Donnerstag, 26. März 2026

Alice im Wunderland

Idyllische Kaffeepause im Homeoffice 



Tausende Raketen haben die Hisbollah und der Iran seit Beginn dieses Krieges auf die israelische Zivilbevölkerung abgefeuert. Viele werden abgefangen. Einige nicht – sie richten erheblichen Schaden an. Und selbst abgefangene Raketen bleiben gefährlich. Die Trümmer fallen vom Himmel, schlagen in Gärten ein, beschädigen Dächer, durchschlagen Häuser. Immer mehr Bekannte berichten von Raketenteilen in ihren Vorgärten und auf Gehwegen. Es wird zunehmend klar, wie lebenswichtig es ist, bei Alarm sofort Schutzräume aufzusuchen und dort zu bleiben, bis Entwarnung gegeben wird.


Dienstag, Tel-Aviv

Wir erledigen Besorgungen im Zentrum. Das Navi führt uns auf merkwürdigen Umwegen ans Ziel. An einer Kreuzung ist plötzlich Schluss. Die Strasse ist gesperrt. Sicherheitskräfte sorgen für Ordnung. Kurz zuvor sind hier Teile einer Streurakete eingeschlagen. Ein Gebäude ist komplett zerstört, umliegende Häuser beschädigt. Die Frau, die wir besuchen, wirkt tief erschüttert. Der Einschlag – nur wenige Hundert Meter entfernt – war in der ganzen Gegend heftig zu spüren.

Später erfahren wir, dass das zerstörte Gebäude erst wenige Tage zuvor im Zuge eines Sanierungsprojekts geräumt wurde. Wie durch ein Wunder gab es bei diesem Einschlag in der dichtbesiedelten Stadt keine Opfer.


Am Strassenrand

Als wir Tel-Aviv verlassen, ertönen die Sirenen während der Fahrt. Viele halten an und suchen Schutz – in Bunkern, hinter Mauern, notfalls im Strassengraben. Wir fahren weiter.



Nacht auf Mittwoch

In meinem Wohnort war es bislang vergleichsweise ruhig. Vielleicht habe ich das zu laut gesagt. Prompt reissen uns um drei Uhr nachts die Sirenen aus dem Schlaf.



Donnerstag, Alltag im Ausnahmezustand

Es geht mit den Alarmen fleissig weiter:

Morgens während des Trainings mit der Sportgruppe. Wir laufen in den Schutzbunker am Strassenrand. Das Licht funktioniert nicht. Ein Dutzend Personen dicht gedrängt auf engstem Raum, stehend, in totaler Dunkelheit. Draussen dröhnen die Abwehrsysteme. Wir machen Witze.

Vormittag: Die Sirenen unterbrechen eine Besprechung mit Mitarbeitern aus Indien und Kroatien. Ich klinke mich aus. 

Nachmittag: Sirenen in einem Meeting mit dem Team in den USA. Meine israelische Mitarbeiterin und ich hinterlassen zwei leere Kamerafelder auf dem Bildschirm. 

Meine Mitarbeiterin in Tel-Aviv muss heute acht mal in den Schutzraum im Parterre ihres Wohnhauses flüchten. Ich frage mich ernsthaft, warum überhaupt noch jemand bereit ist, mit uns zu arbeiten.


Der Sirenen-Kindergarten

Lianne erlebt während ihrer Freiwilligenarbeit in einem Kindergarten eine besonders absurde Alarmepisode: Die Aktivität mit einem mobilen Streichelzoo findet vorsorglich im Schutzraum des Kindergartens statt. Doch auf das Ernstfallszenario ist wohl trotzdem niemand vorbereitet. Als die Sirenen heulen, kommen Kinder aus zwei benachbarten Kindergärten hinzu. Das ergibt etwa vierzig aufgeregte Kinder, ein Dutzend Kleintiere und ein überfordertes Betreuungsteam in einem stickigen Raum. Die Schlange, die Hamster und der Igel sind mit einigen Karotten und Salatblättern leicht in Schach zu halten. Doch als die Hasen auszubrechen drohen, wird es für Lianne ernst – sie ist auf Hasen allergisch. Zum Glück folgt bald die Entwarnung. Lianne wird von einem allergischen Schock verschont – und auch einmal mehr von einem Raketentreffer. 
Die Geschichte hört sich zuhause vollkommen surreal an – als wären wir gerade bei Alice im Wunderland gelandet.



Das ist eine Schilderung meiner ganz persönlichen Erlebnisse in den letzten Tagen. Tausende Raketen und Raketenteile – das sind auch abertausende persönliche Geschichten. Einige verlaufen glimpflich, viele nicht. Einige davon kommen mir zu Ohren, die meisten nicht.


Am Dienstag wurde im Norden Israels eine 27-jährige Frau von einer Rakete getötet, während sie im Strassengraben Schutz suchte.
 

Sonntag, 15. März 2026

Ein Wochenende zwischen Sirenen



Sirenengeheul, Schutzräume und ein Alltag, der von Raketenangriffen bestimmt wird – vermutlich werden diese Themen noch eine Weile hier vorherrschen.
Ich weiss, vieles wiederholt sich in meinen Berichten. Wie gerne würde ich abwechslungsreichere Geschichten aus unserer Ecke erzählen.

Lianne fuhr für das Wochenende mit Freundinnen nach Eilat. Sie war damit nicht allein. Tausende Israelis waren ebenfalls aus dem Zentrum des Landes geflüchtet, um ein paar Tage Abstand und Ruhe zu finden. Bis letzten Donnerstag hatte es in Eilat kaum zehn Alarme gegeben, einige davon sogar Fehlalarme. Verglichen mit Tel Aviv, wo die Sirenen schon hundert mal heulten, war die südliche Touristenstadt – bis vor kurzem – fast ein idyllisches Paradies.

Doch Lianne scheint die Alarme irgendwie anzuziehen. Schon an ihrem ersten Morgen gingen auch in Eilat die Sirenen los. Die Hotelgäste wurden aus den Betten gerissen und suchten Schutz im Treppenhaus. In den Stunden danach folgten weitere Raketenangriffe aus dem Iran auf die Stadt. Eine Streurakete schlug an sieben verschiedenen Orten ein und verursachte beträchtlichen Schaden. Es gab Verletzte, darunter ein zwölfjähriger Junge.

In unserer näheren Umgebung schlug in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag eine Rakete in einem nur sechs Kilometer entfernten Dorf ein. Sie traf den Garten eines Hauses, zerstörte mehrere Gebäude und hinterliess eine Schneise der Verwüstung. Die Familie überlebte unverletzt – im Schutzraum ihres inzwischen schwer beschädigten Hauses.

Ich war zu diesem Zeitpunkt noch wach. Die dumpfen, kräftigen Schläge der Abwehrsysteme – auf die oft kurz darauf das Sirenengeheul folgt – sind uns inzwischen vertraut. Wenn nach den Abfangraketen weitere schwere Schläge zu hören sind, weiss man: das ist kein gutes Zeichen.
Der Einschlag liess auch bei uns alles erzittern; die Pergola bebte, Fenster und Rollläden rüttelten laut.

Danach blieb es bei uns am Freitag und Samstag zunächst ruhig – während Lianne nach Eilat geflüchtet war. Am Freitag verbrachte ich sogar zwei Stunden in einem Einkaufszentrum in Netanya. Menschen schlenderten durch die Geschäfte, kauften ein, sassen in Cafés und Restaurants – fast wie zu friedlichen Zeiten.

Erst nach Liannes Rückkehr ging es wieder weiter. Letzte Nacht wurden wir erneut aus dem Schlaf gerissen: um zwei Uhr dreißig und noch einmal um sechs Uhr dreißig. Am Morgen fand man abgeschossene Raketenteile in einem der Erdbeerfelder entlang meiner Laufroute.

