Dienstag, 13. Januar 2026

Trockene Fakten

Liebe Leser, heute habe ich einen ganz besonders langweiligen Beitrag für euch: Keine Bilder, nur trockene Fakten, und erst noch viel zu lang! Viel Vergnügen!


Auch wenn ich inzwischen auf fast vierzig Jahre „Nahost-Erfahrung“ vor Ort zurückblicke, suche ich in Bezug auf Israel noch immer nach Antworten – und zwar bewusst aus unterschiedlichen Perspektiven.

Eben habe ich das Buch „Wem gehört das Heilige Land? Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern“ von Michael Wolffsohn fertig gelesen. Das Buch hat die historische und politische Auseinandersetzung um das Gebiet des heutigen Israel/Palästina und die Frage, wessen Ansprüche dort legitim sind, zum Thema.

Leider ist das Mass an Unwissen allgemein erschreckend hoch. Nun wäre keine Ahnung zu haben an sich noch verzeihlich. Problematisch wird es dort, wo Fehlwissen, meist gespeist aus Desinformation, mit maximaler moralischer Gewissheit vorgetragen wird. Genau diese Mischung prägt derzeit weite Teile der öffentlichen Debatte.

Es mag unterdessen schon „Schnee von gestern“ sein, doch der öffentliche Auftritt von Nemo bleibt ein Beispiel dafür, wie mega-peinlich Unkenntnis wirken kann, wenn sie mit politischer Geste einhergeht. Die demonstrative Rückgabe der ESC-Trophäe, weil Israel nicht vom Wettbewerb ausgeschlossen wird, zeugt von eklatantem historischen und politischen Unverständnis. Wer so agiert, verkündet unfreiwillig vor allem eines: dass er keine Ahnung hat – und diskreditiert sich damit selbst. 
Leider handelt es sich dabei keineswegs nur um Einzelfälle.

Natürlich kann man von einem Musiker nicht erwarten, sich tiefgehend mit Geschichte zu beschäftigen. Das ist auch völlig in Ordnung – soll Nemo doch Musik machen. Wer sich jedoch öffentlich politisch positioniert, sollte zumindest über ein Mindestmass an Fachwissen verfügen. Ein Buch zur Hand zu nehmen, wäre da kein schlechter Anfang.

Was ich an Wolffsohns Ansatz besonders schätze, ist der Blick auf die jahrtausendealte Geschichte der Region unter dem Aspekt religiöser Ansprüche, kollektiver Identitäten und stetiger Machtverschiebungen zwischen Juden, Arabern/Muslimen und Christen. Dieser Perspektivwechsel war für mich erfrischend und überraschend spannend. Trotz der komplexen historischen Abläufe liest sich das Buch erstaunlich leicht.

„Wem gehört das Heilige Land?“, liefert statt einfache Antworten Hintergrundwissen, Kontext und ein differenziertes Verständnis dafür, warum der Streit so schwer zu lösen ist und wie vielfältig die Ansprüche und Narrative sind.

Eine eindeutige Antwort auf die eigentliche Titelfrage gibt das Buch jedoch nicht. Wolffsohn kommt zum Schluss, dass kein Volk allein Anspruch auf das Land erhaben kann. Das Gebiet wechselte im Laufe der Geschichte immer wieder die Herrschaft — und jeder historische Anspruch ist komplex und umstritten.

Um mir zumindest die Abläufe der neueren Geschichte besser einzuprägen, habe ich im Anschluss eine übersichtliche Kurzfassung zusammengestellt.

Niemand muss diese Zeilen lesen. Niemand ist verpflichtet, sich mit Fakten auseinanderzusetzen. Aber: Ohne Hintergrundwissen sollte man sich auch keine Meinung bilden. Das ist allerdings schwieriger in einer Medienlandschaft, die dem Publikum täglich subtile Verzerrungen verklickert. Vielleicht wäre ein kleines Mehr an Faktenkenntnis also doch keine schlechte Idee.

