Samstag, 15. Dezember 2018

Guten Morgen!


Kurz vor sieben Uhr morgens laufe ich durch das morgensonnendurchflutete Porat. Porat ist ein verschlafenes Provinzkaff am Ende der Welt. Einige Bauernhöfe, Gewächshäuser, halbverrostete landwirtschaftliche Geräte, ein angebundener Esel, streunende Hunde. Das deutsche Äquivalent für Porat wäre wohl Hintertupfingen. Mein Gott, denke ich nun, während ich über die Dorfstrasse trabe, was hat ein halbwegs vernünftiger Mensch zu dieser frühen Morgenstunde in Hintertupfingen verloren? Bin ich eigentlich noch bei Trost? Ich habe laufend schon acht Kilometer hinter mir und ahne nun, dass ich wohl noch mindestens ebensoviele vor mir habe, um wieder nach Hause zurückzukehren. Nach Hintertupfingen bin ich geraten, weil ich kurz vor Vordertupfingen (hebr. Eyn Sarid) spontan eine unbekannte Abzweigung gewählt habe. Dann war die Gegend entlang den Erdbeerplantagen und Zitrushainen so verlockend, dass ich mich einfach vom Weg leiten liess. Während Laufen im israelischen Sommer eine Qual ist, weil man der Hitze zu keiner Tageszeit entkommen kann, ist es im Winter umso belebender. Besonders verfallen bin ich der Frische der frühen Morgenstunden. Der Himmel ist heute wolkenlos, als die Sonne um halb sieben aufgeht und der neue Tag anbricht. Kaum hat die Sonne den Horizont überstiegen, blendet sie schon in voller Kraft und verheisst einen fantastischen Tag. Trotzdem bleibt es angenehm kühl. Abgesehen von einigen oft kaum zu umgehenden Pfützen auf den Feldwegen – ein Überbleibsel vom letzten Regen – sind die Bedingungen zum Laufen ideal. Wie von selbst legen meine Füsse Kilometer um Kilometer zurück und als ich um acht Uhr wieder zuhause eintreffe, zeigt meine GPS-Uhr 17 Kilometer. Ja, ich bin nicht bei Trost und jetzt kann der Tag beginnen!

Dienstag, 4. Dezember 2018

Chanukka-Makrönchen

Santa in Jerusalem

Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, lebe schon drei Jahrzehnte in Israel und spreche und schreibe fast perfekt hebräisch. Gerade deshalb weiss ich persönlich nur zu gut, wie komplex und vielschichtig die Problematik der Entwurzelung ist. So gibt es bei uns zum Beispiel am ersten Chanukka-Abend – während in allen herkömmlichen jüdischen Familien Kartoffellatkes gebraten werden – Raclette. Wenn Weihnachten und Chanukka zeitlich zusammenfallen, kann es vorkommen, dass unsere Chanukkia mit Christbaumschmuck dekoriert ist. An Pessach sind die Matzen viel erträglicher, wenn man sie grosszügig mit Osterhasenschokolade belegt. Und im Dezember kommt früher oder später immer die Lust auf Weihnachtsgebäck. Manchmal habe ich aber den Verdacht, dass dieses, seit ich zum Judentum konvertiert habe, nicht mehr so recht gelingen will. Die Chräbeli, die ich kurz vor Chanukka gebacken habe, sahen noch ganz vielversprechend aus. Bis sich herausstellte, dass sie nach dem Backen am Blech klebten und beim Abkratzen in Stücke zerfielen. 

