Montag, 10. August 2026

700 Jahre später



Zur schönen Stadt Basel habe ich eine besondere Beziehung. In einem Provinzdorf aufgewachsen, zog mich Basel als Zwölf- oder Dreizehnjährige als „grosse Stadt“ magisch an. Später ging ich dort vier Jahre zur Schule. In Basel erlebte ich erste Lieben, erste Enttäuschungen und einige nicht ganz erfolgreiche Versuche höherer Bildung.
Auch heute führen mich meine unzähligen Schweizreisen dorthin und ich entdecke dabei die Stadt immer wieder neu. Obwohl ich bald vierzig Jahre im Ausland lebe, fühle ich mich in Basel zuhause.

Vor einigen Jahren hatte ich zudem die Gelegenheit, geschäftlich nach Basel zu reisen. Ich logierte in Hotels, die ich mir privat nicht leisten würde, und betrachtete die Stadt durch die Augen amerikanischer und israelischer Arbeitskollegen. Auf einer dieser Geschäftsreisen nahm ich sogar an einer Stadführung auf Englisch teil und lernte dabei überraschenderweise wieder viel Neues.

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Nur dass sich in Basel im Jahr 1349 ein Judenpogrom ereignet hatte, wusste ich nicht. Als ich rein zufällig in einem historischen Roman darauf stiess, erschütterte mich die Geschichte. Nicht nur wegen der historischen Fakten. Sondern weil die Gräueltaten an genau den Orten stattfanden, die mir so vertraut sind: In der Basler Altstadt. Hier, in diesen Gassen, auf diesen "Bsetzischtei", haben Menschen – vermutlich Menschen wie du und ich – von absurden Anschuldigungen und von der Masse getrieben, unschuldige Mitbürger zusammengepfercht und in den Flammen getötet.

Damals wütete in Europa die Pest. Innerhalb weniger Jahre starb schätzungsweise etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Menschen suchten nach Erklärungen für das Unfassbare. Und sie fanden einen Schuldigen.
Die Juden.
Man beschuldigte sie, Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben.

Ich befrage ChatGPT nach dem historischen Hintergrund:

Im Jahr 1349, während der Pestepidemie, wurden die Juden von Basel fälschlicherweise beschuldigt, die Brunnen vergiftet und damit die Seuche verursacht zu haben. Unter dem Einfluss von Angst, Gerüchten und bereits bestehendem Antijudaismus beschloss die Stadtführung, gegen die jüdische Gemeinde vorzugehen. Am 9. Januar 1349 wurden zahlreiche Basler Juden (etwa 600 Menschen) auf einer Rheininsel in einem eigens errichteten Holzgebäude eingeschlossen und verbrannt. Die jüdische Gemeinde wurde anschließend aus Basel verbannt.
Heute gilt das Basler Judenpogrom als eines der schwersten antijüdischen Gewaltverbrechen im deutschsprachigen Raum während der Pestverfolgungen.

Zusätzlich zum Hintergrund liefert ChatGPT auch gleich eine aktuelle historische Bewertung mit, die lautet: 
  • Es gibt keinerlei Beweise, dass Juden Brunnen vergifteten.
  • Die Anschuldigungen entstanden aus Angst, Gerüchten und unter Folter erzwungenen Aussagen.
Die Anschuldigungen von damals wirken aus heutiger Sicht tatsächlich absurd. Doch die Geschichte zeigt, wie gefährlich es wird, wenn Angst wichtiger wird als Fakten. Dann kann kein noch so überzeugendes Argument die Vorwürfe aufhalten.

Seit Jahrhunderten werden Juden nicht wegen dem gehasst, was sie tun, sondern wegen dem, was man ihnen unterstellt: Sie seien Kindermörder, Weltverschwörer, Brunnenvergifter.

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Einige Jahrhunderte, zahllose Pogrome und einen Holocaust später, lässt mich ein reisserischer Artikel von SRF News das abendliche Scrollen in den sozialen Medien abrupt unterbrechen: Israel, so heisst es dort, vergifte die Böden seiner Nachbarländer.

Absurde Lügen oder falsche Tatsachen von Privatpersonen überraschen mich in den sozialen Medien nicht mehr. Manifestationen des Hasses sind inzwischen leider selbstverständlich geworden. Auch bei SRF ist es nicht das erste mal, dass ich entsetzt auf eine Schlagzeile starre. Und doch schockiert mich der Artikel, denn – verdrehter kann man einfach nicht mehr berichten. Und SRF ist immerhin das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen der Schweiz!

Die Wortwahl und die scheinbar mühelose Selbstverständlichkeit der Behauptungen erschrecken. Sie wecken Erinnerungen an ein Muster, das wir aus der Geschichte nur allzu gut kennen: Behauptungen werden verbreitet, bevor Fragen gestellt werden. Narrative setzen sich fest, ohne Fakten zu prüfen.
Die alte Mär vom brunnenvergiftenden Juden – nur etwas modernisiert.

Dabei verliert SRF bereits in der ersten Zeile an Glaubwürdigkeit, indem es „Palästina“ zu einem „Nachbarland“ Israels macht. Welcher Weltkarte man das wohl entnehmen kann?

Ich nehme an, dass die meisten Medienkonsumenten solche „Informationen“ unbewusst aufnehmen und achselzuckend weiterscrollen.

Mich hingegen lassen sie nicht los.

Vielleicht wird irgendwann in ferner Zukunft ein ChatGPT ausspucken: 
  • Es gibt keinerlei Beweise, dass Israel (sprich = Juden) im Jahr 2026 die Böden seiner Nachbarländer vergiftetete.
Aber was wird bis dahin noch geschehen?

Zum Glück gibt es einige Menschen, die nicht einfach blind der Herde folgen. Menschen, die Fragen stellen, nach Quellen suchen und auch Widerspruch äussern. Meine Bloggerkollegin Schreibschaukel hat einen Brief an das SRF verfasst. Es ist nicht der erste, und auch dieser wird vermutlich nicht die Welt verändern. Aber ich bin dankbar für Menschen, die Fragen stellen, Quellen prüfen und den Mut haben, für ihre Überzeugung einzustehen, wenn die Masse längst weiterzieht.




 



Montag, 3. August 2026

Das Glück, am richtigen Ort geboren zu sein

Für diese Tage sind auch bei uns extrem hohe Temperaturen angekündigt. Wirklich aussergewöhnlich ist das allerdings nicht. Im Juli und August gehören 34 oder 35 Grad zum Alltag. Da es auch nachts kaum abkühlt, läuft die Klimaanlage rund um die Uhr. Jeden Morgen versuche ich etwas zu „lüften“, doch das bereue ich jeweils schnell.
Jeder Gang nach draussen will gut überlegt sein. Outdoor-Aktivitäten verschieben wir – wie jedes Jahr – auf die kühleren Monate.

Am Freitagabend kommen Sivan und Joni zum Schabbatessen. Ich habe mehrere Gerichte gekocht, meine Schwiegermutter bringt ihr traditionelles irakisches Fischgericht mit. Die Gespräche drehen sich fast ausschliesslich um Sivans immer runder werdenden Schwangerschaftsbauch. Wir sprechen über Kinderwagen, Karriereansprüche, Rollenverteilung, und über all die Pläne, die werdende Eltern schmieden. Sie wissen noch nicht, dass nach der Geburt des ersten Kindes alles anders sein wird.

Trotz der entspannten Stimmung lassen mich die aktuellen Nachrichten aus der spanischen Exklave Ceuta nicht los. Zehntausende Menschen aus Nordafrika haben versucht, schwimmend die Grenze zu dem winzigen spanischen Territorium zu überwinden. Manche haben Schwimmreifen dabei, sie schwimmen in Unterwäsche oder ihren Kleidern. Die Bilder zeigen erschöpfte junge Männer, die barfuss und mittellos an Land kommen. Die Grenze bricht faktisch zusammen. In Ceuta wird der nationale Notstand ausgerufen. Es gibt erste Berichte, dass Menschen im Meer ertrunken sind. In den Medien folgen umgehend Debatten über Migration, Grenzen und Souveränität.

Ein kurzes Interview erschüttert mich besonders. Ein vielleicht sechzehnjähriger Marokkaner sagt in gebrochenem Englisch: "Marokko … schlecht. Keine Arbeit. Kein Geld. Keine Hoffnung." Als er erfährt, dass die Ankommenden wieder nach Marokko zurückgeschickt werden, weicht der kurze Hoffnungsschimmer sichtbar der Verzweiflung. Auf die Frage nach seiner Familie erzählt er, dass seine Mutter ihn in seinem Vorhaben – der Flucht – unterstützt habe.
Dieser Satz trifft. Wie hoffnungslos muss eine Mutter sein, um ihren kaum erwachsenen Sohn auf so einen Weg zu schicken – ahnend, dass sie ihn vielleicht nie mehr wiedersehen wird? Offenbar erscheint selbst diese Möglichkeit erträglicher als die Zukunft, die ihn zu Hause erwartet.

Zum Dessert essen wir eine fantastische Crèmeschnitte.

Unser Abend wird zusätzlich von der Nachricht überschattet, dass Jonis Vater in Athen einen Motorradunfall hatte. Zum Glück ist er nicht lebensgefährlich verletzt. Zum Glück hat er eine Familie, die es sich leisten kann, am nächsten Tag spontan hinzufliegen.

Während ich diese Zeilen schreibe, dürften die meisten Menschen aus Ceuta bereits wieder nach Marokko abgeschoben worden sein. Zurück in ein Leben, das sie verzweifelt hinter sich lassen wollten. Zurück in ihrem perspektivenlosen Alltag, mit zerschlagenen Hoffnungen. Die Zahl der Ertrunkenen steigt noch. Die Bilder aus Ceuta und die Hintergründe, die zu solchen humanitären Katastrophen führen, beschäftigen mich zutiefst.

Die Menschen in Nordafrika handeln aus Ohnmacht. Auch Staaten können ohnmächtig sein, wenn Ereignisse ausser Kontrolle geraten. Auch ich fühle mich ohnmächtig.
Doch eines bleibt uns: Mitgefühl zu bewahren und Menschen zu bleiben.