Das osmanische Reich
  • Der Nahe Osten war ab dem frühen Mittelalter und bis zum Ersten Weltkrieg unter türkischer Herrschaft, den Osmanen. 
  • Um 1900 umfasste das Osmanische Reich den Balkan, das heutige Griechenland, die Türkei, den Irak, Libanon, Israel, Teile Jordaniens, den Gazastreifen und Teile Kuwaits und Saudi-Arabiens.
  • Schon vor dem Ersten Weltkrieg versuchte England eine Verbindung zu Indien herzustellen, über welches es seit 1757 herrschte. Sie eroberten Malta, Aden (Hafenstadt im Jemen), die Aktien des Suezkanal und später Ägypten.
  • Die Araber im Nahen Osten empfanden die osmanische Herrschaft als Fremdherrschaft. Angesichts des Ersten Weltkriegs versprachen die Briten den Arabern eine dauerhafte Allianz, wenn sie ihnen beim Vertreiben der Osmanen beistehen würden. Sie versprachen Hussein von der Familie der Haschemiten ein unabhängiges, arabisches Königreich, dessen Grenzen auch das Heilige Land beinhalteten.
  • Gleichzeitig planten die Briten gemeinsam mit Russland, Frankreich, Italien und Griechenland eine ganz andere Aufteilung der osmanischen Beute: Im Sykes-Picot-Abkommen von 1916 wurden das Heilige Land sowie Mesopotamien Großbritannien zugesprochen. Frankreich sollte den Libanon und Syrien erhalten.
  • 1917 versprachen die Briten in der Balfour-Erklärung dasselbe, den Arabern angebotene Land, den Zionisten.
Aufteilung nach dem Ersten Weltkrieg
  • Mit dem Ersten Weltkrieg brach das osmanische Reich zusammen.
  • Die Engländer versprachen allen alles und behielten es schließlich selbst: 1918 hatten sie das gesamte Heilige Land, sowie Syrien und den Libanon militärisch im Griff.
  • Der Nahe Osten wurde neu aufgeteilt:
  • Das britische Mandat Palästina umfasste das heutige Israel, das Haschemitische Königreich Jordanien, Judäa und Samaria (das Westjordanland) und den Gazastreifen.
  • Die Franzosen bekamen Syrien und den Libanon.
  • Das damalige Transjordanien, das mehr als zwei Drittel der Gesamtfläche des Mandates ausmachte, ging 1921 an die Haschemiten und verwandelte sich in ein Emirat, gehörte aber immer noch zum britischen Mandatsgebiet Palästina.
  • Alles wurde 1922 auf internationaler Ebene mit dem Völkerbund legitimiert. Eine ziemlich skandalöse Augenwischerei, die dann als Völkerrecht galt.
  • Zwischen 1920 bis zum Zweiten Weltkrieg kamen immer mehr Juden nach Palästina. Der Nahe Osten war jedoch für die Briten von größter strategischer Bedeutung, vor allem im Zweiten Weltkrieg. Ab 1939 wurde die jüdische Einwanderung nach Palästina durch die Briten eingestellt. Verkauf von Land an Zionisten wurde verboten.
  • 1946 erkannte Grossbritannien die Unabhängigkeit Transjordaniens an, das Haschemitische Emirat wurde zum Königreich Transjordanien (ab 1949 Jordanien). Man kann diese Maßnahme als erste Teilung Palästinas bezeichnen. Eine wichtige Tatsache: Rund Dreiviertel der Bürger des heutigen Jordanien sind Palästinenser. Jordanien ist heute ein Land voller Palästinenser, mit einer palästinensischen Königin, es war Teil eines Mandats mit dem Namen Palästina – gilt heute aber nicht als „Palästina“.
  • Während dem Zweiten Weltkrieg hatten die Palästinenser für Deutschland Partei ergriffen und sie arbeiteten aktiv mit den Nazis zusammen.
Aufteilung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Unabhängigkeitskrieg
  • Sowohl die Zionisten als auch die Araber waren immer mehr gegen die Herrschaft der Briten, auch militant. Nach dem Zweiten Weltkrieg empörte sich auch USA über die Sturheit und Unmoral der Briten. 1947 gab die britische Regierung auf: Sie überließ das Palästina-Problem der UNO.
  • 1947 schlug die UNO die Teilung des Heiligen Landes vor. Es sollte ein Bundesstaat entstehen, der sich aus je einem jüdischen und arabischen Teilstaat zusammensetzte. Jerusalem sollte international verwaltet werden.
