Mittwoch, 21. Januar 2026

Das Gipfeltreffen



Diese Woche fand in Tel-Aviv ein Gipfeltreffen von globaler Tragweite statt, über das in den Medien aus mir unerklärlichen Gründen nicht berichtet wurde: Drei schweizerisch-israelische Bloggerinnen (Schreibschaukel, KKuK, und ich selbst) trafen sich zu einer Tagung zum Thema „Wie Israel sich die Sympathien der Welt verscherzte, indem es sich nicht von angreifenden Staaten vernichten liess“ (frei nach Kishon).

Das Diskussionsprogramm war vielfältig und beinhaltete unter anderem den zunehmenden globalen Antisemitismus, die Möglichkeiten und Konsequenzen eines bevorstehenden Angriffs im Iran, die Zukunft Europas und der Schweiz – und unsere erwachsenen Kinder. Auch das Essen repräsentierte die multikulturelle Begegnung: Es gab Ravioli, koscheres Pad Thai und israelische Dörrfrüchte. Dazu Humus, den wir aber nicht verspeisten, sondern der in persona seinen Senf zu allem gab.

Unter häufigem Gelächter und gelegentlichem Seufzen wurden Resolutionen getroffen: 
  • Der iranische Angriff: scheint unvermeidlich, passt aber erst ab nächste Woche in unsere Agenda
  • Weltfrieden: noch offen
  • Allgemeine Aussichten: eher pessimistisch
  • Kindererziehung: eigentlich abgeschlossen, aber weiterhin komplex
  • Essen im Sarona-Markt: sehr empfehlenswert

Das Gipfeltreffen endete feierlich. Die offiziellen Vertreterinnen setzten ein starkes Zeichen im Kampf gegen die Klimakrise und reisten vorbildlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause.

Allgemeiner Konsens: Israel ist ein Land, in dem sowohl das Wetter als auch die politische Situation und vor allem die Menschen auf irgendeine Art verrückt bis extrem sind – und zugleich ein Land, das man einfach lieben muss.



Eindrücke vom Sarona-Viertel 


Dienstag, 13. Januar 2026

Trockene Fakten

Liebe Leser, heute habe ich einen ganz besonders langweiligen Beitrag für euch: Keine Bilder, nur trockene Fakten, und erst noch viel zu lang! Viel Vergnügen!


Auch wenn ich inzwischen auf fast vierzig Jahre „Nahost-Erfahrung“ vor Ort zurückblicke, suche ich in Bezug auf Israel noch immer nach Antworten – und zwar bewusst aus unterschiedlichen Perspektiven.

Eben habe ich das Buch „Wem gehört das Heilige Land? Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern“ von Michael Wolffsohn fertig gelesen. Das Buch hat die historische und politische Auseinandersetzung um das Gebiet des heutigen Israel/Palästina und die Frage, wessen Ansprüche dort legitim sind, zum Thema.

Leider ist das Mass an Unwissen allgemein erschreckend hoch. Nun wäre keine Ahnung zu haben an sich noch verzeihlich. Problematisch wird es dort, wo Fehlwissen, meist gespeist aus Desinformation, mit maximaler moralischer Gewissheit vorgetragen wird. Genau diese Mischung prägt derzeit weite Teile der öffentlichen Debatte.

Es mag unterdessen schon „Schnee von gestern“ sein, doch der öffentliche Auftritt von Nemo bleibt ein Beispiel dafür, wie mega-peinlich Unkenntnis wirken kann, wenn sie mit politischer Geste einhergeht. Die demonstrative Rückgabe der ESC-Trophäe, weil Israel nicht vom Wettbewerb ausgeschlossen wird, zeugt von eklatantem historischen und politischen Unverständnis. Wer so agiert, verkündet unfreiwillig vor allem eines: dass er keine Ahnung hat – und diskreditiert sich damit selbst. 
Leider handelt es sich dabei keineswegs nur um Einzelfälle.

Natürlich kann man von einem Musiker nicht erwarten, sich tiefgehend mit Geschichte zu beschäftigen. Das ist auch völlig in Ordnung – soll Nemo doch Musik machen. Wer sich jedoch öffentlich politisch positioniert, sollte zumindest über ein Mindestmass an Fachwissen verfügen. Ein Buch zur Hand zu nehmen, wäre da kein schlechter Anfang.

Was ich an Wolffsohns Ansatz besonders schätze, ist der Blick auf die jahrtausendealte Geschichte der Region unter dem Aspekt religiöser Ansprüche, kollektiver Identitäten und stetiger Machtverschiebungen zwischen Juden, Arabern/Muslimen und Christen. Dieser Perspektivwechsel war für mich erfrischend und überraschend spannend. Trotz der komplexen historischen Abläufe liest sich das Buch erstaunlich leicht.

„Wem gehört das Heilige Land?“, liefert statt einfache Antworten Hintergrundwissen, Kontext und ein differenziertes Verständnis dafür, warum der Streit so schwer zu lösen ist und wie vielfältig die Ansprüche und Narrative sind.

Eine eindeutige Antwort auf die eigentliche Titelfrage gibt das Buch jedoch nicht. Wolffsohn kommt zum Schluss, dass kein Volk allein Anspruch auf das Land erhaben kann. Das Gebiet wechselte im Laufe der Geschichte immer wieder die Herrschaft — und jeder historische Anspruch ist komplex und umstritten.