Unser grösstes Privileg ist letztlich nichts, was wir uns verdient hätten. Ob wir an einem Freitagabend gemütlich mit der Familie Crèmeschnitte essen oder uns auf der verzweifelten Suche nach einer besseren Zukunft in die Wellen stürzen, hängt letztlich allein davon ab, auf welchem Fleck dieser Erde wir geboren werden.







Samstag, 1. August 2026

Park Nitzan

Bald ist es drei Jahre her, dass Nitzan und ihr Verlobter Lidor von Hamas-Terroristen in einem der "Miguniot HaMawet" brutal ermordet wurden. Sie hatten am Nova-Festival teilgenommen und versuchten, sich im Morgengrauen dieses Tages, der alles veränderte, vor den Terroristen aus dem Gazastreifen in Schutz zu bringen. Über diese schrecklichen Ereignisse habe ich in mehreren Beiträgen geschrieben, unter anderem in Nitzan und in Immer wieder der 7. Oktober

Die Familie von Nitzan hat gemeinsam mit unserer Gemeindeverwaltung und verschiedenen Organisationen über lange Zeit und mit viel Hingabe daran gearbeitet, den Park in unserem Dorf Nitzan zu widmen.

Der grosse Park bietet weitläufige Grünflächen, ein Basketballfeld, ein Freiluft-Amphitheater, Fitnessgeräte und einen vielfältigen und abwechslungsreichen Kinderspielplatz. Jetzt sind noch mehrere grosse Musikinstrumente hinzugekommen, die an die Liebe zur Musik erinnern, die Nitzan mit den vielen jungen Menschen teilte, die das Nova-Festival besuchten.

In dieser Woche nahmen wir an der feierlichen Neu-Einweihung des Parkes teil. Sie fand am Tu Be’Av statt, dem jüdischen Fest der Liebe. Gemeinsam mit Hunderten weiteren Menschen kamen wir zusammen, um Nitzans zu gedenken. Und wie es sich für einen Park gehört, waren auch Hunderte Kinder dabei.

Israel ist ein ausgesprochen kinderfreundliches Land. Die Generation meiner Kinder – die Generation von Nitzan – hat heute meist bereits selbst kleine Kinder. Während des Anlasses rannten sie über die Wiesen, kletterten auf die Spielgeräte und spielten und lachten zwischen den versammelten Familien. Wie so vieles in Israel folgte auch dieser Anlass keiner strengen Ordnung; sondern war vielmehr ein heiteres, lebendiges Gewusel. Das Leben, das weitergeht stand im Vordergrund – nicht die Tragödie.

Bevor das Denkmal zu Ehren von Nitzan enthüllt wurde, schlossen ihre Eltern ihre Ansprache mit den Worten:
„An diesem Ort wird unsere gesamte Gemeinschaft nach Liebe, Frieden und Hoffnung streben – so, wie Nitzan es sich gewünscht hätte.“



Die "Miguniot HaMawet" sind Beton-Unterstände an Bushaltestellen in der Grenzregion zu Gaza, welche am 7. Oktober 2023 zum Schauplatz blutiger Massaker wurden. Das prägte den neuen hebräischen Ausdruck, Bunker des Todes.

Die Unterstände waren vor Jahren im Rahmen eines Kunstprojekts mit bunten Vögeln und anderen Motiven bemalt worden, um etwas Farbe und Hoffnung in die von Unsicherheit geprägte Region zu bringen. Einer dieser Vögel zierte auch Nitzans "Migunit".
Heute wacht genau dieser Vogel als Skulptur über das Nitzan gewidmete Denkmal, in unserem „Park Nitzan“.







Dienstag, 28. Juli 2026

Zwei Antworten auf dieselbe Frage

Im Thunersee zu schwimmen, auf dem sanft schaukelnden Floss zu liegen und in die Sonne zu blinzeln – das war das klare Highlight meines zweiwöchigen Schweiz-Urlaubs. Die Bucht am See ist ein echtes Juwel. Dass sie mit der wesentlichen Infrastruktur versehen wurde, frei zugänglich ist und von den Menschen respektvoll und friedlich genutzt wird, ist einer der Gründe, warum die Schweiz für viele wie ein Paradies wirkt. Das pure Glück, das ich auf diesem Stückchen Wiese und dem Floss empfunden habe, wird mir in Erinnerung bleiben.


An eine andere Begegnung werde ich mich ebenfalls erinnern - aus ganz anderen Gründen.
Wir waren im Oberengadin wandern. Auf 2,400 Metern Höhe zeigten sich die Berge von ihrer besten Seite. Tief unten glitzerten die Seen. Alle Sorgen der Welt schienen weit hinter dem Horizont zu liegen.

Unterwegs trafen wir auf ein Paar, das offensichtlich jüdisch war. Wir begrüssten sie mit einem „Shalom“, und sofort entwickelte sich ein Gespräch auf Hebräisch.
Sie erzählten uns, aus welcher Stadt in Israel sie kamen. Wir berichteten, wo wir in Israel leben. Wir wanderten ein Stück gemeinsam weiter und plauderten, bis sich unsere Wege trennten.
Meine Geschwister waren vorausgegangen und warteten an der Bergstation auf uns. Mein Bruder, ein standhafter Freund Israels, erzählte mir dort, dass auch er mit dem Paar gesprochen hatte. Allerdings auf Englisch. Dabei hatten sie ihm erzählt, sie kämen aus Südafrika. Das stimmte auch: Zumindest ursprünglich stammten sie von dort. Nur den Teil, dass sie heute in Israel leben, hatten sie ihm gegenüber weggelassen.

Die Begegnung beschäftigte mich noch lange. Dieser Angst plötzlich im Alltag zu begegnen – auf einem Wanderweg in den Schweizer Alpen – hat mich tief betroffen gemacht. Denn dieses Thema betrifft für mich nicht nur Fremde, sondern mich und meine eigene Familie.

Dass die Dinge so verlaufen sind, ist schade für alle Beteiligten, denen dadurch vielleicht ein interessantes Gespräch entgangen ist. Doch für uns ist es absolut verständlich.



Ich weiss nicht, ob ich die Situation richtig einschätze, doch ich denke, Juden sind in der Schweiz (noch) ziemlich sicher. Anders verhält es sich teilweise mit Israelis in Europa.
Viele Menschen haben sich inzwischen eine sehr eindeutige Meinung zum Nahostkonflikt gebildet. So eindeutig, dass für Zweifel oder Zwischentöne meist kaum noch Platz bleibt. Israelis geraten dabei schnell unter Generalverdacht.

Unser Sohn Itay hat seine Arbeit in Zürich unterbrochen und wird nun mit israelischen Kollegen reisen gehen. Man kann nicht israelischer aussehen als Itay (von meinen eigenen Genen scheint in seiner DNA jede Spur zu fehlen). Als Israeli erkannt zu werden, kann in einigen europäischen Ländern leider unangenehme Folgen haben. Im Gespräch suchen wir die Länder, in denen sich Israelis noch sicher fühlen. Um sie aufzuzählen, reichen die Finger einer Hand.

Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Hass beschränkt sich nicht nur auf die Graffitis, die uns auf unseren Ausflügen in der Schweiz, in Deutschland oder auf Kreta von jeder Wand entgegenschlagen. In den vergangenen Monaten wurde immer wieder über Vorfälle gegen israelische Touristen berichtet: Beschimpfungen, Anfeindungen oder verweigerte Dienstleistungen.
Auch das israelische Außenministerium teilte mit, dass es vermehrt gemeldete antisemitische Vorfälle gegen Israelis im Ausland registriert habe. So zum Beispiel gerade erst kürzlich auf Kreta.

Ich weiss nicht, ob Menschen, die sich nicht für Israel interessieren, wahrnehmen, was sich in Europa für Israelis und für Juden verändert. Es ist völlig legitim, sich nicht für den Nahen Osten zu interessieren. Doch das Ausmass der Vorfälle und die Tatsache, dass Israelis Angst haben, ihre Herkunft zu erwähnen, kann man nicht mehr mit einem Schulterzucken beiseiteschieben.

In Gesprächen über Berge, das Wetter oder die Aussicht (und die Frage, ob auch andere Wanderer die 600 Meter Höhendifferenz beim Planen der Wanderung total übersehen haben), sollten sich Israelis nicht überlegen müssen, welche Teile ihrer Biografie sie lieber verschweigen. Diese Entwicklung ist höchst beunruhigend.

Die Wanderung war wunderbar, aber die zwei verschiedenen Antworten, die dieses Paar auf dieselbe Frage gegeben hat, haben mich irritiert und beschäftigt. Hoffentlich nicht nur mich.




Donnerstag, 23. Juli 2026

Ein Schälchen Brombeeren




Im Garten meiner Eltern wächst eine sieben Meter lange Brombeerhecke. Die noch längere Himbeerhecke ist inzwischen vertrocknet. Die Brombeeren dagegen wachsen  – nun, da das Haus leer steht – ungestört vor sich hin und tragen unzählige Früchte.

Für zwei Wochen ist das Haus unser Feriendomizil. Eigentlich steht es leer. Und doch ist es voller Leben.

Meine Eltern sind überall gegenwärtig. In den Gegenständen, die sie benutzt haben. In der Art, wie Dinge abgelegt wurden. Im Geruch, der noch in den Räumen hängt.

Mein Vater lebt inzwischen in einem Alters- und Pflegeheim. Von den Habseligkeiten, die ihn ein Leben lang begleitet haben, braucht er dort fast nichts mehr. 

Auf seinem Bett liegt noch ein getragenes Hemd. Auf dem Arbeitstisch wartet seit Monaten eine unvollendete Bastelarbeit auf ihren Schöpfer.

Die Kleider meiner Mutter sind weggeräumt. Trotzdem spüre ich auch ihre Anwesenheit.

Zu den festen Sommerritualen meiner Mutter gehörte das Einkochen von Früchten. Der große Garten lieferte reichlich Material für Konfitüren. 

Während meines Aufenthalts lockt mich das sonnige Wetter jeden Morgen vor dem Frühstück hinaus zu den Brombeeren. Die stacheligen Zweige hängen voller Früchte. Doch wie es die Art dieser Beeren ist, werden jeden Tag nur wenige von ihnen genau richtig reif. Gerade genug für ein kleines Schälchen zum Frühstück, jeden Morgen.

Beim Pflücken denke ich an meine Mutter. Wie hat sie es geschafft, ganze Töpfe voller Beeren einzukochen? Sammelte sie Tag für Tag eine Portion und wartete, bis genug zusammengekommen war?

