nachtrag: Bis ich diesen Beitrag geschrieben habe, ist Sivan gut in Dharamsala angekommen. Für den Flug nach Delhi und die Reise in den Norden hat sie sich einer Reisegruppe von weiteren jungen Israelis angeschlossen. Jetzt erholt sie sich vom Trauma der Busfahrt, die, laut ihrem Bericht, ein zwölfstündiges Schweben zwischen Leben und Tod war. Als sie uns am Telefon lebhaft davon erzählt, weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Für die kommenden Tage hat sich für einen Yogakurs und einen Vortrag des Dalai Lama angemeldet. Darf ich wieder einige Nächte durchschlafen?

Kommentare

Schreibschaukel hat gesagt…
Du meine Güte! Du hast mein volles Mitgefühl.
Vielleicht solltest du dich auch für einen Yoga Kurs anmelden...ihrer ist dann ja irgendwann wieder zu Ende.
Astridka hat gesagt…
Liebe Yael, über deinen Kommentar zu Dr. Ruth habe ich mich sehr gefreut und so quasi übers Meer per Internet zu dir gefunden. ich könnte mir vorstellen, dass das Verfolgen deines Blogs für mich eine echte Horizonterweiterung bedeutet, bin ich doch inhaltlich, was den Nahen Osten anbelangt, auf Saudi-Arabien fixiert ( wg. Raif Badawi ), dessen Spielart des Islam und was damit sonst noch zusammenhängt.

Mein wichtigstes Thema, mit dem ich mich viel beschäftige, das sind die tollen Frauen. Und da habe ich - nachdem es mir bewusst geworden ist, welch unermesslicher Schatz das deutsche Judentum für mein Land gewesen ist und wesentlich zu seiner Kultur und zu seinem wirtschaftlich- wissenschaftlichen Fortschritt beigetragen hat - kann ich nicht aufhören, danach zu forschen.
Du wirst also, angefangen bei Emma Herwegh auch jüdische Pionierinnen der Wissenschaft wie Emmy Noether, Lise Meitner, Clara Immerwahr, Marietta Blau wie Schriftstellerinnen wie Mira Lobe, Anna Seghers oder Nelly Sachs, Künstlerinnen wie Eva Hesse und Meret Oppenheim, aber auch solche Flugpionierinnen wie die Gräfin Schenk zu Stauffenberg bei mir porträtiert finden. Und das sind sie noch lange nicht alle mit jüdischen Wurzeln. Mir wird durch die Beschäftigung auch immer wieder klar, dass Neid auf so viel intellektuelle Potenz - und das bei Frauen! - auch eine Wurzel des Antisemitismus war.
Ich würde mich freuen, von dir zu hören.
Liebe Grüße aus Köln!
Astrid
Magdalena hat gesagt…
Hallo Yael, ich weiß genau, wovon Du redest. Meine Kinder sind schon lange aus dem Haus und sind, was neue Unternehmungen betrifft, nicht zu bremsen. Ich muss dann ab und zu mal durchatmen und auf ein wohl gesinntes Schicksal hoffen. Aber ich bin auch stolz auf den Mut und die Weltoffenheit. Ich freue mich, dass ich Deine Seite bei Astrid gefunden habe und komme gerne öfter lesen. Gute Nerven wünscht Dir
Magdalena
Yael Levy hat gesagt…
Liebe Astridka,
Danke für deinen Kommentar! Der Beitrag zu Dr. Ruth hat mich besonders beeindruckt, fand ich doch diese lebensfrohe Person schon immer faszinierend. Nun, da ich ihre Lebensgeschichte kenne, finde ich sie noch bewunderswerter! Deinen Blog verfolge ich gerne weiter.
Liebe Grüsse
Yael
Yael Levy hat gesagt…
Liebe Schreibschaukel und liebe Magdalena,
Danke für eure Kommentare! Es tut gut zu wissen, dass ich mitfühlende Leser*innen habe!
Yael

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