Um mir zumindest die Abläufe der neueren Geschichte besser einzuprägen, habe ich im Anschluss eine übersichtliche Kurzfassung zusammengestellt.

Niemand muss diese Zeilen lesen. Niemand ist verpflichtet, sich mit Fakten auseinanderzusetzen. Aber: Ohne Hintergrundwissen sollte man sich auch keine Meinung bilden. Das ist allerdings schwieriger in einer Medienlandschaft, die dem Publikum täglich subtile Verzerrungen verklickert. Vielleicht wäre ein kleines Mehr an Faktenkenntnis also doch keine schlechte Idee.

Das osmanische Reich
  • Der Nahe Osten war ab dem frühen Mittelalter und bis zum Ersten Weltkrieg unter türkischer Herrschaft, den Osmanen. 
  • Um 1900 umfasste das Osmanische Reich den Balkan, das heutige Griechenland, die Türkei, den Irak, Libanon, Israel, Teile Jordaniens, den Gazastreifen und Teile Kuwaits und Saudi-Arabiens.
  • Schon vor dem Ersten Weltkrieg versuchte England eine Verbindung zu Indien herzustellen, über welches es seit 1757 herrschte. Sie eroberten Malta, Aden (Hafenstadt im Jemen), die Aktien des Suezkanal und später Ägypten.
  • Die Araber im Nahen Osten empfanden die osmanische Herrschaft als Fremdherrschaft. Angesichts des Ersten Weltkriegs versprachen die Briten den Arabern eine dauerhafte Allianz, wenn sie ihnen beim Vertreiben der Osmanen beistehen würden. Sie versprachen Hussein von der Familie der Haschemiten ein unabhängiges, arabisches Königreich, dessen Grenzen auch das Heilige Land beinhalteten.
  • Gleichzeitig planten die Briten gemeinsam mit Russland, Frankreich, Italien und Griechenland eine ganz andere Aufteilung der osmanischen Beute: Im Sykes-Picot-Abkommen von 1916 wurden das Heilige Land sowie Mesopotamien Großbritannien zugesprochen. Frankreich sollte den Libanon und Syrien erhalten.
  • 1917 versprachen die Briten in der Balfour-Erklärung dasselbe, den Arabern angebotene Land, den Zionisten.
Aufteilung nach dem Ersten Weltkrieg
  • Mit dem Ersten Weltkrieg brach das osmanische Reich zusammen.
  • Die Engländer versprachen allen alles und behielten es schließlich selbst: 1918 hatten sie das gesamte Heilige Land, sowie Syrien und den Libanon militärisch im Griff.
  • Der Nahe Osten wurde neu aufgeteilt:
  • Das britische Mandat Palästina umfasste das heutige Israel, das Haschemitische Königreich Jordanien, Judäa und Samaria (das Westjordanland) und den Gazastreifen.
  • Die Franzosen bekamen Syrien und den Libanon.
  • Das damalige Transjordanien, das mehr als zwei Drittel der Gesamtfläche des Mandates ausmachte, ging 1921 an die Haschemiten und verwandelte sich in ein Emirat, gehörte aber immer noch zum britischen Mandatsgebiet Palästina.
  • Alles wurde 1922 auf internationaler Ebene mit dem Völkerbund legitimiert. Eine ziemlich skandalöse Augenwischerei, die dann als Völkerrecht galt.
  • Zwischen 1920 bis zum Zweiten Weltkrieg kamen immer mehr Juden nach Palästina. Der Nahe Osten war jedoch für die Briten von größter strategischer Bedeutung, vor allem im Zweiten Weltkrieg. Ab 1939 wurde die jüdische Einwanderung nach Palästina durch die Briten eingestellt. Verkauf von Land an Zionisten wurde verboten.
  • 1946 erkannte Grossbritannien die Unabhängigkeit Transjordaniens an, das Haschemitische Emirat wurde zum Königreich Transjordanien (ab 1949 Jordanien). Man kann diese Maßnahme als erste Teilung Palästinas bezeichnen. Eine wichtige Tatsache: Rund Dreiviertel der Bürger des heutigen Jordanien sind Palästinenser. Jordanien ist heute ein Land voller Palästinenser, mit einer palästinensischen Königin, es war Teil eines Mandats mit dem Namen Palästina – gilt heute aber nicht als „Palästina“.
  • Während dem Zweiten Weltkrieg hatten die Palästinenser für Deutschland Partei ergriffen und sie arbeiteten aktiv mit den Nazis zusammen.
Aufteilung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Unabhängigkeitskrieg
  • Sowohl die Zionisten als auch die Araber waren immer mehr gegen die Herrschaft der Briten, auch militant. Nach dem Zweiten Weltkrieg empörte sich auch USA über die Sturheit und Unmoral der Briten. 1947 gab die britische Regierung auf: Sie überließ das Palästina-Problem der UNO.
  • 1947 schlug die UNO die Teilung des Heiligen Landes vor. Es sollte ein Bundesstaat entstehen, der sich aus je einem jüdischen und arabischen Teilstaat zusammensetzte. Jerusalem sollte international verwaltet werden.
  • Wegen der Möglichkeit zur Staatsgründung, wenn auch auf einem winzigen Staatsgebiet, nahmen die zionistischen Politiker den Teilungsplan zähneknirschend an.
  • Die „Palästinenser“ lehnten den Plan rundweg ab. Sie griffen sofort zu den Waffen und bekamen Hilfe von Ägypten, Irak, Libanon und Syrien. Trotzdem verloren sie am Ende alles. Selbst den ihnen von der UNO zugedachten Teilstaat hatten sie verspielt.
  • Der Emir von Jordanien raubte den „Palästinensern“ zusätzlich die Altstadt von Jerusalem, sowie das gesamte Judäa und Samaria, welche er seinem Königreich einverleibte.
  • Auch den Gazastreifen verloren die „Palästinenser“ 1948: Er wurde fortan von Ägypten verwaltet.
  • Jerusalem wurde völkerrechtswidrig zum Teil durch Israel (Westjerusalem) und durch Jordanien (Ostjerusalem) besetzt. (Die UNO empörte sich aber nur über die Besetzung Israels).
  • Jordanien annektierte 1950 Judäa und Samaria formell und benannte das Gebiet in „Westjordanland“ um. Die Annexion des Westjordanland durch Jordanien war völkerrechtswidrig, denn es war ja ursprünglich dem palästinensischen Staat zugesprochen.
Aufteilung nach 1967
  • 1967 kam es auf dem Hintergrund jahrelanger Spannungen zum Sechstagekrieg, nachdem Ägypten Schritte setzte, die Israel als existenzielle Bedrohung sah.
  • Als Resultat dieses Krieges eroberte Israel das von Jordanien besetzte Ostjerusalem, Judäa und Samaria (das Westjordanland), die syrischen Golanhöhen, die zu Ägypten gehörende Sinai-Halbinsel und den ebenfalls von Ägypten verwalteten Gazastreifen.
  • Der Yom-Kippur-Krieg (1973) begann mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens auf Israel, um verlorene Gebiete zurückzugewinnen. Der Krieg endete ohne dauerhafte territoriale Änderungen.
  • Durch das 1995 unterzeichnete Oslo-Abkommen erhielten die Palästinenser Ostjerusalems das Wahlrecht zur Volksvertretung. Sie beteiligten sich 1996 an den Wahlen zum Parlament der palästinensischen Autonomie. Das palästinensische Autonomie-Gebiet in Ostjerusalem und in Judäa und Samaria wird seit diesen Wahlen von der Fatah-Partei geleitet, mit Mahmoud Abbas als Präsidenten.
  • Die Golanhöhen wurden im Dezember 1981 annektiert.
  • 1982 wurde die Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgegeben und in den Jahren zuvor das ägyptische Gebiet westlich des Suezkanals, das im Yom-Kippur Krieg erobert worden war.
  • Im Jahr 2005 zog sich Israel vollständig aus dem Gazastreifen zurück. 
  • In einem kurzen palästinensischen Bürgerkrieg vertrieb die islamistische Hamas 2007 die 1996 gewählte, gemäßigtere Fatah aus dem Gazastreifen. 
  • Seither regnet es Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel und wenn wir einst geglaubt haben, die Raketen wären das schlimmste Übel, dann wurden wir am 7. Oktober 2023 eines Besseren belehrt.