Ich geniesse diese stillen Morgenstunden in der frischen Luft. Heute nennt man das wohl Entschleunigung.

Konnte meine Mutter das Beerenpflücken geniessen? Mit fünf Kindern, einem Ehemann, einem großen Garten und einem Haushalt war Entschleunigung vermutlich das Letzte, was sie brauchte. Wahrscheinlich hätte sie sich manchmal eher etwas Beschleunigung gewünscht.

Dieser Urlaub ist geprägt von Erinnerungen und Fragen. Ich öffne Schubladen, schaue in Schränke und stöbere durch Zimmer. Ich suche das Kind, das ich war. Meine Geschwister. Wie war das Leben meiner Eltern wirklich? Unser Leben als Familie?

Meine Eltern haben zu viele Dinge aufbewahrt. Als endlich Gedanken aufkamen, etwas zu räumen, waren sie zu müde.

Ich finde mindestens sechs "Chriesichratte". Unser Familienbüchlein mit den Stempeln des Zivilstandamtes und dem handschriftlichen Eintrag meiner Mutter mit unseren Geburtszeiten. Einige vergessene und doch so vetraute Kinderbücher. Meine Taufkerze.

Als die zwei Wochen zu Ende gehen, muss ich alles zurücklassen. Die Brombeerhecke. Das Haus. Die Erinnerungen.

Beim Wegfahren winke ich dem leeren Haus zu.
Zum ersten Mal winkt niemand zurück.







Donnerstag, 2. Juli 2026

Ein ganz normaler Julitag in Israel



Ehrlich gesagt, frage ich mich manchmal schon, warum ich das Leben in diesem verrückten Land überhaupt noch aushalte. Allein die riesigen Kakerlaken, die bei diesem feucht-heissen Wetter scharenweise aus jeder Ritze und jedem Winkel kriechen, wären Grund genug, das Weite zu suchen.

Über die Bedrohung durch Nachbarn, deren erklärtes Ziel unsere Vernichtung ist, möchte ich hier gar nicht erst schreiben. Die angespannte Lage und die ungewissen Zukunftsaussichten lassen sich ohnehin nur unter einer mentalen Schutzglocke ertragen.

Doch gestern gab es einen ganz anderen Grund, an meinem Dasein hier zu zweifeln: Die – wie soll man es nennen? – kollektive Verrücktheit.

Ich hatte in Tel-Aviv etwas zu erledigen. Eine Sache von höchstens einer Stunde, dachte ich. Danach in den Zug, und zum Ende der Mittagspause wäre ich wieder im Büro.
So der Plan.

Natürlich dauerte die Angelegenheit deutlich länger als erwartet. Als ich mich von Eyal verabschiedete, der mit unserem Auto zu Geschäftsterminen im Süden weiterfuhr, war ich bereits verspätet. Den Zug in zwei Minuten hätte ich trotzdem noch geschafft – wäre nicht der nördliche Bahnhofseingang aus unerfindlichen Gründen geschlossen gewesen. Kein Hinweisschild, keine Erklärung. Nur ein mürrischer Sicherheitsmann, der knapp verkündete: „Kein Eingang.“
Also quer über die Kreuzung, mehrere Häuserblocks entlang und hinauf zum südlichen Zugang. Dort erreichte ich den nächsten Zug immerhin rechtzeitig. Da ich inzwischen hungrig war, kaufte ich mir ein Sandwich. Eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.
Im Zug beschloss ich, gar nicht mehr ins Büro zurückzufahren. Ich würde bis Netanja weiterfahren und von dort ein Taxi nach Hause nehmen. So könnte ich wenigstens rechtzeitig zu meinen Nachmittagsbesprechungen erscheinen. Rückblickend war dies der entscheidende Fehler.

Genau zu dem Zeitpunkt, als mein Zug in Netanja einfuhr, fand die Beerdigung des bekannten Rabbiners Amos Guetta statt. Der ganze Weg vom Kolel, dem Studienzentrum des Rabbis in Netanja, bis zum ausserhalb der Stadt gelegenen Friedhof, war kurzerhand für den Trauerzug gesperrt worden. Die Zeitungen berichteten später von Tausenden Trauergästen, Strassensperrungen und massiven Verkehrsbehinderungen.

Mit anderen Worten: Die Hauptzufahrten nach Netanja waren gesperrt, rund um den Bahnhof fuhr weder Bus noch Taxi, und mein Zuhause lag sieben Kilometer entfernt auf der anderen Seite dieser verkehrstechnischen Katastrophe.
Ein Taxifahrer riet mir, die abgesperrte Zone zu Fuss zu umgehen und eine weiter östlich gelegene Bushaltestelle anzusteuern. Im Winter wäre das vielleicht sogar vernünftig gewesen. An einem Julinachmittag in Israel war es eine Tortur.

Ich marschierte los. Tausende religiöse Trauergäste kamen mir entgegen, später der Leichenwagen selbst, begleitet von einem beeindruckenden Polizeikonvoi. Ich wünschte dem ermordeten religiösen Oberhaupt in Gedanken ewige Ruhe und kämpfte mich weiter durch die Menschenmengen.
An der Bushaltestelle angekommen, stellte ich fest, dass dort – wie eigentlich schon geahnt – weder Busse noch Taxis auftauchten. Woher auch? Immerhin war ich meinem Zuhause ein wenig näher gekommen. Ich kaufte mir eine Flasche eisgekühltes Wasser und leerte sie in einem einzigen Zug.

Nach langer Zeit des Wartens stieg ich in den ersten Bus, der in östliche Richtung fuhr. Die Sitzgelegenheit und die fantastische Klimaanlage waren eine Erlösung. Leider fuhr der Bus nur zwei Stationen weit in meine Richtung. Also wieder aussteigen, weiterlaufen, weiterwarten. Irgendwann erreichte ich einen zweiten Bus, der mich zumindest bis zur grossen Kreuzung in der Nähe unseres Dorfes brachte.

Jetzt trennte mich nur noch ein letzter Kilometer Fussmarsch von meinem Ziel. Das scheint ein leichtes Unterfangen – bis man den Marsch in Jeans, geschlossenen Schuhen und mit Laptop-Rucksack auf dem Rücken unter der israelischen Julisonne zurücklegen muss. Ich war mir dessen nicht bewusst, aber selbst das Warten auf Grün an der Ampel ist für Fussgänger bei glühender Hitze ein Albtraum und brachte mich an den Rand einer Nahtoderfahrung.

Zweieinhalb Stunden nach meiner Abfahrt aus Tel-Aviv erreichte ich endlich unser herrlich kühles Zuhause. Schweissdurchnässt warf ich sämtliche Kleider in die Wäsche, duschte kalt und verzehrte fast eine ganze Wassermelone. Danach schaffte ich es gerade noch rechtzeitig zur Besprechung mit meiner Vorgesetzten um fünf Uhr vor den Computer.

Heute habe ich mich von Ärger und Anstrengung wieder erholt und bin um eine – rückblickend durchaus komische – Erfahrung reicher.

Vielleicht ist genau das der Reiz dieses Landes: dass hier fast nie etwas einfach normal und unspektakulär verläuft. Es gibt Raum für Verrücktheit aller Art: für verrückte Religiöse, verrückte Queers, verrückte Rechte und verrückte Linke. Man ärgert sich übereinander, beschimpft sich gegenseitig – und am Ende lebt man doch wieder miteinander weiter.

Natürlich ist auch der Antisemitismus, der weltweit bedrohliche Ausmasse angenommen hat, ein Grund dafür, warum Viele bereit sind, in Israel Kriege, verrückte Menschen und allerlei Ungeziefer in Kauf zu nehmen.
Wenn ich wählen müsste zwischen mehrmals täglich Israel-Berichterstattung im Schweizer Radio & Fernsehen und gelegentlichen Begegnungen mit Kakerlaken – oder sogar Raketen aus dem Libanon, dem Jemen oder dem Iran – dann ist meine Wahl nach wie vor klar.

Vor einiger Zeit machte im Internet ein Artikel über den zunehmenden Antisemitismus in New York die Runde, der Woody Allen zugeschrieben wurde. Ein ernstes Thema, mit viel schwarzem Humor behandelt – also durchaus glaubwürdig. Später stellte sich jedoch heraus, dass der Text gar nicht von ihm stammte. Ob Woody Allen oder KI: Ein Satz daraus ist mir besonders geblieben:
„Was mir Angst macht, ist die Geschwindigkeit, mit der normale Menschen anfangen, so zu tun, als wäre nichts Besonderes los.“

Der aktuelle und wie immer bereichernde Blogbeitrag von Yupedia beleuchtet auch einige der historischen Hintergründe dafür, warum Menschen hier leben – und leben müssen. Der Artikel ist lang, aber lesenswert. Die sehr persönlichen Einblicke in Deutschland und Palästina der 1930er-Jahre lassen Geschichte auf eindrucksvolle Weise lebendig werden.

Bezauberndes Tel-Aviv




Mittwoch, 10. Juni 2026

Warten auf – Passionsfrüchte?




Am Sonntagabend wurden wir nach einigen Wochen relativer Ruhe (nur im Zentrum Israels, wohlgemerkt!) von Warnungen vor iranischen Raketenangriffen überrascht. Die Wirklichkeit klopfte an die Tür und erwartete sofortiges Umschalten.

Natürlich hätten es die meisten Israelis lieber gesehen, wenn unsere Feinde – Hamas, Hisbollah und Iran – endlich endgültig besiegt würden. Doch wir hatten uns schnell an die angenehme Ruhe gewöhnt. Nun sollten wir einfach an einem Sonntagabend vom Alltags- wieder in den Kriegs-Modus wechseln? Ich beschloss, mich nicht aufzuregen und ging ins Bett.

Erst am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, wurde ich unvermeidlich an die turbulenten Wochen zuvor erinnert. Die Straßen waren leer. Schulen geschlossen. Wo möglich, wurde wieder auf Homeoffice umgestellt. Die Büros wirkten geisterhaft verlassen. Alle vertrauten Zeichen einer Ausnahmesituation waren wieder da.

Alarme gab es in meiner Region keine. Und noch bevor meine Wahrnehmung bereit war, die neue Lage zu verarbeiten, war diese Eskalation schon wieder vorbei.

