Am Sonntagabend wurden wir nach einigen Wochen relativer Ruhe (nur im Zentrum Israels, wohlgemerkt!) von Warnungen vor iranischen Raketenangriffen überrascht. Die Wirklichkeit klopfte an die Tür und erwartete sofortiges Umschalten.
Natürlich hätten es die meisten Israelis lieber gesehen, wenn unsere Feinde – Hamas, Hisbollah und Iran – endlich endgültig besiegt würden. Doch wir hatten uns schnell an die angenehme Ruhe gewöhnt. Nun sollten wir einfach an einem Sonntagabend vom Alltags- wieder in den Kriegs-Modus wechseln? Ich beschloss, mich nicht aufzuregen und ging ins Bett.
Erst am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, wurde ich unvermeidlich an die turbulenten Wochen zuvor erinnert. Die Straßen waren leer. Schulen geschlossen. Wo möglich, wurde wieder auf Homeoffice umgestellt. Die Büros wirkten geisterhaft verlassen. Alle vertrauten Zeichen einer Ausnahmesituation waren wieder da.
Alarme gab es in meiner Region keine. Und noch bevor meine Wahrnehmung bereit war, die neue Lage zu verarbeiten, war diese Eskalation schon wieder vorbei.
Lianne war über diesen denkbar unpraktischen Ein-Tages-Krieg besonders verärgert. Als Studentin ist ihr spärlicher Lohn aus ihrer Arbeit an einer Schule die einzige Einnahmequelle. Bleibt er aus, muss sie die Eltern anbetteln. Ihre bescheidene Bitte an die zuständigen Mächte dieser Welt: Kriege dürfen gerne stattfinden – aber bitte nicht ausgerechnet montags oder donnerstags.
Für Sivan dagegen fühlte sich das Ganze fast wie ein Lottogewinn an. Genau an diesem Montag hätte eine wichtige Prüfung stattfinden sollen. Und zwar nicht irgendeine Prüfung, sondern ein Ersatztermin in einem besonders ungeliebten Studienfach. Nun fiel auch dieser aus, und ob die Prüfung noch stattfinden würde, steht in den Sternen.
Und ich? Ich hatte am Morgen noch ahnungslos unseren wunderschönen Garten fotografiert. Die Blumen, das Grün, die Früchte – ein Moment stiller Freude. Und nun – wenige Stunden später – wieder Alarmsirenen, Warnmeldungen und Schutzräume? Diese Art von Umstellung ist mir zu schnell. Ich brauche etwas Vorlaufzeit.
Doch in den Strassen staut sich schon wieder der Verkehr, die Schulen sind geöffnet, die Büros besetzt. Offiziell sind wir wieder bei „alles normal“, doch tatsächlich ist „alles in der Schwebe“. Auch ich funktioniere nach aussen normal, doch unterschwellig ist eine starke Beklommenheit mein ständiger Begleiter.
Wie geht es weiter? Die Frage quält uns im Hintergrund. Da bleibt wohl nur die berühmte Vogel-Strauss-Taktik: Nicht vorausdenken. Am besten überhaupt nicht nachdenken.
Unterdessen warte ich auf die Passionsfrüchte an unserer Hecke, die langsam reifen. Davon scheint es dieses Jahr sehr viele zu geben und ich liebe sie! Das sind doch beste Aussichten!
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