Endlich frei!

Jedes Alter hat seine guten und schlechten Seiten. Mit 56 sind die Gelenke schon rostig und es fällt etwas  schwerer, vom Sofa aufzustehen. Wenn man aufgestanden ist, hat man oft schon vergessen, wozu. Mit etwas Glück ist man aber doch noch soweit rüstig, um die endlich wiedergewonnene Freiheit zu geniessen.

Dieses Wochenende werden wir die Kinder nur per Videogespräch sehen. Die Älteste lebt in ihrer eigenen Wohnung, der Sohn schon länger in der Schweiz. Die Jüngste verbringt den Shabat in der Armee. Sogar das vierte Kind, ein Mädchen aus dem Internat, welches seit einigen Jahren die Wochenenden bei uns verbringt, fährt zu einer Tante. Mein Mann Eyal ist ziemlich pflegeleicht. Das bedeutet: Niemand braucht etwas von mir! Auch meine eigenen Erwartungen an mich selbst versuche ich herunterzuschrauben. Summa summarum: KEINER ERWARTET IRGEND ETWAS VON MIR. Das ist sensationell!

Die Tochter meines Schwagers hat vor einer Woche ihr drittes Kind geboren. Über die ersten, die Zwillinge, habe ich vor dreieinhalb Jahren geschrieben. Gegen Mittag gehe ich auf einen Sprung bei der jungen Familie vorbei, um einen frischgebackenen Zopf, Erdbeermarmelade und ein Geschenk für die Kinder zu bringen. Als ich eintrete, springen die Jungs, die wohl gerade geduscht haben, splitternackt und laut kreischend wie kleine Äffchen über die Möbel durch die Wohnung. Ans Anziehen ist nicht zu denken, wahrscheinlich werden sie keine Ruhe geben, bis die Batterien leer sind. Und das scheint nicht so bald der Fall zu sein, so wie das hier aussieht. Die Mutter hält das Neugeborene in den Armen. Es schläft einige Augenblicke süss und ruhig – dann stimmt es kräftig in das Schreiorchester ein. Der Vater schaut mich aus schwarzumringten Augen an. „Wir haben kapituliert“ sagt er sarkastisch. „Wenn sie nur am Leben bleiben, dann sind wir zufrieden, mehr verlangen wir nicht“. Nach fünf Minuten in der Wohnung habe ich Herzrasen, Tinnitus und deutliche Anfänge einer Migräne. Ich mache mich aus dem Staub und wünsche der jungen Familie viel Freude mit ihrem Glück.

Gegen Mittag werden wir hungrig. Kinderlos und spontan wie wir sind, suchen Eyal und ich in einem der Nachbardörfer einen Kaffeekiosk auf, die jetzt, da die Restaurants geschlossen sind, überall aus dem Boden spriessen. Wir kaufen Kaffee und ein Sandwich und setzen uns auf die Wiese. Es ist Purimfest und die Schule gerade aus, deshalb ist das Pärkchen voll mit jungen Familien mit verkleideten Kindern. Das ist auch schön, denke ich und blinzle in die Sonne. Aber noch schöner ist es, wieder Zeit für mich selbst zu haben und zu sehen, wie die Kinder erwachsen werden. Wie sie ihr eigenes Leben meistern und vor allem – dass sie Freude daran haben.

Am Nachmittag kommt Sivan mit Freund zum Aperitif. Soviel Rummel ertrage ich gerade noch. Beim Betrachten der Fotos, die Sivan fürs Instagram macht, staune ich schon ein wenig, wie weiss mein Haar geworden ist. Und über all die Falten am Hals, die mir vorher nicht aufgefallen sind. Aber na ja, ich kann damit leben. Eine neue Generation ist nun damit beschäftigt, schön und jung zu sein. Ich hingegen habe Zeit, mich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu kümmern. Zum Beispiel, dafür zu sorgen, dass der Nachwuchs in der erweiterten Familie nie kalte Füsse haben wird.





Kommentare

Ulrike hat gesagt…
Sorry, da ist was durcheinander gekommen. Kannst Du den ersten Kommentar ändern oder löschen? Hier kommt mein Kommentar, wie er gedacht war:
Gelenke knacken, Vergesslichkeit und keinen Nerv mehr für die lebhaften und lauten Kinder - das hört sich schrecklich an! ich erlebe mein Alter ganz anders! Auch ich bin nicht mehr so beweglich wie früher, das stört mich nicht. Mit ein wenig Sport würde das bei mir besser sein.. Mein Gedächtnis ist so gut wie früher, auch nutze ich meine Zeit jetzt intensiv zum Lernen und mich fortbilden. Gerade was lebhafte und laue Kinder betrifft scheine ich wesentlich toleranter geworden zu sein. Da bin ich früher viel eher ausgerastet. Ach, übrigens, ich bin fast 66 und habe keine Kinder. Ich meditiere viel, das hilft, jung zu bleiben, ne, ich meine mehr, fit und ruhig älter zu werden.
Ich wünsche Dir alles Gute.
Liebe Grüße
Ulrike
Yael Levy hat gesagt…
Liebe Ulrike,
Herzlich willkommen auf meinem Blog! Du liest hier vielleicht noch nicht sehr lange mit, sonst hättest du bestimmt gemerkt, dass vieles ironisch gemeint ist. Humor ist für mich die beste Art, mich mit herausfordernden Situationen, zum Beispiel dem Älterwerden, auseinanderzusetzen, deshalb lache ich auch gerne über mich selbst. Wenn du einige Beiträge zurücklesen möchtest, könntest unter anderem in Erfahrung bringen, dass ich sehr viel Sport treibe. Ich meditiere auch (Laufen ist meine Meditation) und versuche ebenfalls “fit und ruhig älter zu werden”, aber die Gewalt der Natur scheint da leider stärker zu sein als meine Pläne.
Deshalb: Ja, ich bin vergesslicher geworden! Gerade heute habe ich zum Besipiel nach dem Kochen den Salzstreuer erst nach längerem Suchen wieder gefunden – im Kühlschrank!
Was die lauten Kinder anbetrifft: Wenn man zwanzig Jahre fast ununterbrochen für die eigenen dagewesen ist, finde ich es absolut legitim, sich erst einmal zu freuen, wenn wieder etwas Ruhe eintrifft. Ich ärgere mich nicht über laute Kinder – aber ich habe genug davon gehabt. Jetzt weiss ich sie lieber in der Obhut ihrer jüngeren Eltern.
1st, female hat gesagt…
Ein wunderschöner Bericht, danke! Ich glaube, die Kinder finden uns auf ihren unzähligen Smartphonefotos gar nicht so alt.
Schliesslich waren wir einmal auch richtige Chatichot, braungebrannt mit blonden Haaren und "blutten" Beinen?
Herzliche Grüsse aus dem Hoch-Haus unter Hoch-Nebel.
H.Lang hat gesagt…
Das auch immer diejenigen,die keine Kinder haben,es besser wissen wollen.Ich habe mich köstlich amüsiert über den Bericht...wunderbar!!!!Herzliche Grüsse Heidi

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