Auch in Tel Aviv soll es heute Schäden durch herabfallende Raketenteile gegeben haben. Für die Menschen dort ist die Situation nur schwer zu ertragen. Die Angriffe kommen unaufhörlich, in immer neuen, dichten Wellen. Viele Wohnungen haben keinen Schutzraum. Freunde von Sivan haben vor zehn Tagen ein Kind bekommen – im raketensicheren Keller eines Krankenhauses. Seit ihrer Rückkehr nach Hause laufen sie nun mehrmals täglich – und auch nachts – mit ihrem Neugeborenen zum Schutzraum der Nachbarn. Wenn das nicht zeigt, was gute Nachbarschaft bedeutet!

Israeli, die im ebenfalls stark beschossenen Norden leben, kenne ich kaum. Da die Hisbollah aus nächster Nähe feuert, muss es dort ganz schlimm sein. Verwandte aus einem der nördlichen Kibbuzim sind – wie viele andere auch – zu Familien in etwas sicherere Gegenden gezogen. In den Medien verfolge ich Berichte über unaufhörlichen Beschuss.

Für Lianne begann am Sonntag trotzdem das zweite Semester. Online natürlich – mit einer Statistik-Vorlesung, ausgerechnet ihrem meistgehassten Fach. Immerhin hat sie sich in Eilat eine neue Trainingshose gekauft. Jetzt ist sie auch für das Fernstudium im Raketenalltag top gekleidet.

Ihre Zusammenfassung der ersten Lektion klang ungefähr so: „Bla, bla, bla – lauter statistische Fachausdrücke, die ich nicht verstehe. Dann Raketenalarm. Der Dozent rennt in den Schutzraum. Tel Aviv wird zerstört (es hat Einschläge gegeben). Danach wieder bla, bla, bla – noch mehr statistische Fachausdrücke, die ich nicht verstehe." 
Wie soll man unter solchen Umständen etwas lernen?

So sieht im Moment unser Alltag aus: Sirenen, kurze Wege zum Schutzraum, ungewöhnliche Wohnsituationen, vielerorts Zerstörung. Sich immer wieder aufrappeln. Keine Möglichkeit, irgendetwas zu planen. Dazwischen erstaunlich normale Momente: Menschen gehen einkaufen, sitzen im Café, arbeiten, beginnen ein neues Semester.

Während ich diesen Text schreibe, hoffe ich, dass der nächste Blogeintrag möglichst bald wieder von ganz anderen Dingen handeln kann.

Kreative Idee in einem geteilten Schutzraum in Tel-Aviv

Schutzsuchende in einem öffentlichen Schutzraum in Tel-Aviv




Dienstag, 10. März 2026

Brüchiger Alltag

Nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung meines letzten Beitrags, in welchem ich die Gefahr der Raketen etwas heruntergespielt habe, tötete eine iranische Rakete zwei Menschen und verletzte mehrere weitere. Die Rakete brach in der Luft auf, und zahlreiche Sprengkörper schlugen verstreut im Grossraumgebiet Tel-Aviv ein.

Ich befand mich während der Einschläge im Schutzraum meines Büros, von dem ich hoffe, dass er seiner Bezeichnung Ehre macht. Im Gegensatz zum Schutzraum zu Hause ist er geräumig, gut ausgestattet und bietet Platz für Dutzende Menschen. Mein Büro liegt direkt daneben, fünf Sekunden, und ich bin unten.

Doch trotz der hervorragenden Einrichtungen ist das Bürogebäude fast menschenleer. Längere Anfahrtswege halten meine Kollegen davon ab, zur Arbeit zu fahren. Autofahren gleicht einem Spiessrutenlauf – Sirenen unterwegs zu erleben, ist alles andere als angenehm. Und dann sind da ja noch die Kindergarten- und Schulkinder, die zu Hause betreut werden müssen.

Doch ich geniesse den Tag im Büro. Zuhause treibt mich das ständige Hin und Her zwischen Hausarbeit, ablenkenden Familienmitgliedern und dem verzweifelten Versuch, im Homeoffice konzentriert zu bleiben, fast in den Wahnsinn.

Auch mein Sporttraining am frühen Morgen hat wieder Spass gemacht, war belebend und verlief – im Gegensatz zum Tag davor – sogar ohne Sirenengeheul. Eine kleines Stück Normalität, an dem man sich festhalten kann.

Gegen Mittag fand unser monatliches Teammeeting statt, diesmal online anstatt im Besprechungsraum. Es war ein surreales Treffen: fünfzehn Menschen, über das ganze Land verteilt, die nur darüber sprechen, welche Stadt gerade mehr oder weniger sicher ist, wie viele Sirenen es bei jedem gegeben hat, wer einen eigenen Schutzraum hat und wer nicht, und dass man in Schutzräumen in Zukunft Toiletten einbauen sollte. Dieser Krieg ist nur einige Tage alt, aber ich kann mich schon nicht mehr erinnern, worüber man spricht, wenn man nicht im Krieg lebt. Nach wenigen Minuten zwangen uns die Sirenen erneut, uns in Eile zu zerstreuen. Ich eilte in den Schutzraum im Keller – siehe oben.

Kurz nachdem ich mich am späteren Nachmittag ins Auto setzte, um nach Hause zu fahren, meldete das Radio erneut Raketen aus dem Iran. Am Strassenrand standen Menschen, die vorsichtiger als ich schon ihre Autos neben öffentlichen Schutzräumen angehalten hatten. Ich fuhr weiter und schaffte es tatsächlich ohne Alarm nach Hause.

Es ist deprimierend in diesen Tagen: Müssiggang ist in lebensbedrohlichen Situationen keine Option, aber Arbeiten ist kaum möglich. Meine Motivation erreicht einen Tiefpunkt. Es ist schwer, Sinn in der Arbeit zu erkennen, wenn man sich ständig um seine Sicherheit sorgen muss und wenn die Zukunft völlig ungewiss ist.

Doch noch nervenaufreibender als das Sirenengeheul ist das Auseinanderfallen des gewohnten Rahmens – das Gefühl, dass die Normalität Stück für Stück zerbricht.


Sonntag, 8. März 2026

Gedanken



Gibt es ein System in der Abfolge der Raketenangriffe und der darauf folgenden Luftschutzalarme? Manchmal denke ich an die Menschen, die im Iran – und jetzt auch im Libanon – die Raketen zünden. Wonach richten sie sich? Wann erscheint ihnen ein guter Zeitpunkt, eine Raketensalve auf Zivilisten in den befeindeten Nachbarländern abzufeuern? Schauen sie abends erst noch eine Serie zu Ende, stehen dann von ihrer Pritsche auf – oder von einem Nachmittagsschläfchen – und denken: Na dann, feuern wir mal wieder? Oder sind sie rund um die Uhr damit beschäftigt, Raketen herbei- und auf die Träger zu laden, schaffen das aber nur zu völlig zufälligen Zeiten? 

Manchmal wirkt das Timing besonders perfide: Eine halbe Stunde nachdem man endlich eingeschlafen ist, eine Stunde bevor man aufstehen sollte, oder genau in dem Moment, in dem man sich gerade den Teller voll geschöpft hat. Dann muss man schleunigst aus dem warmen Bett springen und vielleicht mit einer Decke – oder im zweiten Fall, mit dem vollen Teller – in den Schutzraum eilen.

Aber nein, ein System scheint es nicht zu geben. An manchen Morgen werde ich vom Vogelgezwitscher oder vom Kitzeln eines Sonnenstrahles geweckt und bin erst einmal erstaunt, dass es tatsächlich eine ganze Nacht lang ruhig gewesen ist.