Liebe Leser, wenn ich etwas vergessen, unvollständig oder unkorrekt festgehalten habe, gebt mir bitte Bescheid!


Wer glaubt, Palästinenser seien Opfer jüdischen Landraubs, verkennt entweder die historischen Fakten oder ist selbst Opfer von Desinformation und sollte sich weiterbilden. So einfach ist diese Materie nicht.


*****

Hier noch einige ähnliche Erläuterungen zum Thema, im Bezug auf die Metapher Palästinas als ein Haus und die vertriebenen Bewohner.


Nicht alle Perspektiven sind so ausgeglichen wie die von Wolffsohn. Dieser Autor argumentiert „Palästinenser ist zu 100 Prozent eine Anti-Identität – sie existiert nur insofern, als sie dazu dient, jüdische Indigenität, Souveränität und Freiheit zu negieren.“ Meines Erachtens auch eine interessante Perspektive.



Sonntag, 4. Januar 2026

Etwas Stille inmitten von Chaos




Die Welt begann das Jahr 2026 laut und – fast schon gewohnt – tumultreich: Raketenschlachten, die in europäischen Städten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führten, das schreckliche Inferno von Crans-Montana, ein Terroranschlag auf das Berliner Stromnetz, Aufstände und Kriege. 

Auch im Kleinen war allerhand los: Itay kam für einige Tage zu Besuch, Sivan zog in Tel Aviv in eine neue Wohnung, und ich hatte mit beiden alle Hände voll zu tun. Es war eine kalte, fürchterlich stürmische und regenreiche Woche. So sind wir ins neue Jahr hineingerutscht.

Heute scheint wieder die Sonne, doch es ist weiterhin kalt, zumindest nach israelischen Massstäben. Der Alltag hat mich zurück, unter einer neuen Jahreszahl. Ich wünsche mir, dass dieses Jahr weniger stürmisch sein wird als die Woche seines Beginns. Wirklich zuversichtlich bin ich aber nicht.

Vielleicht gerade deshalb freue ich mich über mein neues Hobby, das nichts mit Geschwindigkeit, Tumult oder Aktualität zu tun hat: In einem Kurs habe ich Einblick in die traditionelle jüdische Kunst des handschriftlichen Schreibens heiliger Texte erhalten – eine Praxis, die sich der Hast der Gegenwart konsequent verweigert.

