Mir ist Yom Kippur der liebste Feiertag von allen. Der jüdische Versöhnungstag hat einen ganz besonders faszinierenden Zauber. Obwohl ich selber säkular bin, färbt die spirituelle Stimmung an diesem Tag, an welchem die Juden ihre Sünden bereuen und um Vergebung bitten, sogar auf mich ab.
Unser Haus ist nicht religiös und unsere Kinder und ihre Freunde wiederspiegeln die religiöse Vielfalt der israelischen Gesellschaft: Lianne, die Sechzehnjährige, ist noch nicht gefestigt und probiert Verschiedenes aus. Während sie sich sonst sehr säkular gibt und über die religiöse Gehirnwäsche an ihrer Schule wettert, unterliegt sie am Versöhnungstag dem gesellschaftlichen Zwang ihrer Freundinnen und fastet. Dabei sind für sie aber nicht etwa 24 Stunden ohne Essen und Trinken die grosse Herausforderung, sondern – unglaublich und sensationell – sie rührt aus freier Wahl ihr Handy 24 Stunden nicht an.
Kaum ist der Feiertag angebrochen, versammeln sich die Kinder, die sich sonst tagelang mit Fernsehen und Handies in ihren Zimmern verschanzen, in der Stube. Lianne und der Gatte spielen Backgammon, ich lese und höre Musik (heute verboten, deshalb „leise“, bittet Lianne, „die Nachbarn hören mit“) und geniesse die TV-lose Zeit mit der Familie. Itay hingegen hält nicht viel vom Fasten, schliesslich ist er Soldat und möchte an seinem Urlaubswochenende Kräfte tanken, denn er muss am Sonntag wieder für 14 Tage einrücken. Er trinkt schon das zweite Bier und isst einen Hamburger mit Fleisch und Käse (erst recht verboten). Dann trudelt Sivan mit zwei Freundinnen ein, von denen die eine die religiösen Gesetze einhält, weswegen ich die Musik ausschalte, während die andere Hunger hat und ebenfalls einen Hamburger bekommt. Aus Rücksicht auf die Freundin isst sie diesen aber in der hintersten Küchenecke. Sivan selbst nimmt die religiöse Diversität ihrer Freundinnen locker und hat sich auch mehr als eine Stunde nach Einbruch des Fastentags noch nicht entschlossen, ob sie heute fasten will. Sie lässt es wohl darauf ankommen, was ihr an Essbarem bis am nächsten Abend angeboten wird.
Als Lianne am Abend aufbricht, um ihre Freunde im Dorfzentrum zu treffen macht sie eine ganz neue Erfahrung: Wie, wann und wo trifft man Freunde, wenn man kein Handy zur Verfügung hat? „Geh einfach und mach dir keine Sorgen“, sage ich zu ihr, „du wirst schon sehen, an Yom Kippur geschehen Wunder“.