Unser Dorf liegt in einer vergleichsweise sicheren Region. Ich persönlich nehme die Bedrohung durch Raketen deshalb relativ gelassen. Die Wahrscheinlichkeit, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, ist um ein Vielfaches grösser. Einen eigenen Schutzraum im Haus zu haben, ist ein grosses Privileg. Für Menschen – vor allem Familien mit Kindern –, die nachts mehrmals in die Keller von Mehrfamilienhäusern laufen müssen, ist die Situation wesentlich belastender.

Doch für alle von uns sind die kriegsbedingte Bedrohung, das Gefühl der Kontrolllosigkeit und das markerschütternde Geheul der Sirenen nervenaufreibend. Die wenigen, wenn auch seltenen, direkten Einschläge richten grossen Schaden an und können tödlich sein. Und auch die herabfallenden Teile abgefangener Raketen sind gefährlich.

Ich selbst bin jedoch alles andere als panisch. Ja, es kommt sogar vor, dass ich einen Alarm verschlafe, oder ihn einfach nicht hören will.
Am Wochenende habe ich auch nicht auf meine längere Laufrunde verzichtet. Die Feld- und Waldwege waren auffallend menschenleer. Wie schade um diesen wunderbaren Frühlingsmorgen. Sollten tatsächlich die Sirenen heulen, während ich unterwegs bin, könnte man den nächsten öffentlichen Schutzraum aufsuchen, oder sich in den Strassengraben legen. Oder einfach weiterlaufen. Das fühlt sich dann sehr surreal an – ist mir aber auch schon passiert.

Liannes zweites Semester wird nächste Woche online starten – ob und wann die Nachprüfungen stattfinden werden, steht jedoch in den Sternen. Zu der normalen Unsicherheit am Anfang einer akademische Laufbahn kommt nun eine Zukunft, die in der Schwebe steht. Dementsprechend hält sich die Motivation zum Lernen in engen Grenzen. Um halbwegs bei Verstand zu bleiben, hat sich Lianne eine kreative Theorie erdacht, wonach der Krieg gar nicht real ist. Sie stellt sich vor, dass die ganze Situation – die Sirenen, die dumpfen Schläge und die lauten Knallgeräusche – inszeniert sind. Eine Art „Truman Show“, sozusagen. Nun ja, wer weiss. Ob echt oder künstlich konstruiert: Ich bin auf jeden Fall froh und dankbar, dass der Staat Israel für effektive Abwehr- und Schutzeinrichtungen sorgt.

Fest steht: Der Krieg hat uns alle im Griff.

Seit Mittwoch sind die angeordneten Schutzmassnahmen allerdings etwas gelockert worden: Menschenansammlungen bis zu fünfzig Personen sind wieder erlaubt, sofern ein erreichbarer Schutzraum in der Nähe ist. Das bedeutet, dass Läden und zum Beispiel Fitnesszentren wieder geöffnet haben.
Ab Montag darf ich auch wieder ins Büro gehen. Für viele Berufstätige ist das allerdings alles andere als eine Erleichterung – die Schulen bleiben weiterhin geschlossen und die Kinder müssen betreut und beschäftigt werden.

Das junge Paar hat am Wochenende einen Versuch unternommen, in ihre Wohnung in Tel-Aviv zurückzukehren. Nach nicht einmal einem Tag standen sie jedoch kleinlaut wieder vor unserer Tür. Dreimal nachts – kurz nach Mitternacht und dann wieder um fünf und um halb sieben – und zusätzlich mehrmals tagsüber in öffentliche Schutzräume zu laufen, reicht ihnen vorerst. Dann doch lieber bei den Eltern wohnen, auch wenn wir uns gelegentlich gegenseitig auf die Nerven gehen.
Ich freue mich jedenfalls, dass sie wieder da sind. Das familiäre Beisammensein und die Tatsache, dass man nirgendwo hingehen kann, haben sogar etwas Gemütliches. Schade nur, dass es einen Krieg braucht, um das zu bemerken.

Wie oft man an verschiedenen Orten in die Schutzräume rennen muss, lässt sich übrigens hier nachverfolgen (leider nur auf hebräisch). Im nördlichen Teil Tel-Avivs heulten seit Beginn des Krieges am 28. Februar bis zum Zeitpunkt dieses Posts 69-mal die Sirenen. Bei uns dagegen nur 23-mal. Im Vergleich ist das fast schon friedlich.



Kurzum: Die ganze Situation ist absurd. Es gibt keinen geregelten Alltag. Wir befinden uns auf unbestimmte Zeit im Hausarrest. Die Sirenen und die Explosionen, die die Fenster erzittern lassen, sind furchterregend. Die Einschläge hinterlassen tiefe Krater und grosse Schäden in Wohngebieten.

Am meisten Angst macht mir jedoch das globale Chaos und die Ungewissheit. Und da sitzen wir ja alle mehr oder weniger im selben Boot.
Wie wird das alles weitergehen?



Montag, 2. März 2026

Homeoffice, sofern möglich

Tel-Aviv, Blick auf Jaffa, vor zwei Wochen 



Ein Campari und zwei Gläser Wein, im Homeoffice. Es tut mir leid – anders war das heute nicht auszuhalten.

Wir zählen Tag zwei im unfreiwilligen Hausarrest. Fünf erwachsene Personen unter einem Dach. 

Draussen herrscht eine Ruhe wie an Yom Kippur, dabei fängt heute das Purimfest an. Doch statt fröhlich verkleideter Kinder und Maskenumzüge sind die Strassen menschenleer. Alles ist wie leergefegt – ein beunruhigender Anblick: und das obwohl die Primarschule gleich über die Strasse liegt. Keine spielenden Kinder, keine Menschen, keine Autos.
Menschenansammlungen sind untersagt: sämtliche Erziehungseinrichtungen, Restaurants, Fitness- und Sportcenter – geschlossen.
Die Anlage meiner Firma ist – ausser der Produktion – verriegelt. Ich soll, sofern möglich, von zu Hause aus arbeiten. Doch „sofern möglich“ ist ein dehnbarer Begriff.

Nur in unseren vier Wänden ist von Ruhe nichts zu spüren: Lianne hat die Noten einer weiteren Semesterprüfung erhalten. Katastrophe, Weltuntergang, Existenzkrise. „Alle anderen sind besser als ich“, schluchzt sie und zweifelt ernsthaft an ihrer Studienwahl. In solchen Situationen hilft bei ihr ausschliesslich eine hochwirksame Dosis Süssigkeiten. Frustriert tigert sie im Zehn-Minuten-Takt in die Küche.

Sivan und der Schwiegersohn sind aus Tel-Aviv zu uns „geflohen“ und wohnen im ehemaligen Kinderzimmer. Sivan ist schwanger und chronisch hungrig. Sie steht in der – meiner – Küche und schnippelt, rührt, brät und backt in einer Frequenz, die uns alle nervös macht. Doch ich hüte mich, etwas zu sagen, denn ihre Laune gerät gerade leicht aus der Balance.

Meine Vorstellung von einem gemeinsamen Mittagessen rückt immer weiter in die Ferne. Jeder hat andere Wünsche, jeder isst zu einer anderen Uhrzeit. Im Laufe des Tages entwickelt sich das alles zu einem aufwendigen und nie endenden Mehr-Gänge-Menü. Berge von schmutzigem Geschirr häufen sich an.

In meinem Homeoffice-Raum residiert mein Schwiegersohn vor drei Bildschirmen und versucht, den Börsenmarkt unter Kontrolle zu halten. Zahlen flackern, Diagramme stürzen ab. Auch seine Laune schwankt entsprechend zwischen himmelhoch-jauchzend und zu Tode betrübt.