Heute backe ich Mandel/Pistazien-Makronen (Betty Bossi!). Weil ich nicht allzuviel Zeit habe, besorge ich eigens zu diesem Zweck einen Spritzsack mit gezackter Tülle. Damit werde ich die Makrönchen in wenigen Minuten ruckzuck aufs Blech spritzen. Beim Aufschrauben der Tülle reisse ich aber noch vor dem ersten Gebrauch ein Loch in den Sack. Was nun? Lange starre ich fassunglos das Loch an. Aber ha! So schnell lasse ich mich nicht unterkriegen! Ich bastle einen Spritzsack mit der Tülle und einem herkömmlichen Plastikbeutel. Dabei sollte ich doch wirklich schon wissen, dass, wer Abkürzungen sucht, schlussendlich immer länger unterwegs ist. Wie erwartet, platzt der Makrönchenteig mit der Tülle aus dem improvisierten Beutel. Ich bin verzweifelt. Ich werde wohl nicht darum herumkommen, die Makrönchen einzeln in mühsamer Handarbeit zu formen. Zuerst versuche ich aber, den Teig möglichst ohne Verluste aus dem Plastikbeutel zu schaben. Bald sind viel zu viel Geschirr, meine Hose, fast die ganze Küche und meine Arme bis zu den Ellenbogen mit klebrigem Teig verschmiert. Entmutigt wasche ich mir die Hände. Vom Fenstersims flackern mir dabei mahnend die Flämmchen der Chanukkakerzen entgegen. Täusche ich mich oder flüstern sie „Versuch’s doch mal mit Sufganiot?“


Chanukkia = acht- oder neunarmiger Chanukkaleuchter
Chräbeli = Anisgebäck
Latkes = Kartoffelpuffer
Matzen = dünne ungesäuerte Brotfladen
Sufganiot = rundes Teiggebäck mit Konfitürenfüllung, das am jüdischen Chanukkafest gegessen wird

Mittwoch, 21. November 2018

Die Wüstenwanderung

Die zweitägige Negevwanderung war fantastisch. Die monumentale Wüstenlandschaft ist grandios und atemberaubend. Die Nomaden-Atmosphäre – stundenlanges Gehen, der Aufenthalt in der freien Natur, fernab von bewohnten Orten, das Staubig- und Schmutzigsein, das abendliche Lagerfeuer, einfachstes Essen und die fehlende Internet- und Telefonverbindung – begeisterte mich. Wir entdeckten einige Wasserlöcher, antike Brunnen, wilde Tiere, vorzeitliche Wandmalereien und konnten uns am einzigartigen Wüstenpanorama kaum sattsehen. Zuerst wanderten wir etwa 16 Kilometer auf relativ einfachem Terrain und am Ende des ersten Tages schloss ich schon beinahe etwas voreilige Schlüsse über die Wanderfähigkeit der Israelis. Am zweiten Tag legten wir aber noch etwas drauf, kraxelten tatsächlich einige steile Hügel hoch und hinunter und durchwanderten eine Schlucht, die so eng war, dass wir die Rucksäcke abnehmen und einige von uns den Bauch einziehen mussten. Die letzten Kilometer legten wir fast rennend in der Dunkelheit zurück, da wir wohl zu lange bei der Mittagspause verweilt hatten. Als wir nach einem vollen Wandertag erschöpft beim Bus eintraffen, hatte meine GPS-Uhr 21 gewanderte Kilometer gemessen.


Aber nicht alles war rosig: Die Übernachtung im Zelt war traumatisch. Mein Schlafsack wärmte nicht genug und ich fror erbärmlich. Die dünne Campingmatte fühlte sich steinhart an, so dass ich schon nach wenigen Stunden auf keiner Seite mehr liegen und mich aber auch nicht mehr drehen konnte. Als ich nachts einmal nach draussen musste, krabbelte ich auf allen Vieren aus dem Zelt, weil mich nebst stechenden Rückenschmerzen schreckliche Muskelkrämpfe zu Boden zwangen. Ich fühlte mich 150 Jahre alt und verfluchte die Schnapsidee, in diesem Alter noch solch abenteuerliche Unterfangen mitmachen zu wollen. Seltsamerweise schienen die erbärmlichen Umstände meinen Gatten überhaupt nicht zu stören und das Echo seiner Schnarchgeräusche hallte in der Dunkelheit in mannigfacher Lautstärke von den schroffen Wüstenfelsen. Nach einigen Tassen auf dem Feuer gebrühten schwarzen Kaffees am frühen Morgen erholte ich mich aber schnell von den Strapazen der Nacht und bald fühlte ich mich wieder frisch und voller Tatendrang. Schlaf wird meines Erachtens zutiefst überschätzt.

