Noch einmal “la pazza gioia”

Als ich heute E. im Heim für Holocaust-Überlebende besuche, ist sie besonders quirlig und verwirrt, aber guter Laune. Wenn ich manchmal den Verdacht hege, dass die Heiminsassen konsequent Valium zur Beruhigung erhalten, denke ich heute, ob ihr wohl jemand die falschen Tabletten verabreicht hat. Sie ist sonst meistens ziemlich ruhig, aber heute spricht sie ununterbrochen und übertrifft sich mit ihren witzigen Aussagen immer wieder selbst. Meinen Vorschlag, draussen spazieren zu gehen, schlägt sie ab mit der Begründung, sie sei schon den ganzen Tag draussen gewesen. Ich weiss genau, dass das nicht möglich ist. Eine neue Angestellte fragt mich wer ich bin und E. kommt mir zuvor und stellt mich als “Professorin des Instituts….” vor.

Auf meine Frage, ob sie sich erinnern kann, wo sie an 9/11, zur Zeit der Terroranschläge auf die Türme des WTC heute vor 15 Jahren war, behauptet sie, in Manhatten selbst gewesen zu sein und erzählt mir auch gleich von ihren aufregenden Erlebnissen am Ort des Geschehens.

E. erinnert mich heute an Beatrice, die Protagonistin aus dem Film vom letzten Donnerstag, die auch pausenlos redete, nur war dort, im Film, das Therapiezentrum eine bunte italienische Villa mit üppiger mediterraner Flora, während das Heim hier ziemlich trist in schwarz-weiss und Geruch nach Putzmitteln daherkommt. Und trotzdem will Beatrice im Film nur eines: ausbrechen, um ein wenig Glück zu suchen.

Später behauptet E. noch verschmitzt, in Budapest, wo sie aufgewachsen ist, gäbe es keine Irrenhäuser, die ganze Stadt sein nämlich ein Irrenhaus.

Als ich mich verabschiede und E. auf meinen Besuch in einer Woche vertröste, sagt sie “ dann bin ich dann aber nicht mehr da…”
“Wo gehst du denn hin?”
“Das weiss ich noch nicht… Hier ist es langweilig. Einöde”

Donatella und Beatrice aus "la pazza gioia" auf der Flucht 

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