Eyal und ein Mann in Arbeitskleidung und schmutzigen Schuhen gehen unterdessen zum Hundertsten mal die Treppe rauf und runter. Ziel: der Dachboden. Mission: Wiederbelebung des Heisswasserboilers, der seit gestern streikt. Sie öffnen und schliessen sämtliche Wasserhähne im Haus, schrauben, fluchen, testen.

Und ich? Ich versuche kläglich, mich im Wohnzimmer in die Arbeit einzuloggen. Wie klein auf diesem Laptop plötzlich alles ist. Trotz Brille und Zoom kann ich ohne den zusätzlichen Bildschirm nur mit grösster Mühe erkennen, ob ich überhaupt das richtige Dokument bearbeite.

Immerhin: Seit einigen Stunden bleiben die Luftschutzalarme aus, wenigstens in unserem Dorf. Seit Samstagmorgen und bis vor Kurzem schrillten auch bei uns immer wieder markdurchdringende Sirenen. Wir mussten alles stehen und liegen lassen (Kochen, Duschen, Schlafen) und in den hauseigenen Schutzraum laufen. 
Das Abfeuern der Raketenabwehrsysteme erzeugt starke, dumpfe Knallgeräusche in schneller Folge. Die Fenster zittern, alles vibriert.

Während ich schreibe, schrillen im Zentrum Israels wieder die Sirenen. Wenig später erfolgt die Meldung über einen direkten Einschlag.

Doch bei uns bleibt es verdächtig still. Wahrscheinlich überdenkt der Feind seine Strategie. Es kursieren Gerüchte über schwieriger abzuwehrende Streumunition.

Zum Glück hat mich der Wein inzwischen schläfrig gemacht. 
Das schmutzige Geschirr, die Prüfungen, die Börse, der Krieg. 
Mir ist jetzt alles egal.



Mittwoch, 25. Februar 2026

Liebe und Kubbeh - eine irakisch-israelische Biografie

Ein wunderbarer Regenbogen begleitete Carmelas Abschied



Anfang dieser Woche haben wir Tante Carmela zu Grabe getragen, die Schwester meiner Schwiegermutter. Drei Jahre nach einem Schlaganfall ist sie nun von langem Leiden erlöst worden. Carmela war warmherzig, humorvoll, stark und aufrecht. Für unsere Kinder war sie eine liebevolle Tagesmutter. Sie gab ihnen Geborgenheit und ermöglichte uns, unsere beruflichen Wege weiterzugehen. Wenn ich die Kinder morgens bei ihr abgab, roch es nach Suppe, gebratenen Zwiebeln, Gewürzen und frisch gewischtem Boden.

Es gibt nun wirklich kein typisches israelisches Schicksal – doch Carmelas Leben war so typisch für Israel, wie es nur sein kann. Ein Jahrhundert israelische Geschichte, verdichtet in einer einzigen Biografie.

Carmela wurde in den 1930er Jahren in Bagdad geboren, in eine große, jüdische Familie. Ihre Gemeinschaft war seit über zweieinhalb Jahrtausenden am Tigris verwurzelt - eine der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt.

Geburtsdaten wurden damals oft nicht exakt dokumentiert. Man orientierte sich an den jüdischen Feiertagen, wusste, dass ein Kind „nach Pessach“ oder „kurz vor Rosch Haschana“ zur Welt gekommen war. Als viele Jahre später die israelischen Ausweise ausgestellt wurden, stand dort häufig standardmässig der 1. Januar eines geschätzten Jahres.

Carmelas Kindheit begann einige Tage "vor Chanukka" in einer orientalischen Welt aus arabischen Stimmen, Liedern, Gewürzduft und dem festen Rhythmus religiöser jüdischer Traditionen. Die Familie lebte in einem grossen Haus mit Innenhof. Es gab einen Schlafraum für die Mädchen und einen für die Jungen. In den Sommernächten trug man die Matratzen auf die Dächer und schlief dort unter feuchten Tüchern, um die Hitze zu ertragen.

Es war eine Welt mit fester Ordnung, doch unter der Oberfläche begann sich die Geschichte bereits zu verschieben. In den 1930er Jahren wuchs der arabische Nationalismus, und nationalsozialistische Ideologie fand auch im Irak Widerhall. 1941 erschütterte der Farhud, ein Pogrom der arabischen gegen die jüdische Bevölkerung Bagdads, das Sicherheitsgefühl der gesamten Gemeinschaft.

Nach der Staatsgründung Israels 1948 verschärfte sich die Lage für Juden im Irak dramatisch. Es kam zu willkürlichen Verhaftungen, Berufsverboten und Enteignungen. Jüdische Schulen wurden geschlossen, die meisten jüdischen Kinder konnten keine Schule mehr besuchen.

Viele Familien standen vor schweren Entscheidungen. Einige von Carmelas Brüdern gingen zuerst. Sie waren in den Kibbuzim sehr willkommen, mehr als billige Arbeitskräfte, weniger als gleichberechtigte Partner.

1950–1951 fand eine der größten Luftbrücken der jüdischen Geschichte statt: Operation Ezra and Nehemiah. Im Rahmen dieser Aktion wurden über 120.000 irakische Juden nach Israel ausgeflogen. Unter ihnen Carmelas Familie.

Wer ging, verlor die Staatsbürgerschaft und musste Besitz und Häuser zurücklassen. Mit ein paar heimlich eingenähten Diamanten, etwas Goldschmuck und wenigen Koffern verließen sie ihre jahrtausendealte Heimat. Die Schlüssel des Hauses hinterliess Carmelas Familie bei den arabischen Nachbarn – ohne je zurückzukehren.

Bevor es die Reisebeschränkungen für Juden unmöglich machten, war Carmelas Vater einige Male ins britische Mandatsgebiet Palästina gereist und hatte von dort kleine Geschenke und grosse Geschichten mitgebracht – vom gelobten Land, in dem Milch und Honig fliessen.

Doch in den „Ma’abarot“, den provisorischen Auffanglagern im jungen Staat Israel, in welchen die Familie nach ihrer Flucht aus dem Irak lebte, floss zunächst weder Milch noch Honig. Höchstens Regenwasser und Schlamm durch die Zelte. Im Sommer hingegen herrschte brennende Hitze. Es gab in den Zelten kaum Privatsphäre, man schlief auf Feldbetten, lebte aus Koffern, Lebensmittel waren rationiert.

Hinzu kam die soziale Geringschätzung. Die aus Europa stammenden Juden blickten auf die orientalischen Neuankömmlinge herab. Sie hielten sie für dumm, ungebildet und schmutzig. Bei der Ankunft wurden auch Carmela und ihre Familie gegen eventuelle Ungeziefer mit DDT besprüht.

Die Zeit war für Carmela und ihre Familie geprägt von Entwurzelung. Sie lernten nicht nur eine neue Sprache, sondern mussten ihre arabischen Namen zurücklassen und bekamen neue, hebräische Namen, ohne irgendeine Möglichkeit der Selbstbestimmung.

Nach zwei Jahren in Zelten bezog die Familie eine kleine Zweizimmerwohnung. Ein Schlafzimmer, ein Wohnraum. Die Eltern lebten dort bis zu ihrem Lebensende.

Die bescheidenen Umstände hinderten die nun schon verstreut lebende Familie nicht daran, sich zu versammeln und die traditionellen Speisen zu geniessen. Dazu gehören vor allem die Kubbeh – mit Fleisch gefüllte Teigklösse in kräftiger Suppe, in zahllosen Variationen. Alle weiblichen Mitglieder der Familie kochen diese Klösse regelmässig und mit Hingabe. Dabei machen sich die Schwestern, Tanten und Töchter gerne hinter dem Rücken der anderen darüber lustig, wer die Kubbeh zu dick, zu fad oder zu wässrig kocht.

Wer die Kubbeh nachkochen möchte – hier gibt es auf Instagram ein wunderbares Rezept. Aber aufgepasst, irakische Küche ist sehr aufwendig und alles andere als Fastfood!