Übrigens weiss ich jetzt auch, wo sich die Toiletten befinden: Hinter der vierten Akazie von links in der zweiten Biegung des trockenen Flusslaufs.











Samstag, 10. November 2018

Es geht los!

Mit dem schweizerischen Volkssport Wandern haben die meisten Israelis nicht viel am Hut. Sie können nur schwer nachvollziehen, warum man Berge hoch- und hinunterkraxeln oder scheinbar sinn- und ziellos durch die Gegend marschieren soll, wenn man doch die Natur viel gemütlicher beim stundenlangen Grillen mit Freunden, in einem Geländefahrzeug oder allerhöchstens beim Spazierengehen geniessen kann. Wandern ist den meisten Israelis zu anstrengend, zu unspektakulär, zu bescheiden, zu unauffällig. Ausserdem ist es zum Wandern an mindestens acht Monaten im Jahr einfach zu heiss.

Dabei hat Israel im nördlichen Teil des Landes oder in der Negevwüste im Süden naturliebenden Aktivmenschen unheimlich viel zu bieten. Aber auf den Pfaden der vielen Naturparks tummeln sich meist nur Frauen in unpassenden Schuhen, Kinder in Flipflops und Männer, die noch immer von den immensen Märschen erschöpft sind, die sie während ihrem dreijährigen Militärdienst bewältigen mussten – auch wenn dieser schon zwanzig Jahre zurückliegt.

Israel ist ein kleines Land und die meisten Parks, Flüsse und Wäldchen sind mir dank zahlreichen Kindergarten- und Klassenreisen und später mit anderen Familien gemeinsam organisierten Ausflügen bekannt. Diese Exkursionen bestanden meist aus kurzen gemütlichen Spaziergängen und ausgiebigen Rastpausen, wobei man die Bedürfnisse der Kinder als Grund vorschob. Später folgten einige private und selbst organisierte Wanderungen, die ganz interessant aber eben nicht genug herausfordernd waren.

Ich persönlich bin, was sportliche Aktivitäten anbelangt, ein ziemlich ungeduldiges Wesen. Ich habe keine Geduld für Gefasel oder Herumsteherei. Deshalb schwor ich mir vor einigen Jahren, als ich zunehmend verärgert auf einem schmalen Pfädchen an einem lauschigen Bach zwischen einigen Dutzend Flanierern Schlange stehen musste, hiermit mit Gruppenwanderungen in Israel ein für allemal abgeschlossen zu haben. Ich fasste diesen Entschluss mit grosser Reue, denn ich bin gerne aktiv, ich liebe die Natur und beides zu verbinden scheint mir ein sehr befriedigender Zeitvertreib, vor allem jetzt, da ich keine kleinen Kinder mehr im Schlepptau habe.

Nach einer längeren Wanderabstinenzphase habe ich nun aber endlich wieder Hoffnung: ich habe einen Wanderleiter aufgespürt, der genau die vielversprechenden, herausfordernden Treks anbietet, von denen ich träume. Und, oh Wunder, der wanderfreudige israelische Abenteurer hat zur Hälfte Schweizer Wurzeln, muss also das Wandern in den Genen haben! Flugs habe ich uns also für zwei mehrtägige Wanderungen angemeldet, die nichts für Weicheier sind. Um mich anzumelden musste ich ein längeres Formular ausfüllen, auf welchem ich unter anderem darzulegen hatte, wie es um unsere körperliche Fitness steht. Leider erwies es sich am Anfang als etwas schwierig, nähere Angaben zu den geplanten Wanderungen in Erfahrung zu bringen. Die einzigen Informationen, die mir der Wanderleiter vor der Anmeldefrist schickte, waren Meldungen im Sinne von „Bin gerade am Everest-Abstieg, melde mich wenn unten“ oder „Befinde mich im Kaukasus, keine Verbindung“ und so weiter. Bis ich also in Erfahrung bringen konnte, dass für den ersten geplanten Trek zwei mehrstündige intensive Wanderungen mit Übernachtung im Schlafsack unter freiem Himmel in der Negevwüste auf dem Programm stehen, waren wir schon angemeldet.

