Das Bombenteam


Nach dem letzten Meeting im Büro breche ich umgehend auf zum abgemachten Treffpunkt. Ich bin müde nach dem langen Arbeitstag, freue mich aber doch auf ein erstes Wiedersehen mit Freundinnen nach der Corona-Pause. Wir treffen uns im "Kaffee und Meer", über welches ich früher schon berichtet habe. Es gibt viel zu erzählen. Die Kinder sind schon erwachsen, bereiten uns aber immer noch Sorgen. Eine Freundin lässt sich scheiden, sie hat gerade eine eigene Wohnung gekauft. Wir trinken Wein und lachen, alles mit Blick auf die sich im Meer ertränkende Sonne. Allzu erleichtert über die neue Normalität sind wir aber nicht, denn die letzten Tage waren unruhig. Im Süden hatte die Hamas wieder vermehrt Raketen aus dem Gazastreifen abgeschossen, in Jerusalem soll wütender Mob auf den Strassen sein Unwesen treiben.



Kurz nach Sonnenuntergang ziehen wir von den improvisierten Campingstühlen an einen endlich frei gewordenen Tisch um. Als kurz darauf das markdurchdringende Heulen losgeht, schauen wir uns nur für den Bruchteil einer Sekunde verständnislos an, dann ist allen sofort klar, was los ist. Vor Sekunden noch gemütlich auf Strandstühlen und Decken sitzend, ist nun jedermann unmittelbar auf den Beinen, vor allem die Eltern mit Kindern. Wir älteren reagieren etwas langsamer und bleiben gelähmt sitzen, atemlos wartend was nun folgen würde. Wenige Sekunden später geht das Spektakel am Himmel los. Feuerwerk in allen Richtungen. Die Sirenen ertönen sowohl aus dem Norden als auch aus dem Süden. Hier auf der Klippe am Meer haben wir ungestörte Sicht auf die gesamte Katastrophe, die sich im Luftraum über den naheliegenden Ortschaften ausbreitet. 
Die Chance, dass uns hier eines der Geschosse treffen würde ist gering, aber sie besteht. Ob wir wohl alle fünf unter dem schweren Holztisch Platz finden, wenn nötig? Wo sollten wir hin, um Schutz zu suchen? Wären wir unterwegs sicherer? Oder Zuhause? Nun sind auch wir auf den Beinen. Aber keine der Fluchtalternativen, die wir uns erdenken, scheint Sicherheit zu garantieren. Wir werden das Bombenspektakel notgedrungen von hier verfolgen. Alle hängen am Telefon oder in den Familien-WhatsApp. Über Tel-Aviv – so ungefähr in der Richtung des Ortes, wo meine Tochter gerade arbeitet – ist der Himmel von den Riesen-Sternschnuppen hell erleuchtet. In nördlicher Richtung – Netanya – mehr oder weniger dasselbe. Dort ist Eyal. Starke Detonationen und Sirenengeheul durchdringen Mark und Bein. Leute rufen durcheinander. Nach langen Minuten wird es ruhiger, aber an ein Gespräch ist nicht mehr zu denken. Wir bestellen mehr Wein und setzten uns wieder hin. Alle reden laut durcheinander und telefonieren mit Familienmitgliedern. Die meinen sind alle in Sicherheit, das weiss ich nach einigen Anrufen. Kurz darauf fängt das Geheule und das Feuerwerk von neuem an. Und das noch mehrere Male, über eine längere Zeitspanne. Die Inhaber des Getränkekiosks haben unterdessen aufgeräumt und die Kasse geschlossen, verteilen aber noch den restlichen Wein. Von Gesprächen mit Angehörigen und den wenigen hier noch Anwesenden werden Behauptungen laut, dass es Einschläge in Netanya und sogar in meinem Nachbardorf gegeben haben soll. Aber im Moment herrscht nur ein heilloses Durcheinander und niemand weiss Genaueres.

Mehr als eine Stunde später scheint sich die Lage beruhigt zu haben. Das gemeinsame Durchstehen dieser Schreckmomente hat uns Freundinnen auch nach der längeren Pause in minutenschnelle wieder zusammengeschweisst. Deshalb bleiben wir noch länger im Dunkeln sitzen, auch als die letzten Gäste verschwunden sind, der Getränkekiosk weggefahren und es plötzlich gespenstig ruhig ist. Dann brechen auch wir endlich auf.

Als wir uns verabschieden richtet eine der Freundinnen eine neue WhatsApp-Gruppe ein. Wir möchten uns in nächster Zeit wieder öfter treffen, nun, da ja nach Corona alles wieder beim Alten ist. Die WhatsApp-Gruppe bekommt den Namen „das Bombenteam“.


Diese Zeilen sind die Wiedergabe eines Schreckmomentes, so wie ich ihn am vergangenen Dienstagabend erlebt habe. Zu den weiteren Geschehnissen in Israel in diesen Tagen und den Hintergründen kann ich gerade nichts schreiben. Es ist alles zu viel, um es irgendwie zu verarbeiten.




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