Viele junge Frauen aus Carmelas Generation arbeiteten früh, unterstützten ihre Eltern, übernahmen Verantwortung für jüngere Geschwister und halfen beim sozialen Aufstieg der Familie. Die schwierigen Umstände erzeugten Ehrgeiz und Widerstandskraft. Man wollte den ärmlichen Verhältnissen entkommen, das junge Land Israel aufbauen, erfolgreich sein.

Heute sind die zweite und dritte Generation dieser Einwanderer fest verankert in allen Bereichen der israelischen Gesellschaft – gebildet, selbstbewusst, erfolgreich. Und doch ist in vielen Familien ein Stück Bagdad lebendig geblieben.

Carmela heiratete jung und bekam drei Söhne und eine Tochter. Sie führte ein religiöses, koscheres Haus, hielt den Schabbat, war nie ohne ihre Kopfbedeckung zu sehen.

Eine besonders bewegende Erinnerung bleibt ein gemeinsamer Kinobesuch des Films "Der Taubenzüchter von Bagdad", basierend auf dem Roman von Eli Amir. Der Film erzählt vom Ende der jüdischen Gemeinde Bagdads in den 1950er Jahren. Der ganze Saal war gefüllt mit Onkeln, Tanten, Cousins. Sie riefen auf Iraki dazwischen, klatschten, lachten, weinten. Es war nicht nur Kino. Es waren ihre eigenen Schicksale, die auf der Leinwand gespielt wurden.

Carmela liebte ihre Enkelkinder innig.

Im April 2022 wurde ihr Enkel Tomer bei einem Terroranschlag in Tel-Aviv ermordet. Der Schock traf die Familie ins Mark. Kurz darauf erlitt Carmela einen schweren Schlaganfall. Sie fiel ins Koma, rang sich Monate später ins Bewusstsein zurück, doch das Krankenhausbett verliess sie nie mehr. Vor einigen Tagen ging Carmela ans Ende des Regenbogens – im wahrsten Sinne des Wortes.

Bei der Beerdigung sprach ihr „kleiner“ Bruder mit tränenerstickter Stimme. In seinen Worten lag all die Geschichte und vor allem – innige Liebe zwischen Geschwistern.

Diese Liebe wird nicht mit Carmela begraben. Sie ist stärker als alle Last und stärker als Terror. Sie hält die Familie über Generationen zusammen – die Liebe und die Kubbeh.



Donnerstag, 29. Januar 2026

Dicke Haut

Grosseinkäufe sind mir verhasst. Ich verstehe nicht, warum sich in einem Zeitalter, in dem es für wirklich alles die unglaublichsten Lösungen zu geben scheint, die Regale zu Hause nicht einfach von selbst wieder auffüllen. Warum muss ich nach einem langen Arbeitstag durch endlose Gänge hetzen, Preise vergleichen, Waren schleppen, an Kassen Schlange stehen und zu Hause alles stundenlang wieder einräumen? Was für eine sisyphische Zeitverschwendung!
Ab und zu erledige ich meine Einkäufe online, ärgere mich dann aber meist über falsche oder beschädigte Ware.

An diesem Wochentagabend ist der Supermarkt auch noch ungewöhnlich stark überfüllt. An den Kassen drängen sich ungeduldige Kunden in langen Schlangen, die Einkaufswagen vollgepackt mit hoch aufgetürmten Warenbergen. Der Menschenansturm übertrifft sogar die Stosszeit vor Pessach.
Ich weiche auf die Selbstbedienungskassen aus, doch auch dort ist der Andrang gross. Die umständliche Kasse entpuppt sich als wahres Foltergerät, und es dauert gefühlt Stunden, bis ich mit meiner Beute endlich draussen bin.

„Habe ich irgendeinen Feiertag verpasst?“, frage ich meine Familienmitglieder, als ich endlich zu Hause ankomme.

„Das ist wegen dem iranischen Angriff“, murmelt Lianne, ohne den Blick von ihrem Telefon zu heben.

„Ach so!“ – alles klar! Daran habe ich gar nicht gedacht.

In den Medien überstürzen sich die Meldungen über einen möglichen bevorstehenden Angriff des Irans auf Israel. Vielleicht heute Nacht? Sicher aber spätestens am Wochenende! So geht es schon seit mehr als zwei Wochen. 
Für mich gilt das Motto „Lebe den Moment“ – sonst wäre es zum wahnsinnig werden. Offensichtlich decken sich jedoch viele Israelis mit Notvorräten ein, aus Angst, dass sie für einige Tage ihre Wohnungen nicht verlassen können.

Ich bin zum Glück keine ängstliche Person. Das ist ein grosser Vorteil, wenn man drei Kinder hat und in Israel lebt. Schon in meinem zweiten Jahr in dem exotischen Land (1990) wurde Israel aus dem Irak gezielt mit Scud-Raketen angegriffen. Aus Angst vor chemischen Waffen mussten wir einige Wochen lang rund um die Uhr Gasmasken mit uns tragen. Seither habe ich mehrere Kriege und Angriffe miterlebt. Mich bringt so leicht nichts aus der Ruhe.

Dass es meiner Bloggerkollegin Schreibschaukel während ihres Urlaubs hier in Israel etwas mulmig zumute war, finde ich fast ein wenig lustig.
Wenn ich heute meinen eigenen Beitrag über den Grossangriff aus dem Iran vom Oktober 2024 lese, überrascht mich meine Ruhe jedoch ehrlich gesagt selbst.

Bin ich naiv?
Leichtsinnig?
Oder ist es einfach nur dicke Haut?
Ich weiss es nicht. Ich hoffe nur, dass wir alle für meine Sorglosigkeit nicht bestraft werden.

Vielleicht ist meine Ruhe Stärke. Vielleicht ist sie Verdrängung. Sie ist auf jeden Fall das, was man braucht, um hier weiterzuleben. 
Unterdessen wünsche ich mir sehnlichst, die Menschheit würde eine Pause im Kriege-Spielen einlegen – und sich ernsthaft mit einer Lösung für das Einkaufsproblem befassen.



Kurz vor Sonnenaufgang


Mittwoch, 28. Januar 2026

Toleranz und Offenheit

In den vergangenen Tagen wurde in den Medien über den neu eingerichteten „Eruv“ in Zürich berichtet. Doch was genau ist diese seltsame Einrichtung? Warum ist sie für religiöse jüdische Menschen wichtig? Und warum hat diese kleine Einrichtung eine so grosse Wirkung – nicht nur für die observanten jüdischen Familien – sondern auch in den Kommentarspalten?

Der Eruv steht im Zusammenhang mit den Schabbat-Geboten. Am Ruhetag sind observanten Juden verschiedene Alltagstätigkeiten ausserhalb des eigenen Zuhauses untersagt. Durch eine symbolische Markierung wird ein Stadtgebiet jedoch als gemeinsamer „privater Raum“ definiert. Innerhalb dieses Bereichs sind diese Handlungen erlaubt. Der Eruv erleichtert somit das Einhalten der religiösen Vorschriften am Schabbat.
Das Konzept des Eruv entstand vor fast 2000 Jahren als Reaktion auf das jüdische Leben im Exil. Heute ist der Eruv in vielen Städten weltweit selbstverständlich. In Zürich umfasst er rund 14 Quadratkilometer – dort lebt der Grossteil der jüdischen Bevölkerung. Für religiöse Familien ist ein Eruv oft entscheidend bei der Wahl ihres Wohnorts.

Nun scheint unter Menschen, die nicht dem jüdischen Glauben angehören, sehr viel Unverständnis über das Konzept der religiösen Gebote zu herrschen. Entsprechend wenig überraschend ist die Vielzahl zynischer, abwertender und sogar hasserfüllter Kommentare, die im Zusammenhang mit dem neuen Zürcher Eruv in Medien und sozialen Netzwerken zu lesen sind.