Das Schreiben von „Stam“ – ein hebräisches Akronym für Sefer Tora, Tefillin und Mesusot (Tora- und andere Schriftrollen) – ist im Judentum ein heiliger Handwerksberuf. Er folgt jahrtausendealten, strengen religiösen Regeln. Geschrieben wird nur von Hand, mit einem Federkiel, auf eigens hergestelltem Pergament. Jeder Buchstabe besitzt eine exakt festgelegte Form, die Abstände sind definiert, jede Linie muss klar und ohne Unterbrechung gezogen werden. Der Schreibakt ist keine Kalligrafie im ästhetischen Sinn, sondern eine religiöse Handlung.

Weil es im Judentum unterschiedliche religiöse Pflichten für Männer und Frauen gibt, ist das Schreiben von Torarollen, Tefillin und Mesusot traditionell Männern vorbehalten. Texte, die von Frauen geschrieben werden, gelten im orthodoxen Judentum als ungültig. 

Aber hier lautet die Devise: leben und leben lassen. Auch in dem kleinen Geschäft für die entsprechenden Utensilien, das ich in der Stadt entdecke, empört man sich nicht über eine Kundin. Zwei Männer sind mit der Präparierung der Pergamente beschäftigt, in welche halb-maschinell feine Rillen geritzt werden. Ein einzelner Pergamentbogen kann je nach Qualität sehr teuer sein, denn er wird aus Tierhaut hergestellt. Für eine Torarolle werden die einzelnen Bogen in feinster Handarbeit mit eigens dafür hergestellten Tiersehnen zusammengenäht. 
Ich kaufe Federkiele und die spezielle Tinte. Der religiöse Mann, der mich bedient, spricht ganz selbstverständlich von Kalligrafie. Das ist nicht dasselbe wie Stam-Schreiben, welches ich als Frau ja nicht ausführen darf. Er deckt mich grosszügig mit Pergamentresten ein. Was ich mit den Utensilien in meinen eigenen vier Wänden anstelle, will hier niemand wissen.

Auch mein Kurs wird ausgerechnet von einer Frau geleitet – einer liberalen Rabbinerin. Sie ist eine von etwa dreissig Frauen weltweit, die sich professionell mit dem Schreiben religiöser jüdischer Texte befassen. Eben hat sie einen weiteren Auftrag für eine Torarolle erhalten, für eine liberale jüdische Gemeinde in Australien. Rund ein Jahr wird sie benötigen, um diese Arbeit zu vollenden.


Meine ersten Schreibversuche


Die Chance, dass ich selbst jemals eine ganze Torarolle mit den insgesamt 304.805 Buchstaben schreiben werde, ist gering. Bislang schaffe ich es kaum, drei oder vier einigermassen ansehnliche Wörter aneinanderzureihen. Das Schreiben mit dem Federkiel erfordert höchste Präzision und vor allem Fertigkeit. Ich bin geduldig und feinmotorisch durchaus geübt, habe aber jetzt ansatzweise begriffen, wie anspruchsvoll dieses Buchstaben-Kritzeln tatsächlich ist.

Umso größer ist meine Bewunderung für die Kursleiterin, die selbst dem widerspenstigsten Federkiel mit erstaunlicher Leichtigkeit filigrane, gleichmässige Buchstaben entlockt. 

Ausschnitt aus dem Buch Esther, geschrieben von Hanna Klebansky


Wie bei jeder Fertigkeit gilt auch hier: Übung macht den Meister. Ich werde es wohl kaum zur Meisterschaft bringen. Aber ich hoffe, im neuen Jahr Zeit zu finden, mich weiter mit dieser Kunst zu beschäftigen, die höchste Präzision mit spiritueller Bedeutung verbindet. Das achtsame Üben dieses alten Handwerks schafft Momente der Ruhe. Momente, in denen die Turbulenzen der Welt draussen bleiben.



Donnerstag, 18. Dezember 2025

Hundert mal 100

Bei meinem letzten Besuch in der Schweiz fragte mich eine Bekannte, wie es mir – oder uns – in Israel gehe. Die Schlagzeilen über den Krieg waren abgeflaut. Die Realität und unseren Alltag in Israel kann man sich von der Schweiz aus kaum vorstellen. Ihr Interesse an unserer Situation war aufrichtig. Ich wand mich und wusste nicht was ich antworten sollte.
Seitdem frage ich mich immer wieder: Wie geht es uns wirklich?


Der Rapper Jimbo J hat starke Worte für die Antwort auf die Frage nach unserem Befinden gefunden. In seinem neuen Lied „Wir haben hundert Mal 100 angerufen“ umschreibt er unsere absurde Realität in Metaphern, die jedem Israeli unter die Haut gehen.

Jimbo J, mit bürgerlichem Namen Omer Havron aus Rehovot, lebt heute im Kibbutz Or HaNer in der Grenzregion zum Gazastreifen.

Der Liedtext schildert die Perspektive des Erzählers, der durch die Grenzregion am Gazastreifen fährt und dabei die Dissonanz sichtbar macht, die mehr als zwei Jahre nach dem Massaker vom 7. Oktober über dem Alltag der Region liegt.

Mein eigener Wohnort liegt mehr als hundert Kilometer von der beschriebenen Grenzregion entfernt. Doch Israel ist ein kleines Land, in dem jeder jeden kennt. Auf unterschiedliche, direkte oder indirekte Weise ist jeder Einzelne von uns vom 7. Oktober und vom Krieg gezeichnet. In diesem Sinne sprechen die Worte des Liedes uns allen aus dem Herzen. Und sie treffen uns tief in unseren verwundeten Seelen. 