Lianne war über diesen denkbar unpraktischen Ein-Tages-Krieg besonders verärgert. Als Studentin ist der spärliche Lohn aus ihrer Arbeit an einer Schule die einzige Einnahmequelle. Bleibt er aus, muss sie die Eltern anbetteln. Ihre bescheidene Bitte an die zuständigen Mächte dieser Welt: Kriege dürfen gerne stattfinden – aber bitte nicht ausgerechnet montags oder donnerstags.

Für Sivan dagegen fühlte sich das Ganze fast wie ein Lottogewinn an. Genau an diesem Montag hätte eine wichtige Prüfung stattfinden sollen. Und zwar nicht irgendeine Prüfung, sondern ein Ersatztermin in einem besonders ungeliebten Studienfach. Nun fiel auch dieser aus, und ob die Prüfung noch stattfinden würde, steht in den Sternen.

Und ich? Ich hatte am Morgen noch ahnungslos unseren wunderschönen Garten fotografiert. Die Blumen, das Grün, die Früchte – ein Moment stiller Freude. Und nun – wenige Stunden später – wieder Alarmsirenen, Warnmeldungen und Schutzräume? Diese Art von Umstellung ist mir zu schnell. Ich brauche etwas Vorlaufzeit. 



Doch in den Strassen staut sich schon wieder der Verkehr, die Schulen sind geöffnet, die Büros besetzt. Offiziell sind wir wieder bei „alles normal“, doch tatsächlich ist alles in der Schwebe. Auch ich funktioniere nach aussen normal, doch unterschwellig ist eine starke Beklommenheit mein ständiger Begleiter.

Wie geht es weiter? Die Frage quält uns im Hintergrund. Da bleibt wohl nur die berühmte Vogel-Strauss-Taktik: Nicht vorausdenken. Am besten überhaupt nicht nachdenken. 

Unterdessen warte ich auf die Passionsfrüchte an unserer Hecke, die langsam reifen. Davon scheint es dieses Jahr sehr viele zu geben und ich liebe sie! Das sind doch beste Aussichten!








Montag, 1. Juni 2026

Familienferien auf Kreta




Über Schawuot reiste ich mit meiner Familie nach Kreta. Sogar Itay kam extra aus der Schweiz dazu. Dass dieser Satz heute so unspektakulär dasteht, täuscht allerdings gewaltig darüber hinweg, wie unwahrscheinlich diese Reise noch wenige Tage zuvor erschien.

Die Idee eines Familienurlaubs gab es schon lange. Doch angesichts des Krieges mit dem Iran und der ständig wechselnden Nachrichtenlage blieb sie zunächst genau das: eine Idee. Erst viel später als vernünftig – und entsprechend viel teurer als geplant – buchte ich schliesslich Flüge, Hotel und Mietwagen. Immerhin über ein israelisches Reisebüro, in der Hoffnung, dass bei einer allfälligen Eskalation wenigstens ein Teil der Kosten zurückerstattet würde.

Die Tage vor der Reise waren nicht von Vorfreude geprägt, sondern im Gegenteil – nervenzermürbend. Jemand hatte auf Instagram ein Reel veröffentlicht, das unsere Situation perfekt beschrieb: Vor im Hintergrund laufenden Nachrichten Koffer packen, Koffer wieder auspacken, Koffer erneut packen, und alles wieder von vorne. Im Stundentakt wechselten die Meldungen zwischen unmittelbar wieder ausbrechendem Krieg und angeblich kurz bevorstehendem Abkommen.

Wirklich entspannen konnte ich mich eigentlich erst, als wir wieder zu Hause waren. Für den Fall, dass wir nicht nach Israel zurückfliegen könnten, hatten wir sogar einen Plan B ausgearbeitet. Die Kinder waren von der Aussicht begeistert, eventuell einige Wochen in einem Fünf-Sterne-Hotel festzusitzen. Diese romantische Vorstellung musste ich allerdings rasch korrigieren. Sollte es tatsächlich so weit kommen, würden wir aus finanziellen Gründen wohl eher zu sechst in eine möglichst günstige Zweizimmerwohnung umziehen. Zum Glück blieb uns dieses Experiment erspart.

Der Urlaub selbst war fantastisch. Wir kehrten mit vielen neuen erfreulichen Erinnerungen im Gepäck nach Israel zurück. Der Krieg mit dem Libanon läuft zwar unverändert weiter, doch was den Iran betrifft, ist immer noch alles offen. Deshalb beginne ich jetzt bereits, mich um meine nächste Flugreise im Juli zu sorgen. Man lernt hier, immer auf alle möglichen Entwicklungen vorbereitet zu sein.

Kreta besitzt ohne Zweifel alles, was eine Mittelmeerinsel zum Ferienparadies macht: traumhafte Buchten, glasklares türkisfarbenes Wasser, beeindruckende Berge, Hügel und Schluchten. Die Natur ist spektakulär.

Kreta ist jedoch extrem touristisch. Was mich besonders störte, ist eine gewisse griechische Neigung, die touristischen Zentren mit viel Glanz und Dekoration herauszuputzen, während nur wenige Schritte dahinter der Zerfall beginnt. Abseits der Hauptstrassen befindet sich die Infrastruktur in erschreckend schlechtem Zustand. Die Parkplatzsituation ist chaotisch. Geh-, Wander- oder Velowege existieren gar nicht. Überall gibt es streunende Katzen und Hunde in mitleiderregendem Zustand. Sogar die "mondänste" Shoppingmeile in Heraklion macht einen schäbigen Eindruck. Das in wunderschöner Umgebung liegende Bergdorf Krasi ist mit seinen wenigen traditionellen Steinhäusern ein absolutes Besuchermagnet – und von wild geparkten Autos leider völlig zugestellt. Im alten Teil des Dorfes wischt eine Frau einen Wurf neugeborener Kätzchen vom Vorplatz in den Strassengraben, direkt vor unsere Füsse. Leider können wir nicht helfen. Kastrationsprogramm für freilebende Katzen?Tierheim? Fehlanzeige!




Die meisten Orte erinnern an israelische Peripheriestädte der fünfziger Jahre. Alles wirkt, als hätten die zuständigen Behörden sämtliche Aktivitäten auf „ávrio“ – ein nie eintreffendes Morgen – verschoben.

Für uns immer wieder aufwühlend waren die zahlreichen Graffiti, die leider unterdessen wohl auch auf dem Mond anzutreffen sind. „Israel = Genocide“ oder „All IDF Soldiers are War Criminals“ erzeugen nicht unbedingt das Gefühl, besonders willkommen zu sein.

Eine sichtbar in die Jahre gekommene griechische Militärbasis amüsierte uns hingegen sehr. Die zerrütteten Gebäude und verlassen daliegenden Hallen, die rostigen Fahrzeuge und die vollkommen vernachlässigten Zufahrtswege erschienen uns der Tiefpunkt der Vernachlässigung.

Das wiederum brachte eines meiner Kinder auf die Idee – als Höhepunkt unserer geopolitischen Diskussionen beim Autofahren – Israel könne Kreta doch einfach übernehmen.
Schliesslich wird Israel in weiten Teilen der Welt ohnehin grenzenloser und böswilliger Expansionismus vorgeworfen – warum also nicht wenigstens eine schöne Mittelmeerinsel dazugewinnen?

Die müde wirkenden Soldaten mit ihrer vernachlässigten Ausrüstung würden vermutlich schon beim ersten kräftigen Windstoss kapitulieren. Und eine idyllische Insel ohne feindliche Nachbarn wäre doch eine durchaus attraktive Ergänzung. Natürlich würde die israelische Regierung anschliessend alles modernisieren: neue Strassen, gepflegte Parks, Wanderwege, moderne Wohnungen, etwas Hightech-Industrie...

In unserer Fantasie ging die Entwicklung rasant voran. Vielleicht könnte sogar die moderne Metro, die im Grossraum Tel-Aviv gebaut wird, um eine Linie nach Heraklion und Chania erweitert werden!

So entstanden auf der Rückbank ambitionierte Infrastrukturprojekte und internationale Zukunftsvisionen, die uns halfen, trotz „Free Palestine“-Geschmiere und trauriger Kätzchen bei guter Laune zu bleiben.

Fazit: Die Ferien mit der Familie waren grossartig. Kreta selbst hat mich hingegen etwas enttäuscht. Die Natur ist wunderschön, das Meer traumhaft und die gemeinsame Zeit unbezahlbar. Dennoch werde ich beim nächsten Familienurlaub ein anderes Ferienziel ins Auge fassen. Man muss schliesslich vergleichen können.





Mittwoch, 6. Mai 2026

Der dritte Planet

Auf dem dritten Planeten, auf dem ich lande (mehr dazu in meinem letzten Beitrag „drei Länder, drei Welten“), kündigt die grosse Tafel in der Eingangshalle an, dass das Gepäck auf Band drei auf uns wartet.

Doch was für eine Überraschung – Band drei ist wegen Umarbeiten geschlossen.

Die junge Frau am Informationsschalter scheint sich nicht besonders mit dem Sinn des Schalters, an dem sie sitzt, zu identifizieren. Sie hat keine Ahnung, was mit Band drei los ist. Wo unser Gepäck ist, weiss sie auch nicht. Irgendjemand bringt trotzdem in Erfahrung, dass Band acht die Lösung sein könnte. Dort stürmen jetzt die Schicksalsgenossen meines Fluges hin.

An Band acht angekommen, warte ich gedankenverloren auf meinen Koffer. Nach einer langen Weile merke ich plötzlich, dass nur noch ich da bin, während einige letzte herrenlose Koffer stoisch ihre Runden drehen. Meiner ist nicht dabei. Nach einer kleinen Detektivtour entdecke ich ihn schliesslich – eingeklemmt und verkeilt, tief im Inneren des Bandes.

Zurück zu der Frau am Schalter. Ein paar Telefonate später wird tatsächlich Hilfe organisiert. Mein Koffer wird befreit und ich nehme ihn dankbar in Empfang.

Zum Glück fahren auf diesem Planeten auch die Züge mit Verspätung und so erreiche ich doch noch den Zug, der vor einigen Minuten hätte abfahren sollen.