Zum Zeitpunkt der Anmeldung noch recht mutig, schwand mein Unternehmungsgeist mit jeder SMS und Whatsapp-Meldung von J. aus dem Himalajagebirge, aus Tadschekistan und aus der Mongolei. Bin ich wirklich ausreichend fit und technisch bewandert, um bei so einem Unternehmen mitzuhalten? Ganz zu schweigen von meinem israelischen Gatten, für den trotz unzähliger gemeinsam verbrachten Jahren Wandern so unverständlich geblieben ist, wie Fondue für Chinesen. Bestimmt hatte der Gute beim Unterschreiben unseres Hochzeitsvertrages vor bald drei Jahrzehnten nicht die geringste Ahnung, dass dieser Wisch nicht nur ein Freibrief für lebenslangen Genuss von Schweizer Schokolade war, sondern dass er sich mit seiner Unterschrift soeben verpflichtet hatte, mit mir in ferner Zukunft auf Berge zu kraxeln. Aber eben: Mitgegangen, mitgehangen! Für den Trek wurde er mit angemeldet. Punkt. Dabei verbrachte ER ja nicht nur die obligatorischen drei, sondern sogar vier Jahre im Militärdienst und ist somit bis heute sehr marschmüde.

Nun sehen wir Beide dem nächsten Wochenende also mit recht mulmigem Gefühl entgegen, besorgen aber unterdessen die notwendige Wanderausrüstung: Schuhe, Schlafsäcke, Campingmatten, Rucksäcke, Stirnlampen, Powerfood, Picknickgeschirr und so weiter. Nun bin ich sogar stolze Inhaberin von einem Paar Wanderstöcken und mehr oder weniger bereit für das Abenteuer. Nur eine Frage beschäftigt mich noch etwas: wo befinden sich eigentlich bei einer zweitätigen Expedition fern der Zivilisation die Toiletten?

Samstag, 29. September 2018

Abenteuer über den Wolken

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen, wusste einst schon Matthias Claudius. Von meiner Thailand-Reise gäbe es wahrlich viel zu erzählen. Dabei gilt Thailand ja eher als „Asien light“, denn es ist für Touristen sehr gut erschlossen. Für mich, die ich zum ersten mal nach Asien reise, ist es trotzdem sehr erstaunlich und beeindruckend, wie anders der asiatische Lebensstil ist. Wie abenteuerlich diese Reise werden würde, davon bekam ich schon bei unserem Air India Flug nach Bangkok über New Delhi einen Vorgeschmack.

Ein kurzer Blick ins Internet ergibt: Unzureichender Service, mangelhafte Technik, mieses Essen und stundenlange Verspätungen scheinen bei dieser Fluggesellschaft zur Tagesordnung zu gehören. Auch geplatzte Reifen, Notlandungen, betrunkene Piloten oder Ratten an Bord – all dies scheint bei Air India kaum jemanden zu erstaunen. Wir wählen die indische Fluggesellschaft für unseren Flug nach Bangkok aber trotzdem, denn die neue Flugroute über Saudiarabien verkürzt den Flug von Tel-Aviv nach New Delhi auf sensationelle sechs Stunden. Ausserdem ist der Flug verhältnismässig billig und wir sind gespannt auf das komfortable Langstreckenflugzeug, die Boeing 787.