Ich habe den Text des Liedes auf Deutsch übersetzt und darunter einige Erklärungen hinzugefügt.




[Strophe A]

Noch ein sonniger Tag, ich steig’ wieder ins Auto

Für eine Runde durch eine Region, die ein einziges Pulverfass ist

Hier ist die Traurigkeit eingezogen

Es gab kein Geld für ein „Willkommen im Negev“-Schild

Viel ist passiert seitdem, die Zeit vergeht in Hundejahren

Wir sind schon gefallen, aufgestanden und weitergegangen

Kfar Aza gewann das Fußballturnier 1

Mit einem halben fehlenden Herzen und einem halben Kader

Beim Blick von den Hügeln von Sderot – siehst du Dresden 3

Kein einziges Gebäude steht noch, eine verstörende Aussicht

Eine Fünf-Schekel-Münze fürs Fernglas 4

Tok tok, wer ist da? Golani klopft an die Tür 5

Die Straße von Miri Regev 6 – hier ist noch nichts geregelt

Am Straßenrand pflanzte man einen Baum auf jedes Grab

Ein Wald zum Verstecken, falls wir die Lüge wieder schlucken 7

Wir leben in einem Film – das Buch mochte ich lieber



[Pre-Chorus]

Was bleibt mir außer Freunden?

Leichte Waffen und ein Holzkohlegrill 8

Hier gibt es Geschichten, die man nicht verstehen kann

Und es gibt keine Adresse 9

Piraten auf Quads 10

Kinder mit zerbrochenen Träumen

Boten kommen und kehren nicht zurück

Denn es gibt keine Adresse



[Refrain]

Wir haben hundert Mal 100 angerufen 11

100, 100 – niemand geht ran

Wir haben hundert Mal 100 angerufen

100, 100 – niemand geht ran

Sie antworten uns nicht



[Strophe B]

Auf diesem Platz fuhr ein weißer Toyota 12

Hier kaufe ich ein

Hier hat man den Schutzraum noch nicht renoviert

Hier fragte ein kleines Mädchen: „Seid ihr aus Israel?“ 13

Hier wurde gestern gegen Hilfslieferungen auf einem LKW protestiert

Hier fiel Amir Naim 14, der zwei Kibbuzim rettete:

Erez und auch Or HaNer 

Hier gibt es Fassbier

Und einen richtig guten Burger

Hier schlug eine Qassam-Rakete ein

Oh, hier muss ich dran denken, einen Termin bei der Dentalhygienikerin zu machen

Hier gibt es Menschen ohne Beine, die Sprint laufen

Menschen ohne Arme, die versuchen, gläserne Decken zu durchbrechen

Menschen wie ich, die dachten, sie seien im Hinterland

Und auf die harte Tour entdeckten, dass dies die Front ist

Rauchpilze 15 spriessen wie Pilze nach dem Regen

Jeden Tag ein Spoiler, ob es ein Paradies gibt 16

Hier verteilt man den Wachposten Süssigkeiten 17

Wie an Halloween in Manhattan

Stürze dich in den Kampf – mit Bauchschmerzen



[Pre-Chorus]



[Refrain]



[Skit]
(Eine offiziell klingende Stimme spricht, in Anlehnung an einen Ausschnitt aus einer politischen Rede) 

Ich lade das ganze Volk Israel ein, in den Negev zu kommen,

zu sehen

und sich an der Herbeiführung des Friedens zu beteiligen.



Erklärungen:

