Mittwoch, 6. Mai 2026

Der dritte Planet

Auf dem dritten Planeten, auf dem ich lande (mehr dazu in meinem letzten Beitrag „drei Länder, drei Welten“), kündigt die grosse Tafel in der Eingangshalle an, dass das Gepäck auf Band drei auf uns wartet.

Doch was für eine Überraschung – Band drei ist wegen Umarbeiten geschlossen.

Die junge Frau am Informationsschalter scheint sich nicht besonders mit dem Sinn des Schalters, an dem sie sitzt, zu identifizieren. Sie hat keine Ahnung, was mit Band drei los ist. Wo unser Gepäck ist, weiss sie auch nicht. Irgendjemand bringt trotzdem in Erfahrung, dass Band acht die Lösung sein könnte. Dort stürmen jetzt die Schicksalsgenossen meines Fluges hin.

An Band acht angekommen, warte ich gedankenverloren auf meinen Koffer. Nach einer langen Weile merke ich plötzlich, dass nur noch ich da bin, während einige letzte herrenlose Koffer stoisch ihre Runden drehen. Meiner ist nicht dabei. Nach einer kleinen Detektivtour entdecke ich ihn schliesslich – eingeklemmt und verkeilt, tief im Inneren des Bandes.

Zurück zu der Frau am Schalter. Ein paar Telefonate später wird tatsächlich Hilfe organisiert. Mein Koffer wird befreit und ich nehme ihn dankbar in Empfang.

Zum Glück fahren auf diesem Planeten auch die Züge mit Verspätung und so erreiche ich doch noch den Zug, der vor einigen Minuten hätte abfahren sollen.

Im Zug scheint mein Koffer ein Eigenleben zu entwickeln: Freundliche, starke junge Männer heben ihn beim Ein-, Um- und Aussteigen unaufgefordert über Schwellen und Treppen. So wechselt er wie von Geisterhand getragen die Züge. Wie wunderbar, diese Hilfsbereitschaft!

Der Zug ist jetzt zur Abendzeit proppevoll und so verliere ich meinen Koffer zwischen einer dicht gedrängten Menschenmenge im Fahrradabteil prompt wieder aus den Augen. Doch es dauert nicht lange, bis mein Telefon klingelt. Eine aufmerksame Soldatin hat ihn entdeckt und die Nummer auf dem Etikett angewählt. Ich kann ihn gerade noch rechtzeitig retten, bevor er womöglich als verdächtiges Objekt Schlagzeilen macht.

Am Bahnhof werde ich abgeholt und dann sind wir – mein Gepäck und ich – nach einer erlebnisreichen Woche endlich wieder zu Hause.




Montag, 4. Mai 2026

Drei Länder, drei Welten




Der letzte Abend, ich sitze vor gepackten Koffern. Morgen geht es zurück nach Tel Aviv. Hinter mir liegen zwei kurze Aufenthalte in der Schweiz, und dazwischen fünf intensive Tage in Amerika. Die Reise nach Philadelphia hatte berufliche Gründe. Ich hatte das Glück, sie mit einigen Tagen Urlaub bei meiner Familie in der Schweiz verbinden zu können.

Ganz ehrlich: ich war alles andere als begeistert als die Idee für diese Geschäftsreise aufkam. Der lange Flug, die Zeitverschiebung, allein mit dem Mietauto zurechtkommen, Smalltalk auf Englisch mit Geschäftskollegen, während ich bestimmt völlig übermüdet sein würde – bin ich all dem überhaupt noch gewachsen? Ich liess die Vorbereitungen für die Reise anlaufen, war jedoch vollkommen überzeugt, dass ich mir am Schluss eine Ausrede einfallen lassen würde, um mich zu drücken. Dann kam die Möglichkeit für einen Anschlussflug über Zürich auf – und alles weitere ist Geschichte.

„Do one thing every day that scares you“. Der Satz ist so abgedroschen wie richtig. Die gewohnte Umgebung verlassen, über den eigenen Tellerrand hinausblicken, neue Orte sehen, andere Lebensweisen spüren, unbekannten Menschen begegnen – all das war nicht nur bereichernd, sondern auch überraschend kurzweilig und es hat Spaß gemacht!
Bald trete ich um viele Eindrücke und Perspektiven reicher den Flug nach Hause an, mit einem etwas frischeren Blick auf das, was mich zu Hause erwartet. Zumindest für eine Weile.

Dass Israel, die Schweiz und Amerika sich anfühlen wie drei verschiedene Planeten, ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist jedes Mal aufs Neue bemerkenswert.
Aus einem Land kommend, das in einem Krisensturm und unter akuter Bedrohung aus verschiedenen Richtungen steht, wirkt die Selbstverständlichkeit von Ruhe und Ordnung in der Schweiz surreal.




Und dann Amerika – so viele Eindrücke!
Das völlig absurde Konsumverhalten hat mich, nachdem ich erste Einblicke gewonnen hatte, die Läden fluchtartig verlassen lassen. Das Angebot ist unbegrenzt, verführerisch – aber auch vollkommen dekadent.

Auf dem Firmengelände haben mich die Schilder für „severe weather condition shelter“ (Schutzraum bei extremen Wetterbedingungen) belustigt. Also auch hier gibt es Schutzräume! Ob sie wohl einem Raketeneinschlag standhalten würden? Ob sie je aufgesucht worden sind? Gedanken einer Israelin...

Im Austausch mit meinen amerikanischen Arbeitskollegen über ein mir aktuell wichtiges Thema habe ich gelernt, dass es in den USA keine Pflicht gibt, mit einem bestimmten Alter in Rente zu gehen.
Der Vergleich zwischen der Schweiz und den USA ist spannend, weil die Systeme fast gegensätzlich aufgebaut sind:
Die Schweiz setzt auf Struktur und Verlässlichkeit – wie könnte es anders sein. Das klar geregelte Drei-Säulen-System ist verpflichtend, stabil und planbar – allerdings auch mit wenig Flexibilität und teils hohen Kosten.
Die USA hingegen funktionieren nach einem anderen Prinzip. Es gibt kein verpflichtendes Renteneintrittsalter und die staatliche Rente ist eher eine Grundabsicherung. Vieles hängt von individueller Vorsorge, Eigenverantwortung, dem Arbeitgeber und den Kapitalmärkten ab. Selbst die staatliche Krankenversicherung im Alter, Medicare, deckt nicht alles ab.
Das Ergebnis ist mehr Freiheit, aber vor allem auch mehr Unsicherheit. Menschen ohne ausreichende Kenntnisse, Ressourcen oder persönliche Stabilität können öfter im System untergehen oder durch die Maschen fallen.

Ich finde es immer wieder faszinierend und ein bisschen lustig, wie die Amerikaner und Amerikanerinnen ticken. Bin aber froh, keine zu sein.

Es gibt unterdessen auch guten Kaffee bei den Amis, aber man muss ihn suchen. Bei mir lag zum Glück eine tolle Kaffeebar dem Hotel gegenüber – vielleicht der Grund, dass dieses mal die Reise viel erfreulicher war als die früheren.

Aber am schönsten ist es doch, wieder dort anzukommen, wo man nicht mehr suchen muss.