  • Wegen der Möglichkeit zur Staatsgründung, wenn auch auf einem winzigen Staatsgebiet, nahmen die zionistischen Politiker den Teilungsplan zähneknirschend an.
  • Die „Palästinenser“ lehnten den Plan rundweg ab. Sie griffen sofort zu den Waffen und bekamen Hilfe von Ägypten, Irak, Libanon und Syrien. Trotzdem verloren sie am Ende alles. Selbst den ihnen von der UNO zugedachten Teilstaat hatten sie verspielt.
  • Der Emir von Jordanien raubte den „Palästinensern“ zusätzlich die Altstadt von Jerusalem, sowie das gesamte Judäa und Samaria, welche er seinem Königreich einverleibte.
  • Auch den Gazastreifen verloren die „Palästinenser“ 1948: Er wurde fortan von Ägypten verwaltet.
  • Jerusalem wurde völkerrechtswidrig zum Teil durch Israel (Westjerusalem) und durch Jordanien (Ostjerusalem) besetzt. (Die UNO empörte sich aber nur über die Besetzung Israels).
  • Jordanien annektierte 1950 Judäa und Samaria formell und benannte das Gebiet in „Westjordanland“ um. Die Annexion des Westjordanland durch Jordanien war völkerrechtswidrig, denn es war ja ursprünglich dem palästinensischen Staat zugesprochen.
Aufteilung nach 1967
  • 1967 kam es auf dem Hintergrund jahrelanger Spannungen zum Sechstagekrieg, nachdem Ägypten Schritte setzte, die Israel als existenzielle Bedrohung sah.
  • Als Resultat dieses Krieges eroberte Israel das von Jordanien besetzte Ostjerusalem, Judäa und Samaria (das Westjordanland), die syrischen Golanhöhen, die zu Ägypten gehörende Sinai-Halbinsel und den ebenfalls von Ägypten verwalteten Gazastreifen.
  • Der Yom-Kippur-Krieg (1973) begann mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens auf Israel, um verlorene Gebiete zurückzugewinnen. Der Krieg endete ohne dauerhafte territoriale Änderungen.
  • Durch das 1995 unterzeichnete Oslo-Abkommen erhielten die Palästinenser Ostjerusalems das Wahlrecht zur Volksvertretung. Sie beteiligten sich 1996 an den Wahlen zum Parlament der palästinensischen Autonomie. Das palästinensische Autonomie-Gebiet in Ostjerusalem und in Judäa und Samaria wird seit diesen Wahlen von der Fatah-Partei geleitet, mit Mahmoud Abbas als Präsidenten.
  • Die Golanhöhen wurden im Dezember 1981 annektiert.
  • 1982 wurde die Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgegeben und in den Jahren zuvor das ägyptische Gebiet westlich des Suezkanals, das im Yom-Kippur Krieg erobert worden war.
  • Im Jahr 2005 zog sich Israel vollständig aus dem Gazastreifen zurück. 
  • In einem kurzen palästinensischen Bürgerkrieg vertrieb die islamistische Hamas 2007 die 1996 gewählte, gemäßigtere Fatah aus dem Gazastreifen. 
  • Seither regnet es Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel und wenn wir einst geglaubt haben, die Raketen wären das schlimmste Übel, dann wurden wir am 7. Oktober 2023 eines Besseren belehrt.

Liebe Leser, wenn ich etwas vergessen, unvollständig oder unkorrekt festgehalten habe, gebt mir bitte Bescheid!


Wer glaubt, Palästinenser seien Opfer jüdischen Landraubs, verkennt entweder die historischen Fakten oder ist selbst Opfer von Desinformation und sollte sich weiterbilden. So einfach ist diese Materie nicht.


*****

Hier noch einige ähnliche Erläuterungen zum Thema, im Bezug auf die Metapher Palästinas als ein Haus und die vertriebenen Bewohner.


Nicht alle Perspektiven sind so ausgeglichen wie die von Wolffsohn. Dieser Autor argumentiert „Palästinenser ist zu 100 Prozent eine Anti-Identität – sie existiert nur insofern, als sie dazu dient, jüdische Indigenität, Souveränität und Freiheit zu negieren.“ Meines Erachtens auch eine interessante Perspektive.



Keine Kommentare: