Lockdown - neue Version

Ab Donnerstagnacht wird in Israel ein erneuter verschärfter Lockdown in Kraft treten. 
Hallo? Habe ich etwas verpasst? Befinden wir uns nicht schon im Lockdown? Ja, stimmt, wir befinden uns. Aber dieser wird weder beachtet noch durchgesetzt. Ob wohl verschärfte Massnahmen die Lösung sind? Die Israelis sind Weltmeister darin, sich über Regelungen und Konventionen hinwegzusetzen. Die Diskrepanz zwischen den angeordneten Einschränkungen und dem, was tatsächlich auf der Strasse abläuft, ist einfach lächerlich. Niemand hat mehr Lust, Geduld und Kraft für ständig erneuerte Massnahmen. Die Stimmung der Israelis schwankt zwischen absurder Gleichgültigkeit und steigender Panik. Die Infektionsrate ist extrem hoch. Aber bei Sonnenschein und frühlingshaftem Wetter ist es einfach, den Kopf in den Sand zu stecken und das Leben zu geniessen, solange man selbst nicht betroffen ist.

Kein Wunder ist die Lage chaotisch, der allgemeine „Balagan“ eine Katastrophe. Daran ist aber nicht nur die undisziplinierte Bevölkerung schuld. Auch die Regierung, die Polizei und das Gesundheitswesen scheinen die Kontrolle über die Situation verloren zu haben! 

So stelle ich mir die Dateien im Rechner des Corona-Zuständigen im israelischen Gesundheitsministerium vor



Ein Paradebeispiel für die Absurdität, die die Lage in Israel erreicht hat, ist die unglaubliche Geschichte einer Massenhochzeiten der Ultrareligiösen mit Hunderten von Gästen. Die Hochzeit selbst, die entgegen aller Massnahmen abgehalten wird, ist aber nicht etwa der wahre Skandal. Noch viel irrwitziger ist die Tatsache, dass einige der eintreffenden Polizisten dabei gefilmt werden, wie sie sich vom religiösen Oberhaupt segnen lassen, anstatt den Anlass aufzulösen oder die Gäste konsequent zu büssen!

Immerhin habe ich schon die erste Impfung hinter mir. Aber auch die Impfstrategie wirft Fragen auf: Nur Alte und Risikogruppen sollen geimpft werden. Aber trotz Bibi’s gelungenem Coup, für Israel frühzeitig grosse Mengen Impfstoff zu sichern, scheinen gerade für diese Gruppen jetzt schon Impfmittel zu fehlen. Schon bald eineinhalb Millionen Israelis sind geimpft, aber viele Alte und Gefährdete stehen immer noch Schlange. Und auch die Auslieferung der nächsten Dosen, die notwendig ist, um das Impftempo zu halten, ist fraglich. Trotzdem wurden Eyal und ich am vergangenen Shabat aufgerufen, uns im Ärztehaus anzumelden und – zusammen mit Tausenden weiteren Impffreudigen – impfen zu lassen, obwohl wir nur 55 Jahre jung sind und keiner Risikogruppe angehören.

Staunend und kopfschüttelnd hat uns aber vor allem der Anruf unserer Tochter Lianne gestern Abend zurückgelassen. Sie ist vor zweieinhalb Wochen ins Militär rekrutiert worden und befindet sich in der Grundausbildung, welche vier Wochen dauern sollte. Nach einer Woche rannen schon einige Tränen, denn entgegen der ursprünglichen Ansagen durften die frischgebackenen Soldatinnen wegen der steigenden Infektionsraten über das Wochenende doch nicht nach Hause. Seit Bekanntwerden des neuen verschärften Lockdowns ab heute nacht zerbrach ich mir den Kopf, wie man wohl im Militär damit umgehen würde. Noch ein Wochenende ohne Urlaub? Aber der Lockdown sollte ja mindestens zwei Wochen dauern. Würden die Soldaten wirklich einen ganzen Monat lang nicht entlassen werden? Oder würden sie eventuell schon am Donnerstagabend, vor dem Inkrafttreten des Lockdowns nach Hause geschickt? Aber was wäre mit all den Neuangesteckten unter den Auszubildenden bis zum Sonntagmorgen? In der Tat keine einfache Problematik.

Der Beschluss ist so überraschend wie kreativ! Heute würden in einem Tag (Tagwache 4.00 Uhr morgens) alle abschliessenden Prüfungen der Grundausbildung stattfinden und die Soldatinnen dann für eine ganze Woche nach Hause entlassen – mit Weiterführung der Ausbildung per Zoom! Wie sich das genau abspielen soll, ist mir ein Rätsel. Wird nächste Woche eine Soldatin in Uniform durch meine Stube robben?! Ich bin gespannt!

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