Im Zug scheint mein Koffer ein Eigenleben zu entwickeln: Freundliche, starke junge Männer heben ihn beim Ein-, Um- und Aussteigen unaufgefordert über Schwellen und Treppen. So wechselt er wie von Geisterhand getragen die Züge. Wie wunderbar, diese Hilfsbereitschaft!

Der Zug ist jetzt zur Abendzeit proppevoll und so verliere ich meinen Koffer zwischen einer dicht gedrängten Menschenmenge im Fahrradabteil prompt wieder aus den Augen. Doch es dauert nicht lange, bis mein Telefon klingelt. Eine aufmerksame Soldatin hat ihn entdeckt und die Nummer auf dem Etikett angewählt. Ich kann ihn gerade noch rechtzeitig retten, bevor er womöglich als verdächtiges Objekt Schlagzeilen macht.

Am Bahnhof werde ich abgeholt und dann sind wir – mein Gepäck und ich – nach einer erlebnisreichen Woche endlich wieder zu Hause.




Montag, 4. Mai 2026

Drei Länder, drei Welten




Der letzte Abend, ich sitze vor gepackten Koffern. Morgen geht es zurück nach Tel Aviv. Hinter mir liegen zwei kurze Aufenthalte in der Schweiz, und dazwischen fünf intensive Tage in Amerika. Die Reise nach Philadelphia hatte berufliche Gründe. Ich hatte das Glück, sie mit einigen Tagen Urlaub bei meiner Familie in der Schweiz verbinden zu können.

Ganz ehrlich: ich war alles andere als begeistert als die Idee für diese Geschäftsreise aufkam. Der lange Flug, die Zeitverschiebung, allein mit dem Mietauto zurechtkommen, Smalltalk auf Englisch mit Geschäftskollegen, während ich bestimmt völlig übermüdet sein würde – bin ich all dem überhaupt noch gewachsen? Ich liess die Vorbereitungen für die Reise anlaufen, war jedoch vollkommen überzeugt, dass ich mir am Schluss eine Ausrede einfallen lassen würde, um mich zu drücken. Dann kam die Möglichkeit für einen Anschlussflug über Zürich auf – und alles weitere ist Geschichte.

„Do one thing every day that scares you“. Der Satz ist so abgedroschen wie richtig. Die gewohnte Umgebung verlassen, über den eigenen Tellerrand hinausblicken, neue Orte sehen, andere Lebensweisen spüren, unbekannten Menschen begegnen – all das war nicht nur bereichernd, sondern auch überraschend kurzweilig und es hat Spaß gemacht!
Bald trete ich um viele Eindrücke und Perspektiven reicher den Flug nach Hause an, mit einem etwas frischeren Blick auf das, was mich zu Hause erwartet. Zumindest für eine Weile.

Dass Israel, die Schweiz und Amerika sich anfühlen wie drei verschiedene Planeten, ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist jedes Mal aufs Neue bemerkenswert.
Aus einem Land kommend, das in einem Krisensturm und unter akuter Bedrohung aus verschiedenen Richtungen steht, wirkt die Selbstverständlichkeit von Ruhe und Ordnung in der Schweiz surreal.




Und dann Amerika – so viele Eindrücke!
Das völlig absurde Konsumverhalten hat mich, nachdem ich erste Einblicke gewonnen hatte, die Läden fluchtartig verlassen lassen. Das Angebot ist unbegrenzt, verführerisch – aber auch vollkommen dekadent.

Auf dem Firmengelände haben mich die Schilder für „severe weather condition shelter“ (Schutzraum bei extremen Wetterbedingungen) belustigt. Also auch hier gibt es Schutzräume! Ob sie wohl einem Raketeneinschlag standhalten würden? Ob sie je aufgesucht worden sind? Gedanken einer Israelin...

Im Austausch mit meinen amerikanischen Arbeitskollegen über ein mir aktuell wichtiges Thema habe ich gelernt, dass es in den USA keine Pflicht gibt, mit einem bestimmten Alter in Rente zu gehen.
Der Vergleich zwischen der Schweiz und den USA ist spannend, weil die Systeme fast gegensätzlich aufgebaut sind:
Die Schweiz setzt auf Struktur und Verlässlichkeit – wie könnte es anders sein. Das klar geregelte Drei-Säulen-System ist verpflichtend, stabil und planbar – allerdings auch mit wenig Flexibilität und teils hohen Kosten.
Die USA hingegen funktionieren nach einem anderen Prinzip. Es gibt kein verpflichtendes Renteneintrittsalter und die staatliche Rente ist eher eine Grundabsicherung. Vieles hängt von individueller Vorsorge, Eigenverantwortung, dem Arbeitgeber und den Kapitalmärkten ab. Selbst die staatliche Krankenversicherung im Alter, Medicare, deckt nicht alles ab.
Das Ergebnis ist mehr Freiheit, aber vor allem auch mehr Unsicherheit. Menschen ohne ausreichende Kenntnisse, Ressourcen oder persönliche Stabilität können öfter im System untergehen oder durch die Maschen fallen.

Ich finde es immer wieder faszinierend und ein bisschen lustig, wie die Amerikaner und Amerikanerinnen ticken. Bin aber froh, keine zu sein.

Es gibt unterdessen auch guten Kaffee bei den Amis, aber man muss ihn suchen. Bei mir lag zum Glück eine tolle Kaffeebar dem Hotel gegenüber – vielleicht der Grund, dass dieses mal die Reise viel erfreulicher war als die früheren.

Aber am schönsten ist es doch, wieder dort anzukommen, wo man nicht mehr suchen muss.





Donnerstag, 9. April 2026

Geduld

Es sind verwirrende Zeiten. Am Dienstagabend gingen wir mit einem mulmigen Gefühl ins Bett: Irgendwo zwischen Angst vor einer ausufernden Eskalation und der Hoffnung, dass sich im Nahen Osten endlich grundlegend etwas verändert. Ein wenig herrschte sogar so etwas wie Vorfreude auf die Eskalation - wenn danach nur endlich friedlich gesinnte Mächte der Asche entsteigen würden!

Doch statt in den erhofften Umbruch erwachten wir in eine vorübergehende Waffenruhe. Ein Zustand, der mehr Fragen aufwirft als er Antworten gibt. Denn kaum jemand weiss, was wirklich vor sich geht. Und selbst der kleine Kreis, der näher dran ist, kann nicht wissen, wohin sich die Lage entwickeln wird.

Sicher ist: Während geopolitisch alles in der Schwebe hängt, sind die Strassen schon heute morgen wieder verstopft wie vor dem Krieg. Schulen und Universitäten nehmen den Betrieb auf – sehr zum Unmut der Schüler und Studierenden. Auch unsere Studentin ist enttäuscht, dass die ungeplante Pause abrupt endet und dass die bis vor Kurzem aufgeschobenen Prüfungen bald tatsächlich stattfinden werden. 
Und auch bei mir schient wieder Routine einzuziehen – wir werden zurück im Büro erwartet.

Doch unter dieser Oberfläche bleibt ein ungutes Gefühl. Die Waffenruhe ist nicht der erwartete triumphale Abschluss, sondern eher ein Innehalten. Wir hätten uns klarere, hoffnungsvollere Ergebnisse gewünscht.

Wir werden uns in Geduld üben müssen. Die Zeit wird zeigen, was diese Pause wirklich bedeutet und wie es weitergehen wird. 

In dieser unsicheren Welt sind es die kleinen Dinge, die mir Zuversicht geben. Zum Beispiel unser Spaziergang am Meer und die überwältigende Blütenpracht im Frühling 





Wenn Sie am Wochenende noch etwas Zeit haben, möchte ich folgende Stimmen weiterleiten:

Ein War Zone Musical, das mich zum Schmunzeln gebracht hat.

Warum wir Israelis trotz allem glücklich sind.

Chaim Nolls NZZ-Artikel über die Lektion der Vernichtung. Er bringt einfach alles wie immer wunderbar auf den Punkt. Hier ist derselbe Artikel bei Rainer Seiferth auf facebook ohne Bezahlschranke.
 

 

Donnerstag, 26. März 2026

Alice im Wunderland

Idyllische Kaffeepause im Homeoffice 



Tausende Raketen haben die Hisbollah und der Iran seit Beginn dieses Krieges auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert. Viele werden abgefangen. Einige nicht – sie richten erheblichen Schaden an. Und selbst abgefangene Raketen bleiben gefährlich. Die Trümmer fallen vom Himmel, schlagen in Gärten ein, beschädigen Dächer, durchschlagen Häuser. Immer mehr Bekannte berichten von Raketenteilen in ihren Vorgärten und auf Gehwegen. Es wird zunehmend klar, wie lebenswichtig es ist, bei Alarm sofort Schutzräume aufzusuchen und dort zu bleiben, bis Entwarnung gegeben wird.


Dienstag, Tel-Aviv

Wir erledigen Besorgungen im Zentrum. Das Navi führt uns auf merkwürdigen Umwegen ans Ziel. An einer Kreuzung ist plötzlich Schluss. Die Strasse ist gesperrt. Sicherheitskräfte sorgen für Ordnung. Kurz zuvor sind hier Teile einer Streurakete eingeschlagen. Ein Gebäude ist komplett zerstört, umliegende Häuser beschädigt. Die Frau, die wir besuchen, wirkt tief erschüttert. Der Einschlag – nur wenige Hundert Meter entfernt – war in der ganzen Gegend heftig zu spüren.

Später erfahren wir, dass das zerstörte Gebäude erst wenige Tage zuvor im Zuge eines Sanierungsprojekts geräumt wurde. Wie durch ein Wunder gab es bei diesem Einschlag in der dichtbesiedelten Stadt keine Opfer.


Am Strassenrand

Als wir Tel-Aviv verlassen, ertönen die Sirenen während der Fahrt. Viele halten an und suchen Schutz – in Bunkern, hinter Mauern, notfalls im Strassengraben. Wir fahren weiter.



Nacht auf Mittwoch

In meinem Wohnort war es bislang vergleichsweise ruhig. Vielleicht habe ich das zu laut gesagt. Prompt reissen uns um drei Uhr nachts die Sirenen aus dem Schlaf.