Die „netteren“ darunter finden „religiös sein unnötig anstrengend“. Andere finden religiöse Praxis pauschal absurd oder vermischen sie mit völlig sachfremden politischen Themen – den „gewalttätigen Siedlern“ und dem Krieg in Gaza. Alles mögliche wird öffentlich herumgepoltert – nur um sich nicht eingestehen zu müssen: ich weiss eigentlich nicht, worum es hier geht.

Dass man herkömmliche Religion im Allgemeinen ablehnt oder verpönt, ist ja in der westlichen Welt nichts neues. Doch das jahrtausendealte Bedürfnis nach Religion wird nicht einfach aus der Welt verschwinden. Religion bietet Menschen ein Gefühl von Sinn, moralische Struktur, Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und – wem danach strebt – einen Weg zu spiritueller und moralischer Erhöhung.

Vielleicht lohnt sich eine einfache Klarstellung: 

Im Judentum wird niemand wird von Gott „kontrolliert“ oder „gefangen gehalten“. Es handelt sich bei den Vorschriften nicht um göttlichen Zwang, sondern um religiöse Auslegungen, die Gläubige freiwillig auf sich nehmen. Sie dienen der Zugehörigkeit zu einer Wertegemeinschaft und der bewussten Gestaltung des Alltags.

Jüdisches Leben ist vielfältig, vom säkularen bis zum streng religiösen Alltag wird und darf alles gelebt werden. Das trifft sowohl in Zürich zu, als auch überall, wo es jüdisches Leben gibt. Nach den streng orthodoxen Regeln leben geschätzt nur etwas mehr als zehn Prozent der weltweiten jüdischen Bevölkerung.

Nun erscheinen religiöse Praktiken tatsächlich archaisch und sinnlos, wenn man sie losgelöst vom grösseren Zusammenhang betrachtet. Ohne Kontext sind sie leere, mechanische Handlungen und können so tatsächlich lächerlich erscheinen.

Doch Traditionen funktionieren nicht im Leerlauf. Im Gegenteil: Das kollektive Gedächtnis eines Volkes ist darin verwurzelt. In ihrem Zusammenhang stiften sie Identität, Gemeinschaft und kulturelle Kontinuität. Sie erinnern Gläubige daran, Teil von etwas Grösserem zu sein, das über das einzelne Individuum hinausgeht.

Ich persönlich würde mir viel mehr Berichterstattung wünschen, die sich nicht nur auf äussere traditionelle Handlungen konzentriert. In den deutschsprachigen öffentlichen Medien sind zahlreiche „Dokus“ über jüdisch-orthodoxes Leben abrufbar: Koscherregeln, oder jüdisches „Dating“ oder „Matchmaking“ scheinen das Publikum zu faszinieren. Aber wer weiss schon etwas über die Werte oder die religiöse Vision des Judentums?

Der Eruv nimmt niemandem etwas weg. Er schliesst niemanden aus – er ermöglicht etwas. Mehr noch: Er ist ein Symbol dafür, wie Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft gelingen kann – durch Offenheit und gegenseitigen Respekt.

Vielleicht wäre es deshalb manchmal klüger, dem Fremden mehr Raum zu geben und – wenn man schon kommentieren muss – einfach ehrlich gemeinte Fragen zu stellen. 


Der Blick aus meinem (Küchen-) Fenster im "Winter"





Mittwoch, 21. Januar 2026

Das Gipfeltreffen



Diese Woche fand in Tel-Aviv ein Gipfeltreffen von globaler Tragweite statt, über das in den Medien aus mir unerklärlichen Gründen nicht berichtet wurde: Drei schweizerisch-israelische Bloggerinnen (Schreibschaukel, KKuK, und ich selbst) trafen sich zu einer Tagung zum Thema „Wie Israel sich die Sympathien der Welt verscherzte, indem es sich nicht von angreifenden Staaten vernichten liess“ (frei nach Kishon).

Das Diskussionsprogramm war vielfältig und beinhaltete unter anderem den zunehmenden globalen Antisemitismus, die Möglichkeiten und Konsequenzen eines bevorstehenden Angriffs im Iran, die Zukunft Europas und der Schweiz – und unsere erwachsenen Kinder. Auch das Essen repräsentierte die multikulturelle Begegnung: Es gab Ravioli, koscheres Pad Thai und israelische Dörrfrüchte. Dazu Humus, den wir aber nicht verspeisten, sondern der in persona seinen Senf zu allem gab.

Unter häufigem Gelächter und gelegentlichem Seufzen wurden Resolutionen getroffen: 
  • Der iranische Angriff: scheint unvermeidlich, passt aber erst ab nächste Woche in unsere Agenda
  • Weltfrieden: noch offen
  • Allgemeine Aussichten: eher pessimistisch
  • Kindererziehung: eigentlich abgeschlossen, aber weiterhin komplex
  • Essen im Sarona-Markt: sehr empfehlenswert

Das Gipfeltreffen endete feierlich. Die offiziellen Vertreterinnen setzten ein starkes Zeichen im Kampf gegen die Klimakrise und reisten vorbildlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause.

Allgemeiner Konsens: Israel ist ein Land, in dem sowohl das Wetter als auch die politische Situation und vor allem die Menschen auf irgendeine Art verrückt bis extrem sind – und zugleich ein Land, das man einfach lieben muss.



Eindrücke vom Sarona-Viertel 


Dienstag, 13. Januar 2026

Trockene Fakten

Liebe Leser, heute habe ich einen ganz besonders langweiligen Beitrag für euch: Keine Bilder, nur trockene Fakten, und erst noch viel zu lang! Viel Vergnügen!


Auch wenn ich inzwischen auf fast vierzig Jahre „Nahost-Erfahrung“ vor Ort zurückblicke, suche ich in Bezug auf Israel noch immer nach Antworten – und zwar bewusst aus unterschiedlichen Perspektiven.

Eben habe ich das Buch „Wem gehört das Heilige Land? Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern“ von Michael Wolffsohn fertig gelesen. Das Buch hat die historische und politische Auseinandersetzung um das Gebiet des heutigen Israel/Palästina und die Frage, wessen Ansprüche dort legitim sind, zum Thema.

Leider ist das Mass an Unwissen allgemein erschreckend hoch. Nun wäre keine Ahnung zu haben an sich noch verzeihlich. Problematisch wird es dort, wo Fehlwissen, meist gespeist aus Desinformation, mit maximaler moralischer Gewissheit vorgetragen wird. Genau diese Mischung prägt derzeit weite Teile der öffentlichen Debatte.

Es mag unterdessen schon „Schnee von gestern“ sein, doch der öffentliche Auftritt von Nemo bleibt ein Beispiel dafür, wie mega-peinlich Unkenntnis wirken kann, wenn sie mit politischer Geste einhergeht. Die demonstrative Rückgabe der ESC-Trophäe, weil Israel nicht vom Wettbewerb ausgeschlossen wird, zeugt von eklatantem historischen und politischen Unverständnis. Wer so agiert, verkündet unfreiwillig vor allem eines: dass er keine Ahnung hat – und diskreditiert sich damit selbst. 
Leider handelt es sich dabei keineswegs nur um Einzelfälle.

Natürlich kann man von einem Musiker nicht erwarten, sich tiefgehend mit Geschichte zu beschäftigen. Das ist auch völlig in Ordnung – soll Nemo doch Musik machen. Wer sich jedoch öffentlich politisch positioniert, sollte zumindest über ein Mindestmass an Fachwissen verfügen. Ein Buch zur Hand zu nehmen, wäre da kein schlechter Anfang.