  1. Mit Bezug auf die Fussballgruppe „Sho'alei Kfar Aza“, von welcher viele der Spieler am 7. Oktober ermordet oder verschleppt worden sind.
  2. Die Stadt Sderot liegt im westlichen Negev im Südbezirk Israels, weniger als anderthalb Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Sderot ist bekannt dafür, ein Hauptziel für Qassam-Raketenangriffe aus dem Gazastreifen zu sein.
  3. Als Gegenargument der unverhältnissmässigen Zerstörung wird Dresden angeführt, welches durch die Alliierten nahezu zerstört wurde und zur Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg führte.
  4. Kritik am Kriegs-Tourismus
  5. Golani ist eine Einheit der IDF. Am 7. Oktober schlossen sich die Bewohner der Grenzregion in ihren Häusern und Schutzräumen ein, während Hamas-Terroristen auf einem schrecklichen Mordzug von Haus zu Haus zogen. Als Soldaten der IDF eintrafen und an die Türen klopften, bestand die Gefahr, dass es sich um eine Manipulation der Terroristen handelte, um die Schutzsuchenden nach draussen zu locken.
  6. Es geht um die Strasse 232, in deren Nähe das Nova-Festivalgelände lag. Miri Regev ist die israelische Verkehrsministerin.
  7. Viele der Menschen, die dem Massaker entkamen, versteckten sich im Gebüsch und hinter Bäumen, um nicht ermordet zu werden. Ausserdem eine Anspielung auf Berichte von Holocaust-Überlebenden, die sich während des Zweiten Weltkriegs in den Wäldern versteckten. Die „Lüge“ bezieht sich auf das falsche Verständnis, dass die Hamas abgeschreckt und die Armee auf jedes Szenario vorbereitet sei.
  8. Ein Symbol für das Leben an einem Ort, an dem das Überleben zur Routine geworden ist. Die Waffen zur Selbstverteidigung liegen neben dem Grill, ohne Drama – und ohne Lösung.
  9. „Keine Adresse“ ist im Hebräischen eine Metapher für das Gefühl des Im-Stich-gelassen-Seins. Gleichzeitig ist es eine Anspielung auf die Kibbutzim, die am 7. Oktober die Hauptangriffsziele der Hamas-Terroristen waren. In den Kibbutzim gibt es keine Adressen oder Strassennamen.
  10. Eine Anspielung auf die Kibbutzniks aus der Grenzregion, die sich oft im Alltag auf Quads fortbewegen und dabei das Recht in die eigene Hand nehmen.
  11. 100 ist die Nummer der Polizeinotrufzentrale in Israel, die am 7. Oktober aufgrund der enormen Zahl an Anrufen zusammenbrach.
  12. Eines der ersten Videos, die in WhatsApp- und Telegram-Gruppen kursierten, war das Video der Hamas-Terroristen in weissen Toyota-Pick-ups, die durch Sderot fahren und ein Massaker an Zivilisten verüben. Es ist das erste Bild, das den in den nördlicheren Teilen Israels wohnhaften Menschen vermittelte, dass etwas Schreckliches von nicht einschätzbarem Ausmass im Gange war.
  13. Ein Video aus der Bodycam eines Polizisten, der zu einem Auto kam, in dem sich die siebenjährige Romi Swissa und ihre dreijährige Schwester Lia befanden, nachdem ihre Eltern vor ihren Augen von den Hamas-Terroristen ermordet worden waren. Das erste, was Romi den Polizisten fragte, war: „Seid ihr Israelis?“ Dieser Satz und das Video haben sich tief in das kollektive Gedächtnis Israels eingebrannt.
  14. Amir Naim und seine Frau Shahar feierten am 2. Oktober 2023 ihren ersten Hochzeitstag. Fünf Tage später wurde Amir bei der Verteidigung ihres Kibbutz im Süden Israels gegen eindringende Hamas-Terroristen getötet. Amir und die anderen Mitglieder des Notfallteams des Kibbutz Erez kämpften stundenlang gegen die zahlreichen Terroristen und schafften es schließlich, sie daran zu hindern, den Kibbutz zu erobern. Der Preis waren Amirs Leben und die Verwundung von vier seiner Kollegen. Elf Wochen schwanger, war Shahar Naim plötzlich eine 27-jährige Kriegswitwe.
  15. Bezieht sich auf die Rauchpilze in Gaza nach den Detonationen.
  16. „Wenn es ein Paradies gibt“ ist ein israelisches Buch. Der Titel ist einer Beschreibung des militärischen Aussenpostens entnommen. „Wenn es ein Paradies gibt: So sieht es aus. Wenn es eine Hölle gibt: so fühlt sie sich an.“
  17. Die israelische Zivilbevölkerung schickt gewöhnlich Spenden an Soldaten, meist Süssigkeiten, Lebensmittel und Unterwäsche.



Mittwoch, 12. November 2025

Meistgelesen - zum Schweigen gebracht




Tuvia Tenenbom ist Autor, Regisseur und Theaterleiter. Er wuchs im Jerusalemer Stadtteil Me'a Sche'arim in einer chassidischen Familie auf, sein Vater war Rabbiner, der Grossvater Oberrabbiner. Mit siebzehn Jahren verliess Tuvia die streng religiöse Gemeinschaft und zog nach New York. Dort fand er die Freiheit, Menschen zu beobachten und in seiner ganz eigenen, unvoreingenommenen und oft provokanten Art über sie zu schreiben. 

In New York und Jerusalem studierte Tenenbom Literatur, Dramaturgie, Mathematik und Informatik und absolvierte zudem ein Studium als Rabbiner. Er weiss also wovon er spricht - in mehr als einer Hinsicht. 

Ich habe Tuvia vor allem als witzigen, frechen und scharfsinnigen Autor kennengelernt. Er lässt sich nicht schubladisieren - und er schubladisiert auch niemanden. Er beobachtet, hört zu und er lässt sich auf jeden ein, der bereit ist, zu sprechen. Dabei hält er oft seine Herkunft oder sein Jüdischsein geheim, um zu provozieren. Und ja, er sagt, was er denkt - ohne Blatt vor dem Mund. 

Sein 2014 erschienenes Buch Allein unter Juden – Eine Entdeckungsreise durch Israel hat mir damals einen vielschichtigen, humorvollen und erfrischend unkonventionellen Einblick in den sogenannten "Israel-Palästina-Konflikt" gegeben. Seitdem verfolge ich Tuvias Arbeit in unterschiedlichen Medien, auf Instagram und Facebook und in den Zeitungen, für die er schreibt.

Über viele Jahre - genauer gesagt siebzehn - war Tuvia Tenenbom erfolgreicher Kolumnist bei Die Zeit. Seine Artikel gehörten dort regelmässig zu den meistgelesenen Beiträgen - wer einmal etwas von ihm gelesen hat, weiss warum.

Im März dieses Jahres gewann der palästinensische Film No Other Land den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Tenenbom reiste nach Masafer Yatta, den Ort des Geschehens, um vor Ort zu recherchieren - auf seine unverkennbare, schonungslose Art. 

Die daraus entstandene Filmkritik wurde zunächst von den Redakteuren der Zeit gelobt. Doch dann wurde die Veröffentlichung mit fadenscheinigen Begründungen immer weiter hinausgezögert und schlussendlich abgelehnt. Der Vorgang führte zum Bruch: Tuvia Tenenbom wird künftig nicht mehr für Die Zeit schreiben. In einem aufschlussreichen Interview mit dem Titel Warum Tuvia Tenenbom nicht mehr für Die Zeit schreibt, schildert er detailliert, wie es dazu kam. 