Donnerstag, Alltag im Ausnahmezustand

Es geht mit den Alarmen fleissig weiter:

Morgens während des Trainings mit der Sportgruppe. Wir laufen in den Schutzbunker am Strassenrand. Das Licht funktioniert nicht. Ein Dutzend Personen dicht gedrängt auf engstem Raum, stehend, in totaler Dunkelheit. Draussen dröhnen die Abwehrsysteme. Wir machen Witze.

Vormittag: Die Sirenen unterbrechen eine Besprechung mit Mitarbeitern aus Indien und Kroatien. Ich klinke mich aus. 

Nachmittag: Sirenen in einem Meeting mit dem Team in den USA. Meine israelische Mitarbeiterin und ich hinterlassen zwei leere Kamerafelder auf dem Bildschirm. 

Meine Mitarbeiterin in Tel-Aviv muss heute acht mal in den Schutzraum im Parterre ihres Wohnhauses flüchten. Ich frage mich ernsthaft, warum überhaupt noch jemand bereit ist, mit uns zu arbeiten.


Der Sirenen-Kindergarten

Lianne erlebt während ihrer Freiwilligenarbeit in einem Kindergarten eine besonders absurde Alarmepisode: Die Aktivität mit einem mobilen Streichelzoo findet vorsorglich im Schutzraum des Kindergartens statt. Doch auf das Ernstfallszenario ist wohl trotzdem niemand vorbereitet. Als die Sirenen heulen, kommen Kinder aus zwei benachbarten Kindergärten hinzu. Das ergibt etwa vierzig aufgeregte Kinder, ein Dutzend Kleintiere und ein überfordertes Betreuungsteam in einem stickigen Raum. Die Schlange, die Hamster und der Igel sind mit einigen Karotten und Salatblättern leicht in Schach zu halten. Doch als die Hasen auszubrechen drohen, wird es für Lianne ernst – sie ist auf Hasen allergisch. Zum Glück folgt bald die Entwarnung. Lianne wird von einem allergischen Schock verschont – und auch einmal mehr von einem Raketentreffer. 
Die Geschichte hört sich zuhause vollkommen surreal an – als wären wir gerade bei Alice im Wunderland gelandet.



Das ist eine Schilderung meiner ganz persönlichen Erlebnisse in den letzten Tagen. Tausende Raketen und Raketenteile – das sind auch abertausende persönliche Geschichten. Einige verlaufen glimpflich, viele nicht. Einige davon kommen mir zu Ohren, die meisten nicht.


Am Dienstag wurde im Norden Israels eine 27-jährige Frau von einer Rakete getötet, während sie im Strassengraben Schutz suchte.
 

Sonntag, 15. März 2026

Ein Wochenende zwischen Sirenen



Sirenengeheul, Schutzräume und ein Alltag, der von Raketenangriffen bestimmt wird – vermutlich werden diese Themen noch eine Weile hier vorherrschen.
Ich weiss, vieles wiederholt sich in meinen Berichten. Wie gerne würde ich abwechslungsreichere Geschichten aus unserer Ecke erzählen.

Lianne fuhr für das Wochenende mit Freundinnen nach Eilat. Sie war damit nicht allein. Tausende Israelis waren ebenfalls aus dem Zentrum des Landes geflüchtet, um ein paar Tage Abstand und Ruhe zu finden. Bis letzten Donnerstag hatte es in Eilat kaum zehn Alarme gegeben, einige davon sogar Fehlalarme. Verglichen mit Tel Aviv, wo die Sirenen schon hundert mal heulten, war die südliche Touristenstadt – bis vor kurzem – fast ein idyllisches Paradies.

Doch Lianne scheint die Alarme irgendwie anzuziehen. Schon an ihrem ersten Morgen gingen auch in Eilat die Sirenen los. Die Hotelgäste wurden aus den Betten gerissen und suchten Schutz im Treppenhaus. In den Stunden danach folgten weitere Raketenangriffe aus dem Iran auf die Stadt. Eine Streurakete schlug an sieben verschiedenen Orten ein und verursachte beträchtlichen Schaden. Es gab Verletzte, darunter ein zwölfjähriger Junge.

In unserer näheren Umgebung schlug in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag eine Rakete in einem nur sechs Kilometer entfernten Dorf ein. Sie traf den Garten eines Hauses, zerstörte mehrere Gebäude und hinterliess eine Schneise der Verwüstung. Die Familie überlebte unverletzt – im Schutzraum ihres inzwischen schwer beschädigten Hauses.

Ich war zu diesem Zeitpunkt noch wach. Die dumpfen, kräftigen Schläge der Abwehrsysteme – auf die oft kurz darauf das Sirenengeheul folgt – sind uns inzwischen vertraut. Wenn nach den Abfangraketen weitere schwere Schläge zu hören sind, weiss man: das ist kein gutes Zeichen.
Der Einschlag liess auch bei uns alles erzittern; die Pergola bebte, Fenster und Rollläden rüttelten laut.

Danach blieb es bei uns am Freitag und Samstag zunächst ruhig – während Lianne nach Eilat geflüchtet war. Am Freitag verbrachte ich sogar zwei Stunden in einem Einkaufszentrum in Netanya. Menschen schlenderten durch die Geschäfte, kauften ein, sassen in Cafés und Restaurants – fast wie zu friedlichen Zeiten.

Erst nach Liannes Rückkehr ging es wieder weiter. Letzte Nacht wurden wir erneut aus dem Schlaf gerissen: um zwei Uhr dreißig und noch einmal um sechs Uhr dreißig. Am Morgen fand man abgeschossene Raketenteile in einem der Erdbeerfelder entlang meiner Laufroute.

Auch in Tel Aviv soll es heute Schäden durch herabfallende Raketenteile gegeben haben. Für die Menschen dort ist die Situation nur schwer zu ertragen. Die Angriffe kommen unaufhörlich, in immer neuen, dichten Wellen. Viele Wohnungen haben keinen Schutzraum. Freunde von Sivan haben vor zehn Tagen ein Kind bekommen – im raketensicheren Keller eines Krankenhauses. Seit ihrer Rückkehr nach Hause laufen sie nun mehrmals täglich – und auch nachts – mit ihrem Neugeborenen zum Schutzraum der Nachbarn. Wenn das nicht zeigt, was gute Nachbarschaft bedeutet!

Israeli, die im ebenfalls stark beschossenen Norden leben, kenne ich kaum. Da die Hisbollah aus nächster Nähe feuert, muss es dort ganz schlimm sein. Verwandte aus einem der nördlichen Kibbuzim sind – wie viele andere auch – zu Familien in etwas sicherere Gegenden gezogen. In den Medien verfolge ich Berichte über unaufhörlichen Beschuss.

Für Lianne begann am Sonntag trotzdem das zweite Semester. Online natürlich – mit einer Statistik-Vorlesung, ausgerechnet ihrem meistgehassten Fach. Immerhin hat sie sich in Eilat eine neue Trainingshose gekauft. Jetzt ist sie auch für das Fernstudium im Raketenalltag top gekleidet.

Ihre Zusammenfassung der ersten Lektion klang ungefähr so: „Bla, bla, bla – lauter statistische Fachausdrücke, die ich nicht verstehe. Dann Raketenalarm. Der Dozent rennt in den Schutzraum. Tel Aviv wird zerstört (es hat Einschläge gegeben). Danach wieder bla, bla, bla – noch mehr statistische Fachausdrücke, die ich nicht verstehe." 
Wie soll man unter solchen Umständen etwas lernen?

So sieht im Moment unser Alltag aus: Sirenen, kurze Wege zum Schutzraum, ungewöhnliche Wohnsituationen, vielerorts Zerstörung. Sich immer wieder aufrappeln. Keine Möglichkeit, irgendetwas zu planen. Dazwischen erstaunlich normale Momente: Menschen gehen einkaufen, sitzen im Café, arbeiten, beginnen ein neues Semester.

Während ich diesen Text schreibe, hoffe ich, dass der nächste Blogeintrag möglichst bald wieder von ganz anderen Dingen handeln kann.

Kreative Idee in einem geteilten Schutzraum in Tel-Aviv

Schutzsuchende in einem öffentlichen Schutzraum in Tel-Aviv




Dienstag, 10. März 2026

Brüchiger Alltag

Nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung meines letzten Beitrags, in welchem ich die Gefahr der Raketen etwas heruntergespielt habe, tötete eine iranische Rakete zwei Menschen und verletzte mehrere weitere. Die Rakete brach in der Luft auf, und zahlreiche Sprengkörper schlugen verstreut im Grossraumgebiet Tel-Aviv ein.

Ich befand mich während der Einschläge im Schutzraum meines Büros, von dem ich hoffe, dass er seiner Bezeichnung Ehre macht. Im Gegensatz zum Schutzraum zu Hause ist er geräumig, gut ausgestattet und bietet Platz für Dutzende Menschen. Mein Büro liegt direkt daneben, fünf Sekunden, und ich bin unten.

Doch trotz der hervorragenden Einrichtungen ist das Bürogebäude fast menschenleer. Längere Anfahrtswege halten meine Kollegen davon ab, zur Arbeit zu fahren. Autofahren gleicht einem Spiessrutenlauf – Sirenen unterwegs zu erleben, ist alles andere als angenehm. Und dann sind da ja noch die Kindergarten- und Schulkinder, die zu Hause betreut werden müssen.

Doch ich geniesse den Tag im Büro. Zuhause treibt mich das ständige Hin und Her zwischen Hausarbeit, ablenkenden Familienmitgliedern und dem verzweifelten Versuch, im Homeoffice konzentriert zu bleiben, fast in den Wahnsinn.

Auch mein Sporttraining am frühen Morgen hat wieder Spass gemacht, war belebend und verlief – im Gegensatz zum Tag davor – sogar ohne Sirenengeheul. Eine kleines Stück Normalität, an dem man sich festhalten kann.

Gegen Mittag fand unser monatliches Teammeeting statt, diesmal online anstatt im Besprechungsraum. Es war ein surreales Treffen: fünfzehn Menschen, über das ganze Land verteilt, die nur darüber sprechen, welche Stadt gerade mehr oder weniger sicher ist, wie viele Sirenen es bei jedem gegeben hat, wer einen eigenen Schutzraum hat und wer nicht, und dass man in Schutzräumen in Zukunft Toiletten einbauen sollte. Dieser Krieg ist nur einige Tage alt, aber ich kann mich schon nicht mehr erinnern, worüber man spricht, wenn man nicht im Krieg lebt. Nach wenigen Minuten zwangen uns die Sirenen erneut, uns in Eile zu zerstreuen. Ich eilte in den Schutzraum im Keller – siehe oben.