Wenige Tage vor unserer Reise vernehmen wir aus den Nachrichten, dass ein Flug der Air India kurz nach dem Abheben wieder landen musste. Die Crew hatte vergessen, den Schalter zum Druckausgleich in der Kabine zu betätigen, worauf mehrere Passagiere aus Nase und Ohren zu bluten begannen und nach der Notlandung hospitalisiert werden mussten. Ich bin froh, dass dieser Vorfall einigermassen glimpflich abgelaufen ist und zuversichtlich, dass sich nach diesem Präzedenzfall bei den nächsten Flügen jeder einzelne Flugbegleiter bei Air India persönlich um den Schalter für den Druckausgleich kümmern wird.

Am Check-in Schalter erhalten wir drei Reisenden Sitzplätze in verschiedenen Reihen. Der Flug sei voll, versichert uns die Dame in Uniform, sie könne uns leider keine anderen Sitzplätze zuteilen.

Am Gate fallen mir die beiden Piloten auf – der eine mit dem traditionellen Turban und dem hochgezwirbelten Bart und Schnurrbart der Sikhs – die für mich eher wie Fabelwesen aus Tausendundeiner Nacht aussehen, als vertrauenerweckende Piloten. Man entschuldige meine fehlende politische Korrektheit.

Nachdem wir uns im Flugzeug diszipliniert auf unsere vorbestimmten Plätze setzen, stellen wir bald fest, dass die Sitzummern auf der Bordkarte nur eine gutgemeinte Empfehlung sind. Der indische Flugbegleiter geht äusserst locker auf die Wünsche der Passagiere ein und weist Sitzplätze nach seinem puren Gutdünken zu, noch bevor wir abheben. Jemand hat sich auf ihrem Sitz breitgemacht? Kein Problem, setzen sie sich doch einfach da hin, da ist gerade noch ein Platz frei. Sich nach den Nummern zu richten, scheint ihm völlig überflüssig und eigentlich hat er damit ja recht – schlussendlich würden ja wohl doch alle irgendwo Platz finden.

Als wir abheben, ist mir etwas mulmig zumute und ich überlege, bei welcher Flughöhe sich der Überdruck in der Kabine wohl bemerkbar machen würde.

Bald gleiten wir aber ruhig über den Wolken dahin und ich beruhige mich. Es scheint soweit alles in Ordnung zu sein. Wie erwartet hat das mit dem Druckausgleich diesmal reibungslos geklappt. Es fällt mir aber auf, dass die Crew ein sehr seltsames Verhältnis zu den Schaltern und Knöpfen im Flugzeug zu haben scheint: Das Licht geht mehrere Male zu nicht nachvollziehbaren Zeitpunkten an und wieder aus.

Das servierte Essen, für mich vegetarisch, besteht aus Reis, dazu gibt es Gemüse mit grüner Sauce (Curry) und Tofu mit roter Sauce (Curry) und ist höllisch scharf. In meinem Plastikbeutel mit Besteck stecken zwei Löffel und keine Gabel. Aber Verfehlungen, die die Flugsicherheit nicht beeinträchtigen, übersehe ich gerne grosszügig. Ich mag scharfes Essen und wenn man die Currysauce mit reichlich Reis konsumiert, ist sie essbar, wenn auch nach einigen Bissen meine Ohren dampfen und ich Schweissausbrüche habe. Auf die Nachspeise, süsse Griesskugeln in einer Sauce aus Zucker und Rosenwasser, verzichte ich nach einem vorsichtigen Probebiss.

Das Musikangebot beschränkt sich auf indische Musik, deshalb lese ich mein spannendes Buch ohne musikalische Untermalung. Der Flug verläuft angenehm ruhig, obwohl plötzlich das Licht angeht, nachdem sämtliche Reisenden eingenickt sind. Ich staune, aber eine Viertelstunde später geht das Licht genauso unerwartet wieder aus.