Die Zeitung bevorzugt offenbar Beiträge, die sich widerspruchslos in das gängige Narrativ von israelischen "Unterdrückern" und palästinensischen "Opfern" einfügen.

Tuvias Filmkritik wurde später auch von anderen deutschen Medien abgelehnt, bevor sie schliesslich in der Berliner Zeitung erschienAuf Mena-Watch kann man die Kritik hier nachlesen. Ich persönlich finde die Kritik spannend, augenöffnend, und einmal mehr witzig. Tuvia kennt in seiner Frechheit keine Grenzen, und er scheint sich auch vor nichts zu fürchten.

Es ist bezeichnend, dass Stimmen wie die von Tuvia Tenenbom immer häufiger verdrängt oder zum Schweigen gebracht werden - besonders seit dem 7. Oktober Pogrom.

Ich hoffe, Medienkonsumenten in Europa sind sich bewusst, wie einseitig das Bild Israels in den Medien gezeichnet wird. Was nicht in den Mainstream passt, wird ausgeblendet. Dass Tuvia längst ein bekannter Name ist, schützt ihn dabei nicht. Selbst beliebte Stimmen wie die von Tenenbom werden unterdrückt. Es gibt keinen ehrlichen, differenzierten Journalismus mehr. Und genau deshalb sind Stimmen wie seine heute wichtiger denn je.



Donnerstag, 6. November 2025

Heimat im Gepäck

Ich bin mit Mann und Kindern unterwegs in den Familienurlaub. Beim Zwischenstopp auf einem mir unbekannten Flughafen muss ich den Koffer öffnen. Darin liegen – sorgfältig zwischen den Kleidern in Plastikbeutel verpackt – mehrere Katzen. Zwei erwachsene Tiere sind einzeln verstaut, während sich in einem weiteren Beutel ein Knäuel undefinierbarer Jungkätzchen bewegt.

Die Katzen sind wohlauf, sie strecken und recken sich zufrieden. Ich finde zunächst nichts Ungewöhnliches daran, lebende Katzen in meinem Koffer mitzutransportieren – bis meine Familie die Fracht entdeckt. In diesem Moment wird mir mit erschreckender Deutlichkeit klar, welch unlösbare Probleme ich uns allen aufgebürdet habe.
Dass Eyal Katzen nicht mag, ist dabei noch das kleinste. Plötzlich begreife ich, dass die Tiere bei einer Weiterreise elendiglich ersticken könnten. Irgendwann müssten sie auch ihre natürlichen Bedürfnisse verrichten – in meinen sauberen Kleidern? Aber selbst das scheint mir nun noch das geringere Problem. Die Grenzkontrolle im Zielland würde die Katzen ohnehin nicht hineinlassen. Und selbst wenn ich sie durchschmuggeln könnte – wie sollte ich sie vor dem Besitzer des Ferienhauses verbergen?
Was hatte ich mir nur gedacht?
Die beiden erwachsenen Katzen sind Bubu und Tschätterli, die Katzen aus meiner Kindheit. Ich kann sie unmöglich hier zurücklassen.

Was soll ich nur tun? Zurückreisen ist keine Option, weiterreisen mit den Katzen auch nicht. Meine Familienmitglieder sagen nichts, doch ihre Blicke sprechen Bände. Ich bin verzweifelt. Eine ausweglose Situation!

Dann wache ich schweissgebadet auf. Es dauert eine Weile, bis der Schrecken von mir abfällt und ich erleichtert erkenne: Es war nur ein Traum.

Ich reise gar nicht in die Ferien. Und vor allem, habe ich keine Katzen im Koffer.

Doch der Traum lässt mich nicht los. Noch Tage später denke ich darüber nach. Es ist offensichtlich, dass mich etwas beschäftigt – etwas, das mir Wichtig ist und zugleich mich und meine Familie belastet.


Im Oktober verbrachte ich zwei Wochen in der Schweiz, in meinem Elternhaus, in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. So lange war ich seit Jahren nicht mehr dort. 
Fast fühlte ich mich wieder wie eine Schweizerin. Ich gewann Abstand zu Israel. Was hat der ganze "Balagan" dort überhaupt mit mir zu tun? Während sich meine Verbindung zu Israel lockerte, frischte ich Erinnerungen an meine Kindheit auf. Ich blätterte in den vergilbten Büchern, staunte über den Teddybären, der fast so alt ist wie ich. Durch die Nähe zu meinem Vater besserte sich unser Verhältnis, zwischen uns kehrte Frieden ein.

Dann liess ich einmal mehr alles zurück.

Doch in der Schweiz sehnte ich mich nach der Wärme und dem Licht Israels. Nach meiner Rückkehr geniesse ich die Sonne in vollen Zügen, atme auf, als die Dunkelheit von mir abfällt. 
Doch schon nach wenigen Tagen erscheint mir die Landschaft, durch welche ich auf meinem Arbeitsweg fahre, staubig, farblos und ernüchternd eintönig.

Jetzt denke ich mit Sehnsucht an die leuchtenden Herbstfarben der Bäume und Wälder auf den Hügeln meiner Heimat, der Schweiz.