Kurz nachdem ich mich am späteren Nachmittag ins Auto setzte, um nach Hause zu fahren, meldete das Radio erneut Raketen aus dem Iran. Am Strassenrand standen Menschen, die vorsichtiger als ich schon ihre Autos neben öffentlichen Schutzräumen angehalten hatten. Ich fuhr weiter und schaffte es tatsächlich ohne Alarm nach Hause.

Es ist deprimierend in diesen Tagen: Müssiggang ist in lebensbedrohlichen Situationen keine Option, aber Arbeiten ist kaum möglich. Meine Motivation erreicht einen Tiefpunkt. Es ist schwer, Sinn in der Arbeit zu erkennen, wenn man sich ständig um seine Sicherheit sorgen muss und wenn die Zukunft völlig ungewiss ist.

Doch noch nervenaufreibender als das Sirenengeheul ist das Auseinanderfallen des gewohnten Rahmens – das Gefühl, dass die Normalität Stück für Stück zerbricht.


Sonntag, 8. März 2026

Gedanken



Gibt es ein System in der Abfolge der Raketenangriffe und der darauf folgenden Luftschutzalarme? Manchmal denke ich an die Menschen, die im Iran – und jetzt auch im Libanon – die Raketen zünden. Wonach richten sie sich? Wann erscheint ihnen ein guter Zeitpunkt, eine Raketensalve auf Zivilisten in den befeindeten Nachbarländern abzufeuern? Schauen sie abends erst noch eine Serie zu Ende, stehen dann von ihrer Pritsche auf – oder von einem Nachmittagsschläfchen – und denken: Na dann, feuern wir mal wieder? Oder sind sie rund um die Uhr damit beschäftigt, Raketen herbei- und auf die Träger zu laden, schaffen das aber nur zu völlig zufälligen Zeiten? 

Manchmal wirkt das Timing besonders perfide: Eine halbe Stunde nachdem man endlich eingeschlafen ist, eine Stunde bevor man aufstehen sollte, oder genau in dem Moment, in dem man sich gerade den Teller voll geschöpft hat. Dann muss man schleunigst aus dem warmen Bett springen und vielleicht mit einer Decke – oder im zweiten Fall, mit dem vollen Teller – in den Schutzraum eilen.

Aber nein, ein System scheint es nicht zu geben. An manchen Morgen werde ich vom Vogelgezwitscher oder vom Kitzeln eines Sonnenstrahles geweckt und bin erst einmal erstaunt, dass es tatsächlich eine ganze Nacht lang ruhig gewesen ist.

Unser Dorf liegt in einer vergleichsweise sicheren Region. Ich persönlich nehme die Bedrohung durch Raketen deshalb relativ gelassen. Die Wahrscheinlichkeit, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, ist um ein Vielfaches grösser. Einen eigenen Schutzraum im Haus zu haben, ist ein grosses Privileg. Für Menschen – vor allem Familien mit Kindern –, die nachts mehrmals in die Keller von Mehrfamilienhäusern laufen müssen, ist die Situation wesentlich belastender.

Doch für alle von uns sind die kriegsbedingte Bedrohung, das Gefühl der Kontrolllosigkeit und das markerschütternde Geheul der Sirenen nervenaufreibend. Die wenigen, wenn auch seltenen, direkten Einschläge richten grossen Schaden an und können tödlich sein. Und auch die herabfallenden Teile abgefangener Raketen sind gefährlich.

Ich selbst bin jedoch alles andere als panisch. Ja, es kommt sogar vor, dass ich einen Alarm verschlafe, oder ihn einfach nicht hören will.
Am Wochenende habe ich auch nicht auf meine längere Laufrunde verzichtet. Die Feld- und Waldwege waren auffallend menschenleer. Wie schade um diesen wunderbaren Frühlingsmorgen. Sollten tatsächlich die Sirenen heulen, während ich unterwegs bin, könnte man den nächsten öffentlichen Schutzraum aufsuchen, oder sich in den Strassengraben legen. Oder einfach weiterlaufen. Das fühlt sich dann sehr surreal an – ist mir aber auch schon passiert.

Liannes zweites Semester wird nächste Woche online starten – ob und wann die Nachprüfungen stattfinden werden, steht jedoch in den Sternen. Zu der normalen Unsicherheit am Anfang einer akademische Laufbahn kommt nun eine Zukunft, die in der Schwebe steht. Dementsprechend hält sich die Motivation zum Lernen in engen Grenzen. Um halbwegs bei Verstand zu bleiben, hat sich Lianne eine kreative Theorie erdacht, wonach der Krieg gar nicht real ist. Sie stellt sich vor, dass die ganze Situation – die Sirenen, die dumpfen Schläge und die lauten Knallgeräusche – inszeniert sind. Eine Art „Truman Show“, sozusagen. Nun ja, wer weiss. Ob echt oder künstlich konstruiert: Ich bin auf jeden Fall froh und dankbar, dass der Staat Israel für effektive Abwehr- und Schutzeinrichtungen sorgt.

Fest steht: Der Krieg hat uns alle im Griff.

Seit Mittwoch sind die angeordneten Schutzmassnahmen allerdings etwas gelockert worden: Menschenansammlungen bis zu fünfzig Personen sind wieder erlaubt, sofern ein erreichbarer Schutzraum in der Nähe ist. Das bedeutet, dass Läden und zum Beispiel Fitnesszentren wieder geöffnet haben.
Ab Montag darf ich auch wieder ins Büro gehen. Für viele Berufstätige ist das allerdings alles andere als eine Erleichterung – die Schulen bleiben weiterhin geschlossen und die Kinder müssen betreut und beschäftigt werden.

Das junge Paar hat am Wochenende einen Versuch unternommen, in ihre Wohnung in Tel-Aviv zurückzukehren. Nach nicht einmal einem Tag standen sie jedoch kleinlaut wieder vor unserer Tür. Dreimal nachts – kurz nach Mitternacht und dann wieder um fünf und um halb sieben – und zusätzlich mehrmals tagsüber in öffentliche Schutzräume zu laufen, reicht ihnen vorerst. Dann doch lieber bei den Eltern wohnen, auch wenn wir uns gelegentlich gegenseitig auf die Nerven gehen.
Ich freue mich jedenfalls, dass sie wieder da sind. Das familiäre Beisammensein und die Tatsache, dass man nirgendwo hingehen kann, haben sogar etwas Gemütliches. Schade nur, dass es einen Krieg braucht, um das zu bemerken.

Wie oft man an verschiedenen Orten in die Schutzräume rennen muss, lässt sich übrigens hier nachverfolgen (leider nur auf hebräisch). Im nördlichen Teil Tel-Avivs heulten seit Beginn des Krieges am 28. Februar bis zum Zeitpunkt dieses Posts 69-mal die Sirenen. Bei uns dagegen nur 23-mal. Im Vergleich ist das fast schon friedlich.



Kurzum: Die ganze Situation ist absurd. Es gibt keinen geregelten Alltag. Wir befinden uns auf unbestimmte Zeit im Hausarrest. Die Sirenen und die Explosionen, die die Fenster erzittern lassen, sind furchterregend. Die Einschläge hinterlassen tiefe Krater und grosse Schäden in Wohngebieten.

Am meisten Angst macht mir jedoch das globale Chaos und die Ungewissheit. Und da sitzen wir ja alle mehr oder weniger im selben Boot.
Wie wird das alles weitergehen?



Montag, 2. März 2026

Homeoffice, sofern möglich

Tel-Aviv, Blick auf Jaffa, vor zwei Wochen 



Ein Campari und zwei Gläser Wein, im Homeoffice. Es tut mir leid – anders war das heute nicht auszuhalten.

Wir zählen Tag zwei im unfreiwilligen Hausarrest. Fünf erwachsene Personen unter einem Dach. 

Draussen herrscht eine Ruhe wie an Yom Kippur, dabei fängt heute das Purimfest an. Doch statt fröhlich verkleideter Kinder und Maskenumzüge sind die Strassen menschenleer. Alles ist wie leergefegt – ein beunruhigender Anblick: und das obwohl die Primarschule gleich über die Strasse liegt. Keine spielenden Kinder, keine Menschen, keine Autos.
Menschenansammlungen sind untersagt: sämtliche Erziehungseinrichtungen, Restaurants, Fitness- und Sportcenter – geschlossen.
Die Anlage meiner Firma ist – ausser der Produktion – verriegelt. Ich soll, sofern möglich, von zu Hause aus arbeiten. Doch „sofern möglich“ ist ein dehnbarer Begriff.

Nur in unseren vier Wänden ist von Ruhe nichts zu spüren: Lianne hat die Noten einer weiteren Semesterprüfung erhalten. Katastrophe, Weltuntergang, Existenzkrise. „Alle anderen sind besser als ich“, schluchzt sie und zweifelt ernsthaft an ihrer Studienwahl. In solchen Situationen hilft bei ihr ausschliesslich eine hochwirksame Dosis Süssigkeiten. Frustriert tigert sie im Zehn-Minuten-Takt in die Küche.

Sivan und der Schwiegersohn sind aus Tel-Aviv zu uns „geflohen“ und wohnen im ehemaligen Kinderzimmer. Sivan ist schwanger und chronisch hungrig. Sie steht in der – meiner – Küche und schnippelt, rührt, brät und backt in einer Frequenz, die uns alle nervös macht. Doch ich hüte mich, etwas zu sagen, denn ihre Laune gerät gerade leicht aus der Balance.

Meine Vorstellung von einem gemeinsamen Mittagessen rückt immer weiter in die Ferne. Jeder hat andere Wünsche, jeder isst zu einer anderen Uhrzeit. Im Laufe des Tages entwickelt sich das alles zu einem aufwendigen und nie endenden Mehr-Gänge-Menü. Berge von schmutzigem Geschirr häufen sich an.

In meinem Homeoffice-Raum residiert mein Schwiegersohn vor drei Bildschirmen und versucht, den Börsenmarkt unter Kontrolle zu halten. Zahlen flackern, Diagramme stürzen ab. Auch seine Laune schwankt entsprechend zwischen himmelhoch-jauchzend und zu Tode betrübt.