Eine gefühlte Ewigkeit später wundere ich mich, wie lange wir wohl schon unterwegs sind. Der Flug sollte ja nur sechs Stunden dauern. Ein Blick auf den Bildschirm vor mir ergibt: 37 Km bis zum Zielflughafen. Eyal und ich schauen uns staunend an. Siebenunddreissig Kilometer? Wir fliegen noch immer sehr hoch. Ob der Pilot wohl gerade seinen Turban neu richten muss und deshalb New Delhi verpasst hat? Einige Minuten später erfolgt aber die erwartete Durchsage, nur etwas dringender als wir uns das von anderen Flügen gewöhnt sind: „Wir landen in fünf Minuten. Bitte nehmen sie ihre Plätze ein, schnallen sich an und stellen sie die Lehnen gerade“. Darauf erfolgt eiliges Gewusel in der Kabine, alle Passagiere hasten auf ihre Plätze, die Flugbegleiter überprüfen in wenigen Sekunden, ob alles in Ordnung ist und ob die Passagiere angeschnallt sind. Meine Lehne steckt fest und lässt sich nicht gerade richten, aber dafür hat jetzt niemand Zeit. Pech gehabt! Kurz vor der Landung stürmt noch ein Passagier aus der Toilette und schafft es gerade noch, sich hinzusetzen, als wir tatsächlich nach wenigen Minuten landen. Erstaunlicherweise herrscht während der Landung vollkommene Dunkelheit in der Kabine und das Licht wird auch nicht eingeschaltet, als die Maschine schon zum Gate rollt. Erst als das Flugzeug vollständig zum Stehen kommt, atme ich auf.

Bis zu unserem Anschlussflug verbringen wir eine Stunde auf dem Flughafen von New Delhi, der sich grosse Mühe gibt, möglichst international zu erscheinen, was aber nur begrenzt erfolgreich ist. Im Fastfood-Bereich staunen wir bei McDonalds über die Hamburger aus Hühnerfleisch, da die Inder ja kein Rind essen. Wir schaffen es, einen Kaffee zu finden, der nicht allzusehr nach Curry schmeckt und suchen vor dem Weiterflug noch die Toiletten auf. Zum Glück sind diese mit WC-Schüsseln ausgestattet, das ist hier nicht selbstverständlich, aber ungewohnterweise bedient eine freundliche Dame beim Händewaschen für mich den Seifenspender und reicht mir zum Abtrocknen das Papier.

Dann geht es weiter zum nächsten exotischen Abenteuer: Flug New Delhi-Bangkok.

Dieser schmackhafte Imbiss wurde uns bei Bangkok Air serviert

Samstag, 8. September 2018

Nass

„Sieben Prozent Regenwahrscheinlichkeit“, prophezeit der Gatte am Vorabend, während er die WetterApp konsultiert und schaut mich dann mit dem da-wirst-du-doch-nicht-etwa-laufen-gehen Blick an.
Aber mich schreckt Regen nicht ab, schon gar nicht sieben Prozent. Nach drei Jahrzehnten in Israel bin auch ich, was das Wetter anbetrifft, völlig integriert: ich liebe den Winter mehr als den Sommer und freue mich über Regen und Wolken, oder wenigstens frischen Wind. Nur bitte keine Sonne!
Das ist nicht erstaunlich, denn die Sommermonate sind in Israel klimamässig die Hölle: es ist so tropisch heiss und feucht, dass ich die Tage von Klimaanlage zu Klimaanlage plane. Wenn ich tagsüber vor die Türe trete, erschlägt mich die Hitze. Auch nachts sinken die Temperaturen nicht unter 25 Grad und schon am frühen Morgen kleben mir die Kleider am Leib. Monatelang, ununterbrochen.
Als passionierte Läuferin habe ich meine Läufe während den Sommermonaten aufs Minimalste reduziert und in die frühesten Morgenstunden verlegt, denn sobald die Sonne aufgeht, brennt sie erbarmungslos herunter. Wolken oder gar Regen bleiben monatelang aus. Der Himmel erscheint wochenlang gleichbleibend langweilig sandbeige.