Es gibt schlimmere Albträume, schlimmere Probleme, als zwischen zwei Ländern und Kulturen hin- und hergerissen zu sein. Doch einige Tage nach diesem Traum finde ich es einfach faszinierend, wie uns unsere inneren Konflikte oft mit einer Klarheit einholen, der man sich nicht entziehen kann. 
Träume haben auch etwas Tröstliches, sie zeigen, dass unser Inneres unermüdlich darum bemüht ist, Ordnung in das Chaos unserer Gefühle zu bringen. Und das auch noch überwältigend fantasievoll.


Das "Inseli" in Rheinfelden im Herbst




Donnerstag, 30. Oktober 2025

Berg und Tal



Das Leben ist eine unaufhaltsame Welle, ein turbulentes Auf und Ab, das uns zwischen Glück und Schmerz hin- und her wirft. Gerade habe ich vielleicht die zwei emotional aufwühlendsten Wochen meines Lebens hinter mir. Sie begannen mit einem Wunder: Die zwanzig noch im Gazastreifen verbliebenen lebenden Geiseln kamen frei. Etwas, an das kaum noch jemand zu glauben wagte. Ein Hoffnungsschimmer inmitten dunkler Tage. An jenem historischen Morgen katapultierte mich ein vierstündiger Flug diesmal nicht nur in ein anderes Land, sondern ans Sterbebett meiner Mutter – in ihren letzten Stunden. 

Ganz an der Spitze der Skala überwältigender Lebensphasen rangieren zweifellos die Geburten unserer Kinder – lange her. Vor allem die Geburt unseres Sohnes. Eine tragischer Fehler – eine falsch berechnete Dosis Schmerzmittel nach der Brit Mila, brachte unser Neugeborenes in Lebensgefahr. Der Tag endete in der Notfallaufnahme. Heute ist diese Zeit eine fast amüsante Anekdote in unseren unberechenbaren Leben. 
Zu den weiteren chaotischen Höhepunkten auf der Achterbahnfahrt des Lebens zählt unsere Hochzeit. Es war ein aufregendes, schicksalsträchtiges Fest, zu dem zahlreiche Verwandte aus der Schweiz angereist waren. Da wir in unserer kleinen Junggesellenwohnung Gäste beherbergten, verbrachten wir die Hochzeitsnacht auf einer Matratze auf dem Balkon. 
Viele freudige sowie auch schmerzliche Ereignisse und Zeiten folgten. Hochzeiten und Geburten, Kriege und Krebs.

Doch die vergangenen zwei Wochen übertreffen aus meinem jetzigen Blickwinkel alles, was das Leben an Turbulenzen bisher zu bieten hatte. 

Wenige Stunden nach meinem Besuch starb meine Mutter. Es war absehbar – und doch ist man auf den Moment nie vorbereitet. Nach ihrem Tod überlegte ich, bis zur Beerdigung nach Israel zurückzureisen. Wieder einmal war ich hin- und her gerissen zwischen meiner Familie in der Schweiz und der Familie in Israel. 

Längere Aufenthalte in meinem Elternhaus hatte ich in den letzten Jahren vermieden: die Stille, die Dunkelheit, der abgestandene Pfeifenrauch waren bedrückend. Und jetzt kam noch die Abwesenheit meiner Mutter hinzu – wo doch jeder Gegenstand von ihrer Nähe erzählt. In einem Beutel, den jemand aus dem Spital brachte, liegt ihre Bürste, in der noch silberne Haare hängen. Ihre Brille. Sie ruht nun im Nachttischchen, bei den warmen Socken, die einst ihre Füsse wärmten. 

Doch diesmal war die letzte Gelegenheit gekommen, mich all dem zu stellen. Ich beschloss spontan, bei meinem Vater zu bleiben. 

Die folgenden zwei Wochen waren von einem leisen, unerwarteten Wandlungsprozess geprägt. Ich half meinem Vater bei den kleinen Dingen des Alltags, die ihm immer schwerer fielen. Und er, einst streng und unnachgiebig, machte sich nun klein und nahm meine Hilfe dankbar an. Langsam verschwand die Mauer zwischen uns, und an ihre Stelle traten Demut, Vergebung, Nähe und Dankbarkeit.

Die Beerdigung meiner Mutter war wunderschön und doch erschütternd. Die Kirche war randvoll mit Menschen, die sie geliebt haben – sie war ein selbstloser Mensch mit einem grossen Herzen. 

Doch der Anblick der Urne zog mir den Boden unter den Füssen weg. Wie wenig von uns bleibt, wenn wir unser Leben zurückgeben! Eine Handvoll nichts und einige Erinnerungen. 
Der Himmel weinte an diesem Tag. Der strömende Regen, das Wiedersehen mit Cousins und Cousinen, ehemaligen Nachbarskindern, Bekannten und Verwandten, von denen ich viele seit vierzig Jahren nicht gesehen hatte, und dabei meine Mutter in einer Urne – das alles verlieh dem Tag etwas vollkommen Surreales. 

Unterdessen habe ich mein Elternhaus und meinen Vater wieder verlassen, ungewiss, ob wir uns je wiedersehen werden. Wie bezeichnend, dass er ausgerechnet auf meinem letzten Foto unscharf ist und zu verblassen scheint.

Das Leben gleicht einer Berg- und Talfahrt. Es nimmt uns immer wieder erbarmungslos in die Mangel, wirbelt uns durch und spuckt uns aus, damit wir uns von Neuem aufrappeln. Und das ist gut so. Denn am Ende bleibt von uns allen nicht mehr als ein Häufchen Staub.