Leben danach


Am Schabbat beschliessen Eyal und ich gegen Mittag spontan, nach Jerusalem zu fahren. Jerusalem, die Stadt mit der faszinierenden Ausstrahlung ist immer eine Reise wert und ich war seit Anfang der Pandemie nicht mehr dort. Aber jetzt, bei einer Impfrate von über 60 Prozent und sehr erfreulichen negativen Fallzahlen, herrscht eine frühlingshafte aufregende „Nach-Corona“-Stimmung. Was in anderen (Schweizer) Blogs noch als 1. April-Scherz dargestellt wird, ist bei uns wieder möglich: Die Restaurants und Märkte sind geöffnet, man darf in der Stadt flanieren und sich mehr oder weniger sorglos und unbegrenzt ins Getümmel stürzen.

Knapp zwei Stunden nach unserem spontanen Entschluss finden wir in Jerusalem einen Parkplatz. Dann verlässt mich für einen Moment die Freude auf den Ausflug. Es ist ja immer noch Maskenpflicht! Diskussionen über einen bald möglichen Maskenverzicht sollen zwar schon im Gange sein, aber noch ist es nicht so weit. Ich habe die erstickenden Dinger nie leiden können, vielleicht gerade, weil ich fast nur noch zu Hause weilte und sie ganz selten tragen musste. Und jetzt hier – endlich draussen! – sollte ein Stück Stoff mich davon abhalten, frische Frühlingsluft zu atmen?

Im Schabbat-ruhigen Altstadtnahen Viertel, in welchem wir unseren Ausflug starten, sind über Mittag nur wenige Leute auf der Strasse und hier eine Maske zu tragen wäre doch einfach lächerlich. Ich beschliesse aufmüpfig, dass ich mir die Freude von dieser lästigen Gesichtsbarriere nicht verderben lasse. Es ist endlich an der Zeit, dass wir uns wieder ans maskenfreie Auftreten gewöhnen. Schliesslich bin auch ich vorbildlich geimpft. Ich trage frech Lippenstift auf und stecke die Maske in die Hosentasche, dann ziehen wir los.



Vorbei an der eindrucksvollen russisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale mit ihren goldenen Kuppeldächern marschieren wir in Richtung Altstadt. Bei angenehm kühlem Frühlingswetter ist ein Besuch in dieser Stadt mit ihrem exotischen Flair das Abenteuer, das in diesen Tagen einer Auslandsreise am nächsten kommt.


 
In den engen Marktgassen im arabischen Viertel tümmeln sich erstaunlich viele Leute. Um Touristen kann es sich nicht handeln, aber aus mir unerklärlichen Gründen sind doch viele fremde Sprachen zu hören: Englisch, Russisch, Spanisch. Wir drehen eine Runde durch die Grabeskirche, in welcher heute, einen Tag vor Ostern, eine besonders spirituelle Stimmung zu herrschen scheint.

Aber vom Beten allein kann man nicht leben, also verschlingen wir beim Damaskustor ganz weltlich eine der besten Falafel Jerusalems – obwohl wir noch gar nicht hungrig sind. Die letzten Tropfen aromatischer Tahina aus den Mundwinkeln leckend staunen wir auf dem Gemüsemarkt über frische Kichererbsen, die sich zu dieser Jahreszeit in die Berge von grünen ungeschälten Mandeln reihen, allesamt noch in ihren zartgrünen Hülsen.




Unterwegs in einer der engen Gassen schwillt der Besucherstrom in der uns entgegenkommenden Richtung plötzlich erstaunlich an. Hunderte von Menschen strömen uns entgegen und das Vorwärtskommen wird zum fast unmöglichen Unterfangen. Jetzt wird mir ohne Maske doch etwas mulmig. Viele der uns Entgegenkommenden tragen brav Masken über Mund und Nase, viele aber auch nur nachlässig am Kinn und eine bemerkenswerte Zahl ist so frech wie wir und präsentiert sich mit nacktem Gesicht. Na ja, jetzt ist es wohl eh schon zu spät für den Atemschutz. In dieser leicht bedrückenden Situation rasen mir ungewollt die statistischen Resultate der klinischen Studien für die verschiedenen Covid-19-Impfungen durch den Kopf. Weil mir aber die Zahlen in diesem Moment eher verschwommen und nicht besonders überzeugend erscheinen, sende ich noch ein Stossgebet gen‘ Himmel – dass mich die vielfältigen Götter Jerusalems vor Corona beschützen mögen!

Wir bleiben einige Minuten in einem Ladeneingang stehen und wundern uns, woher die Menschenmassen kommen könnten. Es sind offensichtlich Araber, also kommen sie am Schabbat nicht vom Gebet. Dagegen spricht auch, dass die Gruppe aus mehr als der Hälfte Frauen besteht. Nach einigen Minuten des Wartens und Staunens wird klar, dass der Menschenstrom nicht so bald abbrechen wird. Wir stürzen uns wieder ins Getümmel. Gegen den Strom kämpfen wir uns in Richtung österreichisches Hospiz. Schliesslich erwartet uns dort im wiedereröffneten Café Triest Wiener Melange und Apfelstrudel mit Sahne!

Immerhin - Henkersmahlzeit vor dem eventuellen Corona-Tod









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