Nicht so heute morgen. Es ist noch dunkel, als ich zu laufen anfange – aber die Wolken sind nicht zu übersehen. Nach wenigen Minuten fängt es sanft zu tröpfeln an. Wie belebend! Ich trage nur eine kurze Laufhose und ein Top und die erfrischenden Tropfen kühlen mich angenehm ab. Spontan schlage ich heute die längere Route ein. Die ersten paar Kilometer lege ich in ununterbrochenem leichtem Regen zurück. Die zwischen den dunkelgrauen Wolken aufgehende Sonne bietet heute ein besonders spektakuläres und ungewohntes Schauspiel. Jetzt wird der Regen stärker, die Tropfen grösser und bald folgt ein regelrechter Wolkenbruch. Der unvergleichlich frische Geruch von Regen steigt aus den sonst staubigen Wegen und Feldern. Meine Laufkleider sind umgehend triefend nass, die Schuhe werden schwer. Anstelle des gewohnten salzigen Schweisses rinnt mir süsses Regenwasser über das Gesicht und in den Mund. Mein Haar trieft und das Wasser rinnt an Armen und Beinen herunter. Das sind nicht sieben, sondern hundert Prozent Regen – aber jetzt gibt es kein Zurück! Ich laufe weiter und bin verzückt und berauscht von dem sinnlichen Erlebnis. Die grauen Wolken spiegeln sich auf den nassen Strassen. Der mir ins Gesicht prasselnde Regen verschafft mir ungekannte Energien, ich fühle mich um Jahrzehnte jünger und lache beim Laufen vor mich hin. Auch die LäuferInnen, die mir entgegenkommen – und das sind wie immer am Samstagmorgen viele – lachen alle wie kleine Kinder. Es ist warm, ich bin pudelnass und dieser Lauf ist Genuss pur.

 

In ein paar Tagen fliege ich mit der Familie in den Urlaub nach Thailand. Thailand ist nicht gerade meine Traumdestination, aber leider bestimme ich nicht alles in dieser Familie.
Bis am Donnerstag muss noch so vieles vorbereitet werden. Die Koffer hervorräumen, Packen, Planen, Tickets und Hotelvoucher ausdrucken. Bis Ende Woche alle Wäsche gewaschen haben. Im Büro möglichst nichts unfertig liegenlassen. Nägel lackieren, Beine enthaaren. Ein Katzensitter muss her, der Kühlschrank leergeräumt werden, der Rasen gemäht. Und wie ich wohl mit den langen Flüge, dem Jetlag, dem ungewohnten Essen und Klima in Asien zurechtkommen werde?
Wie unzählige weitere Verrückte jetten auch wir von hier nach dort, nach Paris, London und Barcelona, nach Marokko, Kuba und Kanada, auf der Jagd nach Abenteuern. Um etwas Aufregung und einige lustvolle Erlebnisse zu erhaschen. Um für kurze Zeit aus dem eintönigen Alltag auszubrechen.



Als ich mich nach eineinhalb Stunden im Regen wieder meinem Wohnort nähere, lege ich heute noch eine Ehrenrunde drauf. Ich springe, durchnässt bis auf die Haut im warmen Regen lachend von Pfütze zu Pfütze. Sind das nicht die wahren Abenteuer?

Donnerstag, 2. August 2018

Auf Schritt und Tritt verfolgt

Vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten sah mein Leben noch sehr anders aus. Ich war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Alles drehte sich mehr oder weniger um mich selbst, ich stand im Zentrum meines Universums. Dann beschloss ich – aus heute schwer nachvollziehbaren Gründen – Kinder zu bekommen. Es wurden deren drei und natürlich änderte sich mein Leben schlagartig. Ab sofort war ich nur noch für andere da und musste meine Wünsche und Bedürfnisse hinten anstellen. Aber die Jahre vergingen wie im Flug. Viele verzweifelte Momente, einige schlimme Schreckmomente und sehr viele Glücksmomente später habe ich fast wieder den Ausgangszustand von vor 23 Jahren erreicht. Ich habe diese Woche sturmfreie Bude!