Was ich an Wolffsohns Ansatz besonders schätze, ist der Blick auf die jahrtausendealte Geschichte der Region unter dem Aspekt religiöser Ansprüche, kollektiver Identitäten und stetiger Machtverschiebungen zwischen Juden, Arabern/Muslimen und Christen. Dieser Perspektivwechsel war für mich erfrischend und überraschend spannend. Trotz der komplexen historischen Abläufe liest sich das Buch erstaunlich leicht.

„Wem gehört das Heilige Land?“, liefert statt einfache Antworten Hintergrundwissen, Kontext und ein differenziertes Verständnis dafür, warum der Streit so schwer zu lösen ist und wie vielfältig die Ansprüche und Narrative sind.

Eine eindeutige Antwort auf die eigentliche Titelfrage gibt das Buch jedoch nicht. Wolffsohn kommt zum Schluss, dass kein Volk allein Anspruch auf das Land erhaben kann. Das Gebiet wechselte im Laufe der Geschichte immer wieder die Herrschaft — und jeder historische Anspruch ist komplex und umstritten.

Um mir zumindest die Abläufe der neueren Geschichte besser einzuprägen, habe ich im Anschluss eine übersichtliche Kurzfassung zusammengestellt.

Niemand muss diese Zeilen lesen. Niemand ist verpflichtet, sich mit Fakten auseinanderzusetzen. Aber: Ohne Hintergrundwissen sollte man sich auch keine Meinung bilden. Das ist allerdings schwieriger in einer Medienlandschaft, die dem Publikum täglich subtile Verzerrungen verklickert. Vielleicht wäre ein kleines Mehr an Faktenkenntnis also doch keine schlechte Idee.

Das osmanische Reich
  • Der Nahe Osten war ab dem frühen Mittelalter und bis zum Ersten Weltkrieg unter türkischer Herrschaft, den Osmanen. 
  • Um 1900 umfasste das Osmanische Reich den Balkan, das heutige Griechenland, die Türkei, den Irak, Libanon, Israel, Teile Jordaniens, den Gazastreifen und Teile Kuwaits und Saudi-Arabiens.
  • Schon vor dem Ersten Weltkrieg versuchte England eine Verbindung zu Indien herzustellen, über welches es seit 1757 herrschte. Sie eroberten Malta, Aden (Hafenstadt im Jemen), die Aktien des Suezkanal und später Ägypten.
  • Die Araber im Nahen Osten empfanden die osmanische Herrschaft als Fremdherrschaft. Angesichts des Ersten Weltkriegs versprachen die Briten den Arabern eine dauerhafte Allianz, wenn sie ihnen beim Vertreiben der Osmanen beistehen würden. Sie versprachen Hussein von der Familie der Haschemiten ein unabhängiges, arabisches Königreich, dessen Grenzen auch das Heilige Land beinhalteten.
  • Gleichzeitig planten die Briten gemeinsam mit Russland, Frankreich, Italien und Griechenland eine ganz andere Aufteilung der osmanischen Beute: Im Sykes-Picot-Abkommen von 1916 wurden das Heilige Land sowie Mesopotamien Großbritannien zugesprochen. Frankreich sollte den Libanon und Syrien erhalten.
  • 1917 versprachen die Briten in der Balfour-Erklärung dasselbe, den Arabern angebotene Land, den Zionisten.
Aufteilung nach dem Ersten Weltkrieg
  • Mit dem Ersten Weltkrieg brach das osmanische Reich zusammen.
  • Die Engländer versprachen allen alles und behielten es schließlich selbst: 1918 hatten sie das gesamte Heilige Land, sowie Syrien und den Libanon militärisch im Griff.
  • Der Nahe Osten wurde neu aufgeteilt:
  • Das britische Mandat Palästina umfasste das heutige Israel, das Haschemitische Königreich Jordanien, Judäa und Samaria (das Westjordanland) und den Gazastreifen.
  • Die Franzosen bekamen Syrien und den Libanon.
  • Das damalige Transjordanien, das mehr als zwei Drittel der Gesamtfläche des Mandates ausmachte, ging 1921 an die Haschemiten und verwandelte sich in ein Emirat, gehörte aber immer noch zum britischen Mandatsgebiet Palästina.
  • Alles wurde 1922 auf internationaler Ebene mit dem Völkerbund legitimiert. Eine ziemlich skandalöse Augenwischerei, die dann als Völkerrecht galt.
  • Zwischen 1920 bis zum Zweiten Weltkrieg kamen immer mehr Juden nach Palästina. Der Nahe Osten war jedoch für die Briten von größter strategischer Bedeutung, vor allem im Zweiten Weltkrieg. Ab 1939 wurde die jüdische Einwanderung nach Palästina durch die Briten eingestellt. Verkauf von Land an Zionisten wurde verboten.
  • 1946 erkannte Grossbritannien die Unabhängigkeit Transjordaniens an, das Haschemitische Emirat wurde zum Königreich Transjordanien (ab 1949 Jordanien). Man kann diese Maßnahme als erste Teilung Palästinas bezeichnen. Eine wichtige Tatsache: Rund Dreiviertel der Bürger des heutigen Jordanien sind Palästinenser. Jordanien ist heute ein Land voller Palästinenser, mit einer palästinensischen Königin, es war Teil eines Mandats mit dem Namen Palästina – gilt heute aber nicht als „Palästina“.
  • Während dem Zweiten Weltkrieg hatten die Palästinenser für Deutschland Partei ergriffen und sie arbeiteten aktiv mit den Nazis zusammen.
Aufteilung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Unabhängigkeitskrieg
  • Sowohl die Zionisten als auch die Araber waren immer mehr gegen die Herrschaft der Briten, auch militant. Nach dem Zweiten Weltkrieg empörte sich auch USA über die Sturheit und Unmoral der Briten. 1947 gab die britische Regierung auf: Sie überließ das Palästina-Problem der UNO.
  • 1947 schlug die UNO die Teilung des Heiligen Landes vor. Es sollte ein Bundesstaat entstehen, der sich aus je einem jüdischen und arabischen Teilstaat zusammensetzte. Jerusalem sollte international verwaltet werden.
  • Wegen der Möglichkeit zur Staatsgründung, wenn auch auf einem winzigen Staatsgebiet, nahmen die zionistischen Politiker den Teilungsplan zähneknirschend an.
  • Die „Palästinenser“ lehnten den Plan rundweg ab. Sie griffen sofort zu den Waffen und bekamen Hilfe von Ägypten, Irak, Libanon und Syrien. Trotzdem verloren sie am Ende alles. Selbst den ihnen von der UNO zugedachten Teilstaat hatten sie verspielt.
  • Der Emir von Jordanien raubte den „Palästinensern“ zusätzlich die Altstadt von Jerusalem, sowie das gesamte Judäa und Samaria, welche er seinem Königreich einverleibte.
  • Auch den Gazastreifen verloren die „Palästinenser“ 1948: Er wurde fortan von Ägypten verwaltet.
  • Jerusalem wurde völkerrechtswidrig zum Teil durch Israel (Westjerusalem) und durch Jordanien (Ostjerusalem) besetzt. (Die UNO empörte sich aber nur über die Besetzung Israels).
  • Jordanien annektierte 1950 Judäa und Samaria formell und benannte das Gebiet in „Westjordanland“ um. Die Annexion des Westjordanland durch Jordanien war völkerrechtswidrig, denn es war ja ursprünglich dem palästinensischen Staat zugesprochen.
Aufteilung nach 1967
  • 1967 kam es auf dem Hintergrund jahrelanger Spannungen zum Sechstagekrieg, nachdem Ägypten Schritte setzte, die Israel als existenzielle Bedrohung sah.
  • Als Resultat dieses Krieges eroberte Israel das von Jordanien besetzte Ostjerusalem, Judäa und Samaria (das Westjordanland), die syrischen Golanhöhen, die zu Ägypten gehörende Sinai-Halbinsel und den ebenfalls von Ägypten verwalteten Gazastreifen.
  • Der Yom-Kippur-Krieg (1973) begann mit einem Überraschungsangriff Ägyptens und Syriens auf Israel, um verlorene Gebiete zurückzugewinnen. Der Krieg endete ohne dauerhafte territoriale Änderungen.
  • Durch das 1995 unterzeichnete Oslo-Abkommen erhielten die Palästinenser Ostjerusalems das Wahlrecht zur Volksvertretung. Sie beteiligten sich 1996 an den Wahlen zum Parlament der palästinensischen Autonomie. Das palästinensische Autonomie-Gebiet in Ostjerusalem und in Judäa und Samaria wird seit diesen Wahlen von der Fatah-Partei geleitet, mit Mahmoud Abbas als Präsidenten.
  • Die Golanhöhen wurden im Dezember 1981 annektiert.
  • 1982 wurde die Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgegeben und in den Jahren zuvor das ägyptische Gebiet westlich des Suezkanals, das im Yom-Kippur Krieg erobert worden war.
  • Im Jahr 2005 zog sich Israel vollständig aus dem Gazastreifen zurück. 
  • In einem kurzen palästinensischen Bürgerkrieg vertrieb die islamistische Hamas 2007 die 1996 gewählte, gemäßigtere Fatah aus dem Gazastreifen. 
  • Seither regnet es Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel und wenn wir einst geglaubt haben, die Raketen wären das schlimmste Übel, dann wurden wir am 7. Oktober 2023 eines Besseren belehrt.

