Frühlingslaune

Beim Anziehen fällt mein Blick auf eine Schachtel, die hoch oben im Kleiderzimmer in Vergessenheit geraten ist: Meine geliebten Stiefel! Als bekennende Schuhfetischistin lassen diese eleganten schwarzen Stiefel aus feinstem Wildleder mein Herz auch nach einigen Jahren noch höher schlagen. Jetzt ist der Winter vorbei und ich habe sie kein einiziges Mal getragen. Auch meine vielen Mäntel und Jacken sind den ganzen Winter über im Schrank geblieben. Nicht weil es zu warm gewesen wäre. Ich habe sie nicht gebraucht, weil ich einfach NIRGENDWO hin gegangen bin. Ich habe ein Jahr lang jeden Tag mehr oder weniger denselben vergammelten Trainingsanzug getragen.

 

Beim Laufen freue ich mich über die dunkelviolette Küsteniris, die jetzt in dieser Region in voller Pracht blüht. Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf. Ich weiss nicht ob die Endorphine oder das frühlingshafte Wetter daran schuld sind, oder die Aufhebung der Lockdown-Einschränkungen – aber ich bin wieder zuversichtlich. Die Tage der ausgeleierten Trainingsanzüge sind gezählt. Eine neue Zeit bricht an. Die Angst dass alles noch viel schlimmer werden könnte ist noch da, aber sie flacht ab. Bestimmt, die Natur ist stärker als wir Menschen. Sie könnte oder kann die Menschheit vernichten, genau so, wie sie uns hervorgebracht hat. Aber – vielleicht sind wir der Geist, den sie gerufen hat, und den sie nun nicht los wird. Wir haben eine beachtenswerte Intelligenz entwickelt und so schnell geben wir nicht klein bei. Wir sind fast alle geimpft. Wenigstens hier, auf der Insel Israel, die wir im Moment immer noch nicht verlassen können. Die Statistiken sind positiv und Viele berichten schon aus eigener Erfahrung, dass man sich tatsächlich kaum mehr ansteckt. 

Vielleicht haben wir diese Hürde geschafft.

Meine Stiefel werde ich dieses Jahr nicht mehr anziehen. Auch andere alte Gewohnheiten werden eventuell im Schrank bleiben. Andere, neue Gepflogenheiten werde ich beibehalten. Ich habe viel gelernt in diesem Corona-Jahr. Über die Allmacht der Natur, über unsere Überheblichkeit, über die fälschliche Sicherheit des Lebens, über meine Mitmenschen, über meine Beziehung zu ihnen  aber vor allem über mich selbst. In diesem Moment bin ich dankbar für die Bereicherung, mit welcher ich aus dieser Krise hervorgehe. In der vagen Hoffnung, dass sie wirklich hinter uns liegt.


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