Eyal und ein Mann in Arbeitskleidung und schmutzigen Schuhen gehen unterdessen zum Hundertsten mal die Treppe rauf und runter. Ziel: der Dachboden. Mission: Wiederbelebung des Heisswasserboilers, der seit gestern streikt. Sie öffnen und schliessen sämtliche Wasserhähne im Haus, schrauben, fluchen, testen.

Und ich? Ich versuche kläglich, mich im Wohnzimmer in die Arbeit einzuloggen. Wie klein auf diesem Laptop plötzlich alles ist. Trotz Brille und Zoom kann ich ohne den zusätzlichen Bildschirm nur mit grösster Mühe erkennen, ob ich überhaupt das richtige Dokument bearbeite.

Immerhin: Seit einigen Stunden bleiben die Luftschutzalarme aus, wenigstens in unserem Dorf. Seit Samstagmorgen und bis vor Kurzem schrillten auch bei uns immer wieder markdurchdringende Sirenen. Wir mussten alles stehen und liegen lassen (Kochen, Duschen, Schlafen) und in den hauseigenen Schutzraum laufen. 
Das Abfeuern der Raketenabwehrsysteme erzeugt starke, dumpfe Knallgeräusche in schneller Folge. Die Fenster zittern, alles vibriert.

Während ich schreibe, schrillen im Zentrum Israels wieder die Sirenen. Wenig später erfolgt die Meldung über einen direkten Einschlag.

Doch bei uns bleibt es verdächtig still. Wahrscheinlich überdenkt der Feind seine Strategie. Es kursieren Gerüchte über schwieriger abzuwehrende Streumunition.

Zum Glück hat mich der Wein inzwischen schläfrig gemacht. 
Das schmutzige Geschirr, die Prüfungen, die Börse, der Krieg. 
Mir ist jetzt alles egal.



Mittwoch, 25. Februar 2026

Liebe und Kubbeh - eine irakisch-israelische Biografie

Ein wunderbarer Regenbogen begleitete Carmelas Abschied



Anfang dieser Woche haben wir Tante Carmela zu Grabe getragen, die Schwester meiner Schwiegermutter. Drei Jahre nach einem Schlaganfall ist sie nun von langem Leiden erlöst worden. Carmela war warmherzig, humorvoll, stark und aufrecht. Für unsere Kinder war sie eine liebevolle Tagesmutter. Sie gab ihnen Geborgenheit und ermöglichte uns, unsere beruflichen Wege weiterzugehen. Wenn ich die Kinder morgens bei ihr abgab, roch es nach Suppe, gebratenen Zwiebeln, Gewürzen und frisch gewischtem Boden.

Es gibt nun wirklich kein typisches israelisches Schicksal – doch Carmelas Leben war so typisch für Israel, wie es nur sein kann. Ein Jahrhundert israelische Geschichte, verdichtet in einer einzigen Biografie.

Carmela wurde in den 1930er Jahren in Bagdad geboren, in eine große, jüdische Familie. Ihre Gemeinschaft war seit über zweieinhalb Jahrtausenden am Tigris verwurzelt - eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt.

Geburtsdaten wurden damals oft nicht exakt dokumentiert. Man orientierte sich an den jüdischen Feiertagen, wusste, dass ein Kind „nach Pessach“ oder „kurz vor Rosch Haschana“ zur Welt gekommen war. Als viele Jahre später die israelischen Ausweise ausgestellt wurden, stand dort häufig standardmässig der 1. Januar eines geschätzten Jahres.

Carmelas Kindheit begann einige Tage "vor Chanukka" in einer orientalischen Welt aus arabischen Stimmen, Liedern, Gewürzduft und dem festen Rhythmus religiöser jüdischer Traditionen. Die Familie lebte in einem grossen Haus mit Innenhof. Es gab einen Schlafraum für die Mädchen und einen für die Jungen. In den Sommernächten trug man die Matratzen auf die Dächer und schlief dort unter feuchten Tüchern, um die Hitze zu ertragen.

Es war eine Welt mit fester Ordnung, doch unter der Oberfläche begann sich die Geschichte bereits zu verschieben. In den 1930er Jahren wuchs der arabische Nationalismus, und nationalsozialistische Ideologie fand auch im Irak Widerhall. 1941 erschütterte der Farhud, ein Pogrom der arabischen gegen die jüdische Bevölkerung Bagdads, das Sicherheitsgefühl der gesamten Gemeinschaft.

Nach der Staatsgründung Israels 1948 verschärfte sich die Lage für Juden im Irak dramatisch. Es kam zu willkürlichen Verhaftungen, Berufsverboten und Enteignungen. Jüdische Schulen wurden geschlossen, die meisten jüdischen Kinder konnten keine Schule mehr besuchen.

Viele Familien standen vor schweren Entscheidungen. Einige von Carmelas Brüdern gingen zuerst. Sie waren in den Kibbuzim sehr willkommen, mehr als billige Arbeitskräfte, weniger als gleichberechtigte Partner.

1950–1951 fand eine der größten Luftbrücken der jüdischen Geschichte statt: Operation Ezra and Nehemiah. Im Rahmen dieser Aktion wurden über 120.000 irakische Juden nach Israel ausgeflogen. Unter ihnen Carmelas Familie.

Wer ging, verlor die Staatsbürgerschaft und musste Besitz und Häuser zurücklassen. Mit ein paar heimlich eingenähten Diamanten, etwas Goldschmuck und wenigen Koffern verließen sie ihre jahrtausendealte Heimat. Die Schlüssel des Hauses hinterliess Carmelas Familie bei den arabischen Nachbarn – ohne je zurückzukehren.

Bevor es die Reisebeschränkungen für Juden unmöglich machten, war Carmelas Vater einige Male ins britische Mandatsgebiet Palästina gereist und hatte von dort kleine Geschenke und grosse Geschichten mitgebracht – vom gelobten Land, in dem Milch und Honig fliessen.

Doch in den „Ma’abarot“, den provisorischen Auffanglagern im jungen Staat Israel, in welchen die Familie nach ihrer Flucht aus dem Irak lebte, floss zunächst weder Milch noch Honig. Höchstens Regenwasser und Schlamm durch die Zelte. Im Sommer hingegen herrschte brennende Hitze. Es gab in den Zelten kaum Privatsphäre, man schlief auf Feldbetten, lebte aus Koffern, Lebensmittel waren rationiert.

Hinzu kam die soziale Geringschätzung. Die aus Europa stammenden Juden blickten auf die orientalischen Neuankömmlinge herab. Sie hielten sie für dumm, ungebildet und schmutzig. Bei der Ankunft wurden auch Carmela und ihre Familie gegen eventuelle Ungeziefer mit DDT besprüht.

Die Zeit war für Carmela und ihre Familie geprägt von Entwurzelung. Sie lernten nicht nur eine neue Sprache, sondern mussten ihre arabischen Namen zurücklassen und bekamen neue, hebräische Namen, ohne irgendeine Möglichkeit der Selbstbestimmung.

Nach zwei Jahren in Zelten bezog die Familie eine kleine Zweizimmerwohnung. Ein Schlafzimmer, ein Wohnraum. Die Eltern lebten dort bis zu ihrem Lebensende.

Die bescheidenen Umstände hinderten die nun schon verstreut lebende Familie nicht daran, sich zu versammeln und die traditionellen Speisen zu geniessen. Dazu gehören vor allem die Kubbeh – mit Fleisch gefüllte Teigklösse in kräftiger Suppe, in zahllosen Variationen. Alle weiblichen Mitglieder der Familie kochen diese Klösse regelmässig und mit Hingabe. Dabei machen sich die Schwestern, Tanten und Töchter gerne hinter dem Rücken der anderen darüber lustig, wer die Kubbeh zu dick, zu fad oder zu wässrig kocht.

Wer die Kubbeh nachkochen möchte – hier gibt es auf Instagram ein wunderbares Rezept. Aber aufgepasst, irakische Küche ist sehr aufwendig und alles andere als Fastfood!

Viele junge Frauen aus Carmelas Generation arbeiteten früh, unterstützten ihre Eltern, übernahmen Verantwortung für jüngere Geschwister und halfen beim sozialen Aufstieg der Familie. Die schwierigen Umstände erzeugten Ehrgeiz und Widerstandskraft. Man wollte den ärmlichen Verhältnissen entkommen, das junge Land Israel aufbauen, erfolgreich sein.

Heute sind die zweite und dritte Generation dieser Einwanderer fest verankert in allen Bereichen der israelischen Gesellschaft – gebildet, selbstbewusst, erfolgreich. Und doch ist in vielen Familien ein Stück Bagdad lebendig geblieben.

Carmela heiratete jung und bekam drei Söhne und eine Tochter. Sie führte ein religiöses, koscheres Haus, hielt den Schabbat, war nie ohne ihre Kopfbedeckung zu sehen.

Eine besonders bewegende Erinnerung bleibt ein gemeinsamer Kinobesuch des Films "Der Taubenzüchter von Bagdad", basierend auf dem Roman von Eli Amir. Der Film erzählt vom Ende der jüdischen Gemeinde Bagdads in den 1950er Jahren. Der ganze Saal war gefüllt mit Onkeln, Tanten, Cousins. Sie riefen auf Iraki dazwischen, klatschten, lachten, weinten. Es war nicht nur Kino. Es waren ihre eigenen Schicksale, die auf der Leinwand gespielt wurden.

Carmela liebte ihre Enkelkinder innig.

Im April 2022 wurde ihr Enkel Tomer bei einem Terroranschlag in Tel-Aviv ermordet. Der Schock traf die Familie ins Mark. Kurz darauf erlitt Carmela einen schweren Schlaganfall. Sie fiel ins Koma, rang sich Monate später ins Bewusstsein zurück, doch das Krankenhausbett verliess sie nie mehr. Vor einigen Tagen ging Carmela ans Ende des Regenbogens – im wahrsten Sinne des Wortes.

Bei der Beerdigung sprach ihr „kleiner“ Bruder mit tränenerstickter Stimme. In seinen Worten lag all die Geschichte und vor allem – innige Liebe zwischen Geschwistern.

Diese Liebe wird nicht mit Carmela begraben. Sie ist stärker als alle Last und stärker als Terror. Sie hält die Familie über Generationen zusammen – die Liebe und die Kubbeh.