Liebe Leser, wenn ich etwas vergessen, unvollständig oder unkorrekt festgehalten habe, gebt mir bitte Bescheid!


Wer glaubt, Palästinenser seien Opfer jüdischen Landraubs, verkennt entweder die historischen Fakten oder ist selbst Opfer von Desinformation und sollte sich weiterbilden. So einfach ist diese Materie nicht.


*****

Hier noch einige ähnliche Erläuterungen zum Thema, im Bezug auf die Metapher Palästinas als ein Haus und die vertriebenen Bewohner.


Nicht alle Perspektiven sind so ausgeglichen wie die von Wolffsohn. Dieser Autor argumentiert „Palästinenser ist zu 100 Prozent eine Anti-Identität – sie existiert nur insofern, als sie dazu dient, jüdische Indigenität, Souveränität und Freiheit zu negieren.“ Meines Erachtens auch eine interessante Perspektive.



Sonntag, 4. Januar 2026

Etwas Stille inmitten von Chaos




Die Welt begann das Jahr 2026 laut und – fast schon gewohnt – tumultreich: Raketenschlachten, die in europäischen Städten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führten, das schreckliche Inferno von Crans-Montana, ein Terroranschlag auf das Berliner Stromnetz, Aufstände und Kriege. 

Auch im Kleinen war allerhand los: Itay kam für einige Tage zu Besuch, Sivan zog in Tel Aviv in eine neue Wohnung, und ich hatte mit beiden alle Hände voll zu tun. Es war eine kalte, fürchterlich stürmische und regenreiche Woche. So sind wir ins neue Jahr hineingerutscht.

Heute scheint wieder die Sonne, doch es ist weiterhin kalt, zumindest nach israelischen Massstäben. Der Alltag hat mich zurück, unter einer neuen Jahreszahl. Ich wünsche mir, dass dieses Jahr weniger stürmisch sein wird als die Woche seines Beginns. Wirklich zuversichtlich bin ich aber nicht.

Vielleicht gerade deshalb freue ich mich über mein neues Hobby, das nichts mit Geschwindigkeit, Tumult oder Aktualität zu tun hat: In einem Kurs habe ich Einblick in die traditionelle jüdische Kunst des handschriftlichen Schreibens heiliger Texte erhalten – eine Praxis, die sich der Hast der Gegenwart konsequent verweigert.

Das Schreiben von „Stam“ – ein hebräisches Akronym für Sefer Tora, Tefillin und Mesusot (Tora- und andere Schriftrollen) – ist im Judentum ein heiliger Handwerksberuf. Er folgt jahrtausendealten, strengen religiösen Regeln. Geschrieben wird nur von Hand, mit einem Federkiel, auf eigens hergestelltem Pergament. Jeder Buchstabe besitzt eine exakt festgelegte Form, die Abstände sind definiert, jede Linie muss klar und ohne Unterbrechung gezogen werden. Der Schreibakt ist keine Kalligrafie im ästhetischen Sinn, sondern eine religiöse Handlung.

Weil es im Judentum unterschiedliche religiöse Pflichten für Männer und Frauen gibt, ist das Schreiben von Torarollen, Tefillin und Mesusot traditionell Männern vorbehalten. Texte, die von Frauen geschrieben werden, gelten im orthodoxen Judentum als ungültig. 

Aber hier lautet die Devise: leben und leben lassen. Auch in dem kleinen Geschäft für die entsprechenden Utensilien, das ich in der Stadt entdecke, empört man sich nicht über eine Kundin. Zwei Männer sind mit der Präparierung der Pergamente beschäftigt, in welche halb-maschinell feine Rillen geritzt werden. Ein einzelner Pergamentbogen kann je nach Qualität sehr teuer sein, denn er wird aus Tierhaut hergestellt. Für eine Torarolle werden die einzelnen Bogen in feinster Handarbeit mit eigens dafür hergestellten Tiersehnen zusammengenäht. 
Ich kaufe Federkiele und die spezielle Tinte. Der religiöse Mann, der mich bedient, spricht ganz selbstverständlich von Kalligrafie. Das ist nicht dasselbe wie Stam-Schreiben, welches ich als Frau ja nicht ausführen darf. Er deckt mich grosszügig mit Pergamentresten ein. Was ich mit den Utensilien in meinen eigenen vier Wänden anstelle, will hier niemand wissen.

Auch mein Kurs wird ausgerechnet von einer Frau geleitet – einer liberalen Rabbinerin. Sie ist eine von etwa dreissig Frauen weltweit, die sich professionell mit dem Schreiben religiöser jüdischer Texte befassen. Eben hat sie einen weiteren Auftrag für eine Torarolle erhalten, für eine liberale jüdische Gemeinde in Australien. Rund ein Jahr wird sie benötigen, um diese Arbeit zu vollenden.


Meine ersten Schreibversuche


Die Chance, dass ich selbst jemals eine ganze Torarolle mit den insgesamt 304.805 Buchstaben schreiben werde, ist gering. Bislang schaffe ich es kaum, drei oder vier einigermassen ansehnliche Wörter aneinanderzureihen. Das Schreiben mit dem Federkiel erfordert höchste Präzision und vor allem Fertigkeit. Ich bin geduldig und feinmotorisch durchaus geübt, habe aber jetzt ansatzweise begriffen, wie anspruchsvoll dieses Buchstaben-Kritzeln tatsächlich ist.

Umso größer ist meine Bewunderung für die Kursleiterin, die selbst dem widerspenstigsten Federkiel mit erstaunlicher Leichtigkeit filigrane, gleichmässige Buchstaben entlockt. 

Ausschnitt aus dem Buch Esther, geschrieben von Hanna Klebansky


Wie bei jeder Fertigkeit gilt auch hier: Übung macht den Meister. Ich werde es wohl kaum zur Meisterschaft bringen. Aber ich hoffe, im neuen Jahr Zeit zu finden, mich weiter mit dieser Kunst zu beschäftigen, die höchste Präzision mit spiritueller Bedeutung verbindet. Das achtsame Üben dieses alten Handwerks schafft Momente der Ruhe. Momente, in denen die Turbulenzen der Welt draussen bleiben.