Jetzt trete ich am späten Nachmittag aus dem Büro und überlege zuerst einmal, wonach mir heute der Kopf steht. Ich muss niemanden bemuttern, niemanden umsorgen, niemanden bekochen, niemanden irgendwo hin fahren, niemandem zuhören. Niemand wartet auf mich. Natürlich gibt es da noch den Gatten, aber der ist ja schon erwachsen genug, um sich um sich selbst zu kümmern (sollte man denken). Ich kann in einem Café sitzen und Freundinnen treffen oder am Strand den Sonnenuntergang bestaunen. Ich kann mich ins Auto setzen und einfach ziellos irgendwo hinfahren. Ich kann mit den Klängen von "The Dark Side of the Moon" zuhause die Lautsprecher zum Zittern bringen und dazu splitternackt durch die Stube tanzen, ohne dass jemand denkt, die alte Schrulle hätte eine Schraube locker. Ich kann... Ich kann endlich wieder einfach ICH sein.

Unsere älteren Kinder sind schon länger und öfter nicht mehr zuhause. In diesen Tagen ist auch Lianne, die Sechzehnjährige, für eine Woche verreist. Sie ist zum ersten Mal ohne erwachsene Begleitung in den Urlaub gefahren. Nach Eilat, dem Touristen-Mekka Israels, zusammen mit zehn Freundinnen. Eine ganze Woche kann sie nun dort über die Stränge schlagen, tun und lassen, wonach sie gerade Lust hat, und vor allem, Unabhängigkeit und Selbständigkeit erfahren. Bestimmt geniesst sie das genau so wie ich.

Soweit wäre also alles fantastisch.

Hätte nicht eine der Mütter die hirnverbrannte Idee gehabt, eine WhatsApp-Gruppe ins Leben zu rufen, noch bevor die Mädchen abgefahren waren. Ohne um meine Meinung gefragt zu werden und bevor ich mich versah, war ich Mitglied dieser Gruppe, zusammen mit zehn anderen Müttern und allen elf Mädchen. Natürlich verlasse ich die Gruppe nicht, ich will die anderen Mütter ja nicht vor den Kopf stossen. Ich möchte auch nicht die einzige sein, die nichts davon weiss, wenn – ja, wenn was? Wenn vielleicht das grosse grüne Krümelmonster die elf Mädchen in einer Nacht- und Nebelaktion entführen sollte? Oder so ähnlich?

Kaum ist die WhatsApp-Gruppe entstanden, folgen die Nachrichten im Minutentakt, der Nachrichtenstrom reisst gar nicht mehr ab: Seid ihr schon im Bus? Seid ihr schon angekommen? Ist alles in Ordnung? Habt ihr die Zimmer schon erhalten? Sonnencrème eingestrichen? Die Lichter gelöscht? Trinkt ihr genug? Und so weiter, sorgen sich die Helikoptermütter rund um die Uhr. Anstatt Selbständigkeit hat jetzt jedes der Mädchen elf besorgte Glucken am Hals.

Arme Kinder. Wäre ich eines der Mädchen, würde ich mein Mobiltelefon in hohem Bogen aus dem Fenster werfen und dann so richtig auf den Putz hauen.

Ich selbst lernte vor vielen Jahren als junge Frau in Eilat einen netten jungen Mann kennen. Hätten mich meine Eltern damals auf Schritt und Tritt per WhatsApp verfolgt, wäre vielleicht aus diesem romantischen Treffen, mit welchem die ganze Geschichte hier ihren Anfang genommen hat, nie etwas geworden.